Von Fehlern und Fassaden 3

 

Mit geschlossenen Augen lasse ich den Kopf in die Kissen sinken und atme tief durch. Ich sollte entspannt sein, nachdem Laura mich bespielt hat, aber hinter der Stirn pocht und sticht es. Die Endorphine des Orgasmus werden zu schnell abgebaut und weichen dem Gefühl eines Schraubstocks, der sich um meine Kiefer spannt.

„Hast du Hunger?“ Mit den Fingerknöcheln streift sie über meine Wange, streicht mit der flachen, zarten Hand an meinem Hals hinab und über die Brust. Es ist eine liebevolle Geste, die in mir das Bedürfnis weckt, sie abzuschütteln. Ihr sinnlicher, über mir ausgestreckter Körper wird unangenehm schwer. Unbehaglich spanne ich mich an. Dankbarerweise registriert sie es und hebt sich, so dass ich mich unter ihr wegrollen kann. Als ich auf die Füße komme, sackt mir der Magen in die Kniekehlen. Meine Beine sind weich wie Pudding, und ich lasse mich zurück auf die Couch sinken. Ja, vermutlich habe ich Hunger, da ich mich den Tag über von nichts weiter als Koffein ernährt habe. Aber mir ist übel. Also schüttle ich den Kopf.

Laura streift sich ihre Klamotten wieder über, während sie mich unter gesenkten Lidern betrachtet. Sie ist entweder verunsichert oder klug genug, nichts zu sagen. Stumm verschwindet sie in der Küche. Da ist kein Schwingen in der Hüfte, das man nach befriedigendem Sex erwarten sollte. Ihr Gang wirkt eher wie Zehenspitzen auf Eierschalen.

Ich seufze und fahre mir mit der Hand durchs Gesicht. Das muss aufhören. Wenn wir weiter zusammenleben wollen, müssen wir einen anderen Weg finden, miteinander umzugehen, als ab und an zu vögeln und ansonsten umeinander herumzutänzeln, immer auf der Hut vor den Stimmungsschwankungen des anderen. Ich muss mich verdammt noch mal zusammenreißen.

Wenn es nur so einfach wäre.

Sie kommt mit einer Flasche Wasser und einem Teller zurück. Das Wasser drückt sie mir forsch in die Hand, den Teller, auf dem zwei ihrer Kreationen thronen, platziert sie auf dem Couchtisch. „Trink!“, lautet ihr Befehl.

Gehorsam schraube ich die Flasche auf und nehme ein paar kleine Schlucke. Tatsächlich fühlt sich das ganz gut an. Also nippe ich weiter, während sie einen der Cupcakes aufhebt und ihn in zwei Teile bricht. Im Inneren des gebräunten Gebäcks kommt eine saftige Masse zum Vorschein, die in der Form zwar auf den ersten Blick falsch, aber doch irgendwie appetitlich aussieht. Laura schnuppert vorsichtig daran, bevor sie ein Stück abpult und es sich in den Mund schiebt. Andächtig kauend wiegt sie den Kopf hin und her. Nach einem Moment tritt ein selbstzufriedener Ausdruck auf ihr Gesicht.

Sie hält mir die andere Hälfte unter die Nase. Der dampfige Geruch von Schnittlauch und Speck ist wie ein Schlag ins Gesicht, bevor sich mein koffeinmalträtierter Magen mit einem lauten Knurren meldet. Er will es - sofort. Und Laura will, dass ich probiere. Also öffne ich bereitwillig den Mund und beiße von dem fast noch zu heißen Küchlein ab. Erst ist es irgendwie zu viel und zu intensiv, dann sortiert meine Zunge die Geschmäcker auseinander – und sofort giere ich nach mehr. Ich schlinge den Bissen hinunter und sperre den Mund wieder auf. Erfreut grinsend füttert Laura mir den nächsten Happen. Das Zeug ist wirklich gut! Gemeinsam verspeisen wir die zwei Cupcakes und dann jeweils noch einen, bis sie entscheidet, dass wir satt sind, indem sie bestimmt meinen Arm um ihre Schultern drapiert und den Kopf an meine Brust schmiegt.

„Besser?“

Ich grummle bejahend und lehne mich zurück. Die Wange auf ihren Scheitel legend, atme ich den vertrauten Duft ihres Haars ein. „Danke.“

Laura fächert ihre Finger über meinen Bauch und beginnt mich sanft zu streicheln. Die rhythmischen Kreise, die sie beschreibt, lullen mich rasch in ein sattes, zufriedenes Gefühl ein. Der Kopfschmerz ist weg, und auch das Rotieren der Gedanken verebbt. Ich konzentriere mich auf die Wärme ihrer Hand, das Wohlbehagen, das sich von meiner Mitte in alle Glieder ausbreitet.

„Ich würde gern etwas mit dir besprechen, wenn du den Kopf dazu hast.“

Meine Lider schnalzen auf. Das musste ja kommen. Ihre untypischen häuslichen Anwandlungen, der Sexüberfall – natürlich hat sie eine Agenda. Ich will mich weigern, von der gerade erst errungenen Entspannung Abschied zu nehmen, doch dann entsinne ich mich des Vorhabens, mich zusammenzureißen. Bei all dem Aufwand, den sie in Vorbereitung auf dieses Gespräch betrieben hat, muss es ihr wichtig sein. „Bin aufnahmebereit.“

Sie schnaubt abfällig, hört aber nicht auf, meinen Bauch zu liebkosen. Ihre Fingerspitzen umfahren meinen Nabel. „Das sagt der Soldat, aber ich will das jetzt wirklich nur durchkauen, wenn du nicht …“ Sie stockt. „Wenn du in der richtigen Verfassung bist.“

Da ist er wieder, der Eiertanz. Ich richte mich vorsichtig auf, so dass sie sich nicht zurückgestoßen vorkommt, und als wir ein wenig körperlichen Abstand voneinander gewonnen haben, da will ich ihr eigentlich ins Gesicht sehen und sagen, dass sie es ausspucken soll, was immer es ist. Doch etwas blitzt in ihren Augen auf, ein Funke – Unsicherheit? Verletzlichkeit? –, der mich ihre Hand nehmen lässt. Ich fahre mit dem Daumen über die Knöchel, und sie drückt sanft meine Finger. Eine geballte Ladung Zuneigung explodiert in meiner Brust. Diese Frau ist meine erste große Liebe und meine beste Freundin. Egal, was sie mir sagen muss, wir kriegen das hin. „Leg los, Babe.“

Sie streicht sich mit einer Geste das Haar aus dem Gesicht, die beinahe nervös wirkt. So untypisch für sie. „Okay, also …“ Schluckend packt sie meine Hand fester. „Ich habe jemanden kennengelernt.“

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Ist das nun gut oder schlecht, wenn man gleich am frühen Mittwochmorgen wieder beim Zugführer auf der Matte stehen soll? Ich bin gerade mal fünf Minuten hier, also kann ich eigentlich noch keine Scheiße gebaut haben. Oder?

Oberfeldwebel Manning hat es sich bereits auf dem Sofa im Büro gemütlich gemacht. Unschlüssig bleibe ich in der Tür stehen.

„Kommen Sie nur rein, Frau Unteroffizier“ Abschätzig begafft er mich einmal von oben bis unten, als ich Folge leiste, dann tatscht er wieder auf seinem iPad herum. Ich mag keine Apple-Nutzer.

Die Minuten vergehen, der Leutnant lässt auf sich warten und ich bin mit diesem unangenehmen Zeitgenossen hier gefangen. Die Höflichkeit diktiert vermutlich, dass ich ein Gespräch vom Zaun brechen sollte. Aber wenn er nicht höflich ist, warum sollte ich es sein?

Nach einer gefühlten halben Stunde legt er das Tablet weg und fängt an, mich anzuglotzen. Ich spüre seinen Blick auf mir und lehne mich demonstrativ gelassen an die Wand. Im selben Moment fällt mir der bescheuerte Fehler auf. Sein herablassendes Grinsen kündigt den Kommentar bereits an: „Sie können den deutschen Ingenieuren vertrauen, die Kaserne wird nicht einstürzen.“

Elendigerweise fällt mir keine schlagfertige Antwort ein. Ich stoße mich von der Wand ab. Verdammt … warum? Ich bin nicht mehr in der Grundausbildung, ich kann mich anlehnen, woran ich will!

„Braves Mädchen“, murmelt er.

Ich will ihm das Grinsen aus der Visage reißen. Ich will …

Da taucht endlich der Leutnant auf. „Morgen!“, bellt er in den Raum, und ich nehme Haltung an. Manning zuckt nicht einmal.

Der Zugführer gießt zwei Tassen Kaffee ein. Ich beobachte, wie er in eine davon einen Löffel Zucker und einen Schuss Milch gibt, und überlege irritiert, woher zur Hölle er wissen kann, wie ich meinen Kaffee trinke, doch dann nimmt er die Tasse auf, nippt daran und starrt schließlich den Oberfeldwebel an.

Manning merkt es nicht gleich. Er blödelt weiter mit seinem Tablet herum und wirft dabei einen begehrlichen Blick auf die zweite, bereitstehende Tasse, bis der Leutnant ein scharfes Räuspern von sich gibt. „Herr Oberfeldwebel.“

Der Mann schreckt auf, wie es der antrainierte Reflex gebietet. „Herr Leutnant?“, antwortet er. Aber nicht auf die übliche Weise. Stattdessen hat er eine Art vertraulichen Ton an den Tag gelegt, er grinst breit. Die Vertraulichkeit wird nicht erwidert.

Der Leutnant wartet. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. Dann: „Raus.“

Manning schnellt hoch und wirft mir einen bitterbösen Blick zu, bevor er dem Befehl folgt und die Tür mit einem vernehmlichen Rumms hinter sich schließt.

Der Leutnant betrachtet für einen Moment die Tür, dann sieht er mich an. Er wirkt angespannt, fast aggressiv. Doch er fängt sich schnell. „Frau Unteroffizier.“

„Ja, Herr Leutnant?“

„Öffnen Sie bitte die Tür, und dann nehmen Sie sich bitte die Tasse und setzen sich.“

„Jawohl, Herr Leutnant.“ Die Antwort kam mir wie selbst von den Lippen, obwohl er doch gesagt hat … Ach, egal. Jedenfalls gehorche ich.

Ich öffne die Tür bis zum Anschlag. Wenn sich Männlein und Weiblein in einem Raum befinden, dann hat die Tür offen zu sein. Mir kam diese Vorschrift immer bescheuert vor. Andererseits … es gibt komische Weiber. Und es gibt Männer wie Oberfeld Manning. Bei dem würde auch ich die Tür stets weit, weit offen lassen.

„Milch und Zucker stehen dort drüben“, verkündet der Leutnant abwesend, während er etwas auf dem Bildschirm betrachtet.

Ich präpariere meinen Kaffee, dann nehme ich wie angewiesen den Platz vor seinem Schreibtisch ein. Er tippt konzentriert, so dass ich einen Moment Zeit habe, es mir halbwegs bequem zu machen – und ihn einer schnellen Musterung zu unterziehen.

Der Feldanzug ist tadellos gerichtet, die Haare vorschriftsmäßig getrimmt. Aber er sieht müde aus. Da sind Schatten unter seinen Augen, er ist irgendwie grau im Gesicht. Fältchen, die mir zuvor nicht aufgefallen sind, spannen sich um den Mund und auf der Stirn. In meiner Brust sammelt sich unangemessene Sorge.

Er klickt mit der Maus und schaut im selben Moment zu mir hoch, wirkt plötzlich wie ertappt. Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln strafft er sich. „So, jetzt“, stößt er aus. „Frau Unteroffizier.“

Ich richte mich auf und nicke ihm aufmerksam zu.

„Geiseltraining. Was haben sie davon gehört?“

Unwillkürlich lache ich auf. „Große Kriegsgeschichten.“ Jeder Kamerad, der einmal hier stationiert war, hat die wildesten Storys erzählt. In Hammelburg werden UN-Beobachter, ziviles Bundeswehrpersonal sowie Polizisten und Journalisten ausgebildet, unter anderem auch in simulierten Situationen wie einer Geiselnahme. Allerlei Mythen und Legenden haben sich um dieses Training gesponnen. Dass man die Augen verbunden bekommt und auf Übelste verprügelt wird. Von der Decke hängend mit Elektroschocks malträtiert wird. An Händen und Füßen gefesselt von einer Klippe gestoßen wird.

Er schmunzelt. „Glauben Sie nichts davon.“

Ich schmunzle zurück.

Der Leutnant rückt näher an den Tisch und lehnt sich auf die Unterarme. „Es gibt neben den theoretischen Teilen mehrere Rollenspiel-Stationen, die alle Lehrgangsteilnehmer durchlaufen müssen, zum Beispiel einen Checkpoint, eine Razzia in einem Milizlager und einen Hinterhalt, um nur ein paar zu nennen. Sie werden Sie alle kennenlernen, wenn wir kommenden Montag mit der Planung und dem Aufbau beginnen. Pro Tag und Gruppe wird eine Station abgearbeitet. Die Lehrgangsteilnehmer werden mit Bussen zu den Stationen gebracht, und auf einer dieser Fahrten lauert ein Team von uns ihnen auf und kapert den Bus. Die Insassen werden als Geiseln genommen, gefesselt und geknebelt und ihnen wird ein schwarzer Stoffsack über den Kopf gezogen, anschließend bringen wir sie in eine Scheune, wo sie für mehrere Stunden festgehalten und verschiedenen Stresssituationen ausgesetzt werden. Haben Sie soweit Fragen?“

Ich überlege kurz. So ungefähr habe ich es mir vorgestellt, aber eine Frage tut sich tatsächlich auf: „Wird das ganze in irgendeiner Form psychologisch überwacht?“

„Ja, im Bus sitzt ein Psychologe, der die komplette Szene begleitet. Außerdem gibt es Kameras in der Scheune, über die eine Art Ethikteam die Lage beobachtet und im Zweifelsfall einschreitet, wenn denen irgendwas zu weit geht oder ein Teilnehmer Probleme kriegt. Dazu ist es aber bisher nie gekommen, zumindest nicht in den zwei Jahren, die ich hier bin.“

Das lässt mich aufhorchen. „Sie sind schon seit zwei Jahren hier?“

Er runzelt die Stirn. „Fast, ja.“

„Dann werden Sie bald versetzt?“

Seine Kiefermuskeln treten hervor. Schweigend stiert er mich an.

Unangenehm berührt kapiere ich, wie das für ihn geklungen haben muss. Na großartig, jetzt denkt er, dass ich es kaum erwarten kann, ihn loszuwerden. „Ich frage nur, weil das der übliche Turnus für Offiziere ist – spätestens alle zwei Jahre ein neuer Standort.“ Uhrg, das macht es nicht besser.

„Nein“, sagt er, und das eine Wort klingt komisch. Leiser als für ihn üblich und mit einem Unterton, den ich nicht ganz deuten kann. „Keine Versetzung in Aussicht.“ Mit einem Räuspern wird er wieder geschäftsmäßig. „Sobald alle Stationen aufgebaut sind und wir sie mit dem Team zweimal durchgespielt haben, kommt die Vorbereitung auf die Geiselsituation. Leider haben wir dafür dieses Quartal nur eine knappe Woche Zeit, weil die Runde ungewöhnlich früh beginnt und, wie ich gerade eben erst erfahren durfte, noch ein zweiter Tag für die Ethikeinweisung befohlen wurde. Nach der Theorie spielen wir die Situation mehrmals durch, wobei jeder mal auf jeder Seite stehen muss, Geiselnehmer und Geisel. Das gilt auch für Sie.“ Er verstummt und sieht mich direkt an.

Ich bin die Neue – beim ersten Durchlauf werde ich zu den Geiseln gehören. Ich nicke nur knapp zum Zeichen, dass ich verstanden habe. Gleichzeitig hoffe ich inständig, dass mir nicht ins Gesicht geschrieben steht, welche widerstreitenden Gefühle gerade in mir zu toben beginnen.

Ja, die Ungewissheit, was genau mich erwartet, macht mich zu gleichen Teilen neugierig und nervös. Was aber viel vordringlicher ist, ist eine nicht zu leugnende Erregung bei dem Gedanken daran, von ihm in dem Rollenspiel gefesselt und geknebelt zu werden. Oh Mann, bei mir läuft wirklich was nicht ganz rund. Ich stopfe die Bilder, die mir durch den Kopf gehen, unter eine imaginäre Matratze und pflanze meinen Hintern darauf. Dummerweise rutsche ich dabei in der Realität auf meinem Stuhl hin und her.

Er registriert es natürlich, und seine Mundwinkel zucken. „Macht Sie die Aussicht nervös?“

Am liebsten würde ich ihm mit einem kalten Grinsen den Mittelfinger zeigen, aber ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob er die gleichen Szenen vor dem geistigen Auge sieht wie ich – und ein Disziplinarverfahren wegen ungebührlichen Verhaltens möchte ich gern vermeiden. „Ich bin gespannt darauf“, weiche ich aus.

Er nickt, plötzlich wieder ganz ernst. „Es ist beim ersten Mal nicht ohne. So habe ich es zumindest empfunden. Wenn Sie irgendwelche Fragen oder Bedenken haben, dann zögern Sie bitte nicht, sie zu äußern, jetzt oder auch später.“

Seine Ehrlichkeit und das Angebot weiß ich zu schätzen. „Danke, für den Moment nicht.“

Er legt den Kopf schief und mustert mich eindringlich. Es scheint, als würde er angestrengt überlegen. Dann lehnt er sich zurück. Ein Teil der Anspannung weicht aus seinem Gesicht. „Wir werden die Vorbereitungen auf uns zukommen lassen und in deren Verlauf sehen, wie wir Sie in Ihrer Funktion am besten einsetzen. Bis dahin …“ Mit einem Mal stutzt er und sieht mich irritiert an. „Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“

Die vor den Latz geknallte Frage erwischt mich kalt und sofort stellen sich mir die Nackenhaare aggressiv auf. „Sport und Selbststudium“, erwidere ich – und winsle innerlich ob meines patzigen Tons.

„Aha.“

„Ich habe die Vorschriften durchgearbeitet und bin dabei, Terminologie zu recherchieren.“

„Terminologie?“

„Die Fachbegriffe, die ich brauchen werde, Floskeln und Meldungen, den Militärsprech im Französischen vor allem. Dienstgrade und so weiter. Das Protokoll im Umgang mit den ausländischen Offizieren.“

Er hebt die Brauen. Ist das ein abschätziges Gesicht oder Anerkennung? Als er nur „Gut“ sagt, atme ich erleichtert auf.

„Das sollte kein Vorwurfsein“, erklärt er versöhnlich. „Ich weiß nur, dass wir Sie im Moment noch ziemlich vernachlässigen. Wenn es hilfreich wäre, besorge ich Ihnen ein paar Berichte von den letzten Quartalen.“

„Ja, das wäre extrem hilfreich.“

„Sehr gut, ich kümmere mich gleich darum. Sie sind entlassen.“

Er steht auf und ich tue es ihm gleich. Mir den Gruß verkneifend, folge ich ihm, als er zielstrebig sein Büro verlässt. Ohne sich noch einmal umzudrehen, schreitet er den Flur hinab. Ich bleibe etwas unschlüssig stehen und schaue ihm für einen Moment nach. Was war das denn?

Kopfschüttelnd mache ich auf dem Absatz kehrt. Auf meiner Stube fahre ich den Laptop hoch und ignoriere das blinkende Messanger-Icon, sondern öffne meine Tabellen und die diversen Seiten, auf denen ich in den letzten Tagen recherchiert habe. Soldatenforen sind eine wahre Fundgrube für meine Zwecke. Auf einem deutschen Board bin ich sogar auf einen erst wenige Wochen alten Thread gestoßen, in dem jemand fragt, was man als Zivilist am VNAusbZBw zu erwarten hat. Er oder sie scheint sich jedoch mehr für die Unterbringung zu interessieren und ob eigene Handtücher mitgebracht werden müssen. Ich rolle mit den Augen. Der Typ wird hier einen Heidenspaß haben.

Eine halbe Stunde später klopft es. Als ich mich umdrehe, steht Mark in der Tür. Er trägt einen Stapel Akten herein, der er schwer auf meinen Schreibtisch plumpsen lässt. „Mit freundlichen Grüßen vom Zugführer.“

„Danke.“ Ich werfe einen Blick in den obersten Hefter. Es sind die versprochenen Berichte. Perfekt, damit kann ich was anfangen.

„Bevor du lang suchst: Die Seiten über das Geiseltraining hat er garantiert rausgenommen.“

Ich stoße einen genervten Schwall Luft aus.

Mark lacht nur. „Beim ersten Mal soll jeder ins eiskalte, dunkle, tiefe, mit Haien verseuchte Wasser geworfen werden, damit das Erlebnis schön wirken kann. Also versuch erst gar nicht, mich zu löchern.“

„Ein toller Kamerad bist du.“

„Ja, gell?“ Das fränkische Interjektion klingt in seinem rheinländischen Dialekt furchtbar fehl am Platz. Das macht er mit seinem breiten Lausbubgrinsen jedoch wett. „Schon gefrühstückt?“

Ich schüttle den Kopf. Nicht dazu gekommen, da ich ja gleich als erstes beim Zugführer antanzen sollte.

„Dann komm mit.“ Er hakt sich, ohne auf eine Antwort zu warten, bei mir unter und zerrt mich mehr oder weniger auf den Flur. Auf dem Weg zur Truppenküche wird uns mehr als ein neugieriger Blick zugeworfen. Unterdessen löchert mich Mark mit Fragen zu Katharina, was mir durchweg unangenehm ist. Ich versuche oberflächlich zu bleiben und ihm nicht zu viel Persönliches zu erzählen. Das sollte er alles von ihr erfahren und von niemandem sonst. Wenn aus den beiden nichts wird, werde ich ganz sicher nicht diejenige sein, von der er ihre Adresse und ihr Geburtsdatum kennt.

Im Speisesaal ist es schon fast leer und das Angebot ziemlich abgegrast. Ich nehme mir nur ein Belegtes und eine Flasche Wasser, während Mark sein Tablett mit allem füllt, was er noch kriegen kann.

„Wachstumsschub?“, frage ich, als endlich auch von der Ausgabe an den Tisch kommt und sofort den Großteil des Platzes mit fünf Brötchen, vier Bechern Joghurt, zwei kleinen Milchkartons und etlichen Müslipäckchen belagert. Die Getränke stellt er am Boden ab.

Er schluckt den Bissen herunter, an dem er auf dem Herweg bereits gekaut hat, bevor er antwortet: „Vorrat für den Rest der Woche.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Du weißt, dass es unten im Ort einen Supermarkt gibt?“

Schulterzuckend beschmiert er sein angebissenes Brot dick mit Nutella. „Kurze Wege und so. Die Truppenküchenkonjunktur ankurbeln.“

„Ah. Vorbildlich.“

Grinsend bleckt er die mit brauner Creme verschmierten Zähne. „Ja, gell?“

„Hör auf, 'gell' zu sagen!“

„Wievo?“

„Uhrg, jetzt spricht es auch noch mit vollem Mund. Du bist der Grund, warum sie Unteroffiziere für Tiere halten.“

Affront heuchelnd, zieht er ein zerknülltes Taschentuch aus der Hosentasche, schüttelt es aus und tupft sich affektiert den Mund damit ab. Ich halte mir laut stöhnend mit gespieltem Entsetzen die Augen zu.

„Sie verletzten mich, meine Dame.“ Er legt die Hand mit dem Tuch an die Brust und schließt mit schmerzlich verzogenem Gesicht die Augen. „Des is fei ned nedd.“

Ich verkneife mir ein Winseln. „Bitte, bitte hör auf.“

„Womit?“ Er reißt die Augen groß auf.

„Mit dem Fränkisch. Es verursacht mir körperliche Schmerzen.“

Er lacht auf, dann lehnt er sich verschwörerisch über den Tisch. „Schau dich jetzt nicht um, aber ich … ich glaube, dass wir hier in Franken sind!“, flüstert er laut.

„Ja“, stöhne ich. „Danke.“

Er lächelt versöhnlich, als er sich aufrichtet. „Okay, ich höre auf.“ Er macht sich wieder über sein Essen her.

Hoffentlich habe ich ihn nicht gekränkt. „Du kannst den Dialekt wirklich gut nachmachen.“

„Danke, jahrelange Übung. Mein bester Freund ist Franke. Er hasst es übrigens auch, wenn ich ihn nachäffe.“

Mir liegt die Frage auf der Zunge, ob er den Leutnant meint. Als ich registriere, dass ihm die Bemerkung plötzlich unangenehm scheint, verkneife ich sie mir. Er nutzt die kurze Pause, um das Gespräch auf mich zu lenken. „Du bist aber schon von hier, oder? Also aus Franken, meine ich. Ab und zu entwischt dir ein gerolltes R.“

Ich nehme einen Schluck Wasser, dann nicke ich. „Ja. Ich bin im Landkreis aufgewachsen, um genau zu sein.“

„Cool, eine heimatnähere Verwendung geht ja kaum.“

„Mmh.“ Ich beiße in mein Brötchen und kaue extra sorgfältig.

Ein schiefer Blick, ein kaum wahrnehmbares Stirnrunzeln, bevor er geschmeidig in Small Talk übergeht. Wir plaudern ein wenig über die Standorte, an denen wir schon waren. Er lässt durchblicken, dass er Wiedereinsteller ist und bei seiner ersten Runde Bundeswehr als FWDL einmal im Einsatz in Afghanistan war. Ein Thema, von dem er wiederum schnell wegkommen will. Es ist ein seltsames Gespräch, das wir hier führen. Es fühlt sich an, als würde zwar eine lockere Vertrautheit entstehen, aber dennoch taucht Klippe um Klippe auf, die einer von uns beiden schleunigst umschiffen will. Nachdem wir gegessen haben, helfe ich ihm noch, seine Vorräte auf Stube zu bringen. Auf dem Weg dorthin erfahre ich nebenbei, dass der Leutnant krank nach Hause gegangen ist. Als Mark das erzählt, klingt er betont unbesorgt.

Wir verabreden uns für den Nachmittag zum Laufen, mit dem Versprechen, auf jeden Fall zu gehen, selbst wenn es dann immer noch regnen sollte, bevor er sich seinen Gruppenführeraufgaben zuwendet und ich auf meine Stube zurückkehre, um mich mit den Berichten auseinanderzusetzen.

Mark hatte Recht, in den 15 Heftern finde ich nicht einen Fitzel, der mir irgendetwas über das Geiseltraining verraten würde. Frustriert gebe ich auf und kehre zur ersten Akte zurück. Sie enthält Berichte zum letzten UNMOC, dem UN-Militärbeobachterkurs. Ich vertiefe mich in die Lektüre und bemühe mich, den schalen Geschmack zu ignorieren, der von der eigentlich angenehmen sozialen Interaktion auf meiner Zunge zurückgeblieben ist.

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Der Kopfschmerz ist mit Macht zurückgekehrt. Beim Aufrichten aus meinem tiefen Sportsitz fährt mir ein dumpfer Stich durch die Stirn, gefolgt von Sternchen vor den Augen. Ich muss mich für eine Sekunde an der Autotür festhalten, bevor ich sie zuwerfe. Der Knall explodiert in meinem Schädel. Ich taste mich mit zusammengekniffenen Lidern zur Haustür, jeder Schritt eine Erschütterung. Verdammt, ich hab mir wirklich irgendwas eingefangen.

Die handvoll Stufen zur Haustür fühlen sich an wie der Currahee – drei Meilen rauf, drei Meilen runter – und ich muss mich am Geländer emporhangeln, weil meine Beine schwer wie Blei sind. Die Hand, mit der ich den Schlüssel ins Schloss stecken will, zittert. Ich verfehle. Mehr als einmal. Die Erleichterung, als Laura mir öffnet, ist peinlich.

Sie muss nur einen Blick auf mich werfen und ihr Gesicht verzieht sich vor Sorge. „Oh, Schatz.“ Als ich die Hand ignoriere, die sie mir helfend entgegenstreckt, fährt sie mir stattdessen damit über den Kopf. „Komm“, murmelt sie und zieht mich am Nacken ins Haus, durch den Flur und direkt ins Wohnzimmer.

Es macht mich zu gleichen Teilen wütend und dankbar, wie sie mich ohne Umschweife auf die Couch drückt. Meine wunderbare, nervenaufreibende Frau drangsaliert mich so lange, bis ich mich der Länge nach ausstrecke, so dass sie die Stiefel auffädeln und mir den Füßen ziehen kann. Die Hose folgt sogleich. Sie schält mir auch die Feldbluse vom schwerfälligen Körper, und als ich nur noch in Shirt und Boxershorts daliege, wirft sie die Sofadecke über mich. Nachdem sie die Seiten unter meinen Körper gestopft hat, damit ich coconartig komplett eingewickelt bin, verschwindet sie in der Küche.

Ich lehne den Kopf zurück und suhle mich in meinem Leid. Fuck, mir geht es elend. Inzwischen haben auch die Glieder angefangen zu schmerzen. Mir ist kalt. Es fühlt sich an, als läge ein Eisenring um meine Brust.

Laura kommt mit einem Waschlappen zurück. Sie streicht mir mit dem feuchtwarmen, nach Lavendel duftenden Stoff über Kinn und Wangen, bevor sie ihn mir auf die Stirn legt. Bei dem angnehmen Gefühl entkommt mir ein Seufzen, das verdächtig nach einem Winseln klingt.

„Es geht früh los dieses Jahr“, murmelt sie und streichelt über meinen Kopf.

Meine Kehle verschließt sich schmerzhaft. Nein, es ist nicht das … Ich hab mir nur eine Erkältung geholt, das ist nicht … Nein. Noch nicht. Es ist erst Oktober.

Sie lächelt gequält. „Kopfweh?“

Ich nicke.

„Müde und angepisst?“

Ich nicke. Aber das ist doch normal, wenn man nicht genug geschlafen hat und vielleicht was ausbrütet.

„Tut dir alles weh?“

Ja, aber das ist ein Infekt, ich bin bestimmt nur erkältet.

„Träumst du schon?“

Ich schlucke schwer, rufe mir die letzten paar Nächte in Erinnerung. Schüttle den Kopf.

Mit dem Daumen streicht Laura die Falten zwischen meinen Augenbrauen glatt. Ihre eigenen sind besorgt zusammengezogen. „Bist du ehrlich mit mir?“

Nickend schmiege ich die Wange in ihre Handfläche. Ja, es ist die Wahrheit. Die Träume fangen frühestens im November an, wenn die ersten Tannenbäume aufgestellt werden. Die Aussicht darauf lässt eine Andeutung von Übelkeit anklingen. Aber noch ist es nicht soweit. „Ehrlich.“

Sie seufzt. „Bitte sag mir, wenn sie kommen, ja? Bitte, Hendrik.“

„Versprochen“, flüstere ich. Unterdessen passiert etwas. Das Pochen lässt nach. Unter ihren warmen Liebkosungen fallen mir die Augen zu. Die Anspannung meiner Muskeln löst sich. Sanft streicht sie durch mein kurz geschorenes Haar, wieder und wieder, und ehe ich in der Angst vor dem, was kommt, versinken kann, bin ich eingeschlafen.

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Kommentar(e)

Das ist einfach nur geil zu lesen. Detailiert, nachvollziehbar, flüssig, bildhaft und originell, träume ich davon irgendwann einmal  selbst dieses Niveau des Schreibens zu erreichen. Freu mich auf die Fortsetzung.

Antwort auf von sena

Bild entfernt. Danke, sena. Von einer Autorengöttin wie dir ist das ein riesen Lob. Ich kann nur hoffen, je an die klare Linie und Konsequenz deiner Schreibe hinanzureichen.

Solch Zwischenkapitel, in denn nichts (Sexuelles) passiert und nur Dialog/Hintergrund gliefert wird, werden kaum bewertet oder kommentiert. Da ist ein solches Wort der Anerkennung Balsam für die Seele. :)

... würde ich mich Sena vorbehaltlos anschließen. Aber irgendwie ist dieser Part anders als sonst. Er hat etwas "Telegrammstilartiges" an sich, wirkt weniger erzählend. Klar, nur ein Gefühl von mir. Aber wie gesagt: ich wär nicht der Tony, wenn ich nicht wieder einmal anders als anders wäre und empfände. Trotzdem ist der Wortlaut wie immer gut durchdacht und präsentiert. Die ein bis zwei fehlenden Worte oder wunderlichen Satzstellungen sind wohltuendes Sprachgut im Vergleich zu vielen anderen Texten auf dieser Seite. Inhaltlich möchte ich mich wenig bis gar nicht äußern. Zu viele Erinnerungen und Gedanken in meinem depperten Kopf, die ich ungern teile.

Ich fasse einfach zusammen, okay? Danke für diese Story!

Antwort auf von Tony 2360

Lieber Tony alias Herr Anders,

dass der Stil von den vorherigen Teilen abweicht, ist vermutlich einfach der langen Zeit geschuldet, die zwischen der Entstehung der Teile vergangen ist. Ich habe zwischen Teil 2, der in Rohform schon seit 2013 in der Schublade lag, und Teil 3 fast fünf Jahre lang ganz anderes, v. a. wesentlich düstereres Zeug oder gar nichts geschrieben, und dabei hat sich meine Schreibe womöglich verändert (das Wort "weiterentwickelt" nehme ich hier wohlweißlich nicht in den Mund).

Du darfst mich gern mit der Nase auf die wunderlichen Satzstellungen stoßen; die fallen mir nämlich nicht auf, weil sie meinem Idiolekt entspringen und ich sie selbst nicht als ungwöhnlich wahrnehme. Abgesehen davon kämpfe ich immer noch enorm mit Wortwiederholungen, immer gleichen Satzstrukturen und häufig wiederkehrenden Phrasen, dessen bin ich mir schmerzlich bewusst.

Danke für deinen Kommentar. Ich fasse es als Kompliment auf, dass ich mit meiner Geschichte "Erinnerungen und Gedanken" auslöse, wenn auch keine angenehmen. Aber erbaulich sind meine Geschichten ja generell nicht, hab ich mir sagen lassen. ;)

Antwort auf von Loreley

Jeder verbindet Worte mit Inhalten. Und letztlich auch noch mit spezifisch anderen. Was bedeutet erbaulich? Worin bestehen gute und ungute Erinnerungen? Diese Fragestellungen ließen sich unendlich fortsetzen. Für mich sind Erinnerungen in erster Linie Erfahrungen und insofern verfügen sie immer auch über einen Nutzen, also positiven Effekt. Zumindest in dem Fall, wenn ich bereit bin aus ihnen zu lernen. Und dieses versuche ich stets. Weiß ja nicht, wieviel Zeit mir verbleibt, diese ausgiebig zu nutzen. Es können Tage sein, wenn man mich in der nahen Zukunft überfährt. Ist aber auch möglich, dass ich meinen Feinden länger erhalten bleibe, vielleicht sogar sogenanntes biblisches Alter erreiche. Am Ende bin ich gar unsterblich, weil meine Spezies aus den Weiten des Alls so gestrickt ist. Wer weiß das schon?! Bis dahin lese und schreibe ich halt gelegentlich. Deine Texte zählen zu denen, die ich gern öfter und eingehender betrachte. Das wird sich sich nicht ändern.

dass es endlich weiter geht! 

Mir gefällt sehr, dass das persönliche Umfeld von Laura und dem Leutnant klarer wird. Und es muss nicht in jeder Folge zum Sex kommen, damit die Leser dabei bleiben. Die Story muss wachsen, da gehören auch solche Szenen dazu. Du machst das wunderbar, ich beneide Dich um dieses Talent!

Antwort auf von Black cat

Wie schön, dass du weiter dabeibleibst! :)

"es muss nicht in jeder Folge zum Sex kommen, damit die Leser dabei bleiben" - Du hast völlig Recht, von dem "Oh Gott, ich hab keine Sexszene in dem Teil, die Leser werden sich zu Tode langweilen"-Reflex muss ich mich endlich mal lösen. Gerade bei dieser Geschichte geht es mir nämlich wirklich nur nebenbei um die sexuellen Verstrickungen. Aber Spaß machen sie trotzdem Bild entfernt. - und ich hab noch einiges in der Richtung vor. Hrhrhr.