Von Fehlern und Fassaden 11

 

Der Geruch von Bacon und gebratenem Ei will sich nicht recht in die Szenerie einfügen, in der ich auf der Flucht vor den Zombies nackt durch die Flure der Kaserne renne, was vermutlich der Grund dafür ist, dass ich endlich aufwache. Was für ein Bullshit von Traum! Genervt ob der Auswüchse meines Unterbewusstseins werfe ich mich auf die Seite – und erstarre. Das ist nicht mein Bett. Wo …?

Fuck, ich bin eingepennt. In seinem Bett. Und es ist Morgen. Ruckartig richte ich mich auf und strample die Decke weg, in die ich mich wie in einen Kokon eingerollt habe. Uhrg, ich bin tatsächlich nackt.

Als ich mich in seiner Höhle umblicke, finde ich meine Uniform, die gestern Abend in einem Haufen am Fußende des Bettes geendet hat, sorgsam über die Hantelbank drapiert, die Unterwäsche auf dem Nachtkästchen neben mir. Bei der Vorstellung, wie er sie aufgesammelt und dort für mich bereitgelegt haben muss, laufe ich knallrot an.

Thank fuck, er ist nicht hier. Wahrscheinlich auf dem Klo oder sonstwo. Egal. Die perfekte Gelegenheit, mich sowas von zu verpissen. Ich wühle mich aus dem Bett und grabsche nach meinem Slip, den ich hastig über die Beine streife. Ich höre nicht, dass die Dusche laufen würde, sehe aber trotzdem nervös über die Schulter vor Sorge, dass er jeden Moment aus der Tür kommt, hinter der ich ein Badezimmer oder einen begehbaren Kleiderschrank oder was auch immer vermute.

Mein gehetzter Blick bleibt an der Seite des Betts hängen, auf der er geschlafen hat. Neben mir. Die ganze Nacht.

Das Kissen, auf dem noch die Kuhle zu erkennen ist, in der sein Kopf gelegen haben muss, ist ganz nah an meines gerückt, und das Laken … Am Bettrand ist es glatt. Weiter auf die Mitte zu wird es immer zerknitterter, bis dahin, wo sich der Abdruck meines Körpers abzeichnet. Düster erinnere ich mich, dass mir irgendwann furchtbar warm geworden ist, ich aber nicht von der Hitze wegrutschen wollte, weil … Weil … Ich weiß es nicht mehr.

Die Indizien dafür, in welcher Position wir die Nacht verbracht haben, geraten außer Fokus, denn es gibt da noch ein kleines Detail, dort auf seiner Seite. Eine Jogginghose und einen Kapuzenpulli. Ganz unschuldig liegen sie da, gefaltet, wie frisch aus dem Schrank. Ich schaue zu der vermeintlichen Badtür, hinter der sich nichts regt, dann zu der, die ins Treppenhaus führt. Ist das ein Radio, das von unten zu hören ist?

Misstrauisch beäuge ich den kleinen Stapel unschuldiger Klamotten, die bereitzuliegen scheinen. Für mich? Ich stupse die Textilien mit dem Zeigefinger an wie eine paranoide Irre, die jeden Moment erwartet, dass eine Schlange darunter hervorschnellt. Oh Mann, so fängt Schizophrenie an, oder? Check yourself, Alex.

Ich schiele zu meiner Uniform. Wäre ich ein Offizier, würde ich mich, glaube ich, komisch fühlen, nach einem One Night Stand wieder in den heiligen Flecktarn zu schlüpfen und den Walk of Shame anzutreten. Nicht dass ich eine Ahnung habe, ob es für Offiziere oder Männer im Allgemeinen mit Scham verbunden ist, sich am nächsten Morgen zu verkrümeln. Alles was ich weiß, ist dass ich gerade lieber diesen Hoodie und die Jogginghose anziehen würde als das raue Oliv, um nach unten zu gehen und mich der Person zu stellen, die dem Duft nach zu urteilen mit dem Frühstück beschäftigt ist.

Ich wette nicht auf meine Chancen, mich an die Wand gedrückt an der Küche vorbei aus dem Haus stehlen zu können. Stattdessen nehme ich sein Angebot widerwillig dankbar an und streife die Klamotten über. Ich muss die Kordel fast zweimal um meinem Bauch wickeln, damit die Hose oben bleibt, und der Pulli hängt an mir herunter wie ein halb zusammengebrochenes Zelt, aber dass er so weit gedacht hat, beschert mir ein warmes Gefühl in der Brust, mit dem ich in diesem Augenblick ein wenig überfordert bin. Und Überforderung überwindet man am besten mit einem Angriff nach vorn.

Also folge ich dem Frühstücksduft nach unten, wo ich ihn in der Küche finde. Über das Gedudel aus dem Radio und das Zischen des Specks in der Pfanne hört er mich nicht, weshalb es mir vergönnt bleibt, ihn für den Moment schamlos zu betrachten. In Boxershorts und Shirt steht er am Herd, wendet mit einer Zange den Bacon und rüttelt mit der anderen Hand die Pfanne mit den Eiern. Das häusliche Bild, das er dabei abgibt, ist zu gleichen Teilen sexy und enervierend. Hier steht er und macht allen Ernstes Frühstück für … uns?

„Hey“, sage ich. Ja, total charmant, Alex.

Er fährt erschrocken herum, doch als er mich im Durchgang lehnen sieht, breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Guten Morgen! Hunger?“

Das Gefühl in meinem Magen fühlt sich nicht unbedingt nach Hunger an, aber so erfreut, wie er schaut, bringe ich es nicht übers Herz, den Kopf zu schütteln. Ich sehe zu, wie er den Bacon und die Eier auf zwei Teller drapiert, und folge seinem Nicken hinüber zum Tisch.

Ein Teller wird vor mich hingestellt, und mit fragendem Blick hält er eine Flasche Wasser über mein Glas. Ich nicke, und er schenkt mir ein. Um die Zeit zu überbrücken, in der er drei verschiedene Säfte vor mir abstellt, inhaliere ich das Wasser.

Er setzt sich mir gegenüber und macht eine Geste, die den reich gedeckten Tisch umfasst. „Ich wusste nicht … Naja. Dass du keine Vegetarierin bist, das schon, aber was du magst. Ich hoffe, das ist okay.“

Ich muss ein bisschen grinsen ob seiner untypischen Unsicherheit und greife nach einem der Brötchen, die in einem Korb bereitstehen. „Das ist Luxus, ohne Scheiß.“ Uhrg. Schraub vielleicht am frühen Morgen die Fäkalbegriffe zurück, Alex. „Du hättest dir nicht die Mühe machen müssen.“

Er scheint sich nicht an meiner unflätigen Ausdrucksweise zu stören, so erleichtert wie er aussieht. „Das ist keine Mühe.“ Er beobachtet, wie ich Butter auf die untere Hälfte streiche. „Samstagsfrühstück ist meine Therapie.“ Als mein Gesicht bei diesen Worten wohl etwas macht, dessen ich mir nicht bewusst bin, schiebt er hinterher: „Unter der Woche ist es halt entweder hier schnell was zwischen die Zähne geschoben, bevor ich zur Kaserne fahre, oder ich hole mir dort ein trockenes Belegtes im Speisesaal. Deswegen zelebriere ich das am Wochenende. Ausschlafen, dann ein fettes Frühstück mit Speck und Eiern und allem Drum und Dran. So signalisiere ich meinem Kopf, dass er für die nächsten zwei Tage abschalten kann.“ Eine Sekunde lang blickt er mich völlig offen und entspannt an. Dann scheint er vor den eigenen Worten zu erschrecken und sieht auf seinen Teller hinab.

Der Moment ist seltsam. Ich sitze hier wie auf heißen Kohlen und weiß nicht, wie ich mich nach einer weiteren gemeinsamen Nacht, die nicht hätte passieren dürfen, verhalten soll, und plötzlich ist er es, der ins Schwimmen gerät. Weil er gerade offensichtlich mehr preisgegeben hat, als er wollte.

Ich stochere im Eigelb, unbequem nach Worten kramend, die ihn wieder entspannen lassen. Mein Mund öffnet sich, bevor ich überhaupt weiß, was gleich herauskommt. „Das hab ich auch immer genossen, als ich noch daheim gewohnt habe“, höre ich mich sagen. Oh Gott, Smalltalk. „Klar, unter der Woche haben meine Eltern zwar auch mit uns gefrühstückt, aber das war eher Raubtierfütterung, bevor wir zur Schule los sind. Samstagmorgen war dann Zeit, dass man ein bisschen zusammensaß, mehr Aufwand als schnell ein Nutellabrot oder so. Die Tageszeitung ging reihum, und wir haben über das Weltgeschehen diskutiert. Oder meine Eltern haben zumindest diskutiert und wir haben zugehört. Ich weiß es gar nicht mehr so genau“ Das nostalgische Ziehen in der Brust, das ich bei der flüchtigen Erinnerung spüre, erstaunt mich. Eigentlich denke ich nicht gern an die Zeit zurück. Kindheitstage nennt man das wohl, diese im Nachhinein so flüchtige Phase, als meine Sorgen noch darum kreisten, warum die Clique um das Alphaweibchen mich partout nicht leiden konnte und ob mein Vater mich für klug halten würde, wenn ich zu dem aktuellen politischen Thema all mein gesammeltes Wissen auskotzte. Bamm. Schnell den Deckel drauf. Nichts Gutes kommt aus der Vergangenheit. Ich verstumme so plötzlich, wie ich den Mund aufgemacht habe.

Der Leutnant studiert mich über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg, das gelöste Lächeln von zuvor beinahe wieder gänzlich da. „Klingt wie bei mir daheim. Meine Eltern haben am Wochenende auch immer gern ausgedehnte Debatten am Frühstückstisch geführt. Nicht so sehr über des politische Tagesgeschehen als den Feuilleton und den wissenschaftlichen Teil, aber ja. Ich saß immer gern dabei und habe ihnen zugehört.“ Er nimmt einen Schluck und lehnt sich zurück. „Und bei dir jetzt? Keine Muße mehr für ausgedehnte samstägliche Gelage?“

Ich zucke mit den Schultern. „Bietet sich nicht so an in der Kaserne.“

Er runzelt die Stirn. Einen Moment lang schweigt er, bis sich ungläubiges Verständnis auf seinem Gesicht Bahn bricht. „In der … Du wohnst in der Kaserne?“

„Ja“, antworte ich unumwunden. Das weiß er doch, oder nicht? Schließlich hat er meine Akte studiert, so wie er mich mit ihr auf dem Schoß bei unserer ersten – oder eher zweiten – Begegnung verhört hat.

„Warum?“ Er klingt ernstlich entsetzt.

„Warum nicht?“ Was ist sein Problem? „Ergibt doch keinen Sinn, sich was draußen zu suchen, wenn ich eh die meiste Zeit auf dem Lagerberg verbringe. Geldverschwendung.“

„Hm.“ Nachdenklich neigt er den Kopf zur Seite. „Ja, schon irgendwie. Wenn man sonst nichts … Ja. Du hast Recht.“

Wenn man sonst nichts … hat? Außer den Dienst? Hallo, ich bin Alex, kennen wir uns? Ich hab nichts anderes, und ich will auch nichts anderes, weil alles andere nur Probleme macht. Deswegen wohne ich in der Kaserne und bewege mich von dort nur weg, wenn ich muss. Wie zum Beispiel um eine Nacht mit ihm zu verbringen und dann an seinem Frühstückstisch zu sitzen, um daran erinnert zu werden, was für eine klägliche Existenz ich führe.

Mit Scham über diesen kurzen Ausbruch an Selbstmitleid schiebe ich den langsam erkaltenden Bacon hin und her. Er räuspert sich unbehaglich, holt Luft, als wollte er etwas sagen, bleibt aber stumm. Fieberhaft suche ich nach … irgendwas. Einem Thema. W-o-r-t-e-n. „Und du so?“ Oh Gott. Ich will am liebsten die Hände vors Gesicht schlagen ob meiner Eloquenz. Stattdessen mache ich mit der Gabel eine kreisende Bewegung in der Luft. „Das Haus ist ziemlich … groß.“ Uhrg. „Ich meine … Es war mal ein Bauernhof oder so?“

Seine Lippen zucken, halb amüsiert, halb erleichtert. „Ja, ursprünglich. Sogar mit ziemlich viel Land außenrum und Vieh. Der letzte Besitzer hat dann nur noch Pferde gehalten und bis auf zwei Koppeln alle Felder an den Nachbarn verkauft. Die paar Hektar gehören auch jetzt noch dazu, sind aber verpachtet.“ Er nimmt einen Bissen und kaut, was ein wenig angestrengt wirkt, vor allem da ich nichts darauf zu erwidern weiß. Nach einem gequälten Schlucken erklärt er: „Meine Eltern haben den Hof aus einer romantischen Laune heraus gekauft, glaube ich. Vielleicht auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, sich hier irgendwann so eine Art Selbstversorgertraum zu verwirklichen.“ Er lacht leise, und es klingt liebevoll. „Mein Vater ist – oder eher war – Soziologieprofessor, und meine Mutter ist Meeresbiologin. Er hat seinen Beruf mehr oder weniger an den Nagel gehängt und begleitet sie auf ihren Forschungsexpeditionen quer durch die Welt. Für die paar Wochen, die sie im Jahr in Deutschland sind, quartieren sie sich hier im Gästezimmer ein, aber im Großen und Ganzen haben sie das Haus uns – mir – überlassen.“

Beeindruckt wie ich von dem faszinierenden Leben bin, das seine Eltern offenbar führen und zu dem ich ihm tausend Fragen stellen will, bleibe ich an dem kleinen Wörtchen „uns“ hängen. Mir ist nicht entgangen, wie er sich mit einem Zucken korrigiert hat. „Deine Frau ist unterwegs dieses Wochenende?“ Und fick mich für die Wortwahl, aber ich kann nicht anders.

Seine Lippen werden schmal. „Laura ist in Erfurt bei ihrem neuen Sub. Freund. Fuck.“ Er lässt seine Gabel klirrend auf den Teller fallen. „Warum bist du so?“

Ich sehe ihn aus großen, unschuldigen Augen an.

„Spar dir den Welpenblick! Wieso muss jedes Wort aus deinem Mund eine Provokation sein?“

Schnaubend lehne ich mich zurück. „Vielleicht fühlst du dich bloß provoziert, so wie getroffene Hunde bellen.“

„Was soll das heißen?“

Ich zucke mit den Schultern. „Laura ist also eine Domme?“

„Was?“

„Du hast gesagt, sie ist bei ihrem Sub. Sie ist eine Domme?“

Er stiert mich zornig an. Das eine Worte zu viel, das ihm rausgerutscht sind, bereut er sichtlich.

„Wie funktioniert das, wenn ihr beide dominant seid?“

Seine Kiefer mahlen. „Manchmal subbe ich für sie, manchmal sie für mich, je nach Stimmung. Außerdem muss es ja nicht immer auf Fesseln und Peitschen rauslaufen, oder?“ grollt er.

Ich seufze. Mit seiner von gekränktem Stolz herrührenden absoluten Ehrlichkeit gerade eben hat er sämtliche Ahnungen bestätigt, die ich hege. „Also schlaft ihr noch miteinander.“

„Ja“, spuckt er aus, und eine Sekunde später knirscht er mit den Zähnen. „Bis vor kurzem zumindest.“ Defensiv zieht er das Kinn an. „Was kümmert es dich? Ich dachte, du bist nur auf eine bequem-“

Oh nein, so nicht, mein Freund. „Wann war 'vor kurzem'?“, unterbreche ich ihn harsch.

Die Augen zusammenkneifend, verschränkt er die Arme. Diese Frage will er mir eindeutig nicht antworten.

„Wann war das letzte Mal?“

„Wann war dein letztes Mal mit einem anderen?“, fragt er trotzig.

„Antworte mir, und ich antworte dir.“

Er lacht gehässig, schüttelt aber nur den Kopf.

„Letzte Woche? Vorletzte?“

Sein Gesichtsausdruck wird immer verkniffener. Er schiebt das Besteck hin und her und weicht meinem Blick aus. „Was für eine Rolle …?“ Abermals schüttelt er den Kopf. „Vergiss es. Ich habe keinen Bock auf Spielchen.

„Ich auch nicht, deswegen will ich es wissen.“

„Warum?“, faucht er, und um ein Haar wäre es ein wütender Schrei geworden. Geräuschvoll schiebt er den Stuhl zurück und springt auf.

Ich erhebe mich ebenfalls und mache ein paar Schritte rückwärts, um Raum zu gewinnen. „Weil du sagst, ihr wärt kein Paar mehr. Aber ihr wohnt zusammen. Ihr geht gemeinsam auf Feiern.“ Er will mich mit einer unwirschen Handbewegung unterbrechen, doch ich gestikuliere direkt zurück und deute ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Brust. „Ihr schlaft noch miteinander! Erklär mir, in welcher Hinsicht ihr kein Paar mehr seid!?“

„Sie hat einen Neuen!“, ruft er aus.

„Ah. Und dafür willst du dich mit mir rächen“, schließe ich resigniert.

„Nein! So ist es nicht! Ich ...“ Sein Mund klappt auf, dann wieder zu, und schließlich sieht er mich nur aus weiten, verunsicherten Augen an.

Ich seufze. „Das ist okay, Hendrik. Ich versteh es. Aber den Part will ich nicht übernehmen.“ Denn während er – so sehr er auch beteuert, eben daran kein Interesse zu haben – Machtspielchen mit seiner Frau spielt, zerreiße ich mich zwischen der zaghaften Hoffnung, dass das hier etwas Ernsteres werden könnte, und dem eiskalten Wissen, dass er nicht nur einer viel höheren Liga ist, sondern zu einer gänzlich anderen Sportart gehört.

Deswegen gebe ich mich mit dem zufrieden, was ich von ihm kriegen konnte, und streiche die Segel.. „Sieh zu, dass ich zumindest in einen anderen Zug versetzt werde, okay?“ Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe nach oben.

Ich wage schon zu hoffen, dass er es auf sich beruhen lässt, doch als ich die letzte Treppenstufe erreicht habe, höre ich ihn mir nachkommen. „Alex!“

„Nein!“, fauche ich über die Schulter. „Lass es gut sein!“ Herrgott, was ist für Männer so schwer daran, eine Niederlage einzustecken? Ich schaffe es doch auch, und stelle mich dabei nicht so an. Mit einem energischen Stoß werfe ich seine Schlafzimmertür hinter mir zu und lehne mich ermüdet dagegen.

Im nächsten Moment katapultiert es mich quer durch den Raum. Ich knalle der Länge nach hin, und der Aufschlag presst mir die Luft aus den Lungen. Eine Sekunde lang liege ich da, völlig orientierungslos, bevor ich an den Schultern gepackt und auf den Rücken gerollt werde.

Sofort ist er über mir. „Scheiße, bist du okay?“ Er greift nach meinem Gesicht. Alles was ich tun kann, ist zu japsen. „Das wollte ich nicht! Oh Gott ... Alex? Sag was!“

Meine Rippenmuskulatur krampft unter vergeblichen Atemzügen. Dass er über mir kniet und mich anfasst, macht es nur noch schlimmer. Ich glaube, ich habe sowas wie einen Flashback, denn in mir steigt Panik auf. Instinktiv will ich von ihm wegkrabbeln, doch ich bewege mich nicht. Außerdem hält er mich fest.

Ich sollte frenetisch den Kopf schütteln, nach ihm krallen, nach seinen Armen, dem Gesicht. Doch ich liege stocksteif da. Kein Muskel rührt sich, außer dem Zwerchfell, das schmerzhaft kontrahiert. Keine Luft. Keine Kontrolle über meine Glieder. Gelähmt und voller Terror starre ich zu ihm hoch.

„Alex, bitte … Du musst atmen!“ Er packt meine schlaffen Arme und streckt sie über meinen Kopf. Das scheint etwas in mir zu lösen, denn plötzlich saugen die Lungen Luft ein wie ein auseinandergezogenes Akkordeon. Ich bäume mich auf und jaule vor Erleichterung und dem bestialischen Schmerz der zur Streckung gezwungen Muskulatur, bevor mir Tränen in die Augen schießen.

Mein Körper krümmt sich, und ich will unter ihm wegrollen, doch er lässt mich nicht. „Hey, langsam! Bist du okay? Hast du dich verletzt?“ Er drückt meine Schultern nieder. Schlecht. Ganz schlecht. Denn davon drehe ich erst recht durch.

Ich fange an, hysterisch zu wimmern. „La...mch!“ Verwirrung breitet sich auf seinem Gesicht aus. „Lmmm..los!“ Ich strample, trete ihm dabei gegen das Schienbein, was ihn mit einem Schmerzensschrei ausweichen lässt. Endlich komme ich unter ihm raus, robbe weg, stemme mich auf die Knie, krabble zum Bett und ziehe mich daran hoch. Ich taumle zur Hantelbank, grabsche meine Uniform und drücke sie mir vor die Brust. „Lass mich!“, keuche ich ihn an. Ich höre selbst, wie derangiert ich klinge, aber ich kann mir nicht helfen.

Entsetzt sieht er mir zu, wie ich rückwärtsstolpere und dabei an einer Kommode hängenbleibe und fast auf den Arsch falle. Die Wand fängt mich auf. Er will mir helfend beispringen, was mich nur lauter werden lässt: „Verpiss dich!“

Er zuckt zurück und macht verschreckt zwei Schritte in Richtung Tür. „In Ordnung“, murmelt er. „Ich … Wenn du … Ich warte draußen. Ruf nach mir, wenn ...“

„AAAAAHRG!“ Der grenzdebile Frustschrei, den ich von mir gebe, vertreibt ihn endlich. Die Tür geht hinter ihm zu, und ich fange an zu flennen.

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Was ist gerade passiert?

Ich will mir am liebsten selbst auf die Fresse hauen, weil ich so impulsiv war, dass ich sie mit der Tür quer durch den Raum geschleudert habe. Aber ihre Reaktion? Ich checke ja, dass ihr nach dem Sturz die Luft weggeblieben ist, und dafür hasse ich mich. Nur … Was war das? Als sie unter mir lag und … einfach versteinert ist?

Sie hatte Angst. Vor mir.

Das ist noch nie passiert. In meinem ganzen Leben hatte noch keine einzige Frau … Nein. Nein, das stimmt nicht.

Mit einem ekelhaften Gefühl im Magen denke ich daran zurück, wie sie nach der Übung im Keller gewalttätig wurde, als sie gefesselt und geblendet war und ich sie auf dem Tisch abgesetzt habe. Gedankenverloren reibe ich die Stelle, an der mich ihre Füße damals vor der Brust getroffen haben. Auch jetzt tut es weh dort.

Es kostet mich sämtliche Überwindung, nicht wieder in mein Schlafzimmer zu gehen und nach ihr zu sehen. Stattdessen kehre ich nach unten zurück, wo ich unsere nahezu unberührten Teller finde und mich noch schlechter fühle. Ich weiß nicht, wie ich diese Situation retten kann. Ob ich es überhaupt versuchen sollte. Denn sie hatte nicht unrecht.

So sehr ich auch vor ihr und mir und in diesem Moment am liebsten der ganzen Welt beteuern würde, dass es aus ist zwischen Laura und mir, so haben Alex' Worte doch einen Funken Zweifel in mir entfacht. Denn wenn ich mich in meinem Zuhause umsehe, dann ist Laura überall. Das ist natürlich zu erwarten, da wir ja beide noch hier wohnen, aber ich habe ehrlich gesagt keinerlei Bedürfnis, das zu ändern. Im Gegenteil.

Ich würde nicht wollen, dass das Schaffell, unter dem sie sich abends einrollt, von ihrem Sessel verschwindet. Das ist ihr Platz, und sie gehört dahin. Ich mag es, nach einem langen Dienst heimzukommen und den blonden Schopf dort zu erblicken, damit ich einen Kuss auf ihren Hinterkopf hauchen und ihr flüchtig die Wange streicheln kann. Sie schaut dann über die Schulter zu mir auf und lächelt. Das ist einer der besten Momente meines Tags.

Als ich mit einer Hand über die Lehne ihres Sessels fahre, habe ich für eine Sekunde das Bild vor Augen, wie sie vor ein paar Wochen dort saß, mit Benjamin zu ihren Füßen, der erschrocken zu mir aufblickte. Selbst das fügt sich nahtlos in die warme Szene in meinem Kopf. Ich hätte kein Problem damit, ihn jeden Abend in meinem Zuhause vorzufinden. Bestimmt würde die Panik in seinem Gesicht irgendwann nachlassen, wenn er sich an meine Anwesenheit gewöhnt, so wie ich Lauras Präsenz in meinem Leben gewohnt bin – und nicht missen will.

Das Knarzen der alten Holztreppe lässt mich aus dem häuslichen Wunschdenken aufschrecken. Alex, zurück in Uniform, marschiert mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf geradewegs auf den Flur zu.

„Warte!“ Ich laufe ihr nach. Am liebsten will ich sie packen, um mich zu versichern, dass sie sich wirklich nicht wehgetan hat, doch ich lasse eine Armlänge und mehr Abstand, während ich zusehe, wie sie die Füße in die Stiefel rammt. „Bitte renn nicht wieder weg“, versuche ich es mit sanften Worten. „Bist du okay? Hast du dich verletzt?“

„Nein“, schnaubt sie. „Mach dir keinen Kopf.“

„Das wollte ich wirklich nicht, es war ein Versehen!“

Sie verzieht die Lippen zu etwas, das wohl ein Lächeln sein soll, aber es erreicht die gehetzten Augen nicht. Ihre ganze Körpersprache ist ein einziger Fluchtreflex; allein ihre Stimme trieft vor Aggression. „Das weiß ich. Vergiss es einfach!“

„Dann lass uns … Scheiße, bitte, Alex! Hau jetzt nicht einfach ab!“

Frustriert schnaubt sie. „Warum verdammt noch mal nicht? Was willst du denn noch?“ Sie hat die Türklinke schon in der Hand.

Ja, sogar ich kapiere, dass dieser Tag nicht mehr zu retten ist. Also weiche ich aus, denn zum völligen Rückzug bin ich zu stolz. „Lass mich dich wenigstens heim...“ Fuck! „... zur Kaserne fahren.“ Selbst das verkacke ich.

Ihre Schultern sacken mit einem erschöpften Seufzer nieder. Sie lacht leise und niedergeschlagen. „So gern ich das ablehnen würde … Ja, danke.“

Na gut, ein kleiner Sieg. Ich streife meine Sneaker über und grabsche die Autoschlüssel aus der Schale, bevor sie es sich anders überlegen kann, dann folge ich ihr stumm zum Auto.

Die ersten fünf Minuten der zwanzigminütigen Fahrt hole ich ein paar Mal Luft, doch sie schneidet mir jedes Mal mit eine Geste das Wort ab. Also bringe ich den Weg in zähneknirschendem Schweigen hinter uns. Am Fuß des Lagerbergs will sie mich zum Anhalten bewegen, um den Rest zu Fuß zu gehen, doch ich ignoriere sie stoisch, was mir nur fair erscheint. An der letzten Biegung, bevor das Tor in Sicht käme, fahre ich rechts ran.

„Ich meine es ernst mit der Versetzung“, spricht sie die Mittelkonsole an. „Egal wohin. Ein Zugtausch zumindest, so schwer kann das nicht sein.“

„Egal wohin?“, frage ich und kann die Spur Verletzung wohl nicht ganz aus meiner Stimme verbergen, denn sie sieht mich beinahe entschuldigend an. Doch zu schnell wird ihr Blick wieder kalt.

„In eine andere Teilstreitkraft, wenn es sein muss“, präzisiert sie trocken.

Das sollte eine Beleidigung sein, aber alles, was ich fühle, ist Schmerz. Sie ist fertig mit mir.

„In Ordnung.“ Ich nicke und blicke mit einem Schlucken durch die Windschutzscheibe. „Es tut mir leid, wenn ich … Dass ich … Alles.“

„Das muss es nicht.“

Ich werfe ihr einen zweifelnden Seitenblick zu.

Ihr Mundwinkel heben sich schwach und sie zuckt mit den Schultern. „Du steckst gerade in einer miesen Situation. Ich kann verstehen, dass du … Naja. Eigentlich verstehe ich gar nichts davon, weil ich von dem ganzen Beziehungskram keine Ahnung hab. Aber ich hoffe, dass Laura und du … Dass ihr das hinkriegt. Egal, wie es schlussendlich ausgeht. Nur dass du am Ende glücklich …“ Sie räuspert sich. „... zufrieden bist? Froh? Keinen Plan. Dass es dir gut geht mit dem, was rauskommt, meine ich. Das wünsch ich dir.“

Vollkommen überrumpelt von dieser versöhnlichen Note, die sie anschlägt, fällt mir nicht anderes ein als ein „Danke“.

Sie versucht ein zaghaftes Lächeln. Dann steigt sie aus. „Herr Leutnant“, nickt sie. Mit diesen zwei Worten wirft sie dir Tür zu und marschiert davon.

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Die nächsten Wochen vergehen schleppend, eine quälend langsamer als die andere. Laura ist nach jedem Wochenende in Thüringen besser gelaunt als zuvor, während ich direkt proportional dazu unleidlicher werde. Ich merke, was passiert, ich kenne die Gründe dafür, aber ändern kann ich es nicht.

Unteroffizier Schwarz – und dieses Mal bleibe ich dabei, das schwöre ich mir – ist zu einem Fremdkörper in meinem Zug geworden, den ich operativ entfernen will. Nur sträubt sich der Apparat. Der Spieß ist erst im Urlaub, dann krank zuhause. Seine Vertretung will keine Versetzungen genehmigen, obwohl ich mit dem Kompanieführer und auch dem Oberleutnant vom anderen Zug gesprochen habe, der die Dolmetscherin liebend gern haben würde. Aber ohne den Spieß geht nichts. Also ist sie hier. Jeden Tag. Am Rand meines Blickfelds, wie ein dumpf pochender Zahn, den man ignorieren kann, solang man beschäftigt ist. Doch sobald alle Ablenkung verschwindet, ist es, als bohren sich Nadeln in den Schädel. Dass es November wird, dann langsam aber sicher Dezember, macht es nicht besser.

Ich habe meine obligatorischen drei Wochen Urlaub zwischen den Jahren eingereicht, die wie die Male zuvor fraglos durchgehen. Das ist das einzige, was mir ein wenig Seelenfrieden beschert. Zumindest war der seit einer mittlerweile gefühlten Ewigkeit abwesende Spieß wohl so gnädig, seinem StellV zu stecken, dass es für alle Beteiligten von Vorteil ist, wenn ich um die Weihnachtszeit überall bin, nur nicht hier.

Der erste Schneefall legt sich wie Blei auf meine Schultern. Es ist eine beklemmendes Gefühl, miterleben zu müssen, wie die Kälte von draußen in die eigenen Glieder kriecht. Zu Beginn ist es eine scheinbar rein körperliche Sache. Ich weiß inzwischen, was ich zu erwarten habe, bin mit dem Symptomen vertraut, weswegen ich die Progression mitverfolgen kann: wie sich meine Muskulatur zunehmend verspannt, meine Schritte schleppender werden. Ich registriere, dass ich auf Ansprache meiner Gruppenführer immer langsamer reagiere, meine Sprache verwaschener wird. Zuletzt sind es die Finger, die klamm werden, bis es mir schwerfällt, auch nur einen Kugelschreiber zu halten.

Doch das ist nur der Anfang. Es ist mein Kopf, der irgendwann zumacht. Die Phase beginnt wie jedes Jahr damit, dass ich mich immer wieder dabei ertappe, wie ich starr an meinem Schreibtisch sitze und vor mich hinglotze, obwohl ich Berichte schreiben sollte. Für eine Weile kann ich mich noch zur Ordnung rufen, indem ich fest den Kopf schüttle und mich wieder an die Arbeit mache.

Doch dann stellen sie die Christbäume auf.

Ich hasse sie. Die Girlanden, die sie um die Geländer im Treppenhaus schlingen. Die Lichter die sie aufhängen. Die elenden, beschissenen, verfickten Christbäume, die sie in meinem Block, im Speisesaal und an der Wache aufbauen. Der schlimmste von allen? Das monströse vier Meter hohe Ding mitten auf dem Exerzierplatz, der von jedem Fenster dieser beschissenen Kaserne aus zu sehen ist. Eine Nordmantanne, über und über behängt mit glitzernden Lichtern, Kugeln von jeder Kompanie, und die Frauen geben ihren Männern auch noch irgendwelchen Kram mit, von dem sie wahrscheinlich hoffen, dass er endlich mal kaputt geht, dazu kommen die Ornamente der belgischen Partnerstadt Tornhout und alle möglichen Gehänge von sämtlichen befreundeten Kompanien, jeder nächstes Jahr abgewählte Lokalpolitiker hängt was Buntes dran, und zuletzt die Opfergaben irgendwelcher „Gemeinsam stark mit unseren Soldaten“-Fanclubs, bis der Baum aussieht wie ein überladener, jeden Augenblick unter dem eigenen Gewicht in sich zusammenbrechender Kackhaufen, und das ist endlich der Moment, in dem ich meinen Kram packe, alles, jeden persönlichen Fitzel, und heimfahre.

Weihnachten. Fick diese Scheiße.

Ich bin froh, dass Laura offensichtlich noch auf der Arbeit ist, denn das Haus ist komplett dunkel. Ohne Licht zu machen, abgesehen vom Bewegungsmelder im Hof, schleppe ich meine Kampftragetasche ins Haus. In der Waschküche kippe ich sie aus und trete den Inhalt in Richtung Waschmaschine. Morgen. Oder übermorgen. Oder nie. Mir egal.

Die Uniform, die ich noch trage, will ich mir am liebsten vom Leib reißen. Doch ich beherrsche mich.

Das hier – und das weiß ich aus den Jahren zuvor – ist auf absehbare Zeit der letzte Moment, in dem ich noch entfernt ich selbst bin. Sobald ich in meinem Bett liege, werde ich mich zur weiteren Verwahrung abgeben. Das will ich nicht, mit Sicherheit nicht, denn das, was kommt, nachdem ich mich erst einmal in meine Decke eingerollt habe, will niemand erleben, weder ich noch irgendwer sonst. Aber es wird passieren. Ich kann es nicht aufhalten. Zu tief bin ich bereits in diesen Zustand versunken, der mich unaufhaltbar weiter in die Tiefe reißen wird.

Das zu wissen, macht es, glaube ich, noch grauenhafter. Mir ist bewusst, wo ich gleich hingehe. Was mir bevorsteht. Aber ich kann nicht anders. Kann es nicht aufhalten. Ich höre das Knurren des schwarzen Hundes, und wenn ich mich nicht auf den Rücken rolle und ihm den Bauch zudrehe, zerfleischt er mich vielleicht.

Deshalb öffne ich meine Feldbluse. Denke bei jedem Ploppen der Druckknöpfe an Andy, Michi, Kai und Danny. An die Männer, deren Namen ich nicht einmal kannte. Der Stoff raschelt zu Boden, und ich beiße die Zähne zusammen. Die Hose folgt, dann das Shirt, das ich mir einmal mehr von der Brust rupfen will, es aber doch nur über den Kopf ziehe. Zuletzt stehe ich in Unterwäsche im Keller und friere. Was sich richtig anfühlt. Sie liegen alle in kalter Erde. Warum sollte es mir anders gehen.

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Ich mag Weihnachten. Seit ich einen bequemen und gesellschaftlich akzeptablen Weg gefunden habe den Feierlichkeiten zu entgehen, mag ich Weihnachten. Wenn du beim Bund bist, ist es so einfach. Drei magische Worte: Ich hab Wache.

Die Kameraden sind dir so verfickt dankbar, wenn du ihnen den Dienst am Heiligabend abnimmst, dass es schon fast keinen Spaß mehr macht. Man kann ihnen alles Mögliche aus den Rippen leiern: zwei bis vier Wochenenden im Gegenzug, je nach familiärem Druck; Silvester sogar, oder einfach nur einen Gefallen für wann auch immer. Wer weiß, vielleicht braucht man irgendwann mal eine Niere. Ich nehme alles, solang ich dafür nur die Wache am Vierundzwanzigsten schieben darf. Es gibt nichts, das mir so großen Seelenfrieden verschafft, wie meiner Mama am Telefon sagen zu dürfen, dass ich leider nicht kann, weil Dienst.

Natürlich haben meine Eltern längst gecheckt, dass ich es jedes – jedes – jedes Jahr so deichsle, aber das ist deren Problem. Ich streife mir gerade quietschfidel die Uniform über.

Mein Frohsinn findet jähen Abbruch, als mir auf dem Flur der Spieß fies grinsend entgegenkommt. „Schwarz! Sie haben das große Los gezogen.“

Fick mich. Das kann nichts Gutes sein.

„Thomann übernimmt die ersten paar Stunden Ihrer Wache“, feixt er. „Ihre geschätzte Gegenwart wird im Offizierheim erwartet.“

Okay, das klingt jetzt nicht sooooo schlimm. „Warum?“

„Politik.“

Ich stöhne laut.

Der Spieß lacht nur. „Lächeln und winken, Frau Unteroffizier. Das kriegen Sie schon hin, und danach dürfen Sie sich ans Tor stellen. Na, kommen Sie.“

Pflichtschuldig folge ich ihm hinüber ins Stabsgebäude, wo bereits einiges an Lametta versammelt ist, und damit meine ich nicht die weihnachtlichen Dekorationen. Etliche hochrangige Köpfe über golden glänzenden Schultern drehen sich zu mir um, und ich will bei den Augen, die an mir auf und ab wandern, am liebsten kotzen. Na toll, ich bin Quotenfleisch. Es ist so auffällig, dass sie ziemlich jede Frau, die sie auf dem Lagerberg finden konnten, hierherbefohlen haben, denn mit einem schweifenden Blick durch den Raum entdecke ich zwei der vier Mädels aus der Offizieranwärter-Kompanie, außerdem Frau FJ Jörgen von den Feldjägern und die Oberärztin aus dem San-Block. Ich schließe mich den beiden weiblichen OAs an, die sichtlich erleichtert über mein Auftauchen sind.

Schräg. Zu Schulzeiten hätten die beiden mich nicht mit dem Arsch angeschaut. Schneider und Schmidt sind von der Sorte Mädels, die im Gymi ihre Clique um sich geschart und sie angewiesen hätten, mich zu schneiden. Hier suchen sie meinen Schatten, weil sie eins, zwei Dienstgrade niedriger sind, trotz der silbernen Kordeln. Ich kann das Naserunzeln nicht ganz unterdrücken. Aber sie sind Kameraden, also werde ich einen Teufel tun, alte Minderwetigkeitskomplexe zu kompensieren. Ich unterhalte mich mit den beiden und winke auch die etwas abseits stehende, deprimiert dreinblickenden Frau Fahnenjunker herbei, da höre ich meinen Namen durch den Raum schallen.

Doch es war nicht meine Wenigkeit die angesprochen wurde. Generalmajor Dietz strebt auf den Mann zu, der soeben den Raum betreten hat. Mir sackt das Blut in die Kniekehlen, als ich sehe, wie der General den erschienenen Landrat herzlich begrüßt.

Na toll. Toll, toll, toll. Fuck.

Mit zusammengebissenen Zähnen sehe ich zu, wie der Mann die Runde macht, Hände schüttelt, Schultern klopft und die eigenen geklopft kriegt, um schließlich in einem immer enger werdenden Kreis auf mich zuzusteuern. Ich pflastere ein hoffentlich erfreut wirkendes Lächeln auf mein Gesicht und umarme ihn pflichtschuldig unter all den auf uns gerichteten Augen. „Hallo, Papa.“

Er löst sich, hält mich aber an den Oberarmen fest. „Mein Mädchen. Überraschung!“

„Ja-ha“, lache ich bemüht zurück. Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Kamera und drehe den Kopf weg. Die Fotografen von der Provinzzeitung sind absolute Amateure, und diesen Moment völliger Überrumpelung will ich nicht in der Mainpost sehen. Nope. „Überraschung, in der Tat“, gebe ich trocken zu. Als ich mir der erwartungsvollen Blicke des Stabs bewusst werde, lege ich etwas mehr Enthusiasmus in meine Stimme. „Wie schön, dass du ...“ Ich muss mich räuspern. Fuck, was soll ich sagen? „... deinen Weihnachtsabend … äh … opferst. Für uns. Also, um hier zu sein. Mit uns." Ich stammle ohne Ende, ahnungslos, was er hören will.

Mein Vater dreht sich ein wenig zur Seite, in Richtung der Journalisten. Er spult ein paar gut zurechtgelegte Phrasen ab, von wegen Bundeswehr und Dienst und dass man uns Respekt zollen muss wegen dem Dienst – wenn er das Wort nochmal sagt, werde ich das Augenrollen nicht mehr unterdrücken können – und überhaupt, wir sind die Säulen der Gesellschaft. Ich beiße die Zähne zusammen und grinse, als er den Arm um meine Schultern legt und ein Leuchtfeuer an Kamerablitzen über uns niedergeht.

Meine Hand bestimmt in seine Ellenbeuge drapierend, führt er mich zu den Tischen hinüber, wo ich mich neben ihm auf einen Stuhl dirigieren lasse. Zu beiden Seiten nehmen Stabsoffiziere Platz, ich finde mich dem zweiten Bürgermeister gegenüber, und neben ihm lässt sich ein Mann nieder, der, wenn mich nicht alles täuscht, irgendeinen kleinen Posten im Bundestag innehat.

Scheiße, so hab ich mir meine Wache wirklich nicht vorgestellt.

Mit einem gefälligen Lächeln auf die Lippen gepflastert, übe ich mich für den Rest des Abends in höflichem Geplänkel, während mein Vater stolz wie Oskar neben mir sitzt. Ich weiß nicht, ob das seine öffentlichkeitstaugliche Maske ist oder ob er wirklich glaubt, mir hiermit einen Gefallen zu tun. In jedem Fall spiele ich mit, so gut ich kann, und zwinge das Drei-Gänge-Menü hinunter, gefolgt von etlichen Runden Schnaps für die Herrschaften, die der diensthabende OG bei meinem flehentlichen Blick dankbarerweise an mir vorbeigehen lässt. Nach einigen Stunden ist meine Toleranz für den Altherrencharme, der mir entgegenschlägt, jedoch erschöpft, und ich kaue schon auf den Innenseiten meiner Wangen, weshalb ich den Spieß am liebsten umarmen will, als er mich kurz vor Mitternacht herrlich lautstark daran erinnert, dass ich Thomann ablösen muss. Guter Mann.

Ich bin fast im Treppenhaus, da höre ich, in strengem Ton, meinen vollen Vornamen über den Flur schallen.

„Alexandra.“

Mein Gesicht will in sich zusammenfallen, mitsamt der Schultern. Doch ich straffe mich, Visage und alles, und drehe mich um.

Mein Vater kommt auf mich zu. Der leutselige Landrat ist nirgends mehr zu sehen. Stattdessen finde ich mich wohlbekanntem personifiziertem Missfallen gegenüber.

„Nächstes Jahr will ich nicht hier auftauchen müssen, um dich an Heiligabend zu sehen. Haben wir uns verstanden?“ Er muss nicht einmal die Hände in die Hüften stemmen.

Ich nicke verzagt.

„Gut. Denn ich hätte heute wirklich besseres zu tun als ...“ Er wedelt abfällig mit der Hand herum. „Also ehrlich. Familie ist doch wichtiger als dieses Zeug.“

Als dieses Z... Ich muss mich ernstlich zusammenreißen, um nicht geradeheraus zu fragen, was genau er bitte meint. Stattdessen nicke ich einmal mehr und lächle dabei friedfertig bis über beide Backen. Gleich krieg ich einen Krampf davon.

„Und ruf deine Mutter an! Das ist doch das mindeste, wenn du es schon nicht nötig hast, dich mal daheim blicken zu lassen.“

„Ja Papa“, quetsche ich hervor.

Er schnaubt. „Gut. Also dann. Ich muss wieder an die Arbeit.“

Was folgt, ist eine ungelenke Umarmung. Er tätschelt mir ein bisschen die Schulter, während ich die Wange an seine drücke. Zum Glück ist das schnell vorbei. Er macht ein mürrisches Geräusch, das wohl eine Verabschiedung sein soll, bevor er sich umdreht und wieder in der Messe verschwindet.

Ich stehe noch eine Weile so da, mit dem vertrauten Geruch des Afterashaves meines Vaters in der Nase, der aus irgendeinem unerfindlichen Grund in einem hinteren Bereich meines Hirns immer noch mit Daheim und Geborgenheit assoziiert ist, und diesem Gefühl von absoluter Unzulänglichkeit, das mich in Rage zu versetzen droht, wenn ich nicht sofort auf dem Absatz kehrt mache, um Thomann heimzuschicken und meine Wache zu übernehmen.

 

Kommentar(e)

Der auch schon mal mitten im Buch die letzte Seite liest, weil er wissen will wie's ausgeht.

Vor allen Dingen wenn sich im Mittelteil ein Beziehungsdrama etwas zieht. Und Beziehungsdramas sind nicht so wirklich mein Ding. Ja ich weiß, ich bin halt ungeduldig.

Das ganze Drama war ja auch nicht überflüssig, wir haben in diesem Teil eine ganze Menge über die Hauptfiguren erfahren, aber trotzdem... so langsam hätte ich gerne einen Eindruck wohin die Reise gehen soll.

Liebe Loreley,

ich liebe deine Geschichte. Ich liebe alle deine Geschichten! Diese hier ist wieder einmal wunderbar geschrieben, die Figuren sind lebendig und lebensnah, und die Handlung lässt mich jedes Mal der nächsten Folge entgegenfiebern. Ich hoffe einerseits, dass uns Alex und Hendrik noch möglichst lange erhalten bleiben, andererseits merke ich, dass ich allmählich auch ein bisschen mit den Füßen zu scharren beginne, angesichts der anhaltenden Komplikationen, die sich zwischen den beiden entspinnen. Immer wenn ich gerade denke, dass sie jetzt aber mal endlich über den Berg sind, kommt ein neues Missverständnis, ein neuer Konflikt, eine neue Entfremdung. Und Alex' supermieses Selbstwertgefühl lässt mich schon hie und da mit den Augen rollen. Ich schließe mich mmmgeschichten an: Eine gewisse lineare Weiterentwicklung, anstatt der sich mehr oder weniger wiederholenden Beziehungsdramen würde ich begrüßen. (Obwohl diese sich ständig wiederholenden Beziehungsdramen ja sehr nah am wahren Leben dran sind. Wie heißt es doch so schön: "Sich eine Partnerschaft aussuchen heißt, sich dauerhafte Probleme aussuchen.")

Liebe Grüße,

Campanula