Von Fehlern und Fassaden 13

 

Mark

Ich bringe den Freitag im Autopilot hinter mich. Eh nicht wirklich was zu tun außer ein bisschen Revierreinigung und die üblichen Strafarbeiten, die mir der Stellv aufgedrückt hat, weil er mich hasst. Sie sind zügiger erledigt, als der Wichser gehofft hatte. Keine Minute nach dem regulären Dienstschluss sitze ich im Auto und bin unterwegs zu Kathas Arbeitsplatz.

Vor dem Altenheim beobachte ich das Kommen und Gehen von Angehörigen. Die Menschen jedes Geschlechts und Alters, die mit Blumensträußen bewaffnet durch die Drehtür ins Gebäude marschieren, machen mich missmutig. Aus einem Impuls heraus steige ich aus dem Auto und gehe durch den Vorgarten. Niemand nimmt Notiz von mir, weder die Zivilisten, die Senioren in Rollstühlen herumschieben, noch der eine Pfleger, der sich direkt vor dem Eingang mit einer Frau unterhält. Völlig unbehelligt betrete ich das Foyer, von dem eine Treppe nach oben führt. Es gibt nicht mal einen Empfang, an dem man sich anmelden müsste.

Meine Theorie testend, nehme ich zwei Stufen auf einmal. Auf dem ersten Stock komme ich an weiteren Pflegekräften vorbei, die mich höchstens beifällig grüßen, ehe ich vor dem Schwesternzimmer stehe, oder wie man den Glaskasten nennt, in dem ich Katha entdecke. Sie ist über die Schulter einer Kollegin gebeugt und macht wohl gerade Übergabe. Ich klopfe nicht an die Scheibe, sondern gehe einfach weiter den Flur hinunter. Die Türen zu etlichen Zimmern stehen offen, die Betten darin leer oder von vor sich hindämmernden Menschen belegt. Ich sehe Trinkgefäße auf Nachttischen, persönliche Gegenstände wie Handys, Mäntel in greifbarer Nähe, alles unbewacht, unbeobachtet. Ich könnte dem Mann in Windeln, der seine Decke weggestrampelt hat, die Insulinpumpe aus dem Bauch ziehen.

Meine Ausbildung, in Verbindung mit den Enthüllungen der letzten Tage, lässt mich alles durch paranoische Augen betrachten – und ich bin entsetzt.

Ich kehre zu dem Glaskasten zurück. Durch die Scheibe beobachte ich die beiden Frauen.

„... Frau Kessler kriegt also jeden Mittag und Abend zwei Mi... Mark!“ Katha lacht erfreut auf, als sie mich erblickt. Ich lächle angestrengt zurück, während sie zwischen mir und ihrer Kollegin hin und her gestikuliert. „Heike, das ist Mark, mein Freund.“

Die ältere Frau springt auf, um mir enthusiastisch die Hand zu schütteln. „Na, von dir haben wir schon so einiges gehört!“, feixt sie. Ich grinse wie immer und zwinkere. „Nur Gutes, hoffe ich.“

Heike wird ein bisschen rot und kichert. Katha bedeutet mir, dass sie noch eine Minute brauchen, und lotst ihre Kollegin zum Schreibtisch zurück. Ich stehe auf dem Flur Wache, bis sie sich verabschieden.

„Du hättest nicht raufkommen müssen, Babe“, begrüßt sie mich mit einem Kuss auf die Wange.

Ich grummle nur und folge ihr nach unten. Im Auto warte ich, bis sie sich angeschnallt hat, dann starte ich den Motor. „Hat Alex sich inzwischen gemeldet?“

Sie schüttelt mit einem unglücklichen Gesicht den Kopf. Verdammt.

Wir bringen die Hälfte der Strecke hinter uns, bevor ich die seltsame Stille, die uns befallen hat, nicht mehr aushalte. Außerdem muss ich sie briefen. „Babe, die Situation, in die ich dich gleich reinmanövriere, wird nicht die rosigste sein. Hendrik ist … Wenn er in dieser Phase …“ Ich schnaube, weil ich nicht weiß, wie ich es beschreiben soll. „Er liegt seit über einer Woche im Bett und hat seitdem nicht mehr geduscht, also …“

Katha sieht mich vom Beifahrersitz aus aufmerksam an, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich mich endlich zusammenreiße. „Was genau ist mit ihm los? Ist er bipolar?“

„Nein, nein, das gar nicht“, wiegle ich ab. „Nichts so dramatisches. Aber er hat eine Art … saisonale Depression? So hat er es mal genannt. Jedes Jahr um die Weihnachtszeit fällt er für ein paar Wochen in ein Loch, und das geht auch wieder vorbei, aber währenddessen ist er halt … nicht da. Er steht dann nicht aus dem Bett auf, isst und trinkt nichts und starrt nur vor sich hin. So ungefähr.“

Ihre Augenbrauen klettern bis unter ihren Pony. „Nichts so drama...“ Sie japst theatralisch nach Luft. „Das ist so ziemlich die Definition von dramatisch, Mark! Das ist eine schwere klinische Depression aus dem Lehrbuch.“

Ich knirsche mit den Zähnen. „Er kriegt sich immer rechtzeitig wieder in den Griff.“

„Rechtzeitig wofür?“

„Bis er wieder zum Dienst muss.“

„Muss? Soll das heißen, er ist nicht krankgeschrieben in der Zeit?“, fragt sie ungläubig.

Ich schnaube abfällig. „Er kann damit nicht zum Arzt gehen, Babe. Die schmeißen ihn raus.“

„Er ist doch Offizier, oder?“, fragt sie verwirrt. „So wie ich das verstanden habe, ist er für 12 Jahre verpflichtet.“

„Das ist kein Freibrief. Wenn der Bund dich für Ballast hält, wirft er dich ab.“

Das lässt sie verstummen, bis wir auf den Hof abbiegen.

Auf mein Klingeln reagiert niemand. Nach einem Blick auf die Uhr stelle ich das Stirnrunzeln ein. Es ist noch nicht mal drei, Laura ist mit Sicherheit noch auf der Arbeit. Also hole ich mir den versteckten Schlüssel und verschaffe uns damit Einlass.

Das Haus ist bis auf das leise Summen des Kühlschranks still wie ein Grab. Ich führe Katha nach oben, wo ich vor Hendriks Tür kurz innehalte. „Du kannst es dir noch anders überlegen, wenn dir das zu viel ist.“

Sie deutet nur ein Kopfschütteln an und drückt meine Hand. Also gehe ich voraus.

Statt der erwarteten Dunkelheit empfängt uns der gedimmte Schein der Nachttischlampe. Überrascht sehe ich zum Bett – das leer ist. Der Anblick weckt eine Spur Hoffnung in mir, die jedoch schnell von Beklemmung verdrängt wird. Laura ist nicht da. Hat er das ausgenutzt, um …? Hastig drücke ich auf den Lichtschalter. Die plötzliche, gleißende Helligkeit wird mit einem Stöhnen quittiert.

Ich stürze zu Hendrik, der zusammengekauert an der Tür zum Badezimmer lehnt. Seine Hände sind eiskalt, als ich nach ihnen greife, um die Innenseiten der Gelenke … Unversehrt. Ich muss zwei Herzschläge lang tief durchatmen, bis ich mich beruhige. Sein Puls ist regelmäßig, wenn auch viel zu schnell.

Katha geht neben mir in die Hocke und legt behutsam zwei Finger an seinen Hals. „Hallo Hendrik. Ich bin Katharina. Kannst du mir sagen, wie es dir geht?“

Er versucht den Kopf zu heben, doch die Schläfe prallt kraftlos zurück gegen das Türblatt. Das Kinn fällt auf die Brust. Seine aufgesprungenen Lippen öffnen sich ein wenig. „Wollte … Bad. Eingeknickt.“ Die wenigen Worte sind kaum zu verstehen. Katha scheinen sie jedoch zu reichen.

„Okay Hendrik. Das macht nichts. Du bist gerade ein bisschen schwach, deswegen ist das ganz normal. Wir – Mark und ich – sind da und helfen dir, in Ordnung?“

Er murrt nur und sackt noch ein wenig mehr in sich zusammen.

Katha sieht mich an. „Gibt es eine Badewanne?“ Sie ist völlig unbeeindruckt von dem Häufchen Elend. Stattdessen hat sie in eine professionelle Miene aufgesetzt, die ich noch nicht von ihr kenne. Das hat einen seltsamen Effekt auf mich. Statt in den Soldatenmodus und damit in Aktionismus zu verfallen, wie ich es eigentlich will, überkommt mich eine eigenartige Ruhe.

„Ich glaube, in Lauras Bad ist eine.“

„Sehr gut.“ Sie stemmt sich auf ein Knie und schiebt den linken Arm unter Hendriks Achsel. „Pack mit an.“

Gemeinsam hieven wir ihn auf die Beine, die ihn kaum tragen. Also bugsieren wir ihn mit vereinten Kräften auf den Flur und hinüber in das andere Schlafzimmer. Auf halbem Wege wird mir bewusst, dass Katha wahrscheinlich nichts von Laura weiß und Gott weiß was für Schlüsse ziehen wird, aber das ist im Moment nicht wichtig. Außerdem konzentriert sie sich völlig darauf, Hendriks träge Masse an dem ausladenden gusseisernen Bett mit den spitzen Pfosten und scharfen Kanten vorbeizumanövrieren, um ihn unbeschadet in das große Bad zu bringen, wo wir ihn vorsichtig auf dem Rand der Wanne absitzen lassen.

Er kann sich nicht selbst halten. Ich klemme ihn mir unter den Arm, damit er nicht wegsackt, während Katha ohne Umschweife dazu übergeht, ihm das Shirt auszuziehen.

„Ähm … Was hast du vor?“, frage ich unsicher.

Sie sieht nur kurz zu mir auf. „Wir multitasken. Sobald er in der Wanne ist, fährst du zur Apotheke und besorgst Infusionen. In der Zwischenzeit bringe ich seine Körpertemperatur hoch und wasche ihn auch gleich.“

„Was?“

„Er ist eiskalt, Mark. Wer weiß, wie lang er dort saß. Unterversorgt und dehydriert wie er ist, hatte sein Metabolismus keine Chance, ihn warm zu halten.“

„Du kannst ihn nicht … Ich meine ...“

„Das ist mein Job. Ich mache das jeden Tag. Also sorg dich nicht um meine oder seine Ehre, sondern schreib dir auf, was wir brauchen.“

Zögernd beobachte ich, wie sie ihn restlich entkleidet und, ohne meine alibimäßige Hilfe zu benötigen, in die Wanne verfrachtet. Sobald sie eine Hand frei hat, schnippt sie ungeduldig mit den Fingern. Ich hole das Handy raus und notiere, was sie mir diktiert. Dann mache ich mich auf den Weg, nicht ohne einen letzten verunsicherten Blick über die Schulter zu werfen. Sie ist gerade dabei, mit dem Handrücken die Temperatur des Wassers aus der Brause zu prüfen. Erst als sie zufrieden scheint, lässt sie den ersten Tropfen seine Haut berühren.

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Mark

Als ich zurückkomme, steht Lauras BMW im Hof. Oh, oh. Ich sprinte die Stufen hinauf, durch den Flur und das Esszimmer, hoch in den ersten Stock, wo die Tür zu ihrem Schlafzimmer weit offensteht. Dass ich kein Gekeife höre, beruhigt mich, wenn auch nur minimal.

Hendriks Anblick, wie er in einen Bademantel eingewickelt vor der Wanne hockt, den Kopf an die Beine seiner Frau gelehnt, die auf dem Rand sitzt und ihm das Haar streichelt, macht mich fertig. Katha kniet vor ihm und flößt ihm mit einem Zahnputzbecher kleine Schlucke Wasser ein. Scheiße, ich … Ich kenne das ja, ich bin es schon fast gewohnt aus den letzten Jahren, weiß, wie tief er sinken kann. Aber ihn so zu sehen, am Boden und auf die Hilfe der beiden Frauen angewiesen, bricht mir irgendwie fast das Herz.

Kathas Blick gibt mir den Rest. Sie lächelt mir entgegen, aber in ihren Augen steht das blanke Entsetzen. Sie fragt sich bestimmt, wo sie hier reingeraten ist und wie sie da schleunigst wieder rauskommt. „Hey Babe, gut dass du wieder da bist. Wir haben uns ehrlich gesagt nicht getraut, ihn ohne dich runterzuschaffen.“

„Runter?“

„Ins Esszimmer“, präzisiert Laura. „Hi Mark.“

„Hi. Äh … Wieso ins Esszimmer?“

„Weil er etwas essen muss“, gibt Katha knapp zurück, und ihr Ton verrät mir unmissverständlich, dass ich keine Fragen stellen soll. Okay, dann halte ich den Mund.

Sie winkt mich heran, und Laura rückt ein Stück ab, damit ich unter Hendriks Achseln hindurchgreifen und ihn auf die Beine ziehen kann. Er sackt gegen mich, fängt sich aber kurz darauf ein bisschen. „Sorry“, murmelt er leise.

„Vergiss es, Kamerad. Dafür bin ich da.“

Katha will mit anpacken, aber es ist für mich leichter, ihn allein die Treppe hinabzumanövrieren. Außerdem scheint er tatsächlich ein bisschen Kraft zurückgewonnen zu haben; zumindest hängt er nicht mehr wie ein nasser Sack von meiner Schulter und setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Auf halbem Wege verlassen ihn jedoch die Geister, und ich muss ihn mehr oder weniger zum Tisch schleifen. Er fällt fast in sich zusammen, als ich ihn auf den Stuhl ablasse, den Katha hervorgezogen hat. Aus dem Treppenhaus schleppt Laura einen sechsarmigen Kleiderständer heran, den sie hinter Hendrik abstellt. Nachdem ich meine Apothekeneinkäufe ausgehändigt habe, wird mir auch klar, wofür er dienen soll. Der Infusionbeutel wird daran aufgehängt, und Katha legt Hendrik einen Zugang.

„Damit wird es dir zügig besser gehen, aber es ist wichtig, dass du auch ein paar Bissen isst, okay?“

Laura ist offenbar instruiert, denn sie hat aus der Küche eine Banane geholt, die sie schält und in sehr, sehr kleine Stücke schneidet. Hendrik sieht ihr dabei unter hängenden Lidern zu, bevor er beschämt zur Seite blickt.

Katha ist fertig damit, den Tropf einzustellen. „Willst du ihm das Essen eingeben? Dann such ich ein Paar ...“

„Nein, nein, das, äh, ich hol die Socken.“ Wie verbrannt lässt Laura die Gabel auf den Teller fallen. „Bin gleich wieder da.“ Sie verschwindet nach oben. Was war das denn?

Katha sieht ihr unter gerunzelten Brauen nach, dann setzt sie sich neben Hendrik und macht sich daran, ein Stück Banane aufzuspießen. „Ich weiß, dass sich das gerade ziemlich demütigend anfühlt, aber dafür gibt es keinen Grund. Du bist eben krank, wie wenn du die Grippe hättest, und da würdest du dich auch betüddeln lassen, oder?“

Hendrik grummelt. Ein Arm hebt sich lahm, er will nach dem Teller greifen, doch die Hand fällt kraftlos auf seinen Oberschenkel zurück. „Fuck.“ Zumindest diese eine Wort kommt mit ein wenig Nachdruck.

„Iss, Mann. Pflicht zur Gesunderhaltung. Du bist weiß wie die Wand“, versuche ich es.

Er rollt mit den Augen. Aber schließlich deutet er ein Nicken an und öffnet den Mund einen Spalt breit. Na also.

Ein paar Bissen später muss Katha jedoch bereits aufgeben, denn er presst die Lippen zusammen. Sie lächelt verständnisvoll. „Den Rest gibt es nachher.“ Sie legt die Gabel ab, und Hendrik überrascht mich, indem er ihr Handgelenk kurz drückt. Ein leises „Danke“ kommt von ihm.

„Gern geschehen.“

Wir verfallen in betretenes Schweigen. Hendriks Kopf droht wegzurollen, doch sie ist schnell zur Stelle und stützt ihn. „Mark, aufs Sofa?“

Ich nicke und verfrachte meinen Freund ein paar Meter weiter, während die Frau, mit der ich seit ein paar Wochen schlafe, den Kleiderständer mit der Infusion hinter uns herträgt. Die Situation ist so bizarr. Katharina sollte nicht hier sein. Sie sollte sich diesen Scheiß nicht ansehen müssen. Trotzdem bin ich unendlich dankbar für ihre Anwesenheit und ihren kühlen Kopf. Das hätte auch anders ausgehen können, wäre ich heute allein hier aufgetaucht. Vielleicht wäre Hendrik umgekippt, weil ich nicht daran gedacht hätte, ihn aufzuwärmen. Dann hätte ich einen Krankenwagen rufen müssen – und die ganze Scheiße wär aufgeflogen.

„Sie wollte nicht, dass …“ Hendrik räuspert sich schwach. „... du in die ... Schlafzimmer...schränke guckst.“

„Hm?“, machen Katha und ich gleichzeitig.

„Deswegen … ist Laura … hochgerannt.“

Katha lacht leise. „Okay, versteh ich.“

In dem Moment kommt die geflüchtete Frau mit frischen Jogginghosen, einem Kapuzenpulli, Unterwäsche und einem sehr dicken Paar schwarzer Socken mit rosa Sternen zurück. Sie legt den Stapel Klamotten auf dem Couchtisch ab. „Wie machen wir's?“

„Gemeinsam“, entscheide ich.

Nachdem er angezogen und in die Sofadecke gewickelt ist, bittet Laura uns, zum Abendessen zu bleiben. Ich werfe Katha einen kurzen Blick zu, um sie wortlos zu fragen, ob sie lieber gehen will, da hat sie die Einladung schon für uns beide angenommen. Weil der Koch des Hauses außer Gefecht ist, beschließen wir, uns drei Pizzen beim Italiener im Nachbardorf zu bestellen.

Sobald das Telefonat beendet ist, legt sich eine unangenehme Stille über die seltsame Runde. Hendrik sitzt zwischen Katha und mir auf der großen Couch, halb gegen mich gesunken, den Kopf zurückgelegt. Laura hat sich auf ihrem angestammten Sessel zusammengerollt und spielt gedankenverloren mit den Fransen des Schaffells.

Ich schaue von Laura, die ihren an meiner Schulter lehnenden Mann besorgt mustert, zu Katha, die mit leicht zusammengekniffenen Augen zwischen der anderen Frau und Hendrik hin- und hersieht, bis ihr Blick auf mir landet. Nüchtern zieht sie die Brauen nach oben.

„Laura?“, frage ich, ohne Kathas Starren auszuweichen.

„Hm?“ Sie schreckt beinahe auf.

„Ich würde Katha gern einweihen.“

„Oh.“ Laura blinzelt und schweigt einige Sekunden. „In was genau?“

Darüber muss ich ein wenig schmunzeln. „Katharina ist eine gute Freundin von Alex.“

„Ah.“

„Alex steckt in Schwierigkeiten ...“ An meiner Schulter rührt sich etwas. „... und Katha weiß, worum es dabei geht. Deswegen ist sie mit mir hergekommen, um ihn zu briefen.“

„Was für ...“ Hendrik bricht in trockenes Husten aus. Katha hält ihm das Wasserglas hin.

Laura nickt. „In Ordnung. Katharina, zuerst einmal danke für alles, was du heute getan hast. Das hätte niemand von dir verlangen dürfen.“

Katha winkt beifällig ab, während sie Hendrik hilft, sich wieder zurückzulehnen. „Hab ich gern gemacht.“

„Ich weiß es sehr zu schätzen. Ohne dich ...“

„... hätte das ziemlich in die Hose gehen können“, murmle ich.

Laura zeigt ein müdes Lächeln. „Um zum Punkt zu kommen: Hendrik und ich sind verheiratet.“

Katha stellt das Wasserglas sehr umsichtig auf dem Glastisch ab. Als sie sich wieder aufrichtet, ist ihr Gesicht zu einer kalten Maske gefroren.

„Alex weiß das“, beeile ich mich zu sagen.

„Ach ja?“

„Ja. Und ich weiß von Alex“, fügt Laura an. „Sie war schon über Nacht hier, wir haben zu dritt gemeinsam gefrühstückt, miteinander gesprochen und so weiter. Ich bin ebenfalls neu verpartnert. Aber all das ist im Moment nicht wichtig.“ Sie legt die blauen Augen, eben noch glasig und weit weg, scharf auf Katha. „Was für Schwierigkeiten?“

Ich übernehme die Einleitung. „Alex hat vor ein paar Tagen einen Blumenstrauß an die Kaserne geschickt bekomm...“

„Lass mich“; fällt Katha mir ins Wort. „Ohne lange Umschweife: Alex hat einen Psycho-Ex.“

Neben mir zuckt es. Laura runzelt die Stirn.

„Mit fünfzehn hat sie bei einem Ferienjob einen Kerl kennengelernt, mit dem sie was angefangen hat. Zuerst schien da alles okay, wenn auch ein bisschen schräg, weil sie so geheimnisvoll getan hat. Als wir ihn kennengelernt haben, wurde uns klar, warum, denn er war um einiges älter als sie. Zwanzig Jahre älter, um genau zu sein. Trotzdem, er war ein cooler Typ, hat ab und zu in unserer Stammkneipe einen mit uns getrunken, alles gut. Bis Alex eines Tages mit einem blauen Auge zur Schule gekommen ist. Sie hat uns eine Story aufgetischt, dass sie gegen eine Tür gelaufen wäre, blabla, wir haben es ihr mehr oder weniger abgekauft. Nur wurde es ab da immer schräger. Plötzlich hatte sie keinen Bock mehr, mit uns auf Feiern zu gehen. Wenn wir doch mal zusammen weg waren, hing sie dauernd am Handy und ist vor zehn verschwunden. In der Schule hat sie immer öfter gefehlt, obwohl es aufs Abi zuging.“

„Abi?“ Laura lehnt sich vor. „Du sagtest, sie war fünfzehn.“

„Das ging vier, fünf Jahre lang. Ich glaube, der Wichser war sogar schuld, dass sie die Zwölfte wiederholt hat. Jedenfalls wurde irgendwann klar, dass sie eigentlich aus der Beziehung rauswollte. Er hat sie total an sich gebunden, sie durfte nicht mehr mit uns weg, musste jeden Abend bei ihm antanzen. Wenn sie mal Zeit mit uns verbracht hat, hat er sie über das Handy kontrolliert oder ist irgendwann aufgetaucht und hat sie mitgenommen.“

"Warum sie nicht einfach Schluss gemacht?", murmle ich hauptsächlich zu mir selbst.

Die beiden Frauen werfen mir einen mitleidigen Blick zu. Was, bin ich dumm?

„Sie hat ihn all die Jahre vor ihren Eltern geheim gehalten, das war sein Druckmittel. Die wenigen Male, zu denen sie versucht hat, sich zu trennen, hat er Anstalten gemacht, bei ihr daheim aufzutauchen. Die Drohungen kamen immer an. Einmal muss er tatsächlich vor ihrem Haus gestanden haben und hat Alex eine SMS geschrieben, wie zutraulich ihre fette Katze ist.“

Okay, das muss gesessen haben.

„Aber irgendwann hat sie es doch geschafft, ihn loszuwerden, oder? Da er plötzlich aus der Versenkung auftaucht.“

Katha seufzt. „Als sie zum Bund ist und ab da quer über Deutschland stationiert war, hat er das Interesse verloren und sich eine andere gesucht.“

„Wie hat er erfahren, dass sie wieder in der Gegend ist?“ Laura hockt auf der Sesselkante, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und sieht Katha gebannt an.

„Kriegt ihr die Saale-Zeitung?“

Laura greift unter den Couchtisch und zieht aus einem Stapel Zeitschriften die letzten paar Ausgaben hervor.

„Die vom 27. Dezember. Hammelburger Teil.“

Sie muss nur einen Blick auf die erste Seite werfen, um blass zu werden. Ein Bild von Alex in Uniform, die unter dem um ihre Schultern geschlungenen Arm ihres Vaters gequält in die Kamera lächelt, nimmt die obere Hälfte ein. „Wie ungünstig."

„Jupp.“

Ich habe immer noch nicht ganz begriffen, was das eigentliche Problem ist. „Warum sagt sie ihm nicht einfach, dass er sie in Ruhe lassen soll? Was für ein Druckmittel hat er noch? Sie ist doch erwachsen.“

Laura zieht die linke Braue hoch. „Warum sagst du deinen Eltern nicht, dass sie sich aus deinem Leben raushalten sollen?“

Das lässt mich schlagartig verstummen und Laura einen bitterbösen Blick zuwerfen.

„Stell dir vor, du hättest deine Eltern jahrelang darüber angelogen, bei wem du jeden Abend warst“, sagt Katha leise. Sie zieht schuldig den Kopf zwischen die Schultern. „Wir haben ihr dabei sogar geholfen und ihr Alibis verschafft, wenn ihre Mutter misstrauisch geworden ist und uns gefragt hat, wer diese mysteriöse „Sina“ ist, mit der Alex so viel Zeit verbringt. So hat sie ihn gegenüber ihren Eltern genannt. Außerdem hat er uns auch irgendwie unterschwellig eingeschüchtert, indem er mal in der Eisdiele aufgetaucht ist, wo Manu gearbeitet hat, oder bei Hanna daheim angerufen hat, um sie auszufragen, wo wir letzten Abend waren, und so.“

Ich schüttle verständnislos den Kopf. „Klar hat euch das Angst gemacht, ihr wart Teenager und mit einem erwachsenen Mann konfrontiert. Aber jetzt? Sie könnte doch zur Polizei gehen, wenn er sie weiter stalkt.“

Laura versucht es mir aus einem anderen Winkel verständlich zu machen: „Ihr Vater ist Landrat, und ich glaube, ihre Mutter ist auch eine relativ bekannte Person. Lehrerin?“ Katha nickt zustimmend. „Wenn ihr Ex will, kann er einen kleinen Skandal lostreten. 'Tochter aus gutem Hause hatte Affaire mit älterem Mann' oder in der Art. Natürlich will sie nicht, dass das in irgendeiner Form rauskommt. Wahrscheinlich schämt sie sich auch so schon maßlos, jemals in eine solche Beziehung geraten zu sein. Keine Frau – kein Mensch – gibt gern zu, sich im Partner getäuscht zu haben und zum Opfer geworden zu sein. Wenn das ganze dann noch offiziell wird, mit Polizei involviert ...“

Das verstehe ich dann doch irgendwo. Wieder kommt dieses Gefühl in mir hoch, dass ich dem gesichtslosen Wichser, der an dieser Scheiße schuld ist, die Zähne austreten will. So ging es mir schon, als ich Alex dermaßen fertig gesehen habe. Hilflose Wut.

Laura und Katha schweigen. Meine Freundin hängt sichtlich niedergeschlagen ihren Gedanken nach, während Laura vor sich hinstarrt und fieberhaft zu überlegen scheint.

Hendrik dreht den Kopf zu Katharina. Sein Gesicht ist völlig leer und die Stimme tonlos. „Warum erzählt ihr uns das?“

Plötzlich hat meine Wut ein Ziel, und es erschreckt mich, dass es mein bester Kumpel ist. „Als ginge dir das am Arsch vorbei!“

Er stiert mich unverwandt an. „Ihr seid beschissene Freunde, das Wildfremden auf die Nase zu binden, statt ihr zu helfen.“

„Wildfremde?“, fahre ich ihn an. Sofort legt Katha eine Hand auf meinem Arm und drückt fest zu, um mich zurückzuhalten. „Alex hat sich krank auf Stube eingeschlossen und reagiert auf keine Nachrichten mehr“, setze ich gemäßigter fort, auch wenn ich mehr zische als spreche. „Sie weigert sich, mit mir zu reden, und ihre Freundinnen rennen gegen Wände. Der Einzige, der gerade an sie rankäme, bist wahrscheinlich du!“, fauche ich. „Und du hängst da in der Ecke und fragst allen Ernstes, warum wir damit zu dir kommen? Fick dich, Hendrik!“

Er zuckt ein wenig zurück, als ich ihm seinen Namen ins Gesicht spucke. Das ist wenigstens eine Regung, wenn auch eine verdammt minimale. Ich springe auf. Katha greift nach meinem Handgelenk und will mich beruhigen, doch ich bin zu angepisst. Ich kann nicht mal ein schlechtes Gewissen heucheln, als ich sie in der beschissenen Situation sitzenlasse und in den Hof stürme, um frische Luft zu kriegen. Dieser ganze Abend ist ein einziger Scheißhaufen. Meine Haut spannt, so sehr reißt es mich in sämtliche Richtungen. Ich will Hendrik packen und schütteln, ich will Alex packen und schütteln, und ich will ihren Ex packen und … Ahrg!

Meine Aggression muss ich verstauen, als der Pizzalieferant kommt. Ich krieg es hin, höflich zu sein, Trinkgeld zu geben und ihm zu danken, bekomme mich währenddessen sogar ein wenig in den Griff. Die vier Schachteln auf dem Arm kehre ich nach drinnen zurück, wo das Essen mit wenig Enthusiasmus begrüßt wird.

Wir verbringen ein mit unbequemen Strecken an Schweigen durchsetztes Abendessen zu dritt, da Hendrik wieder zu einem unverrückbaren Brocken Totholz geworden ist und sich auf der Couch eingegraben hat. Katha und Laura versuchen zumindest ein bisschen Konversation, doch sie sind sich zu fremd, und ich helfe nicht wirklich, da ich damit beschäftigt bin, meine Frustration im Zaum zu halten. Schließlich verabschieden wir uns von Laura, und ich bringe Katha nach Hause.

„Er kann gerade nicht so reagieren, wie du es von ihm erwartest, Babe“, versucht sie auf der Fahrt eine zaghafte Erklärung für Hendriks psychopathisches Verhalten. Ich will es nicht hören. Rational weiß ich, dass sie Recht hat, dass es die Krankheit ist, die ihn herzlos erscheinen lässt, aber ich will es nicht hören. Noch nie in all den Jahren, die ich ihn kenne, war ich so enttäuscht von ihm.

Bei ihr angekommen, möchte sie mich zum Bleiben bewegen, nur bin ich zu aufgebracht, um ihr gute Gesellschaft zu sein. Widerstrebend lässt sie mich gehen. Ich fahre zurück zur Kaserne.

Auf dem Weg zu meiner Stube bleibe ich vor Alex' Tür stehen. Ich klopfe. Keine Antwort.

 

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Inhalt/Idee

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Erotik/BDSM

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Rechtschreibung/Form

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Kommentar(e)

Liebste Loreley.Bislang war ich eine stumme Leserin, aber ich bin so froh,dass du endlich eine Fortsetzung geschrieben hast. 

Vielen Dank.  

Sie ist gut wie immer,  macht lust auf mehr und auf Fortsetzung.

Ich hoffe diesmal lässt du uns nicht allzu lange warten. 

Ps: hab erstmal alle Teile nochmal durchgesuchtet und binge gelesen.

Liebe Loreley,

wie ein Hungernder habe ich die Fortsetzung verschlungen, wie ein Dürstender die Wort3 eingesaugt.

Wie immer fesselnd und atmosphärisch prägnant, aber viel zu kurz für meinen Geschmack! Hoffentlich lässt Du Deine Fans bis zur nächsten Folge nicht wieder so lange warten. Ich drücke dafür die Daumen!

herzliche Grüße, Black Cat