Von Fehlern und Fassaden 12

 

„Schwarz! Besprechung in zehn!“

Ich würde ihm am liebsten die Shampooflasche hinterherschleudern, doch zu schnell hat Manning die Tür wieder hinter sich zugeworfen. Vor Wut mehr schäumend als vom Duschgel brause ich mich zügig ab. In der knappen Woche, seit der der Leutnant im Urlaub ist, ist Oberfeldwebel Pissnelke erneut zu Höchstform aufgelaufen, gekrönt von dem Auftritt soeben. Er hätte auch klopfen und durch die geschlossene Tür rufen können, aber natürlich hat er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zu spannen, wenn auch nur für ein, zwei Sekunden. Na warte.

Wenn ich schnell genug bin, erwische ich ihn vielleicht allein. Der kleine Pisser ist immer der erste im Zugführerbüro. Hastig rubble ich mich trocken und schlüpfe in die Uniform, lasse meinen Kram einfach im Waschraum liegen und sprinte den Flur hinunter. Ich höre keine Stimmen, also hoffe ich, ihn zu kriegen. Doch als ich mit quietschenden Sohlen in den Raum schlittere, starren mir zwei verkniffene Gesichter und vier hämisch grinsende Fratzen entgegen. Fuck.

„Frau Unteroffizier“, begrüßt mich Hauptfeldwebel Schneider säuerlich und mustert mich der Länge nach. Unbehaglich werde ich mir meiner nassen Haare bewusst, die ich in der Eile nur schnell zum Zopf gebunden habe. Sie tropfen am Rücken hinab. Ansonsten ist alles an meiner Erscheinung tadellos, aber das rettet mich nicht vor seinem fortwährenden Missfallen. Die Augen der Gruppenführer, die auf mich geheftet sind, sind auch nicht geeignet, mein Selbstbewusstsein zu stärken. Trotzdem straffe ich mich. „Herr Hauptfeldwebel.“

„Sie haben Post.“ Er runzelt abfällig die Nase. „Wohl ein verspätetes Weihnachtsgeschenk?“

Wovon red...? Als ich seinem Blick Blick zum Ende des Schreibtisches folge, sackt mir der Magen in die Kniekehlen.

„Heimlicher Verehrer, Schwarz?“, ätzt Manning, „Oder vermisst der Leutnant Sie so sehr?“ Dass der HptFw ihn dafür mit keiner Silbe zurechtweist, sollte mich anpissen, doch das ekelhafte Prickeln düsterer Vorahnung, das mir die Haare im Nacken zu Berge stehen lässt, überlagert alles. Der Leutnant ist nicht der Typ für plakative Gesten vor versammelter Mannschaft. Nein. Aktionen wie diese assoziiere ich mit jemand ganz anderem.

Widerwillig bewege ich mich auf den Strauß zu. Irgendwer hat ein Weißbierglas aufgetrieben und zur Vase für die zwölf langstieligen Rosen umfunktioniert. Zwischen den blutroten Blüten steckt ein weißer Umschlag. Als ich näher komme, erkenne ich die ersten Buchstaben meines Vornamens – und die Handschrift. Mir wird kotzschlecht.

Für einige Sekunden bin ich wie gelähmt. Zumindest sind es wohl nur Sekunden, doch mir kommen sie wie Minuten vor, in denen ich die hakenartigen Kugelschreiberstriche anstarre und der Speichel in meinem Mund immer mehr wird. Meine Kehle schnürt sich zu, und ein Kribbeln erfasst meine Füße, meine Hände, mein Gesicht. Ich sollte etwas sagen, irgendwas Schnippisches. Aber da ist nichts, nur ein Rauschen in den Ohren, im Kopf. Hilflos muss ich fühlen, wie ich am ganzen Körper zu zittern beginne.

Bevor ich auch nur einen Gedanken fassen kann, rupfe ich den Strauß aus dem Glas, ohne mich um die Sauerei zu scheren, die ich damit auf dem ohnehin schon chaotischen Schreibtisch fabriziere. Unter den Augen der Männer marschiere ich, die Blumen umklammernd, wortlos aus dem Raum. Ich höre jemanden rufen, einmal, zweimal, dann ein wütendes, lautes drittes Mal, aber ich kann nicht anhalten. Meine Beine bewegen sich von selbst, scheinbar sicher und zielstrebig, doch ich fühle kaum den Boden unter den Füßen, rechne jeden Moment damit, dass meine weichen Knie einknicken, und gehe trotzdem immer schneller. Sobald ich den Block verlassen habe, will ich am liebsten loslaufen, doch ich muss gegen Treibsand ankämpfen, der an meinen Schenkeln zerrt. Ich erkenne das Gefühl wieder, aus den Alpträumen, dieses Ding, wo du so schnell rennen willst, wie du kannst, so viel Kraft aufbringst, wie du kannst, und doch nur um Millimeter vorwärtskommst.

Nach einer schieren Ewigkeit erreiche ich die Container. Ich versuche den Metalldeckel hochzuschieben, doch er wiegt plötzlich Zentner. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Hand wahr, die hilft. Dankbar mache ich einen Schritt zurück und hole aus, um den Strauß mit aller Kraft in den miefenden Haufen zu schleudern, nur hat er sich irgendwie in meinen Fingern verheddert. Mit einem Frustschrei kralle ich in die Blüten und rupfe daran, bis er sich löst und endlich, endlich im Müll landet.

Der Knall, als der Containerdeckel zufällt, lässt mich zusammenfahren.

„Schwarz, was stimmt mit Ihnen nicht?“, brüllt der Hauptfeldwebel. Ich sehe ihm erschrocken entgegen, wie er auf mich zustürmt. „Sie sind hier nicht im Mädcheninternat! Das ist eine Kaserne! Kapieren Sie das, oder halten Sie es tatsächlich für passend, sich hier Blumen schicken zu lassen?“

Meine Ohren sirren zwar immer noch, aber ich verstehe jedes Wort. Nur Antworten kommen nicht. Weißes Rauschen in meinem Kopf. Nicht dass ich mich vor meinem Vorgesetzten rechtfertigen dürfte. Doch selbst wenn, hätte ich nichts. Mein Hirn ist wie leergefegt.

„Haben Sie vergessen, dass Sie Soldatin sind, hä?“ Er schreit immer lauter. „Sie haben gerade einen Befehl verweigert! Ist Ihnen das klar?“

Wie vom Donner gerührt starre ich ihn an. Was? Welchen Befehl? Trotz meiner seltsamen Trance, in der ich die Schwere dieser Anschuldigung nicht mal bis zur letzten Konsequenz kapiere, sinke ich in mich zusammen. Die anderen, die sich um uns geschart haben, rühren sich unbehaglich. Fähnrich Johann macht einen zaghaften Schritt vorwärts und sieht aus, als wollte er den Mund aufmachen. Ich kann mir nicht sicher sein, aber ich glaube, sie runzeln alle ein wenig die Stirn über den Ausbruch des Hauptfeldwebels. Alle außer Manning, der grinst wie eine fette Katze.

„Herr Hauptfeldwebel, sehen Sie nicht, dass ...“, kommt es leise von hinter mir, was den stellvertretenden Zugführer noch mehr in Rage versetzt. „Schnauze, Kress! Ihr Kumpel ist nicht hier, also haben Sie gar nichts zu melden. Schwarz!“, bellt er mir mitten ins Gesicht, und ich weiche unbewusst zurück. Eine Hand in meinem Rücken bewahrt mich davor, über die eigenen Füße zu stolpern. Schneider verzieht die Lippen zu einem selbstgefälligen Lächeln. „Schieben Sie sich Silvester in den Arsch. Sie laufen Streife.“

Er macht auf dem Absatz kehrt. Die Gruppenführer folgen ihm mit eingezogenem Schwanz zurück zum Block, nur der Fähnrich scharrt noch mit den Füßen. Nach einem Blick hinter mich trollt auch er sich.

„Alex?“ Ich glotze wie versteinert den verschwindenden Männern hinterher und registriere die Ansprache erst, als er mich vorsichtig antippt. Mark kommt um mich herum und stellt sich direkt vor mich, damit ich ihn ansehen muss. „Er kann dir nichts wegen der angeblichen Befehlsverweigerung, mach dir keinen Kopf. Das war lächerlich“, versichert er mir.

„Wah...“ Ich kann meine Lippen nicht fühlen. Muss mich räuspern. „Was war der Befehl?“

„Dass du stehenbleiben solltest, als du aus dem Büro gerannt bist. Keine Sau würde das als dienstrelevant ansehen. Deswegen hat er dir auch nur eine Wache reingedrückt.“ Schmerzlich verzieht er das Gesicht. „Selbst wenn es die an Silvester ist.“

Lahm schüttle ich den Kopf. „Hatte eh nichts vor“, höre ich mich murmeln.

„Echt? An Silvester?“

Die Schultern zucken. Dabei fällt mir auf, dass die rechte Hand ziemlich wehtut. Verwirrt hebe ich den Arm.

Mark keucht erschrocken. „Zeig her!“ Er streckt meine Finger, und ich würde sie ihm am liebsten entreißen, so sehr brennt es auf einmal. „Scheiße, warum hast du nichts gesagt?“ Vorsichtig umgreift er mein Handgelenk, legt eine schwere Hand auf meine Schulter und dreht mich in Richtung Block. Ein bestimmtes Schieben versetzt mich in Bewegung.

„Wah …?“

„Wir gehen zu den Sanis.“

Ich crashe hart. Sämtliche Kraft weicht mir aus den Gliedern, und ich habe keine Energie mehr, ihm zu widersprechen. Also lasse ich mich von Mark durch die Kaserne führen, zu taub und zugleich zu angefüllt mit Terror, um etwas anderes zu tun, als zu gehorchen.

---

Mark

Nachdem ich dafür gesorgt habe, dass die Sanis Alex' Hand versorgt und sie zumindest für den Rest des Tages krank auf Stube geschickt haben, bringe ich meinen Dienst so weit weg von Schneider zu Ende, wie ich kann, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn nicht kurzerhand umbringe, wenn ich ihn heute noch mal zu Gesicht kriege.

Dieser Flachwichser. Erst bringt er Alex, deren Stand hier schon schwer genug ist, mit Fleiß vor versammelter Mannschaft in Verlegenheit, und dann checkt er nicht, was er damit ausgelöst hat. Sie war offensichtlich in einer psychischen Ausnahmesituation, und dem Arschloch fällt nichts besseres ein, als sie noch weiter zu demütigen? Der verdammten Gehorsamsverweigerung zu bezichtigen? Was für ein … Uhrg.

Ich kaue immer noch auf meiner Wut herum, als ich ins Auto steige. Aus dem Tor draußen, steuere ich auf Autopilot in Richtung Autobahn, doch kurz bevor ich den Blinker setze, um wie verabredet zu Katha zu fahren, überlege ich es mir anders.

Über die Freisprechanlage wähle ich ihre Nummer. Es klingelt so lang, dass ich schon auflegen will, da geht sie endlich ran. „Hey Sexy!“

„Hi Süße. Es tut mir leid, aber ich muss noch einen Abstecher machen, bevor ich zu dir komme.“

„Oh, okay. Klar, kein Thema. Aber du kommst noch?“

Sie klingt nicht übermäßig enttäuscht, was mich erleichtert. „Ja, auf jeden Fall. Ich weiß nur nicht wann. Wär' dir irgendeine Uhrzeit zu spät?“

Das lässt sie einige Sekunden in Schweigen verfallen. „Ähm, nein. Nur werd ich nicht ewig wach sein. Du kannst mir ja schreiben, falls es nach zehn wird, dann leg ich dir einen Schlüssel.“

Ein schlechtes Gewissen befällt mich. „Soll ich denn dann überhaupt noch auftauchen?“

„Ja.“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „Außer es wird dir selbst zu spät? Ich meine, ich muss morgen um vier raus, und … Naja.“

Mir wird ein bisschen warm im Bauch. Die Frau will mich sehen, egal ob es nur dafür ist, eine kurze Nacht im selben Bett zu schlafen. „Ich seh zu, dass ich so bald wie möglich da bin, okay? Bleib nur nicht wegen mir auf.“

„Okay. Ich freu mich auf dich.“ Ihre Worte, aber vor allem das Lächeln in ihrer Stimme, sind wie Balsam für meine Seele. „Bis dann.“

„Bis dann, Süße.“

Sie legt auf, und ich grinse wie ein Honigkuchenpferd vor mich hin – bis der Aussiedlerhof vor mir auftaucht. Bei dem Anblick des dunklen Gehöfts verfliegt meine Freude, bis nur noch ein Kloß im Hals übrig ist.

Ich weiß ungefähr, was mich erwartet, kenne die Skala. Aber wie schlimm es tatsächlich ist, lässt sich nicht sagen, bis man es tatsächlich vor sich hat. Es gab mal ein, zwei Jahre, da blieb es auf einer 2 bis 3, was einem miesen Tag Dienst mit einer fiesen Erkältung entspricht. Aber ich hab ihn auch schon auf einer 8 gesehen. Ich hoffe inniglich, dass ich ihn nicht wieder so antreffe.

Als ich im Hof parke, springt der Bewegungsmelder an, wofür ich dankbar bin. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass einem hier eigentlich ein Hund bellend und schwanzwedelnd entgegenkommen sollte, wenn man aus dem Auto steigt. Stattdessen ist die Stille fast erdrückend. Das einzige, was zu hören ist, sind vereinzelte Rufe nachtaktiver Tiere. Das macht es gespenstisch, so weit draußen.

Ich bin noch nicht bei der Treppe, da geht die Tür schon auf. „Mark“, lächelt mir Laura entgegen, doch es wirkt angestrengt. Sie winkt mich hinein.

„Wie schlimm ist es?“, frage ich, während ich die Stiefel loswerde.

Sie zuckt mit den Schultern. „Könnte schlimmer sein.“

Ich werde aus ihr nicht ganz schlau. Manchmal, so wie jetzt, wirkt sie fast unbeteiligt, zuweilen sogar genervt von der Krankheit ihres Mannes. Gleichzeitig werden die Sorgenfalten jedes Jahr tiefer. Sie folgt mir die Treppe nach oben bis zur Schlafzimmertür. „Du bist früh da“, sagt sie leise, als ich schon nach der Klinke greife.

Ich drehe mich zu ihr um. Sie reibt die verschränkten Arme, als wüsste sie nicht wohin mit sich. Ihre Augen suchen in meinen. „Hat er dich angerufen?“, fragt sie, und es klingt eine Spur ... hoffnungsvoll?

Zu ihrer Enttäuschung muss ich den Kopf schütteln. Hendrik ruft nie an. Normalerweise tauche ich von mir aus in seiner letzten Urlaubswoche auf, um … Kein Ahnung. Ihm Trost zu spenden? Mir selbst? Es ist wie ein Zwang. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und muss nach ihm sehen. Mein Erscheinen stürzt ihn üblicherweise noch tiefer in die Depression, bis irgendwas an meiner Anwesenheit ihm schließlich hilft, sich rauszuhangeln. So war es zumindest die letzten Jahre. Ich hoffe, dass die spontane Planänderung diesen Rhythmus nicht über den Haufen wirft. Aber ich muss mit ihm reden.

Laura schluckt und nickt niedergeschlagen. „Viel Glück“, murmelt sie, dann verschwindet sie nach unten.

Mit einem Knoten im Magen drücke ich die Klinke nieder und betrete Hendriks dunkles Zimmer.

Ich laufe wie gegen eine Wand, so abgestanden ist die Luft im Raum. Am liebsten würde ich sofort ein Fenster aufreißen, doch es ist stockfinster. Ich muss das Handy aus der Beintasche kramen, um mich im Funzellicht des Displays zum Nachtkästchen tasten zu können, wo ich die Lampe einschalte. Sie erhellt einen zusammengekauerten Haufen Mann, eingerollt in die bis zu den Ohren gezogene Decke.

Für einige Sekunden stehe ich einfach nur da und warte voller Beklemmung darauf, dass sich die Schultern heben. Erst als das geschieht, kann ich selbst einen erleichterten Atemzug nehmen.

Ich weiß, dass Laura regelmäßig nach ihm sieht, sodass ich mir eigentlich keine Sorgen machen müsste. Trotzdem ist das meine größte Angst: dass ich eines Tages in dieses Zimmer komme und er … Ich wage es nicht, den Gedanken zu Ende zu führen.

Stattdessen beschäftige ich mich damit, die Vorhänge zu öffnen und Sauerstoff reinzulassen. Ich werfe einen kurzen Blick ins Bad, will eigentlich schon wieder raus, doch dann durchsuche ich doch noch leise die Schränke und Schubladen. Er benutzt einen ganz normalen Nassrasierer, aber man weiß ja nie. Ich gebe meiner Paranoia lieber einmal zu oft nach. Als ich nichts finde, auch keine Medikamente oder Chlorreiniger, kehre ich ins Schlafzimmer zurück, wo Hendrik sich noch tiefer eingewühlt hat.

„Hey Kamerad.“ Ich hocke mich auf den Boden und zupfe an der Decke, bis ich zumindest seine Augen sehen kann. Es erschreckt mich, wie tief sie in die dunklen Höhlen eingesunken sind.. Er liegt seit gut einer Woche in diesem Bett. Ich weiß nicht, ob er die meiste Zeit schläft oder wach vor sich hinstarrt. Letzteres, wenn ich nach den entzündeten Lidern urteilen soll, unter denen er mich nicht fixiert. Er hat nicht genug Kraft, um aufzusehen. Vielleicht hat es auch was mit Scham zu tun. Er blickt regungslos aufs Kissen.

Ich nehme die Wasserflasche und den Trinhalm vom Nachttisch. Mit einer Hand unter seinem Kopf und einigem Gutzureden bringe ich ihn dazu, wenigstens ein paar halbherzige Schlucke zu nehmen. Seine Haut ist grau und faltig vor Dehydration. Scheiße, Laura kriegt wahrscheinlich nur das Nötigste in ihn rein. „Hast du Hunger?“ Ich weiß, dass es an diesem Punkt eine rhetorische Frage ist, aber ich muss es zumindest versuchen.

Er antwortet nicht. Die Lider fallen halb zu.

„Hendrik, ich muss mit dir reden.“

Er reagiert nicht mehr. Ich hatte auch nicht erwartet, dass es so einfach sein würde. Trotzdem macht sich Frustration in mir breit. Deswegen bin ich auch ziemlich grob, als ich ihm das Röhrchen wieder zwischen die Lippen stopfe. Er beißt die Zähne zusammen und weigert sich oder ist vielleicht auch einfach nicht in der Lage, sie zu öffnen. Also packe ich kurzerhand sein Kinn und drücke ihm den Kopf in den Nacken. Er wehrt sich nicht. Aber er zieht auch nicht am Strohhalm.

„Trink, Arschloch, oder ich spuck dir das Wasser in den Hals!“

Die Drohung bewirkt exakt null. Hilflos hocke ich mich zurück auf die Fersen und stelle die Flasche weg. „Verdammt, Mann, ich brauch dich. Nur für eine Minute.“

Keine Reaktion.

Ich seufze. Eine Acht also. Mindestens. Scheiße, was soll ich machen? Einfach reden, schätze ich, da ich ihn nicht dazu bringen werde, irgendwie aus sich rauszukommen.

„Was Schräges ist heute passiert. Jemand hat Alex einen Blumenstrauß geschickt. Mein erster Gedanke war, dass du … Naja. Wir wissen beide, dass er nicht von dir kam. Du kannst gerade nicht mal die eigenen Arme heben, geschweige denn einen Telefonhörer. Also, ja. Irgendwer.“ Ich schlucke. „Ihre Reaktion war nicht gut, Hendrik. Sie hat den Strauß gepackt und ist rausgerannt, um ihn zu entsorgen. Ich übertreib nicht, wenn ich sage, dass sie weiß wie die Wand war. Ich glaub, sie hätte fast gekotzt.“

Er blinzelt nicht mal.

„Schneider hat sie vor versammelter Mannschaft übel runtergelassen. Heftig. Worte wie Gehorsamsverweigerung sind gefallen. Ich glaub, sie hat gar nicht gecheckt, was er alles zu ihr gesagt hat. Ich war kurz davor, ihm in die Eier zu treten! Aber sie … Sie hat ihn nur angeglotzt wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Klingt nicht nach ihr oder?“ Von Hendrik kommt nichts. Ich verzweifle ein bisschen. „Sie war total weggetreten, Mann. Hat nicht mal gemerkt, dass die Dornen ihr die komplette Hand aufgerissen haben.“ Jetzt wo ich es ausspreche, wird mir erst bewusst, wie krass das eigentlich war. Das Blut ist ihr am Arm runtergelaufen, so übel waren die Wunden. „Ich hab sie zu den Sanis geschleppt, und die wussten erst mal gar nicht, wo sie anfangen sollen. Ein Mädel hat ihr mit der Pinzette die Dornen aus der Hand gepflückt, dann alles desinfiziert und verbunden. Alex hat keinen Mucks gemacht. Ich hatte echt Angst, dass sie vielleicht einen Schock hat, oder so. Wie wenn du getroffen wirst und es nicht gleich checkst, weißt du? Aber dann rennst du noch rum und fightest weiter. Sie saß nur da und hat die Sanis machen lassen. Total … weg.“

Hendrik atmet. Das ist alles. Er ist auch weg. Niemand zuhause. Scheiße, ich weiß nicht, was ich machen soll.

„Ich hab sie zurück auf Stube gebracht. Hab gehofft, dass sie was rausrückt, aber sie hat mir die Tür vor der Nase zugeknallt. Naja, nicht geknallt, halt einfach zugemacht. Ich glaube, sie hat nicht wirklich mitgekriegt, dass ich überhaupt da war.“

Als er nur weiter vor sich hinstarrt, gebe ich auf. „Okay. Ich fahr jetzt zu Katha. Die wartet eh schon seit ner Stunde auf mich.“ Ein letzter Versuch, ihn irgendwie aus seinem Zustand zu locken: „Ich werd's ihr sagen, vielleicht schauen ihre Mädels dann mal nach ihr.“ Null Reaktion. „Mh. Na schön. Wenn du unerwartet unter die Lebenden zurückkehrst, ping mich an, ja?“ Ich hebe sein Handy vom Nachttisch und lasse es zurückfallen. Beim Seitenblick darauf sehe ich, dass es tot ist. Seufzend stöpsle ich es an das am Boden liegende Ladekabel an, dann steh ich auf.

„Kacke, Hendrik. Das kann doch nicht auf ewig so weitergehen, Jahr für Jahr?“, murmle ich. Kurz glaube ich, er würde doch noch blinzeln, aber die Lider schließen sich nur und gehen nicht mehr auf, auch nicht, nachdem ich an seiner Schulter gerüttelt habe. Mutlos lasse ich ihn liegen und ziehe die Tür leise hinter mir zu.

Im Wohnzimmer sitzt Laura vor dem laufenden Fernseher. Ein Buch liegt aufgeschlagen auf ihren Schenkeln, und aus der Küche dudelt Musik. Sie registriert mich nicht, deswegen räuspere ich mich, um sie nicht zu erschrecken. Ihr Arm wischt hastig übers Gesicht, bevor sie sich umdreht. Sie versucht ein Lächeln, aber die Augen sind rot und geschwollen. Es bringt mich ein bisschen um, diese Frau so zu sehen.

Ich nehme mir ein paar Minuten, um mich zu ihr zu setzen. Nachdem sie die Werbung auf stumm geschaltet und ihren Roman weggelegt hat, schweigen wir, bis auch Mark Foster zu Ende gesungen hat, dann fasse ich mir ein Herz. „Ziemlich übel“, gebe ich zu.

Sie nickt nur und seufzt.

„Ich komm morgen Nachmittag nach Dienstschluss wieder. Same procedure as every year, okay?“

Ein verschlucktes Kichern, dann ein Schniefen. Fuck, sie fängt gleich ernsthaft zu weinen an. Ich weiß, dass sie mich das nicht sehen lassen will, also stehe ich auf und drücke nur kurz ihren Arm. Dann mache ich mich auf den Weg.

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Kathas Wohnung ist dunkel, als ich mir mit dem gelegten Schlüssel Einlass verschaffe. Ich hab meinen Kram in der Kaserne gelassen, weil ich in sechs Stunden eh wieder dahin zurück muss, deswegen brauche ich nur die Stiefel loszuwerden, ehe ich mich auf Strümpfen in ihr Schlafzimmer schleiche, wo mich die ruhigen Atemzüge einer friedlich schlafenden Frau empfangen. So leise wie möglich streife ich die Uniform ab und setze mich sacht auf den Bettrand.

Sie murrt dennoch und wälzt sich herum. Mir den Rücken zudrehend, wickelt sie sich komplett in die Decke ein. Das ist okay. Mir egal, ob ich bloß einen Zipfel abkriege, solange ich nur für eine Weile neben ihr liegen kann. Ich strecke mich auf der Seite aus und schlinge einen Arm um ihre bis zu den Ohren hochgezogenen Schultern.

Sofort entspannt sie sich und rollt zu mir, bis ihr Scheitel unter mein Kinn genestelt ist. Sie murmelt etwas, während ich Gelegenheit habe, zumindest die Beine unter die Decke zu schieben. Ahrg! Eiskalte Füße. Grrr... Ich fange ihre Zehen zwischen meinen Schenkeln ein, um sie zu wärmen.

„Allsokay, Sexy?“, brabbelt sie im Halbschlaf.

„Mh, perfekt.“

Das ist die Wahrheit. Ich schätze mich glücklich. Hier liege ich neben einer Frau, die mich erst ein paar Wochen kennt und sich schon genug nach mir sehnt, um mir einen Schlüssel unter die Fußmatte zu legen, damit wir die paar Stunden zwischen meinen Diensten und ihren Schichten miteinander verbringen können, und wenn es nur zum Schlafen ist. Eigentlich seltsam, da wir uns von Anfang an einig waren, dass das mit uns beiden nur eine Bettgeschichte werden soll. Deswegen wissen wir auch so gut wie nichts voneinander. Ich habe keine Ahnung, was es mit dem silbernen Kreuz auf sich hat, das sie an einer feinen Kette um den Hals trägt. Sie hat keine Ahnung, warum ich an einem Abend unter der Woche erst noch zu meinem Zugführer nach Hause fahren muss, bevor ich zu ihr komme. Deswegen ist es wahrscheinlich so mühelos. Da ist für den Moment kein Ballast. Auch nichts, das irgendwie tiefer gehen könnte. Eigentlich. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich mit jedem Tag, den wir uns länger kennen, jeder Nacht, die ich mit ihr verbringe, jedem kurzen Telefonat und jeder WhatsApp, die ich von ihr kriege, ein bisschen mehr für sie empfinde. Gerade einfach nur neben ihr zu liegen, den Duft ihrer dunkelbraunen Locken einatmen zu dürfen, ist … schön. Einfach schön. Auch wenn ich noch eine Weile grübeln werde, bevor ich einschlafen kann, macht mich das Gefühl von Kathas Kopf an meiner Schulter froh.

Den Stich, der mir an der Stelle in die Brust fährt, wo ihre Hand liegt, kenne ich gut. Er kommt oft genau dann, wenn ich mich wohlfühle – so wie jetzt. Bei den ersten Malen dachte ich, irgendwas stimmt nicht. Herzinfarkt? Ein Anflug von Panik. Doch dann finde ich meinen Atem wieder und stelle fest, dass da kein wirklicher Schmerz ist, nur ein dumpfes Pochen. Der Puls normalisiert sich. Ich habe gelernt, die Empfindung zu identifizieren. Den Anflug von Schuld.

Inzwischen kann ich damit umgehen, auch mit den Fragen, die mir mein Kopf stellt, wenn ich für ein paar Minuten glücklich bin: Stimmt irgendwas mit mir nicht, dass ich gerade nicht katatonisch vor mich hin vegetiere? Hendrik und ich haben die Scheiße gemeinsam durchgemacht. Sollte mich die Weihnachtszeit nicht auch in eine Depression stürzen?

Sie tut es nicht. Im Gegenteil. Jedes Jahr bin ich von Neuem dankbar, dass ich noch hier bin. Klar, ich denke an das, was passiert ist, und es macht mich traurig, aber nicht bis zu dem Punkt, dass ich nicht mehr essen oder mich waschen kann. Und darüber bin ich froh. Naja, nicht froh, aber … Ich lebe halt mein Leben weiter. Lebe es gerne.

Katha schiebt die Nase in meinen Nacken und atmet warm aus. „Alles gut, Babe?“

„Mmh.“ Ich lege die Wange an ihre Stirn.

Ihre Wimpern kitzeln mich am Hals, als sie blinzelt. „Sicher?“

Seufzend ziehe ich sie an mich. „Ja, schlaf weiter, Süße.“

Den Gefallen tut sie mir. Kurz klingt es zwar, als würde sie Luft holen, doch die entweicht wieder. Ich küsse sie auf den Scheitel. „Wirklich, alles gut.“ Rhythmisch streichle ich ihre Schulter. Ein paar Minuten vergehen, in denen ich beinahe wegdämmere, bevor von unterhalb meines Kinns ein zaghaftes „Mark?“ kommt.

„Grmmh?“

„Ist mit Alex auch alles gut da oben?“

Meine gerade gewonnene Entspannung verpufft. Ich blinzle mich wach. „Warum fragst du?“

Sie schüttelt nur den Kopf und schweigt. Ihr Atem wird erneut länger, bis ich fast glaube, sie wäre eingeschlafen. Doch dann seufzt sie tief und stemmt sich auf einem Arm hoch. „Ich hab ihr ein paar Mal geschrieben.“ Sie reibt sich die Augen. „Sie antwortet nicht wirklich. Nur mal ein paar Worte oder ein Smiley. Die anderen hören gar nichts von ihr. Das ist nicht ungewöhnlich oder so, aber ich mach mir halt Gedanken, wegen der Geschichte mit eurem Zugführer.“

Ich verziehe innerlich das Gesicht. Shit, ich hab keine Ahnung, wie viel wer wovon weiß. Also werde ich tunlichst die Klappe halten, was das betrifft. Andererseits … Soweit ich es verstanden habe, ist Katha die beste Freundin von Alex. Vielleicht hat sie einen Plan, was das mit den Blumen war. „Ehrlich gesagt ...“

Ich erzähle ihr in groben Zügen, was vorgefallen ist. Als ich fertig bin, herrscht neben mir geladene Stille. Plötzlich geht die Nachttischlampe an, und ich muss die Augen zusammenkneifen. Es braucht einen Moment, bis ich Kathas Gesicht sehen kann – und der Ausdruck jagt mir einen Schauer über den Rücken.

„Hat sie gesagt, von wem der Strauß war?“, fragt sie mit zittriger Stimme. Sie ist fast so blass wie Alex.

„Nein. Ihr hat es regelrecht die Sprache verschlagen.“

Katha presst die Lippen zusammen und wird ganz starr.

Ich runzle die Stirn. „Babe, was ist los?“

Sie schluckt. Ihre Augen weiten sich vor Angst.. „Das klingt als … als hätte ihr Ex sie gefunden.“

 

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Kommentar(e)

Seit Wochen warte ich auf die Fortsetzung. Und dann veröffentlichst Du diesen Teil, der vor dunklen Andeutungen nur so trieft! Muss ich jetzt wieder wochenlang rätseln, wie es wohl weitergeht?
Loreley, Du bist echt hart zu Deinen Fans! bitte, bitte mach ganz schnell weiter!

 

Bitte lass das hier der emotionale Tiefpunkt sein nachdem sich alles Stückchen für Stückchen wieder zum Besseren fügt.

Himmel! Sowohl Hendrik als auch Alex am Boden... viel mehr ertrage ich nicht.

Liebe Loreley,

da habe ich beim letzten oder vorletzten Mal noch verhalten gemosert, dass die beiden sich mit ihrem emotionalen Auf und Ab ganz schön im Kreis drehen, und schon legst du hier eine Pirouette hin, die mir den Mund offenstehen lässt. Ich bin hin und weg ob dieser plötzlichen Zuspitzung der Ereignisse und schließe mich meinen Vorrednern an: Ich kann kaum erwarten, den nächsten Teil zu lesen!

Liebe Grüße,

Campanula