Land im Ausnahmezustand

"Klappentext"

Ende 1945. Ein Land hat kapituliert. Die Daheimgeblieben und die Rückkehrer hält die Bewältigung des Alltags in Atem. Es ist an der Tagesordnung, in Situationen zu geraten, wo es gilt, Entscheidungen zu treffen. Für manche stellen sich hier die Weichen für ein ganzes Leben. Genau in dieser Zeit wird die 18-jährige Elisabeth erwachsen.

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Wo soll ich anfangen? Dass ich in Radolfzell am Bodensee aufwuchs? Einem kleinen Städtchen, dessen Stadtkern, vom Bahnhof am Seeufer, in zehn, höchstens fünfzehn Minuten von einem Ende zum anderen durchquert ist?

Kindheit und Jugend waren das, was ich als unauffällig bezeichnen würde, wenn man einmal von diesem Krieg und seinen Bomben absieht. Allerdings trafen uns von diesen Bomben nur wenige. Die Großstädte waren da ärmer dran. Nur die Stimmung, die über dem Land lag, war wahrscheinlich wie überall in Deutschland: düster und ohne Zuversicht. Ein Land, in dem die einen mit eingezogenen Köpfen herumgelaufen waren und auf das aufgepasst hatten, was sie sagten, und die anderen voll des Größenwahns ihre abstrusen Vorstellungen hinausposaunten. Ein Land aber auch, welches das Beste an Menschen hervorbrachte: ein paar mutige, von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit und dem Ende der Willkür der faschistischen Diktatur geleitete Helden.

Zu dieser Grundstimmung gesellte sich Trauer, wenn Väter oder Söhne nicht von der Front zurückkehrten oder – was auf groteske Weise schon ein Glücksfall war - zurückkamen, aber in Särgen. Eine Trauer, der die, die es nicht, oder „noch nicht“ betraf, versuchten, aus dem Weg zu gehen, als handle es sich bei diesen Schicksalen um den Vorgriff auf ihre eigene Zukunft oder um eine ansteckende Krankheit.

Und doch nahmen die ganz Jungen diese schrecklichen Umstände als nicht ganz so dramatisch wahr, wie sie in Wirklichkeit waren. Und so hatte ich im Grunde das Gefühl gehabt, eine mehr oder weniger glückliche Kindheit und Jugend durchlebt zu haben. Über diesen Eindruck wunderte ich mich erst ein paar Jahrzehnte später, als mein Leben schon das übernächste Kapitel aufgeschlagen hatte.

Mein wirkliches Leben aus der damaligen Sicht begann ohnehin erst mit diesem Tag Ende Oktober 1945, ein paar Monate nach der endgültigen Niederlage, die, so widersinnig sich das auch anhören mag, sich die meisten von uns herbeigesehnt hatten. Es läutete an unserer Tür und Paul stand vor mir. Ich war gerade achtzehn geworden und hatte im letzten Jahr sogar noch die Schule beendet. Und da stand er und sah auf das Klingelschild, das, wie so vieles in dieser Zeit ein Provisorium war.

„Sind Sie Fräulein Braun?“

„Ja“, antwortete ich.

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin Dr. Paul Amstetter. Arzt! Genauer gesagt im Moment Chirurg! Im hiesigen Krankenhaus. Vorerst leite ich es kommissarisch. Und ich suche händeringend Frauen und Männer, die zupacken können. Krankenschwestern oder Pfleger, aber auch Ungelernte. Jede Hand wäre willkommen …“, sah er mich aus stahlblauen Augen an, als ich meine Knie spürte, und dass sie zitterten.

„Aber sind sie denn nicht zu jung, um ein Krankenhaus zu leiten?“

Er lachte und legte den Kopf in den Nacken.

„Wissen sie, wenn niemand sonst da ist, nimmt man auch Vorlieb mit den Einäugigen unter den Blinden. Aber ich kann sie beruhigen, ich bin immerhin schon siebenundzwanzig!“

„Wollen Sie nicht reinkommen“, bot ich an und hoffte gleichzeitig, er würde ablehnen. Denn es gab nur noch eine schlauchförmige Küche, in die ich ihn hätte führen können, weil in unserem Wohnzimmer eine Flüchtlingsfamilie lebte. Zu meiner Erleichterung aber lehnte er ab.

„Ich habe nicht viel Zeit, aber könnten sie sich denn vorstellen …? Sie oder vielleicht jemand aus ihrer Familie? Wissen Sie, es kommen jetzt immer mehr schlimme Fälle zurück. Konstanz schickt uns schon Versehrte, die sie nicht mehr aufnehmen können. Und wir haben kaum noch genug Betten. Und darum lagern manche der Patienten nun schon auf Matratzen am Boden.“ Sein Blick war fast flehend. Und als ich ihn immer noch anstarrte, bot er an. „Ich spreche auch gerne mit ihren Eltern!“

„Das brauchen Sie nicht“, sah ich ihm fest in die Augen. „Wann soll ich im Krankenhaus sein?“

Seine Gesichtszüge waren heller geworden, auch wenn noch etwas Skepsis auf ihnen lag.

„Ich kann aber kaum etwas zahlen. Aber ich würde etwas von den Lebensmittelkarten für sie und ihre Familie abknapsen. Und selbstverständlich behandle ich sie alle kostenlos, falls es erforderlich sein sollte, was wir natürlich nicht hoffen wollen. Und der Förster aus Dettingen beliefert uns mit Brennholz. Davon kann ich ihnen auch etwas wegtun.“

„Das wäre wundervoll“, wollte ich vermeiden, ihm das Gefühl zu geben, als Bittsteller vor mir zu stehen. Auch wenn wir nichts von dem wirklich brauchten, was er da anbot. Denn wir gehörten zu den wenigen Privilegierten mit Verwandtschaft auf der Reichenau, die uns bereits während des Krieges mit allem versorgt hatte. Der Bruder meiner Mutter als Erstgeborener, hatte den elterlichen Hof übernommen und ließ die Geschwister unterschreiben, auf das kleine Erbteil zu verzichten, dafür, dass er ihnen über die schwere Zeit hinweghalf. Die Zeit, wo es überall nichts als Mangel gab.

„Sie kennen das Krankenhaus? Natürlich kennen sie es“, gab er sich selbst die Antwort. „Wollen sie morgen um sieben dort sein? Sie könnten erst einmal in der Küche oder in der Wäscherei helfen. Solange, bis sie sich mit dem Leid vertraut gemacht haben, das man nicht ansehen kann, ohne ein Zeit der Eingewöhnung.“

„Morgen um sieben“, nickte ich. Er reichte mir die Hand mit einem Händedruck, der wohltuende Zuversicht ausstrahlte.

„Ich freue mich, Fräulein Braun“, betonte er und ich lauschte, wie beschwingt er die Treppenstufen runtersprang. Auch noch, als ich die Tür bereits geschlossen hatte und mit Rücken und Hinterkopf an der Flurwand lehnte.   

***

Der weiße Kittel machte ihn noch attraktiver, fand ich. Leider hatte er keine Zeit für mich. Ich sah ihn am ersten Morgen, wie er im Flur an mir vorbeieilte und kurz winkte. Aber da hatte mich Fräulein Harbuch, die vielleicht ein paar Jahre älter war als ich, bereits in Empfang genommen, und ich musste mich sputen, ihr die Treppen nach unten zu folgen. Auch die Tage darauf, sah ich ihn nicht mehr. Denn schon früh am Morgen fing er an, zu operieren, erfuhr ich. Und wenn er gegen elf von einem Zimmer zum nächsten ging, war mein Platz in der Küche beim Kartoffelschälen. Selbst beim Essenausteilen auf der Station lief er mir zwei Wochen lang nicht mehr über den Weg.

„Wo ist der Doktor um die Mittagszeit“, fragte ich Anni Harbuch. „Hält er Mittagsschlaf?“

„Ach, wo denkst du hin“, lachte sie. „Er fährt mit dem Drahtesel zu den Patienten nachhause, denen er einen Arm oder ein Bein amputiert hat, und bei denen er gezwungen war, sie viel zu früh zu entlassen, damit er Betten für neue hat.“

Erst etwa Mitte November stand er auf einmal unten in der Küche. Seine Schritte hatte ich überhört und erschrak bei seinen ersten Worten.

„Haben Sie sich schon etwas eingelebt, Fräulein Braun?“

Er nahm am Tisch, mir gegenüber Platz. Zwischen uns ein Berg Kartoffelschalen, den ich später in den Eimer draußen im Garten werfen würde. Denn es war eine Zeit, wo man, wie es damals hieß, nichts umkommen ließ. Abends kam der geistig behinderte Benjamin, der von dem Grausen um uns herum nur wenig mitbekam, und lud die Küchenabfälle auf seinen provisorisch reparierten und daher immer scheppernden Fahrradanhänger. Damit machte er sich dann auf den Weg zu irgendeinem Bauern. Und so wurden Kartoffelschalen, Karottenhobel oder angefaulter Salat zu Schweinefleisch oder zu Kompost für den Gemüsegarten.

„Ja, Doktor. Das habe ich“, gab ich zur Antwort und schälte beflissen weiter, weil ich ihn dadurch nicht ansehen musste.

„Haben Sie sich die armen Teufel da oben auch schon einmal richtig angesehen?“

„Anni hat mich zur Essensausgabe eingeteilt. Dabei habe ich sie fast alle gesehen!“

Der Doktor stand jetzt auf, machte ein paar Schritte zum Küchenschrank. Und als er zurückkam, hielt er ein kleines Glas eingemachte Pfirsiche in der Hand, zwei Glasschälchen und zwei Kaffeelöffel.

„Na kommen Sie. Machen Sie eine Pause“, zog er seinen Kittel aus, hängte ihn über die Stuhllehne. Dann schob er die Kartoffelschalen mit seinem Unterarm beiseite. Ich sah ihm jetzt zu, wie er den roten Gummiring des Einmachglases in die Länge zog, bis der Deckel aufsprang. Und während er weitersprach, holte er zwei halbe Scheiben Pfirsich und etwas Saft aus dem Glas und verteilte es.

„Haben Sie auch einmal eine Bettdecke hochgehoben und sich angesehen, was drunter ist?“

„Nein“, entgegnete ich betreten, als er mir einen der Teller hinschob.

„Kommen Sie morgen um zehn hoch und begleiten mich bei der Visite! Und um Gottes Willen, fangen sie endlich an, dieses köstliche Obst zu essen“, lachte er und legte sich genüsslich ein Stück Pfirsich auf die Zunge.

„Hm. Wir sind vom Schicksal verwöhnt. Wir haben Arme und Beine und Pfirsich. Und das in diesen Zeiten“, strahlte er mich an und ich fand, er sah glücklich aus. Doch dann wurde er wieder ernst.

„Bleiben sie immer neben der Oberschwester, für den Fall, dass ihnen die Knie weich werden!“

„Das mache ich bestimmt“, gab ich zu, dass mir nicht ganz geheuer bei dem Gedanken an morgen war. Und dann teilte auch ich meinen Pfirsich. „Ist es denn so schlimm“, wollte ich schließlich wissen.

„Schlimmer“, versuchte er in Worte zu fassen, was ihm selbst anscheinend immer noch nicht leichtfiel. Dann aber sah ich ihn, wie er den Pfirsich von einer Seite des Gaumens auf die andere schob und die Augen dabei schloss.

„Manche gewöhnen sich nie dran“, fuhr er fort, als der erste Bissen verschwunden war. „Aber die meisten lernen, damit umzugehen! Wenn Sie mir allerdings morgen sagen, sie gehören zu denen, die glauben, sie könnten das nicht, dann wäre ich ihnen dankbar, wenn sie wenigstens in der Küche oder mit der Wäsche weiterhelfen.“

‚Wenigstens‘, hallte es in meinem Kopf. Das wird nicht passieren. Niemals!

Bereits Weihnachten wechselte ich ohne Hilfe Verbände. Freiwillig meldete ich mich, auch die Feiertage über im Krankenhaus zu bleiben. Selbst an Heiligabend. Es war selbstverständlich, dass der Doktor bei seinen Patienten blieb. Denn das Krankenhaus war sein Zuhause. Er war aus dem Feldlazarett gleich hierhergekommen. Und man hatte ihm, da man nicht warten konnte, bis ein Zimmer in der Stadt gefunden war, eine kleine Kammer unterm Dach gegeben. Und dabei war es geblieben.

Aber meine Familie, insbesondere meine Mutter, die ohnehin nicht einverstanden mit meiner neuen Leidenschaft war, die in ihren Augen nichts als Ärger brachte, wie sie sagte, weil ich weder Geld mit nachhause brachte noch im Haushalt helfen konnte, schüttelte den Kopf.

„Eines Tages wirst du uns noch eine schlimme Krankheit hier anschleppen“, begann sie, als ich ihr mitteilte, dass ich zur Bescherung nicht da sein würde. „Und wie stellst du dir überhaupt deine Zukunft vor? Leni war schon ein paar Mal hier, um dich zu einem Spaziergang abzuholen. Mädchen in deinem Alter sollten sich für junge Männer interessieren. Es gibt ohnehin nicht mehr genug für alle. Das wäre normal und nicht, dass du kaum noch Schlaf bekommst und nur noch im Krankenhaus zu finden bist.“

‚Meine Zukunft, Mutter‘, dachte ich im Stillen, ‚die liegt in Händen, die sich in den letzten Wochen hin und wieder auf meine Schultern gelegt haben, wenn sie mir beim Entfernen von Mullbinden Mut machen wollten‘.

Es war schon Ende März, als der Doktor mich beiseite nahm und mich in den kleinen Laborraum führte. Er schloss die Tür und es sah ganz danach aus, dass er mir etwas anvertrauen wollte.

„Fräulein Braun, wir haben ein Problem. Und ich wollte das zunächst mit Ihnen besprechen“, begann er.

„Was für ein Problem, Doktor?“

„Das Amt, genauer gesagt die Abteilung, wissen sie, die bisher für die Organisation der Lebensmittel, speziell für medizinische Einrichtungen und Kinder- und Altenheime zuständig war, hat man vorübergehend geschlossen. Die Franzosen haben drei der Mitarbeiter verhaftet, weil man ihnen die Mitgliedschaft in der SS nachweisen konnte. Ein Sieg der Gerechtigkeit, wenn sie so wollen. Aber eine Katastrophe für uns! Zumindest vorübergehend.“

Mir fiel sofort mein Onkel ein. Aber ein ganzes Krankenhaus satt zu machen, das war unvorstellbar. Selbst bei uns fing er schon an, zu geizen.

„Mein Onkel …“, setzte ich dennoch an, aber er schnitt mir das Wort ab.

„Nein, nein. Das ist keine Lösung. Ein Landwirt allein kann nicht für so viele Menschen sorgen. Und außerdem kann ich nicht noch mehr von ihnen und ihrer Familie annehmen. Sie haben schon genug getan! Ich habe mit ein paar Bauern gesprochen, die uns etwas unter die Arme greifen wollen. Das Problem ist, ich kann weder eine der Schwestern entbehren noch Benjamin irgendwohin schicken, Fleisch, Gemüse oder Kartoffeln zu holen. Und außer ihnen traue ich den Freiwilligen nicht über den Weg. Sie haben doch ein Fahrrad“, sah er mich fragend an.

„Es ist nicht meins. Es gehört unserer Nachbarin, die im Moment nicht fahren kann. Sie hat sich ein Bein gebrochen.“

„Egal“, winkte er ab. „Könnten sie gleich morgen gegen Mittag rüber nach Gaienhofen fahren? Der Hof rechts am Ortsausgang gehört Bauer Klein. Was er mir zugesagt hat, damit kämen wir eine ganze Woche aus. Sie würden nur das Fleisch abholen. Er hat gestern geschlachtet. Und Kartoffeln, die ihm keinen guten Preis mehr auf dem Markt bringen, weil sie schon Keime haben und außerdem vom Frost süß geworden sind, die würde er uns sogar mit dem Pferdewagen vorbeibringen! Würden Sie das tun?“

Die Fahrt dauerte etwas über eine halbe Stunde und führte zum Teil am See entlang. Schon lange war ich nicht mehr hier gewesen, wo wir als Kinder im Schilf rumstrichen, uns versteckten oder einfach unter einem Baum im Schatten lagen. Als ich den Hof erreichte, lehnte ich das Fahrrad an einen Obstbaum und rief nach dem Bauern. Aber auch im Haus rührte sich nichts. Ich machte mich also auf den Weg in den Stall.  Ein warmer Geruch, den ich von Besuchen bei meinem Onkel kannte, strömte mir entgegen, als ich ins Halbdunkel spähte. Und die Schweine, aufmerksam geworden von dem fremden Geräusch, quiekten. Und dann sah ich Bauer Klein, wie er aus einer der Boxen auftauchte.

„Komm rein, Mädchen“, forderte mich der ungewöhnlich kräftige und großgewachsene Mann auf.

Du kommst vom Krankenhaus, oder?“

„Ich soll hier etwas abholen. Und hier“, eilte ich ihm entgegen und streckte ihm den Korb mit den Kartoffelschalen entgegen, „das hat mir Anni für ihre Schweine mitgegeben.“

Der Mann nahm mir den Korb aus der Hand. Er trat einen Schritt zurück und musterte mich unverfroren von Kopf bis Fuß. Dann hielt er mir den Korb wieder hin.

„Da“, deutete er auf das Oval einer Blechwanne neben dem Eingang in einem leeren Verschlag. „Da wirfst du am besten alles rein!“

Ich wandte mich um und ging zurück zur Stalltür. Meine Absätze hallten auf dem Holzboden. Tock-Tock-Tock. Ein Geräusch, das mir auf einmal unheimlich war.

Der Inhalt des Korbes war rasch ausgeleert. Als ich mich aufrichtete, stieß ich mit meinem Rücken an die Brust des Bauern. Eine Schrecksekunde später, lagen seine Arme um meinen Brustkasten und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, als könne ich meinem Schicksal dadurch entfliehen. Dann hielt ich den Atem an.

„Der Doktor hat sich bestimmt etwas dabei gedacht, so ein junges Ding wie dich zu schicken!“ Bei diesen Worten war er schon mit den Knöpfen der Bluse beschäftigt und gleich darauf nestelten seine Fingerspitzen an den Häkchen meines Büstenhalters. Ich warf einen sehnlichen Blick zur Tür. Sie war noch einen Spalt weit offen. Aber dann fiel mir das Fleisch ein und die Patienten und ER.

„Ich sollte nur abholen, was sie dem Doktor versprochen haben“, entgegnete ich mit zitternder Stimme, die Tür immer noch im Auge.

„Natürlich! Aber meinst du, er wäre enttäuscht, wenn du mit mehr als versprochen zurück kommst?“ Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern er fuhr fort: „Er soll doch so selbstlos sein, erzählt man sich.“ Seine Hände hatten sich mittlerweile meine Brüste gegriffen. Er tat mir weh.

"Und für Gottes Lohn gibt’s bei mir nichts mehr. Das habe ich lange genug mitgemacht“, fuhr er fort, während er seine Hände unter das Gummiband meines Rocks schob, es kurz dehnte, es aber wieder losließ.

„Besser, du ziehst dich selbst weiter aus“, forderte er mich auf und als er feststellte, dass ich gehorchte, trat er einen Schritt zurück, damit ich mich bücken und die Schuhe von Rock und Schlüpfer befreien konnte.

„Du hast also verstanden. Das ist gut so“, klang er zufrieden, als er wieder ganz nah hinter mir war, mich bei den Schultern nahm und mich zu sich umdrehte.

„Ich bin noch Jungfrau“, sah ich ihm in die Augen und merkte, dass er sich seiner Hose bereits entledigt haben musste. Er dränge sich jetzt so dicht an mich, dass ich spürte, wie etwas gegen meinen Bauch stieß.

„Bitte, ich …“ Weiter kam ich nicht, weil er da schon mein Handgelenk so fest gepackt hatte, dass ich vor Schreck aufschrie.

„Fass an“, öffnete er meine Faust und half nach, sie dahin zu legen, wo es ihn offenbar drängte. Als das geschehen war, fing er an, seine Hüften vor und zurück zu bewegen.

„Einmal muss es ja doch sein! Und mein Hof ist groß genug! Die Frau tot, mein Jüngster noch vermisst und der Älteste gefallen. Wenn du artig bist, kann das hier eine Goldgrube für dich werden!“

Ich weiß nicht, was mich mehr ängstigte. Der Sinn seiner Worte, mit der er mir meine Zukunft ausmalte oder sein heißer Atem, der so anschwoll, wie das, was ich in der Hand hielt.

Irgendwann schien er genug zu haben und drehte mich mühelos zurück in Richtung Wanne. Und gleich darauf legte sich seine Hand auf meinen Rücken. Erschrocken streckte ich die Arme vor mir aus, und stützte mich auf dem Wannenrand ab, mein Gesicht über den Küchenabfällen.

„Es wird wehtun“, hörte ich ihn sagen, als er mein Becken so anhob, dass nur noch meine Fußspitzen den Boden berührten.

„Aber keine Angst. Das geht schnell vorbei!“

Schon bei seinen letzten Worten spürte ich ihn zwischen meinen Beinen. Und als der stechende Schmerz in meinen Unterleib fuhr hatte ich angefangen, mich mit aller Kraft, die ich besaß, von ihm wegstemmen zu wollen. Ich wusste nicht, was mich mehr in Panik versetzte, sein Griff, mit dem er mich hielt, oder dieser Amboss, der sich immer nur kurz zurückzog, mir aber nicht die kleinste Verschnaufpause ließ.“

„Es geht nicht“, rief ich. „Nein! Was sie vorhaben, das ist unmöglich!“

Aber mein Kreischen beeindruckte ihn nicht. Er glaubte offenbar an das Unmögliche und ich hörte sogar, wie er bei fast jedem Versuch stöhnte und sich beschwerte. 

„Verdammt! Du bist aber auch eng! Eng wie eine Bettritze!“

Ein paar sehnsüchtige Blicke zur Tür und ein paar laute Schreie später war ihm offenbar der Durchbruch gelungen, was ich seinem „Endlich“ entnahm und der Tatsache, dass es nicht mehr ganz so weh tat. Dennoch wünschte ich nur noch eins: er möge aufhören, sich zu bewegen. Aber das genaue Gegenteil trat ein. Ich konnte mich jetzt nur noch an der Blechwanne festklammern, die mal in die eine Richtung, mal in die andere kippte. Tock-Tocktock-Tock-Tocktock, hallte es jedes Mal durch den Stall, wenn das Metall aufs Holz auftraf.

Als ich schließlich im Stroh landete, von ihm weggestoßen in einem Moment, als sein Brüllen sich mit dem Lärm der Schweine vermischte, kam es mir vor, als läge eine Ewigkeit zwischen dem gestrigen Tag mit dem Doktor im Labor und jetzt. Aber er ließ mir keine Zeit, darüber nachzudenken. Sondern er zog mich vom Boden hoch und umklammerte mich noch einmal.

„Aahh“, war er noch einmal, jetzt ganz nah an meiner Ohrmuschel, als sich seine Lenden ein paar letzte Male gegen mein Steißbein pressten. Beide rangen wir jetzt nach Atem. Auch ich bekam kaum noch Luft.

„Es hat dir also gefallen!?“ Seine Lippen lagen an meinem Hals. Kurz dachte ich nach. Weshalb war ich hierhergekommen? Hatte er nicht eindeutig bemerkt, dass er nichts mehr verschenken wollte? Und hatte ich etwa Geld, um zu bezahlen? Und war der Schmerz nicht verschwunden, wie er es prophezeit hatte? Und konnten wir nicht etwa das, was er im Übermaß besaß, dringend brauchen?

„Ja“, antwortete ich.

„Ich wusste es“, tat er sich noch immer schwer mit dem Sprechen. „Dann kommst du also wieder?“ Mit diesen Worten drehte er mich zu sich.

„Ja“, sah ich ihm so fest in die Augen, dass ich davon ausgehen konnte, ihn zu überzeugen.

„Ich hole das Fleisch“, tat er nach einer Weile einen Schritt zurück und bückte sich nach seiner Hose. Als er den Stall verließ, fiel etwas Licht herein. Ich sah auf meine zerrissenen Strümpfe, die nass von Blut und Schleim waren. Vom Boden nahm ich eine Handvoll Stroh und rieb damit über die Innenschenkel. Dann griff ich nach dem Schlüpfer und dem Rock.

„Du kommst doch wieder“, fragte er als er zurück war, offenbar unsicher geworden, und ich gerade die Knöpfe der Bluse schloss.

„Bestimmt“, sah ich zu ihm. Er lehnte am Türstock, der Korb neben ihm am Boden, knöpfte auch er jetzt seinen Latz zu.

„Willst du dich im Haus noch etwas waschen?“

Ich schüttelte den Kopf und darum nahm er den Korb und griff hinein.

„Hier! Das Fleisch. Ein Pfund mehr als ich dem Doktor versprochen habe. Das ist für dich. Ich habe es extra eingewickelt, damit du es gleich mit nachhause nehmen kannst. Ein Laib Brot ist auch drin und das hier“, hielt er eine gut vierzig Zentimeter lange Wurst in die Höhe. Das versteht man heute vielleicht nicht mehr. Aber damals war das ein Schatz.

„Die Kartoffeln, sag das dem Doktor, bringe ich übermorgen vorbei. Und nächste Woche habe ich dreißig Eier und drei Hühner für dich. Bring etwas mit, damit die Eier nicht kaputtgehen!“

„Ja!“ Ich nahm den Korb auf und ging an ihm vorbei in den Regen. Die dunkle Wolke, zu der ich beim Herfahren schon skeptisch hochgeblickt hatte, war zu einer dicken, grauen Schicht geworden. Horizont und selbst das Wäldchen, das, wie ich wusste, kurz hinter dem Stall begann, waren verschwunden.

„Warte“, rief er, als ich den Korb festgemacht hatte und gerade losfahren wollte. Aus dem Haus kam er auf mich zugelaufen, einen Umhang über dem Arm. Fast zärtlich legte er mir die Kapuze über den Kopf, sodass der Rest des Stoffes an mir runterfiel. Gerade so lang, dass der Saum nicht Gefahr lief, in die Speichen zu geraten.

„Damit du nicht völlig durchnässt im Krankenhaus ankommst!“ Mir fiel sein Gesichtsausdruck auf. Er schien mir gelöst. Und doch lag etwas Banges in seinen Augen.

Nach ein paar Metern Richtung See, sah ich mich um. Da stand er, schon ganz durchnässt, die Hände in den Hosentaschen. Er mochte so alt wie mein Vater sein. Die Frau war ihm erst vor kurzem gestorben. Lunge, erzählte man sich. Ein einsamer Mann. Erstaunlich robust. Eine Seltenheit in diesen Jahren. Die Hände in den Hosentaschen, sah er mir nach.

Kommentar(e)

Ich würde mich über eine Fortsetzung der Geschichte einfach freuen. Kann mir einfach auch real das in der Zeit vorstellen, das es so gelaufen ist.

Hallo Svenja,

ich fürchte, Du hast leider Recht. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war die in der Geschichte beschriebene "Methode" für viele unserer Großmütter und Urgroßmütter ein Ausweg, Kinder und vielleicht sogar Eltern, kurz, die "Sippe" über diese schwierige Zeit zu bringen. Und das wirklich Beklemmende daran ist, wie ich finde, dass die aller wenigsten später jemals ein Wort darüber verloren haben. An die Stelle von Stolz über ihren Wagemut, der durchaus berechtigt gewesen wäre, ist Scham getreten. Und die wurde irgendwo im Innern verschlossen und von den meisten bereits mit in die Gräber genommen.

Ich beabsichtige, die ganze Geschichte, die ich nicht geeignet für dieses Forum hier halte, in einem Buch zu veröffentlichen. Aber das wird noch eine ganze Zeit dauern.

Danke für Deinen Kommentar.

GeySir