Engelhaft (Prequel) - Der Schmetterlingseffekt 7/7

"Klappentext"

Im Tierpark ist die Tigerfütterung zu einem großen Showevent geworden, doch Rainer plagt sein Gewissen. Wie lange können Sabrina und er Tiger Rasputin bei Laune halten ohne Aussicht, dass er seine geliebte Tigerdame je wiedesieht?

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Zyklon

24. Juni 2012

Rainer schaute mit einem zwickenden Gefühl im Bauch in die erwartungsvollen Gesichter der Menschen, die sich um das Tigergehege versammelten. Vor der Fütterung des Tigers einige erklärende Worte an die Zuschauer zu richten, gehörte zu seiner üblichen Routine. Doch in den letzten Tagen glich die Aktion mehr einer Show und nach dem die Presse darüber berichtet hatte, strömten die Zuschauer in den Park; ganz wie gewünscht. Sabrina und Rasputin schafften es, mehr Geld in die Kassen zu spülen. Rainers Gewissen plagte ihn auch nicht den Zuschauern oder der Gattung Tiger gegenüber, obwohl sie mit diesem Spektakel, trotz aller folgenden Erklärungen, natürlich das Bild vom Menschen jagenden Tiger nährten. Es war spektakulär und brachte Geld. Ein paar Zuschauer würden seinen Worten bestimmt Glauben schenken, so hoffte er wenigstens, und damit wären die Tiger dieser Welt nicht völlig diskreditiert.

Eigentlich hätte er sich an diesem Tag sogar freuen müssen, denn seine Tochter Maja, für die der Beruf ihres Vaters früher das Größte gewesen war, befand sich seit längerem einmal wieder unter den Zuschauern. Nach dem Besuch des Rockfestivals, schien es ihm für einen Moment so, als sei sein kleines Mädchen zurückgekehrt. Sie schloss ihn bei ihrer Rückkehr so fest in die Arme, bedankte sich für die Erlaubnis und versprach ihm zum Dank eine Überraschung, nur um im nächsten Moment damit herauszuplatzen: Sie käme am nächsten Wochenende nämlich in den Tierpark zur Tigerfütterung. Im Vorschulalter passierte ihr das regelmäßig. Zu dieser Zeit hatte sie wohl verstanden, des eine »Überraschung« etwas besonders tolles war, nicht aber, dass der Witz an der Sache die Geheimhaltung war.

Sandra schloss sich natürlich an. Rainer suchte ihre Gesichter in der Menge, in er Hoffnung, sie könnten dieses ungute Gefühl in seinem Bauch vertreiben. Maja winkte sogar überschwänglich, als er sie erblickte. Er winkte zurück. Natürlich freute es ihn, aber sein schlechtes Gewissen vertrieb es nicht, denn die Person, die er betrog - hatte er jetzt wirklich Person gedacht? - egal - betrogen wurde wie immer der Schwächste in der Gleichung und das war Tiger Rasputin, der seinen Hungerstreik aufgegeben und nun diese Show mit Sabrina bot. Doch seine angebetete Tigerin Lilly war trächtig und so würde er sie eben nicht wiedersehen, auch wenn er es glaubte. Martin fürchtete den Tag, an dem Rasputin diesen Glauben verlor. Würde er wieder in den Hungerstreik treten? Würde er seine Wut an der Lügnerin Sabrina auslassen? Konnte Sabrina eine solche Veränderung seiner Gemütslage spüren, damit sie an diesem Tag nicht in das Tigergehege stieg? Rainer fühlte sich, als liefe er auf einem dunklen Pfad, wo er keinen Stolperstein, keinen Abgrund sehen konnte, bevor er nicht über ihn fiel. Kein schönes Gefühl. Sein Chef hatte wenigstens versprochen in anderen Zoos nach Tigerweibchen Ausschau zu halten.

Das Gemurmel im Publikum schwoll an, denn er schwieg immer noch. Er stand für alle sichtbar auf einer kleinen Anhöhe, die man gebaut hatte, um über die Glasfront oder den Zaun ins Tigergehege schauen zu können; natürlich mit genügend Abstand, damit kein Besucher auf die Idee kam, über den Zaun zu springen. Er spürte die Erwartungen um in herum. Also schüttelte er seine negativen Gedanken ab, schaltete das Mikrofon ein und begrüßte das Publikum: »Guten Tag, meine Damen und Herren, liebe Kinder. Herzlich willkommen hier bei uns im Tierpark zur Tigerfütterung. Wie ich an der großen Zahl erwartungsvoller Augen sehe, hat sich schon herumgesprochen, dass die Tigerfütterung hier bei uns derzeit etwas anders durchgeführt wird, als in anderen Zoos.
Bevor wir damit beginnen möchte ich Ihnen aber zwei Dinge besonders ans Herz legen: Die Tiere in unserem Park sind zwar alle in Gefangenschaft geboren, aber es sind Wildtiere und sie besitzen immer noch ihre wilden Instinkte. So süß manches Raubtier auch aussehen mag, sie sind es nicht. Und auch wenn sie oft schlafend scheinen, ihre Sinne sind geschärft und ihre Reflexe schneller als Sie es sich vorstellen können. Von daher bitte ich Sie in ihrem eigenen Interesse: Beachten sie die Absperrungen. Versuchen Sie nicht die Raubtiere zu füttern oder sie zu streicheln. Wir haben Gehege, in denen sie Tieren hautnah begegnen können, die Raubtiere gehören nicht dazu. Der sorglose Umgang mit einer Raubkatze wie dem sibirischen Tiger, die sie gleich sehen werden, ist nur möglich, weil die junge Dame, die dies tun wird, zusammen mit dem Tiger aufgewachsen ist.«

Eigentlich müssten sich alle Balken im Park bei dieser faustdicken Lüge biegen, aber es erschien allen Beteiligten wichtig, einen Unterschied zwischen Sabrina und einem normalen Parkbesucher deutlich zu machen, damit niemand auf die Idee kam, er oder sie könne das auch probieren. Die wahren Verhältnisse schienen kaum erklärbar, geschweige denn verständlich. Rainer war sich nicht einmal sicher, ob er sie so wirklich verstand. Fassen, konnte er es zumindest immer noch nicht.

Sabrina betrat das Gehege und ein paar Zuschauer applaudierten. Rainer schwieg einen Moment und gab den anderen Besuchern Gelegenheit mit einzustimmen, bevor er fortfuhr: »Zum anderen möchte ich noch darauf hinweisen, dass es nicht unser Ziel ist, den sibirischen Tiger als Menschenkiller darzustellen. Es handelt sich zwar um die größte Raubkatze auf unserer Erde, doch sie ist mittlerweile so selten, dass inzwischen mehr sibirische Tiger in Zoos leben, als in freier Wildbahn. Außerdem sind Tiger von Natur aus eher vorsichtig, um nicht zu sagen scheu. Selbst die Forscher und Ranger, die sich in Sibieren um den Schutz und die Erforschung dieser Tigerart kümmern, sehen oft über Jahre - über Jahre - nicht einen einzigen. Sie erkennen nur an Spuren, Kot oder vielleicht einem Riss, dass ein Tiger in dem Gebiet lebt. Von daher stellen sie sich also bitte vor, meine Assistentin Sabrina sei kein Mensch, sondern eine Wildsau.«

Sabrina verharrte abrupt in der Bewegung, verschränkte die Arme vor der Brust, tippte mit der Fußspitze und schielte schräg zu Rainer, der sich sofort korrigierte: »Eine durch und durch sympathische und überaus entzückende Wildsau.«

Das Publikum lachte. Bei der ersten öffentlichen Vorführung hatte Sabrina ihre scheinbare Verstimmung über Rainers Betitelung als Wildsau spontan gezeigt und auch da wurde gelacht und so beschlossen die beiden, dieses Element beizubehalten.

Rasputin kam auf Sabrina zu getrottet und reckte seinen Hals nach dem Fleischstück, das Sabrina trug. Das leichte Gelächter ging in ein hörbares Staunen und Gemurmel über. Erst im direkten Vergleich zu einem Menschen fiel auf, wie groß die Raubkatze war. Sabrina drückte die neugierige Nase des Tigers zurück und die beiden gingen ein Stück nebeneinander her. Es wirkte fast wie eine Szene aus einem Disney Film. Ein Mädchen kraulte einen Tiger hinter einem Ohr, der seinen Kopf genießerisch und mit geschlossenen Augen gegen diese Liebkosung drückte. Dann machte sie eine verscheuchende Geste. Der Tiger hüpfte einen Satz zurück, schien ihr aber nicht wirklich von der Seite weichen zu wollen. Sie wiederholte die Armbewegung und daraufhin sprang er mit entspannten Sätzen davon.

Nun nahm Rainer seine Moderation wieder auf:m»Im Gegensatz zum Geparden oder zu den Hundeartigen, allen voran den Wölfen, die Hetztjäger sind, gehören Tiger zu den Schleichjägern. Sie pirschen sich an ihre Beute heran und nutzen dabei die Deckung, die ihnen ihre Umgebung bietet.«

Rasputin, der nun am oberen Ende seines Geheges ankam, legte sich ins Gras und späte zu Sabrina, die sich zum Bächlein, das das Gehege durchfloss, und schöpfte Wasser mit der Hand. Sie simulierte ein Trinken.

»Wasserstellen, an denen ihre Beutetiere zum Trinken kommen, gehören natürlich zu bebevorzugten Jagdorten. Sibirische Tiger haben es im Gegensatz zu ihren indischen Verwandten hier jedoch etwas schwieriger, da in ihrer Heimat Wasser nicht so leicht zu einer Mangelware wird, wie in heißeren Regionen dieser Welt. Tatsächlich stellt sich dieser Vorteil eher im Winter ein, wenn Bäche und Seen zugefroren sind und nur an einigen Stellen freier Zugang zu flüssigem Wasser herrscht. Der Tiger versucht nun, so dicht wie möglich an sein potentielles Opfer heran zu kommen. Sie sehen, wie unser Rasputin die kleinen Hügel ausnutzt. Die Zuschauer auf der Brücke können es gleich besonders gut sehen. Achten Sie doch mal darauf, wie hervorragend das Fellmuster des Tigers als Tarnung funktioniert, wenn er an der kleinen Gruppe Birken vorbeikommt.«

Rasputin schlich langsam näher und verharrte, wenn Sabrina, die sich wie scheues Beutewild verhielt, den Kopf reckte und sich umsah, bevor sie weiter Wasser schöpfte. Das Publikum wurde mucksmäuschen still. In den Beobachtungspausen huschte der Tiger zur nächsten Deckung. Er schlich durch das Birkenwäldchen und kam Sabrina bedrohlich nahe, duckte sich tief, dann katapultierte er sich mit einem riesigen Satz aus seinem Versteck. Den Zuschauern stockte kollektiv der Atem. Sabrina sprang auf, rannte noch zwei Schritte, doch dann flog der Kater auch schon heran. Sie versuchte, ihn abzuwehren, doch gegen die schiere Masse des Tigers  hatte sie keine Chance. Rasputin fauchte. Arme, Beine und Tatzen flogen für ein paar Sekunden umher, dann hatte der Tiger seine Beute so, wie er sie brauchte. Sein Kopf schnellte vor.

Auch heute erschollen wieder einige entsetzte Rufe aus dem Publikum. Rainer griff ein, in dem er die gespannte Stille durchbrach: »Tiger töten ihre Beute meist mit einem Biss in den Nacken oder in die Kehle. Die Beutetiere fallen dabei in der Regel in eine Schockstarre und spüren nichts mehr.«

Sabrina klopfte dem Tiger wieder gegen die Flanke und beendete damit das Spiel. Unter riesigem Applaus und Begeisterungsrufen nahm der Tiger das Fleischstück aus Sabrinas Händen entgegen, trottete einige Schritte von ihr weg, legte sich hin und leckte seine Belohnung erst einmal genüsslich ab.

Sabrina erhob sich, klopfte sich den Staub von den Kleidern, verbeugte sich und winkte ins Publikum, während sie sich dem Ausgang entgegenbewegte. Rainer bedankte sich beim Publikum für die Aufmerksamkeit, wiederholte seine Warnung, sich den Raubtieren im Zoo nicht ähnlich zu nähren, und bot dann an, noch einige Fragen zu beantworten. Auch heute kam wieder die Frage, die seit Beginn dieser Vorführungen immer kam; diesmal von einer rundlichen Frau mit rotbraunen Haaren und Rentnerinnen-Blumenkleid: »Ist bei dieser Fütterung schon einmal etwas passiert?«

Auch heute verspürte Rainer den Drang zu der ironischen Antwort: »Ja, zwei Tierpflegerinnen hat der Tiger gefressen, bevor er die Nummer sicher beherrschte.« Aber er antwortete wieder brav mit: »Nein. Wie gesagt, unsere Pratikantin und der Tiger kennen sich schon lange und sind sehr vertraut. Für einen anderen Menschen wäre ein solcher Umgang unmöglich, aber natürlich ist noch nie etwas passiert.«

»Das war cool!«

Rainer seufzte glücklich, als er Majas Stimme erkannte. Sie rannte mit strahlenden Augen auf ihn zu und fiel ihm sogar in die Arme – in aller Öffentlichkeit. Wann hatte sie das zuletzt getan? Er wäre fast gestürzt, weil er damit nicht gerechnete hatte. Sie schien nach der Fahrt zu diesem Festival fast wie ausgewechselt. Sie verzichtete an diesem sonnigen Sonntag sogar auf ihre übliche schwarze, oft nietenbesetzte Kleidung. Eine einfache Jeans und ein gelbes T-Shirt leuchteten Rainer entgegen. Er wusste gar nicht, dass sie noch solche Kleidung besaß. Für einen Moment keimte die Hoffnung in ihm auf, sie könne sich wieder in das kleine Mädchen verwandeln, die am liebsten Minni Mouse T-Shirts trug und für die Papa der Größte war. Aber das war albern. Sie war immer noch fünfzehn und der Hang zu dunkler Kleidung und schrägen Haarfarben, würde sich kaum durch den Besuch eines Rockfestivals ändern. Dort liefen schließlich fast alle so herum.

»Sowas ist cool?«, fragte er.

»Na logo«, bestätigte Maja. »So ein Riesenmonster, das voll über einen herfällt und seine Killerzähne an der Kehle.«

Rainer versuchte, gewisse Assoziationen, die sich auf ganz andere Monster bezogen, die über kleine Mädchen herfielen und Majas überschwänglichen Ton, den er damit in Verbindung brachte, zu ignorieren. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie erwachsen wurde. Er vertrieb diesen Gedanken und beschloss den Moment zu genießen, in dem er seine Tochter noch einmal an sich drückte.

Seine Frau Sandra trat zu den beiden und begrüßte ihren Mann mit einem Kuss und den Worten: »Ist ja eine spektakuläre Show.« In ihren Worten schwang Skepsis mit, ob dies wirklich die richtige Unterhaltung für Zoobesucher war.

»Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht«, verteidigte er sich, gegen den unausgesprochenen Vorwurf, »aber die Besucherzahlen sind nach den Zeitungsberichten sprunghaft angestiegen und das Geld können wir gut gebrauchen, wenn wir einen zweiten Tiger haben wollen.«

»Ihr wollt einen zweiten Tiger haben?«, entfuhr es Maja und sie klang sehr besorgt.

Verwundert antwortete ihr Vater: »Na ja, wenn Rasputin wirklich Liebeskummer hat, können wir das wohl nur mit einer Partnerin lösen.«

»Ja, aber du hast gesagt, es sei eine ganz bestimmte Tigerin«, erinnerte Maja und klang immer noch besorgt, so als könne mit dem Liebesleben Rasputins irgendetwas schief laufen.

»Ja, aber da sie trächtig ist, gibt der Besitzerzoo sie nicht ab.«

»Und wie lange macht die Kleine«, Sandra nickte in Richtung Sabrina, die gerade auf sie zukam, »das noch mit? Ich dachte, sie sei nur Schulpraktikantin. Wie lange ist sie noch hier?«

»Ihr Praktikum ist am Freitag letzte Woche ausgelaufen, aber sie setzt es auf freiwilliger Basis fort. Ewig wird sie das nicht machen, aber sie  möchte wohl sicher stellen, dass Rasputin glücklich wird. Sie hat den Tiger von Anfang an in ihr Herz geschlossen.«

Sabrina winkte, als sie die Gruppe erreichte. Den merkwürdigen Umstand, dass sie wohl hören, aber nicht sprechen konnte, hatte Rainer seiner Frau und seiner Tochter schon nach Sabrinas erstem Praktikumstag erzählt.

»Hallo Sabrina«, begrüßte Sandra sie mit ausgestreckter Hand, »ist ja eine unglaubliche Show, die du da mit dem Tiger lieferst.«

Sabrina schüttelte Sandras Hand und nickte seitlich, wobei sie eine Schulter etwas hochzog, was so wohl ein »Danke für das Kompliment« bedeuten, aber auch ein »Ach, das ist doch nichts besonderes«, beinhalten konnte. Rainer stellte seine Familie darauf hin vor. Als Sabrina Maja die Hand reichte, bemerkte Rainer, dass sie seiner Tochter mit einer Direktheit in die Augen schaute, als erwarte sie etwas von ihr. Maya bemerkte es ebenfalls auch und lächelte verlegen, da sie wohl nicht wusste, was das sein sollte.

»Michels«, erscholl plötzlich ein Ruf aus der Entfernung. Es war die Stimme von Tierparkdirektor Rütten. Rainer drehte sich überrascht, vielleicht auch etwas erschrocken um. Rüttens Wutausbruch, als Sabrina das erste Mal zum Tiger ins Gehege stieg, steckte ihm noch mehr in den Knochen, als er gedacht hatte. Er hob jedoch den Arm und winkte seinem Chef, der sich durch die sich verteilende Menschenmenge auf sie zu schob. Er begrüßte Sandra und Maja mit Handschlag.

»Hallo Frau Michels, schön Sie wiedereinmal bei uns begrüßen zu dürfen. Hallo Maja.« Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie von oben bis unten. »Groß bist du geworden«, sagte er, doch die Art wie er das O in »groß« dehnte, sagte deutlich, dass er nicht nur Zentimeter meinte.

Maja versuchte, ihre Verlegenheit über das Kompliment hinter einer Maske aus Langeweile über so einen Spruch zu verbergen, doch Rainer sah ihr an, dass es ihr in Wirklichkeit gefiel. Gleichzeitig fiel ihm auf, dass er sich tatsächlich nicht mehr so intensiv um sie gekümmert hatte, wie früher. Solche feinen Regungen hatte er schon lange nicht mehr bemerkt und das lag sicher nicht daran, dass Maja sie nicht zeigte, sondern, dass er in letzter Zeit nicht mehr so genau hingeschaut hatte. Rütten riss ihn aus seinen Gedanken.

»Jetzt sag mir aber mal, Rainer, woher kennst du diesen Grube?«

»Was für eine Grube?«, entgegnete Rainer verwirrt.

»Kein Loch im Boden, sondern den Bauunternehmer Julian Grube.«

»Noch nie gehört«, antwortete Rainer.

Maja räusperte sich und sagte kleinlaut: »Das ist dann wohl meine Überraschung.«

Nun verstand Rainer noch weniger.

»Wieso deine Überraschung? Du bist heute hier«, erinnerte Rainer.

Maja verdrehte die Augen.

»Das hab ich ja auch angekündigt und wenn ich es ankündige, ist es ja wohl kaum noch eine Überraschung. Bin ja nicht mehr drei Jahre alt.«

Rainer fühlte sich bei diesem Satz ertappt und errötete leicht, dann besann er sich auf das eigentliche Problem. Er verstand immer noch nicht, was vor sich ging.

»Jetzt aber mal der Reihe nach; Bauunternehmer, Grube, Überraschung. Ich verstehe nur Bahnhof und Bratkartoffeln.«

»Na ja, das war so«, eröffnete Maja, »am Sonntagvormittag bin ich ein bisschen in diesen Ort. Oberschwalbach.«

»Du warst in Oberschwalbach?«, wunderte Direktor Rütten sich.

»Zyklon-Festival«, erklärte Maja kurz.

Das sagte dem Tierparkdirektor zwar gar nichts, aber er fragte nicht weiter nach. Maja fuhr fort: »Ich wollte euch was mitbringen als Dankeschön das ich fahren durfte.«

»Eigentlich dachte ich, hätten wir den Chemie-Deal«, erinnerte Rainer seine Tochter.

»Ja, klar. Versprochen!«, versicherte Maja, »aber es war halt ein echt geiles…« Sie erntete einen wenig begeisterten Blick ihrer Mutter und korrigierte sich. »… tolles Festival, total mega. Na, und für Mama ist das ja auch immer relativ einfach. Die sammelt ihre Kristallfiguren. Da findet man überall welche. Aber bei dir ist das schwerer. So ein richtiges Hobby hast du ja irgendwie nicht. Ein bisschen Garten und so, aber sonst? Das war irgendwie blöd. Ich bin ziemlich planlos durch die Straßen  gelaufen und als ich aus einem Souvenirshop kam, hätte ich fast ein Pärchen umgerannt. Er in Sommerjacke und Jeans. Sie in langem Regenmantel und mit Hundehalsband.« Maja räusperte sich und fügte flüstern, aber mit hörbarer Belustigung hinzu. »Also wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ja fast geglaubt haben, die war unter dem Mantel nackt.«

»Wie kommst du denn dadrauf?«, fragte ihr Vater schockiert, auf was für Leute seine Tochter stieß.

»Hundehalsband, langer Mantel. Schon mal was von Fifty Shades of Grey gehört?«

»Seit wann liest du denn…?«

»Mama hat es ja auch gelesen.«

Sandra Michels errötete vor dem Tierparkdirektor, dessen Neugier nach der eigentlichen Geschichte, die Situation jedoch entschärfte, in dem er fragte: »Was hat das denn nun aber mit einem Bauunternehmer zu tun.«

»Der Mann war der Bauunternehmer Julian Grube.«

»Und was wollte der von dir?«, fragte Rainer besorgt, auf was seine Tochter sich einließ, wenn sie auf einen Mann traf, der vermutlich eine nur mit Hundehalsband und Regenmantel bekleidete Frau bei sich hatte.

Maja stöhnte genervt: »Boah, kann ich die Geschichte nicht einfach mal so erzählen, wie ich sie erzählen will?«

»Natürlich«, versicherte Direktor Rütten und sah tadelnd zu Rainer.

»Also, ich bin quasi in die beiden reingelaufen, weil ich in Gedanken war, was ich Papa nun mitbringen sollte. Die beiden sagten: ›Hoppla‹ ich entschuldigte mich und wollte weiter, doch da sprach er mich an. Was ich an einem so schönen Sonntagmorgen denn für ein mißmutiges Gesicht zöge. Ich meinte, es sei nichts, aber er hakte nach und sagte so etwas, das er an diesem Tag so glücklich sei und es nicht ertragen könne, jemanden mit so einem Gesicht zu sehen. - Ja, fand auch, er dramatisierte die Sache. Das habe ich ihm auch gesagt, aber er ließ nicht locker und wollte unbedingt wissen, was mir denn die Ernte verhagelt hat. Ich hab ihm dann die Geschichte erzählt, dass ich ja eigentlich nicht zu dem Festival durfte und dann doch und das ich das so mega fand und dass ich deshalb etwas suchte, womit ich auch meinem Papa eine Freude machen könnte. Er meinte dann, dass er und seine Freundin sich in der Gegend auskennen würden und sie mir vielleicht helfen könnten. Für was mein Vater sich denn so interessiere. Da wusste ich ja eben nichts und meinte, dass dein Hobby eigentlich deine Arbeit sei. Und da wollte er natürlich wissen, was du machst. Und dann hab ich von deinem Job erzählt und dass du in der letzten Zeit immer nur von Rasputin gesprochen hast, um den du dir Sorgen gemacht hast und das herausgekommen sei, dass Rasputins Problem Liebeskummer sei.
Das hat ihn natürlich noch neugieriger gemacht und dann hat er mich in ein Eiskaffee auf eine heiße Schokolade eingeladen und da hab ich ihm halt von Rasputin und dem Liebeskummer mit seiner Lilly erzählt.«

»Und dann?«, hakte Rütten voller Ungeduld nach.

»Dann war ich total baff. Zum einen wusste ich ja nicht, dass der Zoo, in dem Lilly lebt, in Oberschwalbach liegt. Und zum anderen kannte Julian den Zoo und die Tigerin.«

»Und dann hast du ihn überredet…«, setzte Rütten zu einer Vermutung an. Rainer fiel ihm sofort ins Wort: »Wozu überredet?«

»Ich hab gar nichts«, widersprach Maja, ungehalten über die neuerliche Unterbrechung. »Woher sollte ich denn wissen, dass Julian Bauunternehmer ist und gerade in dem Zoo ein neues Nashornhaus baut.«

»Na, und dann?«

»Und weiter?«, fragten Rütten und Rainer fast im Chor.

»Dann meinte Julian plötzlich, er habe da ein Idee. Und dann hat er sein Handy gezückt und den Zoodirektor angerufen. Kleiber oder so.«

»Köhler«, verbesserte Rütten.

»Na, wie auch immer. Der war zumindest erst mal nicht begeistert, als er hörte, dass Julian noch mal über den Preis des Nashornhauses sprechen wollte. Er hat erst einmal gewettert, dass sie Verträge hätten und es sich ein Zoo eh schon kaum leisten könnte und so weiter. War total penlich, weil Julian sein Handy auf laut gestellt und in die Mitte des Tisches gelegt hatte. Alle Leute im Lokal haben sich umgedreht, aber Julian ist ganz cool geblieben, hat sich entschuldigt und meinte, dass Dr. Klöbner seinen Anruf völlig fehlinterpretiere. Und dann fing Julian an, dass er von der Tigergeschichte gehört hätte und weil er gerade so glücklich in seiner Beziehung sei - Gott hat der seine Schnitte dabei angeschmachtet - könne er es nicht ertragen, wenn jemand anderes, auch wenn es zwei Tiger wären, unglücklich seien. Und dann hat er mal so locker angeboten, das Nashornhaus mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis zu bauen, wenn der Zoo dem Tigerglück nicht im Wege stehen würde.«

Rainer entgleisten sämtliche Gesichtszüge. Sein Unterkiefer klappte wie eine Falltür herunter und er staunte Bauklötze. Er versuchte, seinen Mund immer wieder zu schließen, und stammelte dabei: »Aber, aber, aber Lilly… Lilly ist trächtig.«

»Ja«, räumte Maja ein, »das hat der Klöbner auch gemeint.«

»Köhler«, verbesserte Rütten noch einmal, doch Maja schickte ihn nur einen bösen Blick, sie nicht immer zu unterbrechen.

»Da klang der...« Sie setzte den Namen nun deutlich ab: »Köhler – richtig traurig. Man hat total gehört, dass er den Deal natürlich unbedingt machen wollte - bei so ’nem Haus geht’s da ja auch bestimmt um ’ne gut Stange Kohle. Er hat dann aber erklärt, dass er unter diesen Umständen grundsätzlich bereit sei, die Tigerin abzugeben, aber das das alles sehr schwierig wäre, denn da sie ja schwanger ist, könne man sie dem Stress eines Tiertransports nicht aussetzen. Schon die Betäubung, um sie in die Transportkiste zu bekommen, sei unverantwortlich. Wenn dabei etwas passieren würde, wäre das Tigerglück ja trotzdem zerstört und wenn das herauskäme, dass er soetwas gemacht hat, dann könne er auch richtig Ärger bekommen; wegen Artenschutz und Fürsorge und so.«

»Und was für welchen«, bestätigte Rainer seiner Tochter.

Maja zuckte mit den Schultern. »Julian meinte zumindest am Ende zu mir, er würde das schon irgendwie hinkriegen. Ich könne meinem Vater eine dicke Überraschung versprechen.«

Rainer strahlte seine Tochter an, breitete seine Arme aus, in die sie gerne sank.

»Das ist unglaublich lieb von dir, Maja, dass du dich so für mich - und ja auch irgendwie für Rasputin eingesetzt hast. Da kannst du ja nichts dafür, dass die Situation leider etwas komplizierter ist. Ich bin so stolz auf dich.«

Nun räusperte sich Direktor Rütten: »Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Vorhin ruft mich der Klöbner...«

»Köhler«, verbesserte nun Maya.

Rütten lachte: »Ja, der Köhler. Er hat mich bekniet, ob ich nicht einen Weg wüsste, wie wir das regeln könnten. Das Angebot sei einfach zu gut, aber er könne ja auch nicht mit Lillys Leben spielen. Das könne ihn ja Kopf und Kragen kosten.«

»Und nun?«, fragte Rainer und sah seinen Chef ratlos an.

Rütten setzte eine betroffene Miene auf. »Tja, ich weiß keinen Weg und du sicher auch nicht.« Er machte eine Kunstpause. »Aber wenn es um sibirische Tiger geht - zumindest um verliebte - mussten wir ja beide feststellen, dass wir da nicht die uneingeschränkten Experten sind. Und deshalb dachte ich, ich fahre mal her und frage unsere Expertin.« Damit lenkte Rütten seinen Blick und die aller anderen auf Sabrina.

Diese lächelte, aber nicht freudig, weil der Tierparkdirektor sie eine Expertin genannte, auch nicht glücklich, weil sie sich für Rasputin und Lilly freute, nein, sie lächelte - und Rainer rann ein Schauer über den Rücken, der seine Haut vom Scheitel bis zu den Fußspitzen in Gänsehaut verwandelte - wissend. Plötzlich verstand er den Blick, den Sabrina Maja bei ihrer Begrüßung zugeworfen hatte. Sie wusste, was Maja erzählen würde. Und wie zu einer Art Bestätigung hob sie nun die Hand und zeigte Maja den nach oben gestreckten Daumen, so als lobe sie sie, alles richtig gemacht zu haben. Dann wandte Sabrina sich an Rütten und nickte ihm zu.

»Du weißt einen Weg?«

Sabrina legte den Kopf zur Seite, als sei diese Frage fast schon eine Beleidigung. Als Nächstes drehte sie sich zum Tigergehege und schnipste. Natürlich besaßen Tiger ein hervorragendes Hörvermögen, trotzdem konnte Rainer sich nicht vorstellen, dass Rasputin zwischen all den klickenden Kameras, den rufenden und weinenden Kindern, den sich unterhaltenen Erwachsenen, den Rollgeräuschen der Bollerwagen und Kinderkarren, genau dieses Geräusch heraus hörte. Doch er hob sofort den Kopf und schaute in Sabrinas Richtung. Ein paar Sekunden standen beide still, dann ging ein Ruck durch den Tiger und er machte einen Satz rückwärts, bevor er wie von der Tarantel gestochen durch sein Gehege rannte. Er sprang Bäume und Felsen an, biss in Äste und wetzte seine Krallen im Boden, dass Grasbüschel durch die Luft geschleudert wurden.

»Was ist denn jetzt in ihn gefahren?«, wunderte Rütten sich.

»Schätze, er hat gerade die gute Nachricht erfahren«, erklärte Rainer, der glücklich aber doch mit einem Hauch Neid auf Sabrina schaute. Sie schaute dem Tiger zu. Jeder Teenager, dem solch ein Erfolg gelang, müsste eigentlich platzen vor Stolz, doch sie stand einfach da. Ja, sie lächelte, doch es wirkte so milde und vor allem so über all den Dingen stehend. In diesem Moment wirkte sie nicht, wie ein junges Mädchen, sondern wie eine weise Frau.

Plötzlich erinnerte Rainer sich an diesen Satz: ›fahr nach Hause zu deiner Frau. Dann wird alles gut.‹ Und schon überkam ihn ein erneuter Schauer. Als er nach Hause fuhr, hatte er den wundervollsten Sex mit seiner Frau, genau das Problem, über das er an diesem Tag nachgedacht hatte, und auch sein Zerwürfnis mit seiner Tochter hatte er danach gekittet. Plötzlich fühlte er sich, als würde er in einem gigantischen Wirbelsturm stehen, doch all die Macht des Windes zerrte nicht an ihm, sondern sie erfüllte ihn mit einer unbeschreiblich wohltuenden Wärme. Es war Glück.

»Was hast du?«, fragte seine Frau ihn plötzlich mit zärtlicher Stimme.

Er konnte nicht sprechen. So legte er einen Arm um sie und drückte sie nur fest an sich. Irgendwie spürte er, dass sich hinter dieser Geschichte noch viel mehr verbarg. Er konnte es nicht erfassen, aber da war etwas und es hatte mit Glück und Liebe zu tun. Und mit welchem Zauber auch immer, konnte diese Sabrina es in die Welt schicken.

Maja rannte hinter Sabrina her und rief: »Hey, Sabrina, was ist das eigentlich für ein Gefühl, wenn der Tiger deinen Hals zwischen seinen Zähnen hat?«

Rainer seufzte. Da war sie wieder, seine morbide Gothic-Tochter. Aber es wäre wohl vermessen, so hoffen, dass sich auch das noch änderte.

Sabrina zuckte mit den Schultern, zeigte dann mit ihrem Finger auf ihren weit aufgerissenen Mund und wedelt sich danach mit angewiderter Mine mit der Hand vor dem Gesicht.

»Du meinst er hat Mundgeruch?«, vermutete Maja und lachte, als Sabrina entschieden nickte. Dann hockte Sabrina sich hin und schrieb etwas mit dem Finger in den Sand. Maja las es und sah Sabrina mit großen Augen an. Die nahm sie bei der Hand und zog sie hinter sich her.

Rainer konnte seine Neugier nicht zügeln und ging mit seiner Frau im Arm zu der Stelle und las, was in den Sand gekratzt stand.

»Es ist nicht das Gefühl vom drohenden Tod, das mich bei dem Spiel begeistert. Es ist so aufregend, das Leben zu spüren. Meines und das des Tigers, ganz nah beisammen. Soll ich es dir zeigen?«

»Nicht der Tod, sondern das Leben«, wiederholte Rainer für sich und fragte sich, was Sabrina alles in den Gedanken und Herzen der Menschen lesen konnte.

»Was meinst du, Schatz?«

»Ach, nichts.« Dann ließ er seine Frau kurz los und legte die Hände um den Mund, damit seine Stimme weiter trug. »Sabrina!«

Die beiden Mädchen drehten sich um.

»Aber nicht draußen. Geht in den Stall.«

Sabrina nickte und winkte zu Rasputin, ihr zu folgen. Der Tiger, der seinen Freudentanz inzwischen eingestellt hatte, trotte zur verschlossenen Klappe, durch die er in den Stall gelangen konnte. Dort wartete er.

»Was haben die beiden vor?«, fragte Sandra.

»Sie will ihr den Tiger wohl von nahm zeigen.«

»Ist das nicht gefährlich.«

Rainer überlegte eine Sekunde, dann winkte er ab, nahm seine Frau wieder in den Arm und fragte: »Wo muss ich eigentlich hingehen, wenn ich ein Minnie Mouse T-Shrit kaufen will?«

mehr von Sabrina:

Engelhaft >>

Engelhaft 2 - Das weiße Seil (2-teilig) >>

Kommentar(e)

Für diese schöne, herzerwärmende Geschichte.

Schön, einen weiteren Teil Deiner herzerwärmenden Geschichte zu lesen! Gerne mehr davon.

... für die netten Worte und die Treue, trotz langer Wartezeiten. Die nächste Geschichte versuche ich wieder fertig zu schreiben und dann einstellen zu lassen.

LG

Flo