" … verkauft an … “ oder: ’das rote Schloss’ 2/4

"Klappentext"

Die Geschichte ist der Versuch, einen möglichen Weg in die Versklavung auszumalen, der die zeitliche Dauer des Wochenend-Seminars: ’Von der Jungfrau zum bereitwilligen Fickobjekt’ bei weitem übersteigt. Mit ihrer Gefangennahme und Markierung beginnt ein langes hin und her in der Gefühlswelt der neuen Sklavin, bis sie schließlich bei ihrem Eigentümer angekommen ist.

 

 

 

 

"Verkauft an den He … “, ruft der Auktionator, aber an wen, geht für mich im allgemeinen Gegröle des Erfolgs unter.

Ich darf mich wieder aufrichten, werde schnell von der Bühne geführt und muss warten. Warten, warten bis der, dem ich jetzt gehöre, mich abholt. Dass es ein Er ist, soviel weiß ich ja nun.

 

Ich wurde verkauft!  Mein Herz schlägt bis zum Hals, will das Eisen sprengen, meine Knie sind weich und ich habe das Gefühl, bald in Ohnmacht zu fallen. Es schert niemanden.

Der Auktionator bringt direkt das nächste Mädchen auf die Bühne, nach den üblichen anbiedernden Scherzen mit der Menge wird begonnen, ihren Preis auszuloten und ihr Schicksal zu entscheiden.

Die Kleine ist hübsch, wahnsinnig hübsch, die Zeit wird ihr zeigen, ob dies wahrhaftig nur ein Vorteil für sie ist. Ihr macht diese Anspannung sichtlich zu schaffen, sie ringt auf der Bühne um ihre Fassung und kämpft darum, nicht in Tränen auszubrechen.

 

Ich wurde verkauft. Trotz der Tatsache, dass mir der Glaube abhanden gekommen ist, schicke ich Gebete nach oben, es kann ja nicht schaden. ’Bitte, bitte lass es den jungen Mann sein.

Der wird mich zwar oft ficken, aber vermutlich, so hoffe ich zumindest, wird nur er es tun. Bitte lass ihn aber auf keinen Fall einen Sadisten sein! Und auch keinen Bordellbetreiber.’

Dann schon lieber eine der berüchtigten Sklavenschulen. Denen geht zwar der Ruf der Grausamkeit voraus, aber diese Grausamkeit wird irgendwann ein Ende haben.

Je schneller und besser ich gehorche, desto eher. Bei einem Sadisten gibt es dieses Ende nicht, auch nicht als Hure für jedermann.

’Bitte, bitte lass es einfach den jungen Mann sein.’ Schließlich bin ich gar nicht so teuer geworden, es könnte also sein, dass er sich trotz seines recht jungen Alters mich leisten konnte. Ginge es mir trotz meines recht geringen Wertes halbwegs gut, es wäre die blanke Ironie des Schicksals.

 

Jetzt stehe ich hier, nicht mehr oben auf der Bühne, und mühe mich daran, überhaupt stehen zu bleiben, quäle mich mit der Ungewissheit und meiner Angst. Nicht genug damit, es wird mir auch noch ein Sack über Kopf und Körper gestülpt, ich kann alles hören, aber nicht mehr sehen, wer eventuell nicht mehr mit bietet.

 

Aber ich bin auch nicht mehr ganz nackt. Das erste Mal als Sklavin nicht mehr nackt. Für mich ist es völlig belanglos, ob der Sack der Steigerung meiner Qualen dienen soll. Wahrscheinlich nehme ich mich aber einfach immer noch zu wichtig. Das interessiert die keinen Deut, ob es mich quält.

Die Säcke dienen vermutlich allein dem Zweck, den Blick der Käufer nicht von der noch anstehenden Ware abzulenken. Die müssen ja schließlich noch an den Mann, oder die Frau, gebracht werden, da kann der Blick auf die Schönheit der anderen bei der Preisgestaltung schon mal kontraproduktiv sein.

Ein zwiespältiges Gefühl für mich, es ist schön, nicht mehr nackt allen Blicken ausgesetzt zu sein. Ich habe mich aber schon so an die Blicke auf meinen Körper gewöhnt, dass es für mich ungleich schrecklicher ist, selbst nichts zu sehen.

Langsam beginne ich, mich zu beruhigen, lenke mich davon ab, mich damit zu beschäftigen, was mir jetzt bevor steht. Natürlich gelingt es mir nicht, mich auf andere Gedanken zu bringen, alle Vorwürfe schießen wieder in meinen Kopf, selbst Schuld an meiner Situation zu sein.

 

 

Zum tausendsten Mal beginne ich den Gedankenkreis von vorn, zum tausendsten Mal werfe ich mir vor, nicht auf meinen Vater gehört zu haben. Zum tausendsten Mal klage ich mich selbst an, an dieser Situation nicht unschuldig zu sein.

Warum musste ich mich denn auch unbedingt aus dem Haus schleichen, weil ich mit meinem Geliebten endlich das erleben wollte, was junge Paare nun mal miteinander erleben wollen.

Ein früherer Versuch war schon gescheitert, mein Vater hatte es geahnt und mir seine Schergen hinterher geschickt, die mich umgehend zu ihm zurückbrachten.

 

Die väterliche erzieherische Bestrafung folgte auf dem Fuße.

„Jeder dieser Schläge tut mir mehr weh als dir, meine liebe Tochter“, bemitleidete er sich noch, als er mit dem Rohrstock meinen Hintern bearbeitete, „aber deine Unschuld musst du dir nun mal bis zur Ehe bewahren, sie ist jetzt nun mal ein zu hohes Gut in den Verhandlungen mit den Kandidaten.“

 

Aber ich wollte ja nicht hören, hatte die Lust auf meine Liebe über die Verbote und den Standpunkt des Vaters gestellt. Deswegen hatte ich mich an jenem Tag ja besonders schön gemacht, als ich ohne Erlaubnis das Haus verließ. Warum hatte ich auch nicht auf ihn gehört?

Dabei wusste jeder bei uns, dass die Fänger etwa alle fünf bis zehn Jahre unsere Dörfer überfallen und alle Männer und Frauen, die ihnen in die Hände fielen, mitnahmen.

Die zu jungen ließen sie, genauso wie die Alten, immer zurück, zynisch sagten sie manchmal, sie wollten ja auch beim nächsten Mal noch Beute machen können.

 

So erwischten sie mich an unserem Treffpunkt, der alten Ruine, verführerisch zurechtgemacht und wartend auf meinen Liebsten. Gedankenversunken schaute ich auf das Lager, das ich uns bereitet hatte, in ungeduldiger und ungewisser Vorfreude.

Hätte ich doch nur nicht den alten Kamin angeheizt, um es nachher warm und gemütlich zu haben, vielleicht wären sie an dem verlassenen Gemäuer vorbei gegangen. Aber so? So rief der Rauch des verbrennenden feuchten Holzes ein weithin riechbares ’Hierher’.

Beim ersten Knacken der Äste draußen drehte ich mich um und wollte meinem Schatz um den Hals fallen. Weit gefehlt. Selten dürften Gesichtszüge so derartig wechseln und dabei einfrieren. Nicht mein Schatz kam, sondern ich wurde zum Schatz, zum monetären Schatz für den Geldbeutel der Sklavenhändler.

 

’Hoffentlich haben sie ihn nicht auch noch gefangen’, dachte ich noch, als ich zum Sammelplatz geführt wurde. ’Nicht nur, dass ihm das Schicksal der Sklaverei erspart bleibt. Vielleicht hat er ja sogar noch die Chance, meinen Vater zu informieren, mit seinen Männern würde er diesen paar Leuten überlegen sein’, begleitete mich noch bei jedem Schritt die Hoffnung.

 

Doch mein Vater kam nicht, und mit dem Erreichen des Sammelplatzes schwand meine Zuversicht ein wenig. Aus allen Richtungen kamen kleinere Grüppchen von Häschern mit ihren Opfern.

Immer mehr trafen sich dort, und mit jeder noch so kleinen Gruppe zerfiel meine Hoffnung immer mehr. Bald schon waren es so viele, dass auch mein Vater würde all seine Mannen aufbringen müssen, wollte er noch etwas ausrichten können.

 

Das erste Mal, dass mir meine neue Existenz und mein Werdegang deutlich vor Augen geführt wurden, war direkt nach dem Ankommen am Treffpunkt der Kolonnen. Unmittelbar am Eingangsbereich standen zwei Männer, die die ankommenden Frauen von oben bis unten musterten.

„Na, die muss dann auch aufpassen, dass nicht irgendwann das Metall um ihren Hals mehr wert ist als sie selbst, dann sehe ich nämlich schwarz für ihren Kopf“, scherzten sie noch, als sie die Frau vor mir taxierten. Im Gegensatz zu mir hatten die Helfer sofort verstanden, fassten sie am Arm und gingen mit ihr nach rechts.

 

Dann stand ich vor ihnen. Die beiden fixierten mich von oben bis unten mit ihren Blicken und beurteilten mich nach Käuferwünschen. „Na, da ist endlich mal wieder was halbwegs Schönes.“ „Ja, hast recht, die gehört ins Bett, nicht auf den Acker“, stimmte der zweite zu, nahm ein Maßband und legte es um meinen Hals. „knapp 14 Zoll“, brüllte er nach hinten.

 

Mich führte einer derer, die mich gefangen und hier her gebracht hatten, unter fiesem Grinsen den Weg nach links. Dort wartete auch schon ein weiterer Helfer, und schneller als ich mich orientieren konnte, wurde ich in die Knie gezwungen, mein Oberkörper vornüber gedrückt, bis mein Kopf auf einer Art Richtblock zum liegen kam. So, dass mein Hals auf ihm von zwei Metallstegen umrahmt wurde.

Der eine der Menschenhändler hielt meinen Kopf unten, beugte sich selbst soweit hinab, dass er mir ein metallenes Teil zeigen konnte. Besondere Freude bereitete es ihm, auf die jeweiligen Reihen kleiner Widerhaken rechts und links hinzuweisen.

„Sieh nur, was du für ein Glück hast. Ein schönes Leben wirst du bei uns haben. Du kriegst nämlich die kostbare Zierde aus Bronze von uns um den Hals. Der Schmuck ist zwar ein bisschen schwerer, hat dafür aber keine scharfen Kanten.

Und er kann nicht rosten, sondern wird immer glatter, und das wirst du noch sehr schätzen lernen. Sieh nur, wie glatt der jetzt schon ist?“ Dazu strich er mit seinem Daumen fast liebevoll über das matte Metall. „Wenn du das jetzt auch fühlen könntest, du würdest dieses schöne Material jetzt schon lieben.

Es fängt nach und nach sogar richtig an zu glänzen, zumindest innen. Mit der Zeit wirst du dieses Geschmeide so sehr verehren, dass du es auch außen zum Glänzen bringen willst. Und diese Zeit, diese restliche wunderschöne Zeit deines Lebens, die beginnt heute, nämlich genau jetzt.“ Der ironisch spöttische Sing-Sang der ersten Sätze wandelte sich beim letzten Satz zunehmend zur boshaften Häme.

Ehe ich mich versah brachte er das Nackenteil in seine Position, der andere begann daraufhin, mit einem langen Hebel das Nackenteil nach unten zu pressen. Dann kam es, dieses schreckliche Geräusch.

 

Dieses beißende Krächzen des Metalls auf Metall, als sich ein Widerhaken nach dem anderen an meinem Hals unzertrennbar in sein Gegenstück verbiss, mich für alle Ewigkeit als Sklavin ausweisen wird.

Mein ganzes Leben lang werde ich dieses schauderhafte Ächzen nicht vergessen können. Er hat mir diese fiesen Widerhaken extra gezeigt. Damit ich sofort weiß: mein ganzes Leben werde ich diesen entsetzlichen Ring nicht mehr los.

Mein ganzes weiteres Leben, als eine Sklavin. Weithin auf den ersten Blick sichtbar.

 

Unter abscheulichem Gelächter lösten sie das vordere Segment aus seiner Befestigung im Block, ich durfte wieder aufstehen. Sie lachten so laut und ekelhaft, weil sie schon wussten, was mich erwartete.

Sie hatten es schon unzählige Male gesehen, wie sich ein Mensch mühen muss, mit diesem Gewicht um den Hals von den Knien wieder hoch zu kommen, wie die Arme sich von diesem Block abstützen müssen, um den Oberkörper wieder aufzurichten.

Die Stege, die zu sehen waren, ließen schon ein gewisses Gewicht erwarten. Das Ding ist aber noch schwerer. Weitaus schwerer als ich befürchtet hatte. Meine ganze Haltung war augenblicklich verändert.

Das, was für mich vor Minutenfrist noch eine Selbstverständlichkeit war, nämlich der aufrechte Gang und der aufrechte Blick, auf einen Schlag kostet es richtig Mühe, den Kopf und den Blick nicht nach unten zu neigen.

Mit meinen Händen befühlte ich sofort das Ungetüm um meinen Hals. Höher als dick, zu allen vier Seiten ist je eine Öse eingearbeitet, nach vorn sogar zwei, leicht übereinander. Nach vorn ist der Ring auch deutlich breiter, verbreitert sich nach unten hin zu einer flacheren Zunge, und liegt mit dieser Art Platte oder Schild auf dem Ansatz meines Brustbeins auf.  

 

„Ja, fühl ruhig, wie glatt und schön der jetzt schon ist. Ich kann ja auch verstehen, dass du dich erst einmal bewundern willst in deiner neuen Pracht. Aber trotzdem, Sklavin, komm her!“

Ich war so sehr damit beschäftigt, mit meinen Fingern möglichst alle Feinheiten dieses schweren Monstrums zu ertasten, dass ich den Spott und den folgenden Ruf nur wie in völliger Abwesenheit mit bekam.

Aber ich setzte mich wirklich in Bewegung. Und merkte dabei noch nicht einmal, was ich gerade tat. Jemand rief: ’Sklavin, komm her’, und ich fühlte mich angesprochen und reagierte.

Ich war tatsächlich zur Sklavin gemacht geworden.

 

Beim Rufer angekommen, immer noch dem echten Erfassen der Realität entrückt, nahm der ein Messer, durchschnitt die Träger meines Kleides, so dass es begann, nach unten zu rutschen. Das Stocken über der Hüfte löste er einfach, indem er an die Knopfleiste griff, und mit einem heftigen Ruck einige Knöpfe abriss.

Der edle Stoff sank zu Boden und lag im Dreck, noch ein paar kleine Schnitte, und meine Unterwäsche lag obenauf. Ein kurzer Schubs an meinen nackten Körper, und zwangsläufig stieg ich mit den Beinen aus dem feinen Seidengewebe, das eben noch meine Blöße verhüllte.

Ein Griff, ein Wurf, mein schönes Gewand landete im Feuer.

Mein schönstes Kleid! Mein schönstes Kleid, extra für diesen Anlass angezogen, mir kamen die Tränen. Mir war bewusst, das war für den Rest meines Lebens das kleinste Problem, trotzdem trauerte ich in dem Moment um dieses Kleid mehr als um meine Freiheit.

Zu sehen, wie dieser Teil meines Lebens in den Flammen immer kleiner wurde, bis er zur Unkenntlichkeit mit der Glut und der Asche verschmolz, mehr und mehr selbst zu Asche wurde, es wurde für mich ein Sinnbild meiner Existenz.

 

Noch immer in Trauer schoben sie mich zu den anderen ’Haussklaven’, nahmen eine Kette hoch, und mit einem Schloss wurde eines der Kettenglieder mit der Öse an der rechten Seite meines Halses zusammengeschlossen. Fertig.

Dann ließen die Händler mich stehen, als vorläufig letzte in einer ganzen Reihe Gefangener, und trotz allem so allein wie nie zuvor in meinem Leben. Blickte noch immer ins Feuer, als ob der lodernden Flammensäule und ihren in die Freiheit entlassenen Funken ein Deus ex Machina entsteigen würde, der auch mir meine Freiheit zurück brächte. Vergebens.

Dann wünschte ich mir wenigstens, sie mögen doch meinen Liebsten nicht auch erwischt haben. Um meinetwillen machte ich mir nur noch wenig Hoffnung, aber für ihn, für seine Freiheit, sein Leben wünschte ich es mir dennoch. Ich wollte es nicht laut denken, aber natürlich hoffte ich noch auf meinen Vater mit seinen Männern.

 

Von der gegenüberliegenden Seite des Gefangenenlagers waren immer wieder Serien dumpfer Hammerschläge zu hören, die die Art verkündeten, mit der dort das Ende der Freiheit besiegelt wurde.

Das nächste schrille Schließen eines Bronzeringes übertönte diesseits die allgemeine Geschäftigkeit im Lager. Das nächste freie Leben, welches gerade geendet hatte.

 

Die nächste Seele, die an der Kette all ihre Hoffnungen verlor. Fast spürte ich den Blick in meinem Rücken, mit dem sie um Hilfe rief. Ich war so maßlos unfähig, ihr nur irgendeinen Halt zu geben, suchte ich doch selbst nach jedem erdenklichen Strohhalm.

Immer noch war ich dabei, die Stelle des Feuers zu betrachten, an der die Asche meiner Sehnsüchte liegen musste, obwohl sie schon längst von den nächsten Kleidungsstücken begraben war. Fast hasste ich die Arme hinter mir dafür, dass ihr Verlust der Freiheit die Trauer um mein Leben bedeckte.

Einige Male noch war das Schließen eines Ringes um einen Hals zu hören, dann wurde es stiller, zunächst bei uns, später auch auf der anderen Seite. Der Fang des Tages war sortiert und in den entsprechenden Kategorien aufgereiht, jedes Feuer erlosch, Dunkelheit hüllte eine jede von uns ein.

 

 

Ein Tritt gegen meine Füße beendete die schlaflose Nacht. Niemand von uns hat wohl in jener Nacht schlafen können. Als ob es nicht gereicht hätte, dass wir innerlich aufgewühlt waren ob unserer Gefangennahme. Nein, zusätzlich ließ auch die kleinste Bewegung zuweilen den schweren Ring unkontrolliert an den Hals drücken.

„Los jetzt, euer nichtsnutziges Dasein ist vorbei“, herrschte der Kerl uns an, während er an uns vorbei ging. Dabei trat er bei jedem Schritt, bei dem sein Gewicht auf seinem linken Fuß lagerte, mit dem rechten mal mehr, mal weniger heftig in die Reihen der Gliedmaßen.

 

„Sag mal, bist du nicht die Kleine von der Burg?“ Ein freundliches Wort von vorn: Alexandra. Die Alexandra aus dem Nachbardorf, immerhin ein bekanntes Gesicht, so dachte ich damals noch.

Aber warum ausgerechnet Alexandra. Wir hatten schon als Kinder miteinander gespielt, wenn mein Vater mich bei seinen Reisen mitnahm.

Und wir haben in der Pubertät mal um den gleichen Jungen gebuhlt. Oh ja, haben wir. Und sie war nicht fair. Und die Jungs viel zu sabbernd. Aber das ist so viele Jahre her, dass ich ihr das heute nicht mehr vorwerfen darf. Wenigstens eine, mit der ich würde reden können.

„Du hast mich erkannt, obwohl das schon so lange her ist?“

„Ja, sofort. Aber tu dir selbst einen großen Gefallen: sei unbedingt still davon, dass du von dem Herrschaftssitz dort oben bist. Verschweige das auf jeden Fall. Nach allem, was  ich hier im Lager aufgeschnappt hab, wird es Adligen hier nicht gut ergehen“, flüsterte sie noch.

Das waren dann auch fast die innigsten Worte, die wir je miteinander wechselten. Nur selten kamen zwischen den Sklavinnen überhaupt Gespräche zustande.

 

Tagsüber bekam jede nur eine Rückansicht zu sehen, abends waren wir so kaputt und fertig, dass wir uns nur noch mit der eigenen Erholung und der Genesung der durch das unendliche Laufen geschundenen Körper beschäftigen konnten.

Oft suchte ich auch deshalb kein Gespräch, weil es mir eine Flucht aus meiner Realität unmöglich gemacht hätte. Ich wäre aus meinen Träumen gerissen worden. Um meine Ängste zu füttern reichte doch schon das, was ich am Rande mit bekam.

 

Dieser Tagesrhythmus hatte auch direkt an jenem Morgen begonnen, als der Tross schon recht früh in Marsch gesetzt wurde. Zwei Scheiben Brot, ein Becher Wasser dazu, dann begannen die unzähligen Schritte, die mich von meiner Familie, meinem Zuhause, meinen Freunden, meiner Liebe, meiner Heimat entfernten. Es wurde täglich gelaufen. Es wurde täglich lange gelaufen.

Wir liefen immer vorneweg. Niemand, hinter dem wir uns hätten verstecken können. Wir, also die schöneren Frauen, die, die als ’Haus’- Sklavinnen vorgesehen waren, liefen dabei durch jedes Dorf stets als erstes, vor uns nur noch ein oder manchmal auch mehrere der Händler.

Wir wurden voran geschickt, weil wir mehr hermachten, aber mir kam es so vor, als sei es eine Strafe, denn der Abstand zu den Lieben und dem daheim war jederzeit schon diese paar Schritte größer.

 

Morgens Brot und Wasser, auch mal einen Apfel oder anderes Obst, mittags bei einer Pause ebenso. Wenn wir an einem Fluss vorbeikamen, gab es sowohl die Möglichkeit als auch den Auftrag zur Körperhygiene.

Vernünftig waschen durften wir uns aber erst hinter der Grenze, im ersten Fluss nach der großen Steppe. Bis dahin hatten die Häscher noch die Befürchtung, und ich die Hoffnung, es könne uns noch ein größerer Trupp unserer Soldaten erreichen. In der Öde selbst gibt es natürlich keinen Fluss.

Schon merkwürdig, welche widersprüchlichen Empfindungen mir durch den Kopf gingen, als wir das erste Mal wieder ins Wasser steigen durften. Im ersten Moment die überschwängliche Freude, den gesammelten Dreck des langen Marsches endlich abwaschen zu können.

 

Aber mehr und mehr mischte sich in die Freude, den Siff loszuwerden, die Erkenntnis, dass wir damit auch die Heimat endgültig verlassen hatten. Kaum mehr die realistische Chance auf Befreiung.

Gemeinsam mit meinem Dreck spülte das Flusswasser auch die letzten kleinen Fitzel meines Glaubens an eine Rettung davon. Meine Sehnsüchte, jemals meine Heimat wieder zu sehen, ich sah sie sich auflösen und davon treiben.

Hier an dieser Stelle starb mein letztes Quäntchen einer Zuversicht, mein Leben nicht als Sklavin in einem fremden Land fristen zu müssen. Es gab viele Schritte meiner Versklavung, große und kleine.

Der größte und deutlichste war mit Sicherheit das Legen meines Halses in schweres Metall. Viele kleine Schritte folgten sukzessive auf dem Weg in die Leibeigenschaft.

 

Hier in diesem Fluss vollzog sich der zweite große Schritt: Der Verlust der Hoffnung auf eine Befreiung. 

Mir blieb nur der vage Glaube an eine göttliche Macht, eine Göttin der Sklavinnen, die über mich wacht und ein wenig Trost spendet. So ging es mit dem Treck der Sklaven weiter.

Morgens Brot und Wasser, auch mal einen Apfel oder anderes Obst, mittags bei einer Pause ebenso, am Abend dann eine Schüssel Eintopf, dazu noch eine Scheibe Brot, mit Glück wieder etwas Obst. 

Fast immer ausreichend Wasser, später noch eine Decke für die Nacht. Und für uns begann die Nachtruhe. Wir konnten schlafen und uns ausruhen.

 

 

Aber nur für uns begann die Nachtruhe. Im hinteren Teil des Trosses begann die Nacht anders.

Denn die Fänger vergnügten sich allabendlich mit Frauen, vergnügten sich ausgiebig, taten dies aber stets nur mit den ’einfacheren’ aus dem hinteren Bereich des Zuges.

Anfangs hörten wir, hörte ich, das Wimmern der Frau oder Frauen, die sie sich ausgesucht hatten, laut und deutlich. Und ich litt mit ihnen. Ich litt mit ihnen, so wie sie gerade leiden mussten. Ich hörte es laut und deutlich, und ich war noch viele Meter entfernt.

Langsam aber stetig veränderte sich das anfängliche Mitleid. Da sich die Fänger einen jeden Abend mit einer oder mehreren vergnügten, gewann es mehr und mehr an Normalität, das Streben nach ein wenig Stille und Entmüdung zunehmend die Oberhand.

 

’Nun gewöhn dich doch endlich dran’ hörte ich eines Tages meine innere Stimme sagen, augenblicklich schämte ich mich für den Gedanken. Noch. Doch dieser Gedanke war damit in der Welt, und Abend für Abend schämte ich mich ein klitzekleines Stück weniger für ihn.

’Du bist eine Sklavin, das gehört nun mal dazu, das haben wir alle noch vor uns’, rief ich bald schon in Gedanken in ihre Richtung. Sie wurden auch immer stiller. Ob sie leiser schrien oder ich weniger Empathie und Mitgefühl aufbrachte, um ihr Klagen wahrzunehmen, ich weiß es heute nicht zu sagen.

Sagen kann ich aber, dass ich mich an die Schreie gewöhnt habe, dass ich mich damit abgefunden habe, dass der Schrei einer Sklavin, sei er auch noch so laut und markerschütternd, in dieser Welt nichts zählt.

 

Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Befindlichkeit einer Sklavin nichts zählt. Ich habe mich sogar an diesen fürchterlich schweren Ring um meinen Hals gewöhnt.

Die Nackenmuskulatur lernte mehr und mehr, das Gewicht des Kragens zu tragen und es immer besser zu kompensieren, der Geist adaptierte jedoch noch schneller die Bedeutung des Metalls. Diese Bedeutung wirkte unablässig, machte es immer schwerer, den aufrechten Gang eines aufrechten Menschen zu gehen.

Immer schwerer, einen mitfühlenden Gedanken eines aufrechten Geistes zu denken. Nein, der Kopf bleibt immer öfter geneigt, kaum noch eine Suche nach einer menschlichen Regung. Zunehmend weniger suchte ich bei anderen, immer weniger fand und finde ich auch bei mir.

 

 

Jetzt stehe ich hier, in einen Sack gehüllt, und höre die Gebote, die auf meine mittlerweile weinende Nachfolgerin gegeben werden, vernehme ihr Schluchzen.

Ich nehme ihr Schluchzen akustisch wahr, lasse es aber nicht mehr ins Innere vordringen. Ließe ich es noch zu, dass ihr Martyrium zu mir vordränge, das Leiden einer jeden Sklavin ersuchte bald um Gehör und füllte mit ihrem Wehklagen meinem Kopf.

Füllte mit ihren Tränen die unerträgliche Leere in meinem Kopf, die die geraubte Menschlichkeit hinterlassen hat. Menschlichkeit, die hier bedeutungslos geworden ist, ebenso bedeutungslos wie meine adlige Herkunft, bedeutungslos wie die Erinnerung an meine einst stolze Körperhaltung.

  ….  ?

’  ….  meine einst stolze Körperhaltung  …  ’  ?

 

Selbst soeben verkauft, blitzt noch einmal ein kurzes Erschrecken auf. Noch fällt mir die Erbärmlichkeit dieses Gedankens auf: ’bedeutungslos wie die Erinnerung an meine einst stolze Körperhaltung’. Nur wie lange noch?

Ich habe bereits ernsthaft ’einst’ gedacht, obwohl dieses ’einst’ gerade einmal eine überschaubare Zahl von Tagen zurückliegt.

Aber es war ein anderes Leben.   Es war ein menschliches Leben.   Es war sogar ein privilegiertes Leben.   Es war überhaupt ein Leben.

 

 

Es ist ruhiger geworden, kaum noch ein Angebot übertönt ihren Jammer, ich bekomme gerade noch mit, dass sie in diesem Augenblick an einen professionellen Händler verkauft worden ist.

’Von wem bin ich denn nun gekauft worden?’ Diese Frage führt mich wieder in die Ängste meiner eigenen Realität.

’Ein schönes Leben wirst du bei uns haben’, dieser zynische Satz, der den Beginn meiner Versklavung begleitete; ich versuche gerade, das Bösartige aus dieser Äußerung zu subtrahieren und meine Ängste mit der verbleibenden Zuversicht zu übertölpeln.

Dass ich ein angenehmeres Leben haben kann, das sahen doch selbst die Fänger so, als sie mir das teure Sklavenzeichen um den Hals schlossen. Immerhin habe ich allein dieser Klassifikation wegen noch keine aufgescheuerten Fußgelenke. Ich habe ein besseres Leben verdient.

 

Manchmal tut sich doch noch etwas auf. Eine kleine Hoffnung, ein kleines Licht. Da ist ein kleines Licht! Dieser winzige Lichtstrahl holt mich endgültig wieder zurück ins Hier und Jetzt. Denn weil der Sack wohl doch nur den Zweck hat, uns zu verbergen, wird seiner Pflege auch nur ein geringer Aufwand zugedacht.

So gelingt es mir, mit ein wenig Gezuppel ein kleines Loch vor eines meiner Augen zu bekommen, und mit einer geringfügigen Drehung jeweils auf einen kleinen Ausschnitt der Bietenden zu lugen. Aus den Beschreibungen des Auktionators kann ich schließen, dass jetzt Freya auf der Bühne steht. Ich kann es nun sehen: alle bieten weiter.

Alle, ausnahmslos alle, die auf mich geboten haben, bieten weiter. Die, in die ich kleine Hoffnungen gelegt habe, und die, die die schrecklichsten Befürchtungen in mir hervor gerufen haben, sie alle bieten weiter.

Der Bedarf eines jeden ist noch nicht gedeckt, das ist ein schlechtes Zeichen für mich, ein sehr schlechtes Zeichen.

Dann fällt der Hammer für Freya: der Zuhälter bekommt nach Alexandra auch bei ihr den Zuschlag.     

 

Die Versteigerung noch in vollem Gang, das Schicksal der vorletzten Sexsklavin steht gerade zur Disposition, da vernehme ich aus etwas Entfernung: „Das brauchen Sie nicht mehr, ich bezahl’ die jetzt alle und dann nehme ich die auch gleich mit.“

Ein wenig Geschäftigkeit neben der weiteren Auktion, kurze Zeit darauf werde ich an der Schulter zur Seite gezogen. „Na, dann sind wir ja komplett“, höre ich eine Männerstimme, während der raue Stoff nach oben von meinem Körper gezogen wird.

Ein Schock: der Lude grinst mich an. Noch versuche ich, mir nicht anmerken zu lassen, dass mir gerade der Arsch auf Grundeis gegangen ist. Währenddessen befestigt er ein Schloss an einer der vorderen Ösen an meinem Hals, völlig sinnfrei, es hängt keine Kette dran, kein Handgelenk ist daran fest geschlossen.

„Da geht’s lang“, höre ich ihn noch sagen. Doch niemand scheint auf seine Weisung gewartet zu haben, seine ältere Sklavin hat sich längst in Bewegung gesetzt und gibt die Richtung vor, Freya und Alexandra folgen ihr bereits.

Als ob die Kette zwischen uns noch existierte, schließe ich mich wieder Alexandra an, wie schon so viele Tage zuvor. Ich sehe sie und die anderen, und meine Beine wollen versagen und wegsacken, mein Magen will alles auskotzen.

 

Ich sehe drei sehr schöne Frauen vor mir, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Vornweg seine ursprüngliche Sklavin, der exotische Typ, eine Haut, viel zu dunkel, als dass sie aus dem hiesigen Kulturkreis stammen könnte.

Eine große exotische Schönheit mit asymmetrisch geschnittenen ebenholzschwarzen Haaren, eine ausgesprochen schöne Frau, die trotz ihres Sklaventums einen herablassenden Stolz ausstrahlt.

Dahinter geht Freya, auch sehr schön, aber ein ganz anderer Typ. Eine sehr helle Haut, lange blonde glatte Haare, ein hübsches Gesicht mit Sommersprossen, mäßig groß, nicht wirklich schlank, mit ausgeprägten weiblichen Rundungen an den entscheidenden Stellen.

Ihr folgt meine alte Freindin, Alexandra. Sehr groß, sehr schlank, sehr sportlich. Ihren extrem knackigen Hintern zu bewundern hatte ich ja nun sehr lange die Möglichkeit gehabt. Die Brüste: beneidenswert; ein wunderschöner gebräunter Teint, makellos, und kastanienbraune lange Locken.

 

Ich sehe drei sehr schöne Frauen vor mir, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sehr schöne Frauen, die in ihrer Unterschiedlichkeit die unterschiedlichen Vorlieben von Männern bedienen werden. Viele Männer, die ein Etablissement besuchen, finden in einer der drei sehr viele ihrer Wünsche erfüllt.

Und dann komme ich. Der Durchschnitt. Was habe ich in dieser Reihe zu suchen? Als es mir auffällt, wird mir richtig schlecht. Meine Jungfernschaft. Ich sehe mich heute Abend schon wieder im Mittelpunkt stehen, sehe, wie dann meine Entjungferung an den Meistbietenden der Gäste verschachert wird.

Selbst die Zuschauerplätze wird sich der Zuhälter vermutlich noch gut bezahlen lassen. ’Erste Reihe Mitte? Uih, das wird Sie etwas kosten, aber wenn Sie den Gesichtsausdruck richtig genießen wollen, dann sind es nun mal die schönsten Plätze’, höre ich den Kerl schon jetzt sagen, während er seinen Gewinn beiläufig in seinem Säckel verschwinden lassen wird.     

Mir  wird  schlecht.    Mir   i s t   schlecht.

Wenn ich überhaupt noch laufen kann, dann nur deswegen, weil mein Körper das während des langen Marsches so ins Unterbewusste übernommen hat, dass ein Bein instinktiv und reflexartig vor das andere gestellt wird.

Selbst das Einsteigen in den Wagen geschieht noch wie in Abwesenheit, ein kurzes Anrucken, wir sind unterwegs. 

 

 

Kurz nach Antritt der Fahrt bemerkt unser Käufer süffisant: „Yasmina, ich habe mich heute zu sehr mit den Reizen der jungen Dinger da hinten beschäftigen müssen.“

Sie lächelt. Sie lächelt, und ohne den Hauch eines Zögerns schaut zu seinem Schoß und greift mit den Händen dort hin. Die typischen Geräusche, die beim Öffnen einer Hose entstehen, mischen sich kurz zu den Fahrgeräuschen. Dann beugt sie sich zur Seite, aus unserm Blickfeld heraus.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Yasmina die zunächst dezente, aber eindeutige Geräuschkulisse auch vor uns Fremden verursacht, treibt mir die Schamesröte ins Gesicht, die nicht mal von den Schweißperlen, die sich beim Blick auf meine Zukunft auf der Stirn bilden, weg gewaschen werden kann.

 

Nicht, dass es mir fremd war, meinen Liebsten auf diese Art und Weise glücklich zu machen. Ich hatte mit ihm einiges ausprobiert, welches uns ein ’Miteinander’ erleben ließ, ohne den Zorn meines Vaters derart herauf zu beschwören, dass er sich nach meiner Hochzeit einen Lügner würde nennen lassen müssen.

So abwegig war es also nicht für mich. Aber am helllichten Tag in der Öffentlichkeit? Vor Fremden? Mit der ständigen Möglichkeit, dass jemand, der noch fremder ist und es bleiben wird, das Geschehen im Vorbeifahren genauestens beobachten kann? Unvorstellbar!

Aber wenn ich in meine Zukunft blicke, muss ich wohl eher bestürzt feststellen: noch unvorstellbar.

Ein Satz lenkt mich kurz wieder von meinen Ängsten ab: „Du brauchst jetzt nicht den Preis für den Orgasmus des Jahres gewinnen, ich muss mich ja schließlich noch ein bisschen konzentrieren.“

Augenblicklich beschleunigt Yasmina das Tempo. Die schmatzenden Laute werden aufdringlicher, manch ein Schmatz drängt sich so selbstverständlich in den Vordergrund der Wahrnehmung, als wolle Yasmina uns damit sagen, dass auch ihre Arbeit die Beachtung aller verdient.

Verdient hat sie wahrlich das, was der Herr ihr gibt, und der gibt, als spende er für einen karitativen Zweck. Getreu dem Motto: gib großzügig, und sprich darüber und lass es alle wissen, so unüberhörbar ist sein Orgasmus.

„Gut so, für mehr hast du später noch die Gelegenheit“, lobt er ihren Einsatz.

 

Eine kurze Zeit, nachdem er gekommen ist, kommt auch sie wieder aus ihrer Versenkung hervor. Beim Aufrichten streift sie mein entsetztes Gesicht. „Ach Kleine, das ist alles ganz natürlich, nicht mehr lange, und auch du wirst die Freuden der Liebe kennenlernen.“

Ich will mich verstecken, mindestens aber unsichtbar sein.

„Tessa?? Hab ich da irgendwas noch nicht mitbekommen? Oder besser gefragt: Hast du irgendwas noch nicht mitbekommen?“ Alexandras Verblüffung war echt und spontan. In unserem Alter noch Jungfrau ist eher Fluch als Segen des Adelsstandes.

„Aber sie hat recht, das ist alles halb so wild.“ Die freundschaftliche Wärme aus Kindertagen durchbricht das Eis der menschlichen Kälte, das in den letzten Tagen wieder dicker gebildet hatte.

Wenn nicht gerade soviel Ängste um meinen Kopf füllten, ich würde sie wahrlich um ihre Vergangenheit beneiden. Eine Zukunft haben wir beide nicht, aber sie hat wenigstens eine erlebte Vergangenheit, auf die sie zurück schauen kann.

 

Einige Stunden sind wir noch unterwegs, ich habe Alexandras Hand gegriffen, und resümiere. Wir müssen nicht laufen, welch Luxus, wir sind zu dritt, allein dadurch fühle ich mich unwillkürlich sicherer, auch wenn die Realität mich noch Lügen strafen könnte.

Aber in diesem Augenblick gebe ich mich gelassen meinen Gedanken und auch ein wenig meiner Müdigkeit hin. ’Irgendetwas stimmt hier nicht, entspannen lässt er sich von der Älteren’; ’… das ist alles ganz natürlich … ’; ’ … sie hat recht, das ist alles halb so wild’;

Gut so, für mehr hast du später noch die Gelegenheit’; diese Gedanken und Sätze schlängeln sich noch mal durch die Windungen meines Gehirns, auf der Suche nach einem …. , ….  nach seinem, …. nach dem Entwurf meiner Zukunft.

Eine kurze Zeit falle ich sogar in einen leichten Schlaf.

 

 

Am Haus unseres Eigentümers angekommen bin ich mehr als erleichtert, dass es sich um ein großes, aber privates Haus handelt. Ein privates Haus, keine Sklavenschule, kein Bordell.

Sogar ein sehr großes, repräsentatives Haus, aus roten Klinkern gebaut, mit prachtvollen Ornamenten im Mauerverband. Im geräumigen Entrée Marmor auf dem Fußboden, handwerklich so verlegt, als seien die natürlichen Maserungen des Steins mehrfach im Raum gespiegelt.

Eine freitragende Treppe mit filigran geschnitzten Dekorationen im Geländer dominiert das offene Treppenhaus, lenkt den Blick unweigerlich in die Höhe, gleich drei Etagen in die Höhe, auf die prunkvollen Verschnörkelungen der bemalten Decke.

Alles, wirklich alles, verdeutlicht einem jeden Besucher sofort: hier wohnt einer, der zählt was in dieser Welt.

 

Eine offene Tür ermöglicht den Blick in den angrenzenden Salon: edles Parkett, wertvolle Gemälde an den Wänden. Eine hohe Decke, die die Größe des Raumes unterstreicht und einem gesellschaftlichen Tanzabend einen ehrwürdigen Rahmen zu geben vermag.

Beleuchtet von unzähligen Kandelabern, die den Stuck an der Decke durch Licht und Schattenspiele eindrucksvoll in Szene setzen.

Nichts weist auch nur irgendwie darauf hin, dass hier geschäftsmäßig Gäste empfangen werden. Fast wie zuhause, denke ich in mich hinein und beginne, ganz vorsichtig nach innen zu lächeln. Die Göttin der Sklavinnen meint es wahrlich gut mit mir. Ich habe ein besseres Leben verdient.

 

Unendlich froh bin ich darüber, dass mein neuer Herr so wohlhabend ist, dass er sich viele Sklavinnen leisten kann. Denn wie sich schnell heraus stellt, sind im Hause neben Yasmina mindestens vier weitere tätig, ausnahmslos Sklavinnen mit Bronzering.

Dazu mit uns dann gleich mehrere zusätzliche Sklavinnen. Damit ist aber auch klar, die leidigen Aufgaben von ‚Haussklavinnen’ werden auf mehrere Schultern -besser gesagt: in mehrere Öffnungen- verteilt werden.

Gut so, für mehr hast du später noch die Gelegenheit’, fällt mir wieder ein, und heute Abend wird diese Pflichten erst einmal eine andere übernehmen.

Oh wahrlich, hier wohnt einer, der zählt was in dieser Welt. Einer, der das auch gerne zeigt. Einer, der es sich leisten kann, selbst für die Pflege von Haus und Garten schöne und teure Sklavinnen gekauft zu haben.

Denn aus deren recht rauen Händen kann man ableiten, dass sie körperlich arbeiten müssen. Nur Yasmina, die hat wahnsinnig gepflegte und zarte Hände. ’Für mehr hast du später noch die Gelegenheit’, beruhigt mich plötzlich ungemein.

 

Vermutlich muss auch ich mal dem Hausherrn zur Verfügung stehen. An Abenden Gäste bedienen, manchmal werden sich eben diese Gäste auch an mir bedienen.

In diesem Haus, dass eher schon als Schloss zu bezeichnen ist, mit seinen vielen Sklavinnen. In diesem Haus gehobenen Ambientes, mit Gästen, die dieses Kriterium wahrscheinlich auch erfüllen werden.

Ansonsten eben dieses Anwesen in Ordnung halten müssen. Oh, was werde ich Haus- und Gartenarbeit lieben lernen. Möglichst schnell die rauesten Hände bekommen.

Möglichst gut alle Arbeiten erledigen, denn merke: ’was du gut machst, machst du oft’. Die Göttin der Sklavinnen meint es gut mit mir, ich habe ein besseres Leben verdient.

 

„Zeig den Kleinen, wo sie sich baden und vernünftig herrichten können. Und hilf ihnen dabei, dass sie sich heute Abend im besten Licht präsentieren“, weist der Herr Yasmina an, „die Gäste sollen doch nachher vom ersten Augenblick an wissen, dass ich das Geld vernünftig ausgegeben habe.“

Am Abend hat unser Besitzer also einige Freunde eingeladen, er will wohl seine Neuanschaffungen präsentieren. Augenblicklich beginnt mein Herz wieder schneller zu pochen. Diese Dienstabende sind wohl unvermeidbar, aber der Gedanke, dass in wenigen Stunden der erste sein soll  …

 

 

Als wir für den Abend so präsentabel sind, dass uns Yasmina das Okay. gegeben hat, sind die Gäste schon da. So eilen wir in den kleinen Salon, stellen uns so auf, wie Yasmina es uns geheißen hat, in einer Reihe nebeneinander, naturgegeben nackt, und lassen uns von den Gästen betrachten.

„Aaron, guck dir mal die erste hier an, ist sie nicht ein schöner Kauf? Genau so wie du sie magst und immer schon wolltest. Hat sie nicht ein hübsches Gesicht? Mit genau den Zügen, die dir bei anderen auf der Straße oft gefallen haben?

Dazu diese weiblichen Rundungen, eine üppige Oberweite, und als Krönung noch diese helle Haut, wie Alabaster, also bei der bin ich absolut zuversichtlich, dass sie deinen Ansprüchen zu 100% entspricht. Und zu groß ist sie auch nicht.“

Aaron mustert Freya intensiv, von vorn, von hinten, aus der Ferne und von Nahem, fasst in ihr langes Haar, fühlt es zunächst, nutzt es alsbald aber als Griff, um ihren Kopf nach links, rechts, oben und unten zu bewegen.

Dann geht er in die Hocke, und sieht sich ihre Möse ganz genau an, die sie ihm weisungsgemäß präsentiert.

 

„Dir müssen diese schönen und üppigen Schamlippen doch schon jetzt die Säfte in die Hüften treiben“, unterbricht mein Herr die Stille während seiner Begutachtung.

„Du hast recht, Pedro, ein guter Kauf, gefällt mir wirklich. Auch wenn sie natürlich nicht ganz billig ist, aber immer noch günstiger, als hier vor Ort. Also da kann ich nur sagen: ein sehr guter Kauf, ich bin zufrieden, mein Schloss kann dran bleiben!“

Aaron ist für einen Mann nicht sonderlich groß, untersetzt nennen das wohl einige, mittleren Alters, mit allen Auswirkungen, die die reiferen Jahrgänge so mit sich bringen. Uns beiden anderen hat er bis dahin kaum eines Blickes gewürdigt, das wird dann wohl jetzt kommen.

..… ?  

Jedoch es passiert nicht. Stattdessen geht Aaron an die Bar zu den anderen, schenkt sich einen Drink ein, prostet meinem Besitzer zu und sagt: „Danke für den kleinen Umweg und deine Zeit, Pedro.“

 

So langsam beginnt es mir zu dämmern. Scheiß was, dies ist nicht mein neues zuhause. Mein Käufer ist nicht mein Eigentümer, sondern ist für seine Freunde zum Markt gefahren, hat in ihrem Auftrag nach ihren Wünschen dort ausgewählt und gesteigert. Da Aaron schon versorgt ist, beginne ich eiligst, die beiden anderen zu beobachten.

Auch die beiden sind schon älter, noch nicht so alt wie Aaron oder unser Käufer, aber mindestens eine Dekade älter als ich. Deutlich größer sind sie, beide offensichtlich ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, der eine hat noch recht volles Haar, der andere ist mit einer sehr hohen Stirn gesegnet, fast schon kahl.

 

„Cedric, willst du dir dann jetzt mal deine angucken?“, diese Aufforderung des Hausherrn beendet meinen naiven Versuch, meine Zukunft in Gedanken zu beeinflussen.

Der Glatzkopf stellt sein Glas auf der Theke ab und kommt zu uns rüber. „Ich hoffe, die rechte ist meine“, sagt er, während er, ohne eine Antwort abzuwarten, fast magnetisch auf Alexandra zugeht.

„Ja, die hab ich nach deinen Angaben ausgesucht. Und es freut mich, dass sie dir gefällt“

Cedric mustert sie kurz, geht nur einmal um sie herum, und äußert mit unüberhörbarer Begeisterung: „Prima. Eigentlich ein bisschen zu teuer für mich, aber diese Kurven sind es wert.“

Ein knapper prüfender Griff an das schmuckvolle sinnfreie Schloss, welches auch sie am Hals hat, dann lässt er es wieder los und auf die metallene Zunge oberhalb des Brustbeins auftreffen.

 

’Na, wenigstens bleibt für mich der etwas attraktivere der beiden’ schießt mir in den Kopf, als sich der dritte in Bewegung setzt.

Als er näher kommt, bemerke ich es, und je kürzer die Distanz, desto weniger ist es zu ignorieren: er stinkt! Er stinkt fürchterlich. Wir mussten uns baden und herrichten, und der? Ist die letzten Tage, wenn nicht Wochen, konsequent an jeder Waschgelegenheit vorbei gelaufen.

Dann beginnt er auch schon, mich in ’Augenschein’ zu nehmen, mich mit seinen fettigen und feuchten Wichsgriffeln überall zu betatschen, einfach nur ekelhaft.

„Die hat ja gar keine Titten und keinen Arsch“, sagt er missmutig, ein griesgrämiges Gesicht untermauert seine Äußerung.

 

Immer wieder blickt er zu Alexandra rüber, fasst die jeweiligen Körperteile bei ihr vergleichend an, wägt mit seinem schmierigen Blick und den noch schmierigeren Händen uns gegeneinander ab.

„Also, wie soll ich’s sagen, mir gefällt die da besser“, sagt dieser Schmerlappen, nachdem er seine intensive Begutachtung abgeschlossen hat.

Ich ?    bin  dir   fettem   stinkendem   ungewaschenem   Sack  also nicht gut genug? Hast du schon einmal einen Spiegel gesehen? Aber wo sollst du denn auch einen sehen, machst du doch um jedes Waschbecken einen großen Bogen.

Ich hoffe nur, dass es mir gelingt, diese Gedanken nicht offen in meinem Gesicht lesen zu lassen.

 

„Ja, das war mir heute Mittag schon klar, dass sie nicht alle deine Ansprüche erfüllen wird, Stephen, aber bei dem heutigen Angebot …? Was sollte ich da machen?

Gefällt sie dir denn so wenig, dass ich sie nicht hätte mitnehmen sollen? Du kannst mir glauben, die anderen waren nicht besser.“

„Aber trotzdem. Schön ist anders. Was machen wir denn jetzt?“ Dabei blickt er den Hausherrn und Cedric fragend an.

 

„Wir regeln das wie Ehrenmänner“, ruft Aaron von der Theke rüber und beendet die immer peinlicher werdende Stille, „ich hol schon mal die Karten, das wird noch ein lustiger Abend:“

Er schenkt noch schnell sein Glas nach, setzt sich an den Tisch, ein Kartenspiel in der Hand, welches er in einer auffordernden Bewegung aus dem Handgelenk den anderen zeigt.

Ein gegenseitiges Zunicken, „na, dann machen wir die beiden mal vorläufig herrenlos.“ Cedric entfernt das schmuckvolle Schloss von Alexandras Halsring, Stephen tut es ihm bei mir gleich.

 

Und die Herren beginnen ein Spiel, dessen Regeln ich nicht verstehe, dessen Ergebnis mir aber bewusst ist: ’The winner takes the best’.

Besser gesagt, der Gewinner nimmt und gibt. Der Gewinner nimmt nämlich die Sklavin seiner Wahl und gibt sein Schloss an ihren Halsreif. Dieses verzierte Schloss, dem ich keinen Sinn zuordnen konnte. Ein Schloss mit einem Wappen: dem Wappen des Eigentümers.

Der andere bekommt den Trostpreis. Der andere bekommt  …  mich.

 

 

Zum Spiel trinken sie reichlich, lachen laut, ärgern sich mindestens ebenso laut und amüsieren sich königlich. Ich amüsiere mich ganz und gar nicht. Auch wenn mir die Regeln des Spiels unbekannt sind, so begreife ich doch schnell, dass mal der eine, mal der andere vorn liegt.

Das hat Alexandra schon vor mir durchschaut, denn jedes Mal, wenn der Stinker vorn liegt, blickt sie sehr unzufrieden drein. Der penetrante Geruch ist auch ihr nicht entgangen, wie sollte er auch.

Trotzdem sehe ich sie oft mit der Gleichzeitigkeit von Solidarität und Angst an, sitzen wir doch beide im selben Boot, während ein paar Meter entfernt um unsere Leben gespielt wird.

Alexandras Gesichtsausdruck wird nicht von Solidarität mir gegenüber geprägt. Schneller als ich hat sie erkannt, dass sie nur verlieren kann. Wir sitzen zwar in einem Boot, haben aber nicht das gleiche Ziel.

 

Es wird am Tisch in der feucht-fröhlichen Runde nämlich nicht um unsere Leben gezockt. Es wird ganz konkret mein Leben und ihr Leben, meine Zukunft und ihre Zukunft ausgeknobelt.

Eigentlich muss ich mich sogar glücklich schätzen, dass die Karten des Spiels die Karten des Lebens noch einmal neu mischen.

Aktuell gehöre ich dem ekeligeren Herrn, der dann auch noch Alexandra bevorzugt. Also, einen Herrn, der sie besser findet, bekomme ich demnach eh, dann muss er wenigstens nicht zusätzlich so dermaßen abstoßend sein.

 

Wieder einmal sabbern die Kerle sie an, aber wenn die Göttin der Sklavinnen auch nur einen Funken Gerechtigkeitssinn in sich trägt, schafft sie hier und heute einen Ausgleich dafür, dass die Jungs mich früher schon neben ihr kaum beachtet haben.

Der Abend schreitet voran, das Spiel schreitet voran, der Alkoholspiegel der Herren macht dazu passend auch Fortschritte. Alexandra und ich stehen in einiger Entfernung vom Tisch, nicht weit weg, nur so weit, dass die beiden Herren, die nun mal um uns spielen, uns bequem in voller Größe betrachten können.

Von Zeit zu Zeit gibt mal der eine, mal der andere, zuweilen auch Pedro oder Aaron, eine Anweisung, wie wir uns zu präsentieren haben. Und mit jedem weiteren Getränk, welches von Yasmina gebracht wird, werden die Wünsche immer ausgefallener.

 

Freya ist schon außen vor, sie kniet seitlich zu Füßen ihres Herrn, der sie mal tätschelt, mal zufrieden ansieht, sich dann aber auch wieder gänzlich in das Spiel fallen lässt und sie völlig missachtet.

Immer deutlicher wird, dass das Spiel ist bald enden wird, die Anspannung aller ist förmlich zu greifen. Die beiden liegen kurz vor Schluss nahezu gleichauf, damit übersteigt auch meine Spannung langsam die Belastungsgrenze.

Aaron hat zusammen gerechnet, überlässt es aber dem Gastgeber, den Endstand zu verkünden, der Stinker flucht, er hat verloren;    ich habe verloren.

 

Das Spiel ist aus, das laute Lachen der Herren beendet, das selbstgefällige Lächeln von Alexandra beginnt. Mir ist ganz und gar nicht nach jedweder Heiterkeit, auch das Tischgespräch zum Leeren der Gläser ist analog zu meiner Stimmung deutlich leiser geworden.

Trotz meiner Niedergeschlagenheit verfolge ich es, nehme es nur noch verschwommen wahr, als ob meine Enttäuschung auch einen Film über die Ohren legten, so erreicht es mich nur in Fetzen:

        die denn so schlimm        irgendwie nichtssagend         so dicke hast du es doch        mit der gar nicht anfreunden        doch hübsches Gesicht        im Dunkeln sind alle Katzen         du meinst: Kätzchen         *Gelächter*         ist mit Sicherheit genauso gut zum        nun gar keine Titten        Möse ist Möse        war ja auch viel billiger        wenn ich ein bisschen obendrauf        sage ich mal        schlag schon ein        uui, aber großzügig        Hand drauf       

 

Ein Handschlag zwischen Stephen und Cedric, und die beiden kommen langsam, sich gegenseitig stützend, auf uns zu, jeder mit seinem Schloss in der Hand.

Zu Alexandras und meiner Überraschung sucht Stephen nicht bei mir, sondern an ihrem Sklavenzeichen die Öse für sein Wappen.

Ein plötzliches Entsetzen löst ihre Gelassenheit ab, sie ist aber geistesgegenwärtig. Schnell, noch sehr schnell, bevor er sein Schloss einrasten lässt, legt sie los:

„Herr  äh  Sir, habt ihr euch das auch gut überlegt? Man sieht es nicht sofort, aber die da ist mehr wert, als man glaubt. Sie ist immerhin adeliger Herkunft und zusätzlich auch noch Jungfrau.“

 

Stille!

Totenstille.

Man könnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören.

Bei allen ist trotz aller alkoholgeschwängerter Stimmung plötzlich absolutes Schweigen.

 

Nur bei mir, nur in meinem Kopf ist keine Stille. Mein Blut strömt lautstark wie ein tosender Bergbach durch mein Hirn und reißt die letzten Sedimente des Gefühls von Menschlichkeit und Vertrauen mit sich, die ich mir bis zu diesem Zeitpunkt noch erhalten konnte.

Übrig bleibt bei einem Bergbach blanker Stein.  Bei mir blanker Hass.

 

Blicke wandern hin und her, immer schneller.

Die des Stinkers zu mir und zu dem, der mich just als Trostpreis übernommen hat, der wiederum wechselt zwischen Alexandra, dem Stinker und mir, ich blicke angstvoll auf Stephen, dann wieder auf Cedric, immer wieder auch auf Alexandra.

Alexandra, diese elende und verlogene Heuchlerin! Sie hat mit der Preisgabe ihres Wissens einfach nur so lange gewartet, bis sie gewusst hat, ob schweigen oder reden in dem Moment die goldene Regel für ihren Vorteil ist.

Alle Blicke rotieren, nur Alexandra hält ihren Blick fast konstant. Sie sieht mich mit der ihr eigenen Überheblichkeit an, wieder dieses: ’nicht du, ich bekomme auch dieses Mal das bessere Ende der Wurst’.

Dann guckt sie auch mal erwartungsvoll den Stinker an, als ob sie eine Belohnung verdient habe, weil sie ihn ’zu seinem Wohl’ mit dieser Information versorgt hat.

 

„Genug jetzt“, beendet der Gastgeber den immer schnelleren Reigen der Suche nach den eigenen Vorteilen. „Abgemacht ist abgemacht, Handschlag ist Handschlag. Wo kämen wir denn hin, wenn das Säen von Zwietracht durch eine kleine Sklavin mehr Gewicht hat, als das Wort der Herren.“

Dazu hält der Hausherr seinen Blick konstant auf Stephen, und dieser eindringliche Blick verfehlt seine Wirkung nicht.

„Du hast recht, ich will sie ja schließlich ficken und nicht verkaufen, und dazu gefällt mir die hier nun mal besser“ lallt er. „Und ficken kann ich sie hunderte, ja tausende Male, entjungfern oder verkaufen nur einmal“ stammelt er noch derart undeutlich hinterher, dass jedem klar ist, dass das bei seinem Alkoholkonsum wohl heute Abend nicht mehr geschehen wird.

Aber eines, eines kann er noch: den Bügel seines Schlosses in der Öse ihres Halseisens einfädeln und  ….  zudrücken.

Klack!

Zu diesem kleinen Ton entgleisen Alexandra ihre Gesichtszüge völlig. Ihre Überheblichkeit zerfällt so komplett zu Staub, dass es selbst mir doch noch einen zarten Schimmer eines Gedankens von Mitgefühl entlockt.

Aber irgendwie gucke ich nur auf den Boden. Ob ich ihrem Blick ausweiche, weil ich aus den Äußerungen der Herren, die sie während ihres Spiels unter dem Einfluss des zunehmenden Alkoholpegels gemacht haben, instinktiv spüre, dass sie den schwereren Weg hat?

Oder ob ich auf dem Boden mit Genuss den sich setzenden Kehricht ihrer Arroganz suche? Oder den traurigen Rest meines Glaubens an eine Mitmenschlichkeit, der soeben aus meinem Hirn gespült worden ist, sich aber doch noch irgendwo befinden muss?

Ich weiß es nicht. Es ist auch absolut unerheblich.

 

Als dann auch mein Herr sein Schloss an meinem Sklavenzeichen befestigen will, lege ich bereitwillig, fast ein wenig zu offensichtlich, meinen Kopf in den Nacken.

Ist das wirklich nur die Erleichterung, dass meiner Nase dieser stinkende Sack erspart bleibt, oder auch der Versuch, meine Nase noch höher zu bekommen als die von Alexandra? Auch das ist egal.

Jetzt ist es raus, jetzt darf ich es auch zeigen. Ich darf mich wieder daran erinnern, dass ich adliger Herkunft bin. Mich erinnern, dass ich ein schönes Leben verdient habe, es auch haben werde.

 

Dann höre auch ich das kleine Klacken unterhalb meines Kinns.

Ich habe meinen neuen Herrn.

Es passt ganz und gar nicht zu dem, was gerade über und für mich entschieden ist, trotzdem bin ich in diesem Augenblick zufrieden, eins mit der Welt.

Ich, der vermeintliche Trostpreis, habe in dem Moment, in dem das neue Eigentumszeichen an der Öse meines Halseisens eingerastet ist, zum wiederholten Mal heute den Besitzer gewechselt.

 

Ich habe den Besitzer gewechselt?

So ist das wahrlich nicht korrekt ausgedrückt. Nicht ich habe den Herrn ausgetauscht, sondern die Herren untereinander den Besitz an mir.

Der erste Herr hat mich ersteigert, nicht einmal für sich, sondern als Gefallen für einen Freund.

Dieser hat mich wiederum für nicht gut genug befunden und mit einem dritten um mich gespielt.

Nachdem er das Spiel verlor -er hätte mich nun doch behalten müssen- hat er mit dem dritten noch einmal um mich gefeilscht und ihm ein verlockendes Angebot unterbreitet:

Zu den Besitzrechten an mir -also der, die bei der Versteigerung eh schon die billigste von uns dreien war- gibt er dem dritten noch einen Geldbetrag hinzu, so dass dieser dann doch mich, genauer: mich und das Geld, nimmt.

Der zweite selbst hat mich damit en passant gegen eine andere, eine schönere Sklavin eingetauscht.

 

Direkt, nachdem ihm von eben dieser intriganten Schlampe verraten worden ist, dass er durch einen Weiterverkauf von mir bei einer nächsten Versteigerung einen beträchtlichen Gewinn erzielen kann, zieht er wortlos in Sprache, aber gierig mit den Augen das Wertobjekt betrachtend, sein Tauschangebot zurück.  

Letztendlich bin dann durch Schiedsspruch des Hausherrn dem dritten, also einem, dem ich nicht wirklich gefalle, der aber für schnöden Mammon bereit war, mich zu nehmen, zugesprochen worden.

 

Jeder mag einmal überlegen und für sich entscheiden, welches eigentlich die widerwärtigste und entwürdigendste Art ist, einen Menschen nicht als Menschen, sondern als Sache zu behandeln.

Ich werde selbst noch lange brauchen, um das Wirrwarr des heutigen Tages zu entzerren. Alles über meinen Kopf hinweg, mein Wille und mein Wohl haben niemanden auch nur einen Hauch interessiert.

 

Es ist recht leicht zu schildern, wie schnell und unkompliziert hier der Besitz an einer Sklavin wechselt. Ein Schloss mit einem anderen Wappen am Hals, und schon ist dieser Metallkragen als Eigentum des Inhabers eben dieses Wappens ausgewiesen. Mit allem, was er umschließt.

 

Wie es sich für die Sklavin anfühlt, wenn innerhalb einer Sekunde die Karten ihres Schicksals neu gemischt sind, mir das so eindrücklich zu veranschaulichen: niemals hätte jemandem das gelingen können. 

Ein Mensch muss es wohl wirklich erleben, wie es ist, dass nichts im Leben verlässlich ist.

Nichts. Gar nichts hat Bestand.

Die Welt mag heute so aussehen, und andere entscheiden, dass sie morgen ganz anders sein wird.

Kein Ort, kein Mensch, keine Bindung gibt es, auf die eine Sklavin bauen kann.

 

Dennoch, dennoch empfinde ich mich gerade als Siegerin, fühle mich wieder als Adlige, die zum herrschen geboren wurde, fühle mich, als dürfe ich die Welt regieren.

 

 

 

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Kommentar(e)

Liebe bella gioconda,

in dieser Geschichte gelingt es dir auf für mich überzeugende Weise darzustellen, was Sklaverei bedeutet. Zur Abwechslung entführt hier einmal nicht der Traumdom die Traumfrau (oder manchmal auch das auf Erlösung wartende Aschenputtel), sondern die Protagonistin wird wirklich und ernsthaft zur Ware degradiert. Sie als Mensch und Person spielt bei all dem keine Rolle. Vor diesem Hintergrund gefällt mir auch der kleine Kniff, dass sie eben nicht die Schönste von allen ist, sondern sich selbst in der Rolle des "Trostpreises" wiederfindet. Gerade weil ich selbst so häufig in den Gefilden von "La Belle et la Bête" wildere, muss ich zugeben, dass deine Geschichte mich wirklich mitnimmt. Sie ist deutlich näher an der Realität als das, was ich mir schon so manches Mal ausgemalt habe, und sie hat nicht einmal einen Hauch von Romantik. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht, und hoffe, du lässt uns nicht mehr allzu lange warten.

Liebe Grüße

Campanula

Antwort auf von Campanula

 

 

danke für das schöne Manna des Autors.

 

In mehrerlei Hinsicht kann ich dich beruhigen, du wirst der Protagonistin auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht vor Lust den Unterleib auswringen können.

Zu lange warten wirst du auch nicht müssen, („Am Wochenend’, mein Sonnenschein, …) und manch eine kleine Passage findet sich noch mal wieder  …

 

MfG, bella gioconda

 

 

PS: liebe oder lieber Campanula?,

bei Nicks kann man das ja nie so genau wissen.

Lasse ich zum Beispiel bei deinem Nick nur den liebreizenden Klang der Phonetik auf mich wirken, so sehe ich vor meinem geistigen Auge eine junge Frau auf einer Sommerwiese Blumen pflücken.

Nehme ich die Bedeutung des Wortes dazu, so denke ich: ’dieser alte Lausebengel’

 

Was nun zutrifft, ist für deinen Kommentar von keinerlei Belang, noch spielt dein kleiner Rechtschreibfehler (hier würde ich gern einen Smiley setzen, finde im Menü aber keinen) im Kommentar für die Geschichte irgendeine Rolle.

 

Antwort auf von bella gioconda

... vor allem im Internet. Tatsächlich ist es "die Campanula", in Anlehnung an die Glockenblume. Aber ich weiß schon, dass es auch den Campanile gibt, den Glockenturm, der eher männliche Assoziationen weckt. :-)

Welchen Rechtschreibfehler meintest du denn? Ich habe jetzt zweimal versucht, einen zu finden, aber offenbar stehe ich auf der Leitung.

Auf die Fortsetzung der Geschichte freue ich mich schon!

Liebe Grüße

Campanula