Von Fehlern und Fassaden 16

"Klappentext"

Well, fuck,

 

„Süße, ich glaub, du musst echt ins Krankenha...“

„Nein!“

„Lass uns wenigstens die Poliz...“

„Fahr mich bitte einfach nach Hause. Bitte!“

Es ist das vierte oder fünfte Mal, dass sich genau diese Konversation zwischen Katha und Alex wiederholt. Das einzige was sich ändert, ist die Anzahl von „Bitte“, die mit jeder Neuaufführung zunimmt. Macht euch keinen Kopf. Regt euch bitte ab. Bitte holt nicht die Cops. Würde mich bitte jemand heimfahren, bitte, es geht echt, alles gut, bitte macht euch keine Sorgen, bitte.

Scheiß auf Bitte. Nichts ist verdammt noch mal gut. Ihre Augen sind weit aufgerissen, das Haar steht zerwühlt vom Kopf und die rechte Hälfte ihres leichenblassen Gesichts ist mit Schlamm beschmiert. „Bitt... hnf. Ich will … nur heimmm!“ Beim letzten Wort entgleisen ihre Züge vor Schmerz und sie sinkt zurück ins Gras.

Genug.

Ich knie neben ihr ab und schiebe einen Arm unter ihre Schultern, den anderen unter die Kniekehlen.

„Nein!“

Unter anderen Umständen würde ich dieses Wort respektieren, aber ich kann nicht mehr dabei zusehen, wie sie verzweifelt versucht, sich irgendwie aufzurichten und dabei jede gereichte Hand wegschlägt.

Das Geräusch, das sie von sich gibt, als ich sie hochhebe, dreht mir beinahe den Magen um. „Zum Auto, sofort.“

Katha dreht sich in Richtung Festplatz und ich will ihr folgen. „NEIN! Nicht …“ Alex keucht. „Zu viele … Können wir … außenrum? Bitte!“

„Ich hab am Anger geparkt, Süße. Es dauert keine drei Minuten, bis wir am Auto sind.“

„Nein!“

Langsam hab ich die Nase voll. Aber vermutlich sitzen auf den Bierbänken ein Haufen Leute, die sie kennen, und ich kann verstehen, dass sie kein Schauspiel bieten will. „Holt das Auto und wir treffen euch vorn an der Kreuzung, okay?“

Mark sieht unschlüssig zwischen mir und seiner Freundin hin und her. Ich weiß, welche taktischen Überlegungen er gerade anstellt. Auf dem unbeleuchteten Weg, der vom Festplatz zur Kreuzung am Ortsausgang führt, ist der Angreifer geflüchtet. Er könnte dort noch irgendwo lauern und ich wäre mit Alex in diesem Zustand in meiner Handlungsfähigkeit extrem eingeschränkt. Gleichzeitig will er Katha nicht allein durch die Stadt laufen lassen, weil der Wichser uns vielleicht genauso gut dort abpassen könnte.

Nach dem Tritt in die Weichteile, den er kassiert hat, gehe ich allerdings schwer davon aus, dass er heimgehumpelt ist. „Geh mit ihr, ich komme klar.“

Mark nickt mir zu, dann machen wir uns auf unseren jeweiligen Weg.

Es wird wirklich verdammt dunkel im Park, je weiter wir uns vom Festplatz entfernen. Links von uns Gebüsch, hinter dem die Stadtmauer aufragt, rechts fließt der Bach, dahinter Schrebergärten oder Wiesen. Es scheint kein Mond. Das Knirschen des Schotters unter meinen Schuhen macht es mir nahezu unmöglich, andere Geräusche auszumachen.

Dass Alex in meinen Armen mittlerweile stocksteif geworden ist, besorgt mich noch mehr. Sie hat offensichtlich starke Schmerzen, denn ihr Atem kommt gepresst. Jede Erschütterung meiner Schritte treibt ihr ein verbissen unterdrücktes Stöhnen zwischen den Zähnen hervor, das ich nur hören kann, weil ihr Kopf auf meiner Schulter liegt. Zumindest hält sie sich mit dem Arm um meinen Nacken aktiv fest. Der Schock kann nicht zu tief sitzen, wenn sie noch so viel Kontrolle hat. Wenigstens ein Lichtblick.

Mit der Feststellung, dass ich ihre Nähe vermisst habe, sie in diesem Moment auf perverse Art genieße, muss ich später fertig werden.

„Gleich kommt links … gnh … Spielplatz. Wenn er … fff … wartet, dann da.“

„Verstanden.“

Scheiße, ihr geht es wirklich schlecht. Sie kriegt kaum noch Luft. Ich kann nur hoffen, dass sie keine gebrochenen Rippen hat. Wir hätten verdammt noch mal einen Krankenwagen rufen sollen.

Den Spielplatz lassen wir ohne Zwischenfall hinter uns und nähern uns der Kreuzung. Sie ist naturgemäß hell erleuchtet, aber ich würde es einem gekränkten Psycho auch zutrauen, uns auf offener Straße anzugreifen. Ich werde langsamer und lausche. Ein Auto nähert sich, klingt nach Kleinwagen. Dennoch drücke ich mich ein wenig ins Gebüsch.

Als Kathas roter Kia auftaucht, atme ich erleichtert auf. Sie fährt rechts ran und Mark steigt auf der Beifahrerseite aus. Als er meinen schwenkenden Blick entlang der Straße registriert, schüttelt er den Kopf. „Wir sind bei seiner Wohnung vorbeigefahren, da war Licht.“

Es stellt sich heraus, dass Sitzen für Alex keine Option ist, also verfrachten wir sie umständlich auf die Rückbank. Ich falte mich mit Mühe und Not hinter den Fahrersitz und bette ihren Kopf auf meinen Schoß. Bei der Gelegenheit taste ich ihren Brustkorb ab. Nichts knirscht.

Katha versucht es ein letztes Mal. „Lass uns nach ins Eli fahren, nur zur Sicherheit.“

„Nein,“ kommt es mit besorgniserregend wenig Nachdruck.

Mark und Katha sehen mich fragend an.

Warum muss ich das entscheiden? Sie ist doch Alex' Freundin. Ich bin nur ihr … Das Wort „Vorgesetzter“ klingt blechern in meinem Schädel. Wie eine faule Ausrede. Ich blicke auf Alex hinunter. Ihr Gesicht glänzt fahl von kaltem Schweiß.

„Wenn wir sie in die Notaufnahme bringen, rufen die ihre Eltern an.“ Mark blickt besorgt drein. „Und gleich als nächstes die Kaserne.“

„Wäre vielleicht nicht verkehrt“, murmelt Katha in ihre Locken.

Ich streiche Alex die dreckigen Strähnen von der Stirn. Ihre Augen sind bereits halb zugefallen. Adrenalin-Crash. Sie blinzelt mich nur müde flehend an und ballt den Stoff meines Ärmels in der zitternden Faust.

„Nein“, verspreche ich ihr leise. „Fahrt sie heim.“

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Ich weiß nicht, was ich von Alex' Zuhause erwartet habe. Das hier trifft es jedenfalls nicht. Sie hatte mir gesagt, dass sie in der Kaserne lebt, aber irgendwie hat mein Hirn das nicht übersetzt, weswegen ich unverwandt das am Kleinstadtrand gelegene, fröhlich gelbe Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung und Kirschbaum im Vorgarten anstarre, während Katha den versteckten Schlüssel besorgt.

„Hier wohnt sie?“

Ich kann Marks verwunderte Frage nur mit einem Schulterzucken beantworten.

Katha zieht die angelehnte Fahrertür auf und lugt verschwörerisch herein. „Okay, es sieht aus, als würden ihre Eltern schlafen. Also los.“

Ich folge ihr über die Straße – sie hat darauf bestanden, ums Eck zu parken – und die Stufen hinauf zur Haustür, die sie quälend langsam öffnet. Bevor sie hineinschlüpft, wirft sie mir mit auf die Lippen gelegtem Zeigefinger noch einen ernsten Blick zu. Ich nicke. Im Flur deutet sie nach oben.

Na wunderbar. Eine Holztreppe. Unter hochgezogenen Brauen blicke ich ihr in die Augen und dann auf meine schweren Stiefel. Sie verzieht das Gesicht, geht aber in die Hocke und schnürt die Senkel auf. Ja, darauf hätte ich auch gern verzichtet, aber so ist es nun mal. Teil des Irrsinns dieser ganzen Situation. Wir sollten überhaupt nicht hier sein. Und wenn doch, sollten wir nicht gezwungen sein, wie Einbrecher auf Zehenspitzen ins obere Stockwerk zu schleichen, was mit einer halb weggetretenen Frau schon schwer genug ist.

Die Treppe knarzt ein wenig, aber davon sollte niemand wach werden. Katha führt mich in ein Jugendzimmer mit Schreibtisch, Kleiderschrank und einem schmalen Bett, auf dem ich Alex vorsichtig ablege. Sie stöhnt leise, doch sofort legt sich so etwas wie Erleichterung über ihre Züge. Ich atme tief durch.

Katha und ich verständigen uns wortlos. Mit geübten Handgriffen entkleidet sie Alex, die dabei so gut hilft, wie sie kann. Als sie nur noch in Unterwäsche daliegt, übernehme ich die körperliche Untersuchung. Zum Glück finde ich tatsächlich keine gebrochenen Rippen. Nur blaue Flecken. Viele blaue Flecken.

„Ich kümmere mich um sie, fahrt nach Hause“, flüstere ich.

Kathas feucht schimmernden Augen sprechen Bände, als sie meine Schulter drückt. Ihre Lippen formen ein Danke. Ob sie mir für die Sorge um ihre Freundin dankt oder dafür, dass sie flüchten darf, kann ich nicht sagen.

 

…..............................

Nicht aufwachen … Du willst nicht aufwachen. Noch weißt du nicht, warum es so wichtig ist, nicht aufzuwachen, aber dann kommt es so langsam, erst von ganz weit weg und dann … uhrg … ist es da und … tut weh! Fuck! Ich will mich herumwälzen, doch das geht nicht, weil es dann noch mehr weh tut. Also bleibe ich steckensteif liegen. Bauchmuskeln anspannen. Nicht rühren. Das macht es nicht besser, aber wenigstens nicht schlimmer. Shit, so übel war es noch nie.

Ich kenne das Gefühl, diesen Gürtel, der sich um das Becken schließt und von hinten in die Hüfte drückt. Nur nicht in solcher Intensität. Heilige Sch... Nicht bewegen! Mein Atem kommt flach, ich kann die Luft nicht tief genug einsaugen, weil es sticht wie die Hölle, wenn sich das Zwerchfell zu weit dehnt. Gnh. Ich muss mich drehen. Es geht nicht anders, sonst ersticke ich.

Als ich nach der Bettkante greife, um mich herumzuziehen, möchte ich schreien – einerseits wegen des Schmerzes, der in mein linkes Bein schießt, andererseits wegen der Gestalt, die sich auf dem Sessel gegenüber zusammengekauert hat.

Wie kann er hier sein? Ich muss raus, weg, ich brauche eine Waffe, jetzt gleich, er kann nicht hier sein, meine Eltern, wo bin ich?

Ich klatsche auf den grauen Teppich wie eine Flunder. Keuchen ist alles, was ich kann. Eine Sekunde später Adrenalin, Energie, vorwärts, auf die Tür zu, nur komme ich nicht hoch, erreiche die Klinke nicht und höre ein Geräusch, ein Wimmern, es ist wohl meines. Furcht. Ein Raunen und Winseln. Wieder ich.

„Hey, hey, beruhige dich, alles ist okay!“

Er packt mich unter den Achseln und zieht mich hoch. Ich strample ein wenig, aber da ist nicht mehr viel, nur lähmende Angst.

„Alex, ich bin es, Hendrik. Beruhige dich! Du bist in Sicherheit.“

Irgendwo in den hintersten Tiefen des Hirns feuert noch ein letztes Neuron, das sich an den antrainierten Reflex erinnert, sich mit den Füßen an der Wand abzustoßen. Ich versuche es sogar in einem letzten Aufgebot an Kampfeswillen, aber leider bewegt sich nur ein Bein, das andere schwabbelt irgendwo auf Halbmast.

„Du kannst aufhören, ich hab dich.“

Ich will einfach nur flennen.

Er hebt mich in die Arme und lässt sich wieder auf dem Sessel nieder. Mit einem Arm schlägt er meine Beine über seine Knie, der andere ringt sich um meine Schultern und drückt mich an ihn. Ich will mich wehren, ich will es wirklich, beißen, kratzen, schreien, aber nichts kommt.

Erst als meine Nase in seinem Nacken landet, checke ich es.

Der Leutnant.

Nicht er.

Der Leutnant. Er hat mich. Fuck, mir weicht alle Anspannung aus den Gliedern. Fehler! Denn als ich mich fallen lasse, schießt der Schmerz mit Macht zurück. Aber das ist okay, denn der Leutnant hält mich fest und macht leise Geräusche und streichelt mir über den Kopf und ich lehne mich an und dann fallen mir die brennenden Augen zu.

Als ich wieder wach werde, glaube ich, mich auf der Stelle aus dem Fenster stürzen zu müssen, so peinlich ist mir mein Gebaren. Doch ich kann nicht mal den Kopf heben, weil er eine Hand auf meine Wange gelegt und mich dadurch an seine Brust gepflastert hat. Die hebt und senkt sich unter tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Er schläft.

Zwar zecken meine Lendenwirbel wie die Sucht, aber ich werde einen Teufel tun, diesen Moment herzugeben. Also sinke ich ganz tief gegen seine Brust und höre zu, wie sein Herz schlägt.

„Psst.“

Mhrm.

„Alex.“

Hör auf, mich anzuflüstern, ich fühle mich gerade wohl.

„Ich glaube, deine Eltern sind wach.“

Fuuuu... Okay, jetzt bin ich es auch. Ich lausche. Ja, im Erdgeschoss ist mein Vater zugange. Mist. Wie kriege ich den Leutnant hier raus, ohne dass sie es mitbekommen? Mir wird klar, dass die Mission erst mal in den Hintergrund rücken muss, als ich versuche, mich aus seiner Umarmung zu schälen. „Nicht bewegen.“

„Okay. … Warum?“

„Weil ich …“ Mir bleibt die Luft weg. „Sch...!“ Gott, es tut weh! Jede Regung, die ich mache, schickt einen Schmerz von meinem unteren Rücken ins linke Bein, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich könnte schreien. Beherrscht wie ich bin, treten mir nur die Tränen in die Augen, als ich nach der Schulter des Leutnants greife und mich daran hochziehe. Oder auch nicht hochziehe. Ich bleibe auf halber Strecke hängen und kann nicht weiter. „Nng.... Es geht nicht.“

„Sprich mit mir. Wo tut es weh?“

„Rücken, Lende. Bein. Fffh....“

Er streift mit den Fingerspitzen an meinem Rücken hinab. „Wo hat er dich getroffen?“

„Nirgends. Im Gesicht.“

„Nicht am Körper?“

Ich schüttle den Kopf. „Bin halt den Abhang runtergefallen, aber ich glaub nicht, dass es die Rippen ...“

„Die hab ich schon gecheckt, alles in Ordnung. Deine Wirbel auch.“

„Vielleicht hab ich mir nur was eingeklemmt.“

„Fühlt es sich so an?“

Zähneknirschend muss ich den Kopf schütteln, und allein die Regung ist nahezu unerträglich. „Das ist krasser als alles, was ich jemals hatte.“ Und um ganz ehrlich zu sein, macht mir das ein wenig Angst.

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Ich will sie tröstend an mich drücken, doch sie versteift sich in meinen Armen. Verdammt, ich bin dumm, sie hat offenbar massive Schmerzen und ich mache sie noch schlimmer.

Aber irgendetwas muss passieren. Also hebe ich vorsichtig ihre Beine von meinem Schoß und drehe sie, so dass sie mir den Rücken zuwendet. Dabei ertrage ich lautlos die Fingernägel, die sich in meinen Unterarm graben, den ich vor ihrer Brust kreuze, um sie zu stützen, während ich unendlich langsam mit ihr aufstehe. Ich höre, wie fest sie die Zähne zusammenbeißt, um nicht zu winseln. Schnell wird klar, dass sie sich nicht aus eigener Kraft auf den Beinen halten kann, Stehen ist zu schmerzhaft. Ich will sie hochheben, doch sie wimmelt mich ab und kniet sich hin, legt den Oberkörper aufs Bett. Eine Hand krallt sich in die Decke, mit der anderen verbirgt sie das Gesicht. Vor Scham?

Wofür zur Hölle hat sie sich zu schämen? Sie wurde attackiert und verletzt, nichts davon ist ihre Schuld. Wut brodelt auf. Auf sie, weil sie … Ich weiß nicht mal warum. Das mit sich hat machen lassen? Ja, genau, was für eine beschissene Reaktion meinerseits. Damit bin ich genauso gut wie der Typ, der ihr das angetan hat. Auf ihn sollte ich mich konzentrieren.

Nein, nicht jetzt. Jetzt geht es um sie. Ich schüttle den Kopf, um mich meines Auftrags zu entsinnen. Okay, wieder auf Kurs. Ihre Rippen und Wirbel habe ich schon gecheckt. Was bleibt, ist eine visuelle Untersuchung. Ich trete hinter sie und greife nach dem Saum ihres Unterhemds, um mir ihren Rücken anzusehen.

Als ich es hochschiebe, wimmert sie. Besorgt darüber, dass ihr diese minimale Berührung so weh tut, sehe ich zu ihr auf – und lasse wie verbrannt los.

Sie starrt die Wand an.

„Alex?“

Ihre Augen sind weit aufgerissen. Die Zähne fletschen sich wie in Vorbereitung auf einen Angriff.

Nicht ihren.

Meinen.

Ich registriere die Position unserer beider Körper. Sie kniet vor dem Bett, den Oberkörper flach darauf, und ich stehe hinter ihr, bin über sie gebeugt und habe gerade ihr Top hochgeschoben.

Sie denk, dass ich … Dass …

Fuck.

Mir bleiben die beruhigenden Worte im Hals stecken.

Stumm nehme ich Abstand und hocke mich auf den Boden. Lehne mich mit dem Rücken an den Bettrahmen. Fassungslos ob dessen, was sie gerade von mir erwartet hat, ist es nun an mir, die Wand anzuglotzen. Ich sehe bewusst von ihr weg.

Mein Blick bleibt an dem Poster über dem Sessel hängen, auf dem ich die letzten Stunden nur gedöst habe, um jederzeit bereit zu sein. Aufzuspringen, sollte sie mich brauchen. Zu kämpfen, sollte sich der Feind zeigen. Jetzt bin ich wie erstarrt.

Es ist ein Print von Luis Royo. Abgebildet ist eine Frau, eher ein Mädchen, mit einer eisernen Dornenkrone . Ihre Wangen sind verkratzt, die Schminke rinnt ihr über das Gesicht. Um den Hals liegt ein massiver Ring, von dem eine Kette hängt. Wer sie hält, ist nicht zu sehen.

„Du brauchst Hilfe, Alex“, flüstere ich.

Sie gibt ein Geräusch von sich. Halb Weinen, halb Trotz.

Ja. Das habe ich mir gedacht.

Schwerfällig komme ich auf die Beine. Das Herz hängt mit in den Kniekehlen, als ich mich aus ihrem Zimmer und die Holztreppe hinunterschleiche.

Im Flur sehe ich durch die Milchglastür einen Mann umhergehen. Ich habe keine Ahnung, wer oder wie ihre Eltern sind. Ob sie streng und liebevoll oder nur streng sind. Dass sie weich und nachgiebig sind, kann ich mir nicht vorstellen, denn dann hätten sie eine andere Tochter hervorgebracht. Aber vielleicht verständnisvoll. Vernünftig zumindest. Nicht hysterisch, wenn gleich ein fremder Mann in ihrem Esszimmer auftaucht.

Ich klopfe und hoffe.

Als ich vorsichtig die Klinke niederdrücke und durch einen Spalt in den Raum spähe, sehe ich einen gedeckten Frühstückstisch. Zwei Teller, zwei Tassen, Wurst, Käse, Milch.

„Andreas?“, fragt eine Stimme aus der Küche.

Ich räuspere mich. „Nein, entschuldigen Sie.“ Ein Mann – wohl Alex' Vater – taucht auf und blickt mich aus überraschten Augen an. „Ich bin Hendrik, Alex' … ein Freund von Alexandra. Es tut mir leid, Sie so zu überf...“

„Andreas?“ Von rechts kommt eine Frau – wohl Alex' Mutter – und die Überraschung wiederholt sich. Ich trete nun ganz in den Raum, um nicht dumm in der halb offenen Tür herumzulungern. „Frau Schwarz, Herr Schwarz, guten Morgen. Ich bin Hendrik, ein Freund Ihrer Tochter. Es tut mir leid, Sie am Sonntag in der Früh unbekannterweise zu überfallen.“

„Aha“, macht die Frau und begutachtet mich einmal von oben bis unten. Das Kettenhemd habe ich in der Nacht zum Glück abgelegt, doch mit meiner schwarzen Untermontur und in Socken gebe ich, ungekämmt und unrasiert, wohl kein allzu vertrauenerweckendes Bild ab.

„Wir waren gestern Abend auf der Feier an der Stadtmauer und sind zum Schlafen hergekommen“, erkläre ich.

„Aha.“

Ich fühle nicht die wärmsten Vibes hier. Das kann ich verzeihen, nur hoffe ich, dass gleich etwas Leben in die beiden kommt, denn gerade blickt die Mutter mich nur reserviert an, und der Vater sieht mit meiner Gegenwart überfordert aus.

„Alexandra geht es nicht gut, sie hat starke Rückenschmerzen“, spreche ich die Frau an. „Wenn Sie Paracetamol oder so etwas dahätten ...“

„Ach was, das braucht es nicht.“ Der abfällige Tonfall wird von einer entsprechenden Geste untermalt. „Ich mache eine Wärmflasche.“

„Frau Schwarz, ich glaube ...“

Sie ist schon in Bewegung und marschiert in die Küche. „Das kommt davon, weil sie sich nicht genug bewegt. Wenn sie mal ab und zu an der frischen Luft spazieren gehen würde, dann müsste sie sich nicht immer über ihren Rücken beschweren. Das sage ich ihr schon seit Jahren.“

Äh …

Mir wird eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt. „Und mehr trinken! Das hilft gegen die Verspannungen.“

Was?

„Wie war Ihr Name noch mal?“

Ich schaue zu dem Mann. Er kommt mir vage bekannt vor. „Hendrik. Hendrik von den Hainen.“

„Und woher kennen Sie sich?“

Meine Augen schießen zwischen der geschäftigen Mutter und dem Vater hin und her, der sich mit verschränkten Armen ein bisschen in der Küchentür aufzubauen versucht. Woher kenne ich ihn?

„Von der Arbeit“, antworte ich vage, während mir Frau Schwarz die Wärmflasche in die Arme schiebt. „Ehrlich, ich glaube, das wird nicht helfen. Es ist ernst.“

„Sie soll sich nicht so haben.“

Ich werde ärgerlich. „Frau Schwarz, Ihre Tochter kann sich vor Schmerzen nicht auf den Beinen halten. Ich würde sie wirklich ...“

Da ist sie schon unterwegs nach oben. Fuck. Wenn Alex immer noch so daliegt …

„Was soll denn das? Das ist Stromverschwendung!“ Die Mutter strebt geradewegs an der knienden Tochter vorbei und beschäftigt sich damit, den Rollladen hochzuziehen. Als das erledigt ist, nimmt sie denselben Weg zurück und klatscht lautstark mit der Hand auf den Lichtschalter. „Das muss doch nicht sein!“ Sie schüttelt den Kopf. „Und was ist jetzt mit dir? Rücken mal wieder?“ Sie wedelt mit der Hand in meine Richtung. „Das hat sie dauernd. Morgen ist es wieder gut.“

„Mama, das ist nicht wie sonst ...“

„Ach was. Wart doch einfach mal ab.“

Ich bin noch damit beschäftigt, fassungslos dabei zuzusehen, wie die Mutter in dem Glauben an die heilenden Eigenschaften von frischer Luft das Fenster aufreißt, dass ich Alex nicht sofort registriere.

„Was ist mit deinem Gesicht?“ Der erschrockene Ausruf des Vaters lässt mich herumschnellen.

Alex ist aufgestanden. Ich reiße die Augen auf. Die blaue Wange ist sein scheiß Problem? Was zur Hölle?

Ihr gesamter Oberkörper ist um mehrere Zentimeter zur Seite verschoben. Das Rückgrat macht einen regelrechten Knick.

Sie sackt zusammen.

Ihre Eltern stehen da wie Salzsäulen, während ich einen Satz auf sie zumache und sie fange. Vorsichtig lasse ich sie aufs Bett zurücksinken. „Alex, ich rufe die Sanis.“

„Nein!“, kommt es wie aus einem Mund von Vater, Mutter und Kind.

„Doch. Du gehst ins Krankenhaus. Das ist ein Befehl.“

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Die nächsten Tage brechen über mir zusammen wie ein Kartenhaus in einem verfickten Orkan.

Sie wird entlassen. Nicht nur aus dem Krankenhaus. Aus dem Dienst.

Ich habe die Akte vor mir. Anamnese, Diagnose, Blutwerte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich all das nicht zu sehen kriegen dürfte, doch der Spieß hat was für mich übrig, deswegen bekomme ich Kopien.

Sie haben Drogen in ihrem Blut gefunden. Marihuana, Speed, Koks. Gibt es zwischen letzteren beiden überhaupt einen Unterschied? Ich habe doch keine Ahnung. Selbst wenn sie das Zeug nicht entdeckt hätten – doppelter Bandscheibenvorfall. Sie ist raus. Sowas von raus. Der Bund wäscht sich die Hände und ist wahrscheinlich heilfroh über die Drogen, sonst hätten sie ihr womöglich einen Wehrschaden zahlen müssen,

Und ich sitze hier, lese all das und frage mich, wie lange mein dreimonatiger Lehrgang gedauert hat, dass es so weit kommen konnte. War ich in einem Paralleluniversum gefangen, wo die Zeit schneller vergeht? Waren ihre Freundinnen außer Landes? Lag Kress im Koma? Irgendjemand musste doch etwas davon mitbekommen haben!

Ich will auf der Suche nach Antworten wie ein Berserker durch Kasernenwände rennen. Stattdessen fahre ich nach Dienstschluss heim.

Benjamin empfängt mich auf Knien im Flur. Ich schicke ihn weg. Im nächsten Moment tut es mir leid, wie ungnädig ich war, doch ich habe es nicht in mir, nach ihm zu suchen und ihm den Kopf zu tätscheln. Ich will jemanden in der Luft zerfetzen! Also Sport. Ich jogge. Renne. Sehe sie vor mir, wie sie im Krankenhausbett liegt, blass und leblos. Ihre Eltern, die sich so nicht nennen dürften, ihr nur Vorwürfe gemacht haben, statt Beistand zu leisten. Ich hätte ihrer beschissenen Mutter am liebsten die Zunge aus dem Hals gerissen, als sie davon schwafelte, dass Alex ja nur mehr Sport hätte treiben müssen und nicht immer nur vor dem PC hätte sitzen dürfen. Was glaubt die Frau, wie der Alltag eines Soldaten aussieht? Einer Soldatin? Und der Vater? Ich habe mich dann doch noch erinnert an den Zeitungsartikel und die Fotos. Er ist doch an allem schuld wegen seinem scheiß Foto-Op. Natürlich tue ich ihm damit unrecht, wie allen Menschen um mich herum in letzter Zeit, aber FUCK! Warum hat keiner auf sie aufgepasst? Wo waren sie alle? Wo war ich?

Auf der Jagd nach dem nächsten Dienstgrad, den ich mir mehr wünschte als alles andere. Als alles außer Alex. Abgefuckte Alliteration. Aber wahr.

Nun ist sie weg. Vom Erdboden verschluckt.

Wegen der Drogengeschichte war sie beurlaubt, bis die Entlassung durch war. Niemand hat sie seitdem gesehen. Katha nicht, ihre anderen Freundinnen nicht. Ich war sogar bei ihren Eltern. Naja, nicht direkt, ich habe ihre Mutter verfolgt und beim Bäcker abgepasst. 'Hallo, haha, ich war zufällig in der Gegend, wie geht es denn Alex?' Nichts. Sie sind ahnungslos, dass sie dienstunfähig ausgeschieden ist. Was, um ehrlich zu sein, keine Überraschung ist, da diese Menschen ja offensichtlich nicht viel Interesse an ihrer Tochter haben.

Wo ist sie?

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Wir sehen fern. So alltäglich. Die Löwen gegen … keine Ahnung. Frankfurt? Stuttgart? Irgendwer, der abgestiegen ist. Meine Augen rollen.

Ich nehme einen letzten Zug, bevor ich den Joint in den Aschenbecher lege. Bin dankbar dafür, dass es aufgehört hat wehzutun. Lehne mich zurück.

Abende wie dieser waren immer die friedlichsten. Er guckt Fußball, und wenn sie gewinnen, ist er gechillt. Ich betrachte ihn von der Seite. Er schaut ja nicht schlecht aus. So eine Mischung aus Till Lindemann und Willi Herren. Halt leider genauso psycho und asozial. Als ich 15 war, hab ich das nicht kapiert. Jetzt schon. Fuck my life.

Ich humple ins Schlafzimmer. Der Shit hilft leider nicht dabei, dass mein linkes Bein eine schlaffe Nudel ist, die nur zur Hälfte der Zeit tut, was ich von ihr will. Der Fuß schleift hinterher. Ich schaffe es ins Bad, pinkle noch mal, dann gehts zu Bett. Ich knödele das verklumpte Kissen in Form und denke mir nichts dabei. Naja, natürlich schon, aber was willst du machen. Das ist jetzt dein Leben, wenn du nicht möchtest, dass er deine Katze oder das Haus deiner Eltern anzündet. Um Minka täte es mir mehr leid.

Schlafen. Nicht mehr weh tun.

Ich wache auf, weil er mir den Schwanz zwischen die Beine zwängt. Okay. Locker lassen. Spreizen. Locker lassen. Lass verdammt noch mal locker! So schwer kann das doch nicht sein, dann würde es auch nicht so zecken, also entspann dich verdammt noch mal. Na also, geht doch. Wenn dir alles scheißegal ist, dann auch das. Er wird fertig, und ich kann wieder schlafen.

Am Morgen ist er weg zur Arbeit. Ich schaue mich um.

Zwei Zimmer, Küche, Bad. Nicht mal das. Eines der Zimmer ist Küche. Das Bad ein auf ein Meter.

Es gab eine Zeit, da habe ich diese Wohnung als das Paradies empfunden. Keine Eltern, keine Lehrer, nur ich und jener Mann – ein erwachsener Mann, der mich nicht wie ein dummes Kind behandelt hat.

Ich sehe Bartstoppeln, die ans Waschbecken getrocknet sind. Urinstein millimeterdick in der Kloschüssel. Die Küchenzeile klebrig von altem Fett. Fenster, beschlagen mit Straßendreck von außen und Nikotin von innen.

Ich war dumm. Und ich war ein Kind.

In diesem Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht noch immer beides bin. Furcht lähmt mich. Fesselt mich an dieses Bett. Wohin, wenn nicht hier bleiben?

Ich kann nicht zurück. Nicht zurück ins Elternhaus, wo ich mich erklären, Geständnisse ablegen müsste, wo ich die letzten vier, fünf Jahre meiner Schulzeit – Kindheit – verbracht habe und wie.

Ich kann nicht zurück zu meinen Freundinnen, die ich um Vergebung bitten müsste für die Geheimnisse, die zu wahren ich sie beschworen habe.

Ich kann nicht zurück. Ich kann nicht vorwärts. Ich bin gefangen. Und es tut weh. Nicht nur im Rücken. Im Kopf. In der Brust. Zwischen den Beinen.

Von irgendwoher kommt der Gedanke, dass das nicht richtig ist. So muss es nicht sein.

Deswegen, glaube ich, packe ich meine sieben Sachen – Kampftragetasche, Handy, Schuhe – und lasse mit einem Klumpen im Hals die verhassten Schlüssel auf dem gefliesten Wohnzimmertisch zurück.

Das Geräusch, als ich die Tür hinter mit ins Schloss ziehe, dreht mir vor Freiheit beinahe den Magen um.

 

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Inhalt/Idee

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Erotik/BDSM

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Rechtschreibung/Form

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Kommentar(e)

Sehnsüchtig erwartet habe ich den nächsten Teil dieser Geschichte. Endlich geht es weiter mit Alex und Hendrik, doch es scheint, als würde alles gerade in einem Abwärtsstrudel versinken, insbesondere Alex' Leben. Aber die letzten Zeilen geben Hoffnung. Oder sind sie nur der allerletzte Schritt vor dem endgültigen Abgrund? Herrschaftszeiten, Loreley, du kannst uns doch jetzt nicht wieder wochenlang auf den nächsten Teil warten lassen! Denkst du denn überhaupt nicht an meine armen Nerven?

Literarisch natürlich brillant wie immer, das sollte man, auch wenn es bei dir selbstverständlich ist, nicht unerwähnt lassen. ;-)

Sei herzlich gegrüßt

Campanula

Liebe Loreley,

danke, dass Du endlich Erbarmen hast mit uns armen Lesern! Nach meinem Geschmack hast Du uns viel zu lange warten lassen. Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Teil nicht wieder so lange <seufz>. Wie immer habe ich den Text verschlungen. Großartig geschrieben! 
viele Grüße