Die Lust der Sadisten

„Was hast du als Sadist eigentlich davon, mir das alles anzutun?“ wurde ich schon mehr als einmal gefragt. „Ich falle von einem Rausch der masochistischen Geilheit in den nächsten … und du hast dabei die ganze Arbeit. Gut, hier und da mal ein wenig abspritzen, aber insgesamt … kein Vergleich!“
Dumme Frage? Wenn ich keine Lust am Denken hätte, könnt ich das ganz dumminant abwürgen. „Kusch … du machst den Mund nur auf, wenn ich reinficken will!“
Nein, gute Frage. Ich hab sie mir ja auch schon selbst gestellt. Und mir die erste Antwort aus dem Bauch heraus gegeben – manche Neurobiologen sprechen ja auch vom Bauchgehirn und räumen ihm einen sehr hohen Stellenwert ein. Oft kommt die Antwort auch etwas unterhalb des Bauches … ich erigiere spontan, wenn ich Dir den Kopf an den Haaren in den Nacken ziehe und Dir in die Augen schaue. Das nervöse Vibrieren Deiner Lider wahrnehme. Ich weiß, dass Du weißt, was gleich kommen wird … und ich genieße es, dich mit diesem Wissen, dieser Vorahnung ein wenig hängenzulassen. Und das leichte Brennen in meinen Fingern ist nichts gegen das Brennen auf Deiner Wange, wenn dich nun die Ohrfeige trifft, nichts gegen das Brennen in deiner Seele und dem Aufruhr in deinem Bauchgehirn und den Regionen darunter.
„Es ist das Gefühl der Macht!“ sagte ich dir und mir über Jahre als Antwort auf die Frage, was ich davon hätte, dich so zu bearbeiten. Stimmt. Stimmt auch, genauer gesagt. Es ist ein köstliches Gefühl, diese Macht zu spüren, die dir den Widerstand nimmt und dir zuverlässige Fesseln anlegt. Ich liebe dieses Gefühl, mit dir machen zu können, was ich will … und es tut meiner Lust an der Macht auch kaum Abbruch, dass ich seit dem ersten Augenblick, als ich die Faszination dieser Macht spürte, auch weiß, dass diese Macht über dich dein Geschenk an mich ist. Du gibst sie mir, und ich nehme sie. Ich fordere sie von dir, und du willst, dass ich sie ergreife. Es war nur ein Instinkt zuerst, mit der Zeit habe ich es dann gelernt. Es ist ein Wechselspiel. Eine Herausforderung und eine carte blanche.

Ich habe bald begriffen, dass es dieses Wechselspiel der Macht ist, das BDSM von banaler Gewalt in Beziehungen unterscheidet. Die Ohrfeige, die ein Mann seiner Partnerin verpasst, die ihn nicht dazu ermächtigt hat, ist absolut lustbefreit. Für sie und auch für ihn. Ein völlig einseitiges Machtgefälle mit Verlieren auf beiden Seiten.
Der Backenstreich hingegen, den du von mir empfängst, gehört zum beiderseitigen Geben und Nehmen, zu den Ritualen der Erotik, die sich zwischen uns entfaltet. Die dir den lustvollen Schmerz schenkt und mir das wundervolle Privileg, ihn dich spüren zu lassen.
Schön, dass die Schwellkörper funktionieren, wenn mann sie braucht. Ich drücke dich hinunter. „Auf die Knie, Sklavin … sag deinem Herrn Hallo!“
Die liebevollen, vorsichtigen Bewegungen, mit denen du den Reißverschluss öffnest und meinen Schwanz ans Licht bringst. Brav, wie du die Hände hinter deinem Rücken ineinander legst, wie du es gelernt hast. Dein Blick, der von unten herauf kommt … ich verstehe die Männer nicht, die ihren Lustobjekten befehlen, zu Boden zu schauen. Ich lese gern in deinen Augen. Jetzt, diese Hingabe … nichts Forderndes liegt darin, aber freilich ist da Erwartung, auch die Gewissheit, dass diese Erwartung erfüllt werden wird. Die geöffneten Lippen, feucht glänzend …
„Na komm, worauf wartest du!?“ Ein Lächeln, dann widmest du dich gekonnt meiner Eichel. Ich habe dir beigebracht, mit Zuckerbrot und Peitsche, wie ich von dir verwöhnt werden möchte. Wie ich das Spiel deiner Zunge mag, die flatternde Zungenspitze ganz vorn an der großen Glocke oder am Bändchen unterhalb. Die Variationen der Lippen … weit offen, wenn ich in dich hineinstoßen möchte, fest geschlossen um den Schaft, wenn ich von dir gemolken werden will. Der Lambada der Zunge, wenn sie den Schwanz gegen den Daumen drückt, ihn genussvoll rollt. Die Tiefen deines Rachens, die wir behutsam erobert haben, gemeinsam … gern erinnere ich mich, wie dein aus dem Bauch kommender Wunsch, dich zu öffnen, dich auch an der Kehle zu öffnen, dazu geführt hat, die Abwehr deiner Reflexe zu überwinden. Der Kopf allein hätte dafür nicht genügt, so ein „das will ich auch mal probieren!“
Jetzt nicht, Deepthroat wird später kommen, vielleicht. „Pack ihn wieder ein!“ Du bist sehr vorsichtig dabei, den immer noch harten Penis in seinen Stall zu bugsieren und den Zipper zu schließen … weil du die Strafe kennst, die dich erwartet, wenn du meine zarte Haut einklemmst. Keine Strafe, die du lustvoll empfinden würdest. Umso bemühter ziehst du den Reißverschluss auf Abstand, bevor du ihn hochziehst. Ich mag das, diesen achtsamen Umgang miteinander, das Entschleunigte … Hast tötet die Lust, meistens.
Ich gehe quer durchs Zimmer, setzte mich auf meine Ledercouch. Auf einem Tischchen liegt alles Mögliche bereit, auch eine Gerte, mit der ich nun gegen meine Schuhspitzen tippe. Du kennst das schon … wenn du fliegen möchtest wie ein Schmetterling, musst du zuerst kriechen wie eine Raupe. Gut machst du das, die Beine aneinandergelegt, die Hände auf dem Rücken, der Körper flach auf dem Fussboden. Ein feiner Anblick, wie sich dein Körper windet, schlängelt, die verführerische Schlange, die sich auf mich zubewegt … „Stopp!“ Eine kurze Berührung deiner Stirn mit der Lederklatsche der Gerte lässt dich sofort innehalten. „Auf den Rücken!“
Mein Blick schweift über diesen Körper, von dem ich weiß, wieviel Hingabe und Lust in ihm stecken. Die Spuren unserer letzten Session sind vergangen, schade eigentlich. Wir sollten uns öfter sehen.
Ich spüre, was du empfindest, wenn ich nun den Fuß auf deine linke Brust setze, sie auf den Rippenbögen breit drücke, das Fleisch hin- und herschiebe. Ich spüre in mir, wie das ist, sozusagen mit Füßen getreten zu werden. Das Raue der Sneakersohlen, das Demütigende der Situation, das Mit-sich-machen-Lassen, ohne sich dagegen zu wehren … Empathie nennen das die Psychologen, wenn man solche Gefühlsbewegungen mitempfinden kann, und die Neurobiologen haben es in ihren Ganzkörpertomographen erforscht: Wenn ein Mensch das Leiden eines anderen Menschen wahrnimmt, dann werden in seinen eigenen neuronalen Vernetzungen ganz ähnliche Prozesse aktiviert wie bei dem, wie bei der, die wirklich leidet.
Als ich das im Radiointerview mit einer Neurobiologin gehört hatte, war mir im gleichen Augenblick bewusst, dass genau dort das Ende des Regenbogens liegen könnte im BDSM. Der Ort, an dem der Gewinn für beide begraben liegt. Dom und sub, miteinander empathisch verbunden, durch die komplexen Prozesse der Körperchemie. Dein Schmerz ist nicht mein Schmerz, zum Glück, weil ich ja kein Masochist bin. Er ist es nicht auf der Ebene der unmittelbaren Schmerz-Reizleiter. Aber ich kann empathisch mitfühlen, was er mit dir macht, wenn ich mich darauf einlasse, wenn ich diese Wahrnehmung in mir finde und genussvoll kultiviere. Der Genuss des Sadisten wäre womöglich Mitgefühl!?
Ich stehe auf von meiner Couch, steige kurz über deinen Bauch und schiebe dann deine Schenkel mit der Fußspitze auseinander. Du hast keine Ahnung, was nun auf dich zukommen wird. Alles ist möglich. Und du traust mir alles zu. Fast alles … dieses „fast“ haben wir klar definiert und abgegrenzt. Schön, diese Mischung der Gefühle zu spüren. Die Angst davor, dass es weh tun wird, sehr weh … und die erregende Erwartung, dass es doch bittschön sehr, sehr weh tun möge … der Kampf mit der Hingabe, diese Herausforderung, Ego und Stolz und was auch immer fahren zu lassen und ganz aufzugehen im Empfangen, in der Demütigung … und die Hoffnung, dass auch dieses Mal wieder der Punkt erreicht werden wird, vielleicht sogar mehr als einmal erreicht werden wird, an dem der Kopf loslässt und das Fleisch sich durchsetzt, geschlagen und gestreichelt, unerträglich brennend und unendlich fließend … das alles mischt sich jetzt in deinen Gefühlen und in meinem Nachempfinden, wie du da vor mir liegst. Wir sind zu allem bereit, du und ich. Und wir wissen beide, dass wir diese Bereitschaft auskosten werden. Es wird tief gehen heute …
Und am Ende wird es so sein, dass du den Kopf verloren und wiedergefunden haben wirst … und ich werde es miterlebt und genossen, aber nicht selbst erlebt haben. Die Macht, dich dorthin zu führen, zu treiben … das ist mein Privileg. Es jenseits der Frage, ob du es zulassen möchtest, es über dich hereinbrechen zu lassen, das ist dein Privileg. Schön, dass es solche Unterschiede gibt … sie bauen die Spannung auf, die uns lebendig macht und die es dich und mich wieder … und immer wieder …

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Inhalt/Idee

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Erotik/BDSM

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Rechtschreibung/Form

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Kommentar(e)

Bestimmt, ohne Einfühlungsvermögen kann es keinen Sadisten geben. Wem die Gefühle der "Opfer" (mit oder ohne Anführungszeichen) absolut unzugänglich sind, kann vielleicht zum kaltblutigen Mörder oder ausbeutenden Sklaventreiber werden, aber nicht zum geniessenden Sadisten. 
Da gibt es "Differenzialdiagnostik" zu bloßen Aggressionsabfuhr: es gibt Leute, die mit großer Lust eine Telefonzelle oder ein Auto zerhämmern, aber auch kein bewegliches Ziel verschmähen, so es ihnen unglücklich über den Weg läuft. So grausam diese Menschen oft sein können, - Sadisten sind sie nicht. - Denen ist völlig egal, was und ob überhaupt ihr Schlagobjekt was empfinden, - Hauptsache "kaputtmachen".
Ein Sadist muss irgendwie übersteigert, im äußersten Sinne empathisch sein. Ich habe manche erlebt, die ihr gesamtes körperliches Empfinden "outsourcen" können und während der Session nicht nur keine sexuelle Handlung, sondern überhaupt keine Berührung ihres Körpers wünschen. Sie erleben alle Leid und Lust am Fleisch des Anderen. Befremdlich und bewunderungswert...
"...Der Genuss des Sadisten wäre womöglich Mitgefühl!?.." Es gibt, glaube ich, zwei grundgegensätzliche Typen von Sadisten. - Man liest es deutlich heraus aus den vielen Geschichten hier, aber auch in der "Praxis" lernt man mit Glück beide Typen kennen. Der mitfühlende Sadist, der sich als Ergänzung einen geniessenden lustvollen Masochisten wünscht, ist dieser Geschichte wunderbar beschrieben.
Aber es gibt noch den anderen, - einen der eigentlich echtes unversüsstes und trostloses Leid zu seinem Vergnügen braucht, - Panik und endlose Schmerzen. Er reißt sich einfach zusammen, - aus Gewissensgründen oder einfach aus Angst vor Gesetz. Er nimmt sich Masochisten als freiwillige Opfer und hält sich notgedrungen an deren Tabus und Stopwörter, er findet sich mit ihrer masochistischen Schmerzverarbeitung ab. Aber fühlen tut er sich dabei wie diese armen Hunde, die von ihren Frauchen auf vegane Ernährung umgestellt werden. (So was gibt es inzwischen echt!)

Antwort auf von TaugeniX

Ich sehe das auch so mit den zwei Typen ... natürlich gibt es so viele Typen wie es Sadisten gibt, aber wenn man auf die Unterschiede schaut, die einen Unterschied machen, dann sehe ich da ein Kriterium, das entscheidend ist: Die einen tun's, weil sie sich Menschen gern empathisch und liebevoll zuwenden und aus dieser Zuwendung auch selbst viel zurückbekommen. Die anderen tun's, weil ihr Kontakt- und Beziehungsverhalten von heftigen negativen Emotionen geprägt ist, und ihr "Lustgewinn" ist die Trieberleichterung, das Abreagieren. Wobei ich meine, dass Letztere sehr viel öfter auch im Vanilla-Bereich zuschlagen, allenfalls benutzen sie noch das Ventil SM, um ein paar Tabus ihrer Alltagsrealität nicht  zu verletzen. Abgesehen von den anderen Möglichkeiten, die sich da bieten ... auch im Berufsleben. Bis hin zum marodierenden Söldner. Da brauchen sie dann keine Safecodes mehr zu respektieren. 
Woher sowohl bei SadistInnen wie auch bei MasochistInnen aber überhaupt die Lust am Schmerz kommt, ist mir noch eine offene Frage. Es gibt zwar die These, dass im Gehirn bei sexueller Erregung und bei Schmerzreizen ganz ähnliche, sozusagen verwandte neuronale Netzwerke aktiviert werden (im tierischen Bereich sehen wir diese enge Koppelung m.E. auch beim "Qualsex" der Katzen, beispielsweise) ... womöglich sind bei BDSM-affinen Menschen die Mechanismen, die Erotik und Schmerz ansonsten trennen, weniger effizient gegeneinander gefiltert, und/oder die moralischen Konstrukte, das eine und das andere auseinanderzuhalten, haben sich bei ihnen anders entwickelt.
Das würde für mich auch den spirituellen Zugang zum Schmerz erklären: Wenn diese moralischen Konstrukte so ausgeprägt sind, dass sie den Schmerz positiv konnotieren und ihn mit ähnlichen Appetenzreizen wie den Sex koppeln, kann das Empfinden von Schmerzen auch frei von erotischen Lustgefühlen ähnlich triebhaft besetzt sein wie der Sex an sich. Wobei auch da immer noch bedeutsam erscheint, dass es Jemand gibt, der diesen Schmerz gewährt ... masochistische Selbstbefriedigung, also Schmerz "an und für sich" funktioniert meines Wissens eher nicht, außer vielleicht bei manchen Selbstkasteiungen im Umfeld von spirituellen Kongregationen ...
Ich betone: Ich betrachte das als Thesen, als Versuche ... und keinesfalls als Wahrheiten oder dergl. :-)

Eine schöne, informative Erklärung auf eine Frage, die ich meinem Herrn auch schon oft gestellt habe...
Es ist nämlich manchmal überhaupt nicht leicht, sich auf die 'Aufmerksamkeiten' des Doms einzulassen, wenn man das Gefühl hat, man ist alleine der Nutznießer der Session. Egoismus ziemt sich nicht für eine Subbie, und diese 'Schuldgefühle' können einem durchaus schon mal eine schöne Session verhauen. :-(

Von daher danke ich Dir wirklich sehr für deine gut nachvollziehbare Erläuterung deiner Empfindungen, die du bei 'der Arbeit' empfindest. Das beruhigt meine Subbie-Seele ungemein...

6 Sternchen für eine tolle, aufschlussreiche Erklärung. Und Dankeschön, dass Du mich mit deinen Ausführungen zu den neurobiologischen Zusammenhängen in Bezug auf Empathie und Sadismus nicht sehr lange auf die Folter gespannt hast... ;-)

LG, nachthimmel

Lieber BonSado,

durch deinen Kommentar unter der Geschichte von Anima Demissa ("Die Masochistin") bin ich auf deinen Text hier gestoßen, der ein wunderbares Gegenstück zu ihrem darstellt. Und zu meiner Freude sehe ich auch noch die Kommentare von TaugeniX und nachthimmel. Ach, das waren noch Zeiten!

Vielen Dank für deine vielschichtige Reflexion!

Liebe Grüße

Campanula

Einblicke in die Gedankenwelt eines Sadisten. Einer der besten Beiträge, die ich hier je gelesen habe.

LG Anima