Hidschab

Schuhe hat dieses junge Weib ausgezogen. Ihre Füße sind schmal und seidig wie exotische teefarbene Blüten. Aber der Körper bleibt verhüllt und das Gesicht im eng gebundenen Kopftuch eingerahmt. Was sucht sie in der Wohnung des alten Sadisten Kurt? Da bringen sie schon seine Bilder an den Wänden in ärgste Verlegenheit, - es sind schlimme, unanständige Bilder. Sie klammert sich gerade am Ärmel der etwas älteren Frau, die sie mitgebracht hat und wohl  ihre Freundin ist.

 

„Nu, denn, Mensch, so weit hast Du Dich schon überwunden, dass Du hierhergekommen bist. Habe jetzt nur noch ein bisschen Mut! Du kriegst Deine ersten Schläge, wenn Du davon kosten willst. Aber dafür musst Du ein Stück Haut freimachen. – Man schlägt nicht auf die Kleider.“

 

Wir wissen ja, dass der alte Sadist eigentlich einen Blödsinn erzählt. Warum soll man nicht auf die Kleider schlagen? Aber sie weiß es nicht, sie kann seine Worte nicht mal anzweifeln: Kurt ist ihr Bergführer in der fremden, faszinierenden Welt, in die sie gerade eintreten will. Sie glüht auf vor Scham und verbirgt das Gesicht am Busen ihrer Begleiterin. Dann zieht sie die Knie an, dreht sich noch ein wenig um und streckt dem Sadisten ihre nackten Fußsohlen her.

 

„Du willst also wirklich Falaka bekommen? Das ist aber sehr schmerzhaft, meine Liebe. Sollen wir nicht einen milderen Einstieg für Dich wählen? Aber gut, bei Dir zu Lande hat die Sache ja Tradition.“ Der alte Sadist lacht…

 

„Es ist schrecklich, so was zu wollen, nicht wahr? – Gerade, wenn ich es will. Für euch ist das alles so fern, es ist euer Mittelalter, da ist schon Gras darüber gewachsen. In meinem Land aber… Da sind die Wunden noch frisch, - mein Großvater hat mir erzählt: als kleines Kind musste er mal zusehen und es war grausam. Was bin ich bloß für ein Mensch, dass ich so was wollen kann? Was bin ich bloß für ein Mensch?“

 

De alte Sadist muss kurz daran denken, dass „so was“ auch bei uns viel jünger als das Mittelalter ist, doch ein Exkurs in die Psychologie und Ethik ist ihm gerade gar nicht recht. Er fixiert die zarten Füßchen des Weibes mit einem gierigen spitzen Blick, seine Augen werden dunkel und schmal wie Schießscharten. Er will nun endlich anfangen.

 

„Was Dein Großvater gesehen hat, willst Du bestimmt nicht. Das ist nur ein Bild, das in Deinem Kopf auftaucht. Wir haben oft schreckliche Bilder. Aber da ist der Körper sicher klüger als der Kopf, er weiß ganz genau, was Dir gut tut. Lass Dir einfach wehtun. Sag mir nur, willst Du schon beim ersten Mal weinen?“ Sie seufzt leise und ruhig auf und sagt nur ein kleines „Ja.“

 

 

Er nimmt einen leichten schmalen Stock und klopft gleichmäßig und sachte. Am Anfang sind die Füßchen ganz nervös und ängstlich, - sie zucken, krampfen und ziehen die Zehen an; bald gewinnen sie aber Vertrauen in den sanften Schmerz und werden ruhig. Der alte Sadist grinst vergnügt und lüstern. Er schlägt ein wenig heftiger zu und siehe da, - er darf, - das junge Weib ruht wie schlafend in den Armen ihrer Freundin. Sie jammert leise in ihrer Sprache vor sich hin als würde sie ein Klagelied singen, dann weint sie auch; aber ihr Körper nimmt den Schmerz gelassen und dankbar auf.

 

„Was für eine begnadete Masochistin!“ Denkt der alte Sadist, „es ist ihr allererstes Mal und sie fliegt mir regelrecht davon, - da muss ich doch zusehen, wie ich sie irgendwie ganz…“

 

Er will nicht die Hoffnung aufgeben, doch etwas mehr an ihrem Körper tun zu dürfen als die Falaka. Seine Schläge werden leichter, nur noch zarte rhythmische Berührungen sind es, die ihre Flughöhe aufrechterhalten. Der alte Sadist spricht zu ihr, seine Stimme ist samtig und warm, schmeichelnd und eindringlich zugleich. Er erzählt ihr von Freiheit und Macht des Weibes. Er erzählt von Großzügigkeit und Hingabe, von kräftigen jungen Körpern, die in Lust und Schmerzen aufgehen, die in Wunden aufgehen und bluten, wie Granatäpfel unter gleißender Mittagssonne. Seine Phantasien sind grausam, fern jeglicher Realität, doch sie sind schön und scheinen das Mädchen zu berühren. Sie dreht das verweinte Gesicht lauschend zu ihm und wiegt sich leise auf den Wellen seiner Rede.

 

Plötzlich löst sie sich aus der schützenden Umarmung ihrer Freundin und steht auf. Sie macht eine ungelenke breite Bewegung mit den Armen, als würde sie etwas wegwerfen, sie sieht dem Sadisten fest und gerade ins Gesicht, wie ein Mensch, der zu allem entschlossen ist. Dann greift sie zu ihrem Hidschab. - Irgendwo im Unterleib des Sadisten flackert kurz die Hoffnung auf. – Sie nimmt das Kopftuch ab, löst hastig mehrere Kämme und Spangen, - wie eine ganze Rolle Rohseide schwer, fallen ihre knöchellangen Haare. „Du darfst sie berühren“, sagt sie. Ihre Stimme zittert vor Stolz auf das gebrachte hohe Opfer.

 

Armer Kurt! Mehr Lohn kannst Du für Deine Künste nicht erwarten.  Nicht jetzt, nicht heute. Es wird nicht schneller Sommer, wenn man am wachsenden Gras zupft. Wir wünschen Dir noch sehr viel Geduld.

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Inhalt/Idee

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Erotik/BDSM

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Rechtschreibung/Form

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Kommentar(e)

mehr gibts da nicht zu kommentieren ;-)

... sind überwältigend gut und bilden den perfekten Schlusspunkt für eine wunderbare, kurze Erzählung. Wie Raale schon zutreffend anmerkte ...

Ich kann meinen Vorrednern beipflichten. Du beweist Können, Einfühlungsvermögen und einen Spritzer Humor.
LG

Liebe TaugeniX,

der Zufallsgenerator hat mich zu deiner Geschichte geführt und wehmütige Sehnsucht in mir wachgerufen nach einer Zeit, in der du hier noch geschrieben hast. Deine Geschichten waren immer so wunderbar, so schlicht und tief und sehnsüchtig, seltene Juwele auf der Spielwiese des erotischen Einerlei, die mich jedes für sich bis weit unter die Haut berührt haben. Ich bin traurig, dass du nicht mehr hier bist.

Sei von Herzen gegrüßt!

Campanula