Von Fehlern und Fassaden 15

"Klappentext"

Hendrik kommt heim. Er will sein Leben prae Alex zurück. Well, fuck.

 

Daheim. Endlich wieder daheim.

Mentale Erschöpfung weicht einer tiefen Erleichterung, sobald ich den Motor abstelle. Erstmal tue ich gar nichts. Ich steige nicht aus. Hole nicht die Taschen aus dem Kofferraum. Gehe nicht ins Haus. Ich sitze einfach nur da und betrachte durch die Frontscheibe meine Haustür.

Lächelnd nehme ich die kleinen Töpfe mit Narzissen zur Kenntnis, die auf der Treppe stehen – das einzige dekorative Zugeständnis, das Laura dem Frühling macht, weil sie die Blumen liebt. Sie werden bestimmt noch mal erfrieren, denn es ist viel zu früh für sie , aber das ist egal. Ihr leuchtendes Gelb begrüßt mich wie eine Umarmung. Sie verschaffen mir das Gefühl, dass mich gleich jemand warm empfangen wird, wenn ich nach langen drei Monaten mein Zuhause betrete.

Da Lauras Auto nicht auf dem Hof steht, weiß ich natürlich, dass ich in Wahrheit ein leeres Heim betreten werde, aber das ist okay. So kann ich erst mal in Ruhe ankommen, meinen Kram verräumen. Vielleicht werfe ich auch als aller erstes einen Blick in den Kühlschrank und schiebe mir was zwischen die Zähne. Ich hatte auf der Strecke keinen Bock, irgendwo anzuhalten, deswegen knurrt mir der Magen ganz schön. Ja, das klingt doch nach einem Plan. Also auf geht’s. Raus aus dem Auto, die Treppe hoch, Schlüssel ins Schloss und einen tiefen Atemzug des vertrauten Dufts nach daheim genommen.

Schon im Flur entkommt mir das erste Stirnrunzeln. Die Schuhe kenne ich nicht. Sie gehören nicht mir.

Ich taste mich ins Wohnzimmer vor, wo ich von Musik empfangen werde, die in diesem Haus sonst nicht läuft. Was Elektronisches, und nicht die Sorte, die schön drückt wie Metal, sondern irgendeine Dance-Kacke. Verstört blicke ich mich um.

Halb links von mir tanzt ein schlacksiges Etwas in Boxershorts aus der Küche. Benjamin. Bei meinem Anblick springt er zwei Meter in die Luft. Der komischen Szene fehlt nur noch das kratzende Geräusch einer Nadel auf Vinyl. Stattdessen öffnet und schließt sich sein Mund wie der eines Fischs. Ich hebe die Hand als Hallo, was ihn zurück in die Küche verscheucht. Keine Sekunde später wird es erschreckend still, was mich beinahe zusammenzucken lässt. Nur das Tappsen nackter Füße ist zu vernehmen.

Ich glaube, ich bin im falschen Film. Denn er taucht wieder auf. Quasi nackt wie zuvor. Das ist auch kein Thema, nur womit ich nicht klarkomme ist, dass er vor mir auf die Knie fällt und den Kopf senkt. Und er sagt nichts.

Wenn ich einen Arm ausstrecken würde, könnte ich ihm die Hand auf den Kopf legen, so nah kauert er vor mir. Und er sagt nichts.

Etwas überfordert mit der Situation, entsinne ich mich meiner Ausbildung: Wo stehe ich, wo mein Gegenüber? Nun, ich stehe hier, die Kampftragetasche in einer Hand, den Schlüsselbund in der anderen, und blicke auf einen dürren Jungen hinunter, der … Ja, der was von mir erwartet? Ich habe keine Ahnung, in welche Richtung sich Lauras Beziehung mit ihm mittlerweile entwickelt hat. Aber offenbar erwartet er … Anweisungen?

Ich nehme mir einige Sekunden mehr, ihn zu begutachten. Die Position ist wohl eine Sklavenhaltung, nehme ich an. Ich habe damit keinerlei Erfahrung, aber sein gesenkter Kopf und die flach auf den Schenkeln ausgebreiteten Hände sprechen ihre eigene Sprache. Das ist auch alles schön und gut, nur hat Laura ihm nicht gesagt, dass ich heute heimkomme?

Ich erinnere mich daran, wie er damals, als wir uns zum ersten Mal in der Küche begegnet sind, sofort meine Schulterklappen registriert hat. „Benjamin, wie lautet dein Auftrag?“,frage ich ihn ruhig, aber bestimmt.

Sofort entspannt er sich, wenn auch nur minimal. „Da die Hausherrin nicht zugegen sein kann, weil sie kurzfristig ins Büro musste, darf ich Ihre Wünsche entgegennehmen und Ihnen das Heimkommen so angenehm wie möglich gestalten, Herr Oberleutnant. Was immer Sie wünschen ist mein Befehl.“

Obwohl ich bei der offensichtlich aufgesagten Begrüßung grinsen möchte, knirsche ich mit den Zähnen. „Immer noch Leutnant, Benjamin.“

„Jawohl, Herr Leutnant“, antwortet er kleinlaut und kauert sich noch tiefer zusammen.

Warum mich der Dienstgrad anficht, kann ich nicht mal sagen. Obwohl, ja, gut, natürlich kann ich das, aber gerade will ich mich nicht damit beschäftigen, dass ich schon seit über zwei Jahren Oberleutnant sein sollte. Stattdessen konzentriere ich mich auf den Jungen – Mann? – vor mir, der für die falsche Ansprache nun wirklich nichts kann. Ahnungslos, wie ich mit ihm umgehen soll, folge ich der erstbesten Eingebung.

„Wie würdest du dich gerade wohler fühlen, Benjamin? Wenn du ...“ Ich blicke mich um. Den umherstehenden Utensilien und dem Zustand der Küche nach zu urteilen, war er offenbar gerade dabei, zu putzen. „... mit deiner Arbeit fortfährst oder La...“ Ich schlucke den Namen. „... den Wünschen der Herrin“ - um Gottes willen, in welchen Film bin ich hier geraten ?- „mir bezüglich folgst. Es ist deine Entscheidung.“

Unter gesenkten Lidern lässt er die Augen einmal von meinen schwarzen Schuhen über den Dienstanzug bis zu meiner Brust wandern. Nicht weiter.

Ich habe mir keine Zeit genommen, mich umzuziehen, bevor ich nach der Verabschiedungszeremonie direkt ins Auto gesprungen bin. Zu dem Zeitpunkt habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, doch nun habe ich den Eindruck, dass es für ihn definitiv einen Unterschied macht.

Benjamin versucht den leisen Seufzer unterdrücken, doch ich nehme ihn wahr, als er antwortet: „Ich möchte Ihnen zu Diensten sein, Herr Leutnant.“

Nach wie vor etwas überfordert mit dem Menschen vor mir, halte ich ihm meine Kampftragetasche hin. „Bring die hier in den Keller.“ Er nickt beflissen und erhebt sich auf ein Bein, als er mir mit nach wie vor gesenktem Kopf das Gepäck abnimmt. Ohne Augenkontakt eilt er davon.

Belustigt den Kopf schüttelnd gehe ich in die Küche. Der Kühlschrank ist ungewöhnlich gut gefüllt. Ich mache mir ein Belegtes und greife nach einem Apfel aus der Obstschüssel, als Benjamin wieder auftaucht. Hinter mir, im Durchgang zum Wohnzimmer, kniet er ab.

„Benjamin, du musst nicht ...“ Ich überlege es mir anders und wende mich zu ihm um. „Hast du eine Frage?“

„Ja, Herr Leutnant.“

Ich warte. Es kommt nichts. „Dann stell sie.“

„Darf ich ihre Kleidung waschen, Herr Leutnant?“

Puh. Die Frage allein. Was passiert gerade? Bin ich in ein Paralleluniversum gefallen? Ich verstehe irgendwo, dass das hier ein kleiner Einblick in die Dynamik zwischen ihm und Laura sein muss, aber so ins kalte Wasser geworfen zu werden, beschert mir ein seltsames, erst mal unangenehmes Gefühl. Ich habe nie eingewilligt, Teil ihrer beider Leben zu werden. Doch das wird anscheinend von mir erwartet. Soll ich mitspielen?

Ihm ist offenbar wohler, wenn ich es tue. Also nicke ich. Er huscht so schnell in Richtung Keller, dass er mein „Danke, Benjamin!“ eigentlich nicht hören kann, doch beinahe sofort ist er zurück und kniet ab. „Es ist mir ein Vergnügen, Herr.“ Ebenso schnell ist er wieder verschwunden.

Fuck, schräger wird es nicht.

Meine Beintasche vibriert.

Gut heimgekommen?

­Eine aufrichtige Antwort, die eine Chance hätte, der schrägen Realität gerecht zu werden, würde zu lange dauern, weswegen ich Mark nur einen Daumen hoch zurückschicke.

Fehler.

---

Mittelaltermusik. Fackeln. Met.

Wie bin ich hierher gekommen? Inmitten relativ gewöhnlicher Gestalten, bestehend aus ganz normalen Menschen in Alltagskleidung, gleichzeitig umringt von Laienschauspielern in historischen Kostümen, komme ich mir in meiner Staffage so fehl am Platz vor. Aber was hätte ich tun sollen? Marks Befehl, in einer Stunde angemessen aufgerödelt für ein Mittelalterspektakel an der Straße zu stehen, wo er und Katha uns abholen wollten, hat mich gepaart mit der Konfrontation in Form von Benjamin so kalt erwischt, dass ich einfach nur gehorcht habe. So bin ich nun hier. In einem – zugegeben wirklich schönen – Park unter gerade ausschlagenden Bäumen, umgeben von den begeisterungsfähigen Bewohnern dieser Kleinstadt, die erstaunlich viele Menschen in historischen Kostümen auf die Beine gebracht haben. Die jungen und nicht mehr ganz jungen Männer in Rot und Weiß nennen sich Stadtknechte, habe ich gelernt. Sie waren zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs wohl so etwas wie die Verteidigungstruppe des Orts. Außerdem gibt es Frauen allen Alters in einer Art Dirndl, Blumenkränze sind in ihre Haare geflochten, und eine kleine Gruppe tanzt gerade etwas, das sich Schnittertanz schimpft. Alles wirkt irgendwie improvisiert, als würden sie das normalerweise unter anderen Umständen aufführen, aber es ist … heimelig. Das Ritual bringt diese Menschen zusammen. Es gefällt mir.

Wäre ich nur nicht völlig falsch gekleidet. Marks Anweisung lautete „irgendwas Mittelalterliches“. Deswegen sitze ich hier in Kettenhemd und mit Brustplatte und bin völlig overdressed. Immer wieder kommen Menschen an unseren Tisch und fragen, ob ich ein gewisser „Michel Stapf“ bin. Ich muss entschuldigend lächeln und den Kopf schütteln. Wie sehr wünsche ich mir, dass Laura nicht zu müde gewesen wäre, um mit mir herzukommen? So wehre ich ohne ihren eloquent schützenden Schild die begeisterten Bürger der Kleinstadt ab und ziehe den Kopf ein, um verstohlen an meinem Met zu nippen. „Ich hasse dich.“

Mark lacht . „Ach komm, ist doch irgendwie nett.“

Katha will etwas sagen, wird aber von ihrem Freund angestupst und verdreht nur die Augen.

Wir trinken und plaudern. Ich erzähle von meinem Lehrgang, Mark von den letzten Wochen und Monaten an der Kompanie. Wohlweislich spart er einen bestimmten Punkt aus.

Sie wurde letztendlich doch in einen anderen Zug versetzt, so viel habe ich mitbekommen, während ich weg war. Von dem Drumherum wollte ich nichts wissen, und er hat meinen Wunsch respektiert. Denn Alexandra Schwarz existiert für mich nicht mehr. Ihr kaltes „Danke für alles“ am Neujahrsmorgen war für mich der Schlusspunkt. Außerdem hatte ich ohnehin nicht erwartet, nochmal für längere Zeit auf den Lagerberg zurückzukehren. Nun, da lag ich wohl falsch. Das ändert aber nichts. Sie hat kein Interesse. Gespräch beendet.

Ich klinke mich aus, um die Dixi-Toiletten aufzusuchen. Nachdem ich mich aus dem Gemenge gewühlt habe, das sich auf dem kleinen Platz zwischen Stadtmauer, Bach und Spielplatz gebildet hat, finde ich zwar keine Klos, aber zumindest ein abgelegenes Eck Gebüsch, in dem ich mich erleichtern kann. Fuuu, die paar Becher Met haben ziemlich reingehauen, muss ich feststellen, als es mir schwerfällt, geradeauszupinkeln. Naja, Mark ist auch schon gut betankt, von daher wird Katha uns bestimmt bald einpacken und heimbringen. Ich lächle bei der Aussicht auf ein weiches, warmes Bett, das nicht aus der Reihe Wohnen 2000 stammt.

Meine Vorfreude wird jäh unterbrochen. Eine erhobene – aggressive - Stimme von rechts. „Schlampe!“, gefolgt von raschelnden Ästen.

Schnell verstaue ich die essentiellen Güter, dann halte ich ganz still.

Scheiße, ich bin betrunken genug, um nicht sicher sagen zu können, ob das da im Dickicht Kampfgeräusche sind oder ein fickendes Pärchen. Wenig geschmeidig bewege ich mich auf die Quelle zu.

„... Fotze, wer war das, hä?“

Nicht freundlich. Definitiv nicht. Im Schatten der Bäume versuche ich auszumachen, wo die beiden sind. Halb blind folge ich einem Keuchen. Ich höre einen Körper, der sich in nassem Gras windet. Jemand winselt. Eine Frau. Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf.

Ich steuere auf den Laut zu, zwischen zwei Büschen hindurch, und falle. Fuck! Es geht ziemlich weit runter, aber ich fange mich und komme auf alle Viere. Im Halbdunkel mache ich zwei Personen aus, eine liegt auf dem Rücken, die andere baut sich darüber auf. Glas blitzt in dem wenigen Licht vom Festplatz und ich erkenne eine erhobene Bierflasche.

Er wird damit zuschlagen.

Ich will schon einen Satz machen, da knäult sich die Gestalt im Gras zusammen – und holt dadurch aus. Der schemenhafte Anblick des Fußes und das weiche Geräusch, mit dem er einrastet, lässt mich beinahe zusammensacken. Fuck.

Der Angreifer fällt schlaff zur Seite. Ich würde sofort glauben, dass er einfach ohnmächtig geworden ist, denn ich könnte allein vom Zusehen selbst kollabieren.

Sie nutzt den Moment, um sich wegzurollen. Zumindest versucht sie es. Doch es funktioniert nicht. Ein schmerzerfüllter Laut entkommen ihr, als sie sich nur auf die Seite drehen will.

Meine Augen haben sich weit genug an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich sehen kann, wie sie die Finger in den feuchten Boden gräbt, um sich vorwärts zu ziehen, auf den kleinen Hang zu, den ich hinabgetaumelt bin.

„Hey, ich bin hier, ich helfe dir!“

Meine ausgestreckte Hand wird ignoriert. Ich glaube, sie nimmt mich gar nicht wahr in diesem Moment, ist nur auf Überleben programmiert, und ich verstehe sie so gut. Eben deswegen packe ich sie an den Schultern und richte sie auf. „Ich hab dich.“

Die weit aufgerissenen Augen, die mich anstarren, kenne ich.

Ich kenne sie.

Zu gut.

Alex.

 

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Rechtschreibung/Form

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Kommentar(e)

Liebe Loreley,

es freut mich, dass Du endlich die Zeit gefunden hast, wieder zu schreiben. Sehnsüchtig habe ich gewartet und die Fortsetzung gierig verschlungen! Für meinen Geschmack ist die Folge zu kurz, daher hoffe ich inständig auf baldige Erlösung in Form weiterer Teile! 😘

viele Grüße, BC

Ein Text, der zwar keine große Show bietet, aber wunderbar zu lesen ist. Sprache, Geschichte und Figuren sind angenehm und authentisch. Der Schreibstil strahlt Ruhe aus und erlaubt doch eine gewisse Spannung in der Geschichte. Die verkürtzten Sätze sind wunderbar plaziert und wirken erfrischend als Stilmittel.

Warten zahlt sich hier definitiv aus.

 

Loreley hat wieder geschrieben! :-) :-) :-)

Wie oft rufe ich diese Seite auf, nur um sie bald schon enttäuscht wieder zu schließen. Und dann, irgendwann, wird die unermüdliche Hoffnung belohnt, und ein neuer Teil deiner Geschichte taucht auf. Einziger Wermutstropfen ist die Kürze deines Texthappens, doch das mag auch mein eigenes Verschulden sein, weil ich ihn so hastig verschlungen habe. Mit großer Begeisterung und Anteilnahme verfolge ich die Geschichte von Alex und Hendrik, und während ich den beiden einerseits ein Ende all ihrer Missverständnisse wünsche, hoffe ich doch, dass sie noch oft und lange aneinander vorbeireden werden, damit uns dieses Lesevergnügen noch lange erhalten bleibt.

Vielen Dank, dass du hier weiterhin so unermüdlich veröffentlichst!

Liebe Grüße

Campanula