Chile Kapitel 22

"Klappentext"

Eine Galeerengeschichte

 

Kapitel 22

Tatsächlich war es Fee, die sich umdrehte und Carmen verblüfft ansah. Carmen konnte sich nicht länger auf den Beinen halten und die Beiden sanken gemeinsam zu Boden.

„Hallo, ich bin Sophia“, stellte diese sich vor. „Wie ich sehe, kennt ihr Beiden euch anscheinend schon länger. Hier ist es etwas ungemütlich, lasst uns doch in meine Ecke gehen, dann könnt ihr in Ruhe euer Wiedersehen genießen.“

Fee stand auf und gemeinsam mit Sophia half sie Carmen, wieder auf zu stehen. Langsam gingen die Drei zu der Stelle am Zaun, wo Sophia sich meist während der Freistunden aufhielt.

„Wo sind wir hier gelandet“, erkundigte Fee sich, nachdem sie sich auf den staubigen Boden gesetzt hatten. „Weißt du da mehr? Du bist doch anscheinend schon eine Weile hier.“

„Das kann dir Sophia besser erklären“,  antwortete Carmen, die sich ihre schmerzenden Füße hielt. Als Fee die Füße sah, erschrak sie. Dann griff sie nach Carmens rechten Fuß, zog diesen an sich heran und begann, ihn sehr vorsichtig zu massieren. „Dann erzähl mal, Sophia.“

„Eigentlich sollte ich auf der anderen Seite des Zaunes stehen und ihr beiden und die anderen Gefangenen solltet meine Spielzeuge sein“, begann Sophia. Dann erzählte sich alles, was sie über die hier herrschende Familie und deren Pläne wusste. Fee sah sie ungläubig an. Aber ein Blick auf ihre Freundin verriet ihr, dass anscheinend alles so war, wie diese Sophia es erzählte. Dass Sophia eine in Ungnade gefallene Aufseherin war, überraschte sie dabei am Meisten. „Tja, und jetzt sitzen wir drei hier und suchen nach einem Ausweg aus dieser Situation“, beendete Sophia nach einiger Zeit ihre Ausführungen.

Fee saß wie betäubt auf dem Boden. Längst massierte sie Carmens Fuße nur noch mechanisch. Sie hatte gewusst, dass die Zustände in den Gefängnissen des Landes furchtbar waren, aber nach dem, was sie da erfahren hatte, wäre sie mit fliegenden Fahnen auf das nächste Gefängnis zugelaufen.

„Hast du was von Margerita gehört“, fragte Carmen. „Senora Geraldine hat mich am Tag, nachdem du verlegt worden bist, von ihr weggeholt und sie hat dafür gesorgt, dass ich hier gelandet bin. Sie hat gesagt, dass Margerita schon so gut wie Tot sei, weil nicht nur eine sondern sogar beide Schwestern von Estella ins Gefängnis gekommen sind und sich an Margerita rächen wollten. Ich war erst noch ein paar Tage in einer Art Sammelstation und bin dann hier gelandet.“

Jetzt musste Fee zum ersten Male grinsen. „Um Margerita brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Eine andere Gefangene aus dem Gefängnis ist in meins gekommen und hat mir alles erzählt.“

„Wer ist Margerita“, wollte Sophia wissen.

„Margerita ist die Anführerin unserer Bande im Gefängnis gewesen. Unsere Carmen hier war vor ein paar Jahren schon mal bei uns und als sie wieder ins Gefängnis kam, habe ich sie getroffen und zu Margerita gebracht. Sie hat dann gleich mal gezeigt, was sie kann. Ohne mit der Wimper zu zucken hat sie Estella unter der Dusche abgemurkst. Echt klasse Arbeit.“

„Und? Wie geht es Margerita denn nun? Erzähl.“

„Also, tatsächlich waren beide Schwestern von Estella in unser Gefängnis gekommen. Du kennst doch die dicke Holztür, die zum Zellentrakt führte. Also Margerita hat sich hinter der Türe versteckt und als die beiden blöden Kühe rauskamen, hat Margerita der ersten gleich die Kehle durchgeschnitten, ehe die überhaupt wusste, was los war. Dann hat sie sich die andere geschnappt und versucht, sich den Weg aus dem Gefängnis zu bahnen. Hat aber nicht geklappt. Irgendeine von diesen dusseligen Aufseherinnen hat auf die Beiden geschossen und die zweite Schwester getroffen. Die Kugel ging durch die hindurch und hat Margerita am Arm verletzt. Mit Abhauen war da dann natürlich nichts mehr drin, aber das Thema Estella und deren Schwestern ist erledigt. Margerita hat noch ein paar Jahre zusätzlich bekommen, aber das lässt sie kalt.“

„Ich habe nie kapiert, worum es bei diesem Streit zwischen Estella und Margerita überhaupt gegangen war“, meinte Carmen.

„Estella und Margerita waren ganz früher mal die besten Freundinnen, sind nur ein paar Häuser voneinander aufgewachsen. Estella hat angefangen, erst Rauschgift zu verkaufen und dann auch selber herzustellen. Aber das war so schlecht, dass einige Leute daran gestorben sind, unter anderem Margeritas Bruder Eusebio. Deshalb hat Margerita der Polizei einen Tipp gegeben. Bei einer Razzia wurde Estella geschnappt, aber die beiden Schwestern sind davongekommen. Margerita hatte sich, wie du vielleicht weißt, auf Einbrüche spezialisiert. Eines Tages hat sie bei einem Bruch eine Leiche gefunden. Wohl den Wohnungseigentümer. Sie hat die Uhr und einen Ring von dem Mann genommen und ist abgehauen. Ein paar Tage wurde sie bei einem Bruch gefasst und kam ins Gefängnis. Die Uhr und den Ring hatte sie aber schon verkauft. Irgendwie hat Estella davon erfahren und wollte Margerita den Mord anhängen, obwohl die damit nichts zu tun hatte. Aber dann hast du ja dafür gesorgt, dass das nicht geklappt hatte.“

Und wie kamen die Schwestern ins Gefängnis?

Jetzt lachte Fee. „Die blöden Kühe dachten, sie könnten auch ohne Estella Stoff verkaufen. Haben wohl selber was davon genommen und sind vollgedröhnt mit dem Wagen durch die Stadt gefahren. Sie haben einen Fußgänger überfahren und sind an einem Laternenmast direkt vor einer Polizeiwache hängengeblieben. Die Bullen müssen ziemlich blöd geschaut haben, als sie im Wagen nachgesehen haben. Vorne die zugekifften Schwestern und im Kofferraum über 20 Kilo Stoff.“

Jetzt mussten auch Carmen und Sophia lachen.

“Aber was anderes“, fragte Fee. „Habt ihr schon einen Plan?“

„Bis jetzt noch nicht“, meinte Sophia. „Wir brauchen noch mehr Leute. Und im Moment geht es sowieso nicht, da ist das Zahlenverhältnis zu ungünstig. Aber es kommen bestimmt bald mehr Gefangene. Bis jetzt reichen die, die da sind kaum aus, die Hälfte der Galeere zu besetzen.“

___

Eva hatte ihre Schwester Serafina, Gwen und Petra sowie die drei Trainerinnen zu einem Gespräch gebeten. Sie versammelten sich in Evas Büro.

„Ich möchte Eure Meinung hören, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Bitte denkt gut nach und beschönigt nichts. Besser, wir sind übervorsichtig als irgendwas zu riskieren.“

Zunächst sahen sich die anderen Teilnehmer an der Gesprächsrunde einander an. Schließlich ergriff Petra das Wort. „Ich bin der Meinung, dass die Ausbildung der Wärterinnen schon sehr weit fortgeschritten ist. Sie sind zwar noch nicht perfekt, aber ich glaube, in ein oder zwei Wochen sind sie da, wo wir sie haben wollen.“

„Da kann ich ruhigen Gewissens zustimmen“, erklärte Sonja. „Schon jetzt glaube ich, dass keine Sklavin in einem Zweikampf eine Chance gegen eine Wärterin hat, egal wie hart und unfair auch gekämpft wird. Und die meisten werden sehr bald in der Lage sein, es gegen zwei oder drei Sklavinnen aufzunehmen. Und der engere Führungskreis, wenn ich diese Runde mal so nennen darf, einschließlich Maria, ist noch deutlich mehr überlegen. Die zusätzlichen Trainingseinheiten haben sich bezahlt gemacht.“

„Bei den Prozeduren auf dem Schiff gibt es noch eine Menge zu verbessern“, äußerte sich nun MC. „Aber das wird nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Wir müssen bedenken, dass wir bisher erst einen Teil der notwendigen Sklavinnen hier haben und daher das volle Ausmaß der notwendigen Prozeduren noch gar nicht erkennen können. Da werden sich sicher erst mit der Zeit die Probleme und die Lösungen zeigen. Aber ich bin da zuversichtlich, dass wir trotzdem weitermachen können und dass wir in keine wirklich gefährliche Situation kommen werden.“

Gwen und Charlotte nickten bestätigend.

„Habt ihr unter den Sklavinnen irgendwelche Problemfälle gesehen?“ wollte Eva wissen.

„Da ist natürlich Sophia“, meinte Petra. Zustimmendes Nicken. „Wir sollten sie uns noch mal gesondert vornehmen. Vielleicht ein paar Tage im Keller?“

„Was hat sie angestellt“, wollte Serafina wissen.

„Nichts“, grinste Petra. „Und das soll sie auch wissen. Es soll reine Willkür sein. Weil es uns Spaß macht.“

„Ich verstehe, sagte Serafina. „Warum nicht?“

„Und ansonsten?“ fragte Eva.

MC grinste: Niemand. Selbst Bernadette ist inzwischen so weit eingeschüchtert, dass sie nicht mal ‚Piep‘ sagt.“

„Stimmt ihr mir dann zu, dass ich die restlichen Sklavinnen kommen lasse?“

„Absolut. Wie lange wird das dauern?“ wollte Petra wissen.

„Ich denke, binnen zwei Wochen sollten sie da sein. Dann können wir die erste Fahrt für in drei Wochen planen,“ erklärte Eva.

„Halt, stop“, warf Petra ein. „Mal nicht so schnell mit den jungen Pferden. Wenn die Sklavinnen alle da sind, müssen wir sie erst ein wenig trainieren. Geh da bitte mal von 10 Tagen Minimum aus. Und dann brauchen wir für die Galeere etwas Zeit.“

„Wozu“, wollte Eva wissen.

„Also, zuerst müssen wir ein paar Probefahrten machen. Bis jetzt ist die Galeere ein ungetestetes Schiff mit einer neuen Mannschaft.“

„Woran denkst du“, fragte Serafina.

„Ich würde gerne erst mal ein paar Tagestouren machen mit den Sklavinnen. Morgens raus und abends wieder zurück. Und dann zwei, eventuell drei einwöchige Touren. Dazwischen aber immer ein paar Tage Pause.“

„Ich verstehe, was du meinst“, meinte Eva. „Ja, ich glaube, da kommen wir nicht drum herum. Aber wir liegen auch so weit vor dem ursprünglichen Zeitplan, dass das kein Problem darstellt.“

„Wird das nicht sehr aufwendig, wenn wir für die Tagestouren die Sklavinnen jeden Morgen aufs Schiff bringen und abends wieder runter“, fragte Gwen.

„Nein“, erwiderte Petra. „Auch bei den Tagestouren bleiben die Sklavinnen nachts auf dem Schiff angekettet. Wir ziehen da von Anfang an den ganz normalen Turn durch. Vielleicht etwas kürzere Ruderzeiten und mehr Wechsel, aber das ist es auch. Es soll ja keine Kreuzfahrt durch die Karibik werden. Nur zwischen den einwöchigen Touren und vorher und danach kommen die Sklavinnen wieder an Land. Dann haben wir auch Zeit, dringend notwendige Ergänzungen vorzunehmen.“

„Also einverstanden“, sagte Eva. „Serafina, meinst du, Maria und Mutti sind auch einverstanden?“

„Bestimmt. Besonders Mutti freut sich schon auf die erste Tour.“

Dann werde ich alles veranlassen. Heute Abend bekommen auch diejenigen Aufseherinnen, die noch Sklavinnen nachholen wollen, grünes Licht.“

„Ich werde gleich mal eine Email an meine Lieblinge schreiben“, lachte Gwen.

„Tue das. Ich freue mich schon darauf, sie kennenzulernen“, meinte Petra.

Gwen und Petra gingen zusammen in Gwens Apartment. Dort setzte Gwen sich sofort an den Computer. Sie loggte sich über mehrere Server hinweg in ein anonymes Email Account ein. Petra sah ihr dabei zu.

Gwen schrieb: ‚Hallo Jane, hallo Abigail!

Ich habe Euch versprochen, dass ihr wenn möglich zu mir kommen dürft, um Euren Neigungen nachzukommen. Jetzt ist es soweit. Aber ich muss euch warnen: Euch erwartet eine unglaublich harte Zeit, weit härter als ihr es bislang bei mir gehabt habt. Und es ist keine Sache von 4 oder 6 Wochen, sondern von vielen Monaten. Wenn ich ehrlich bin, rate ich Euch ab, zu kommen, aber wenn Ihr Euch entscheidet, doch zu kommen, würde mich das freuen. Bitte schickt mir schnellstens eure Antwort, damit ich alles arrangieren kann.

Hoffentlich bis bald

GF‘

Gwen las den Text noch einmal durch, dann versandte sie die Email.

„Ziemlich ehrlich“, bemerkte Petra.

„Kann sein. Und ich bin mir sicher, dass sie kommen werden. Aber so brauche ich mir keine Vorwürfe zu machen.

 

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