One-Way Ticket nach Stockholm 1&2

 
 
     Es war dunkel und kalt. Ihr Kopf hämmerte als würde ein Vorschlaghammer daraus hervorbrechen wollen. Etwas drückte unangenehm auf ihre Augen, aber als sie versuchte, nach dem fremden Objekt zu greifen, traf unerwarteter Druck auf ihre Handgelenke und sie bewegten sich kein Stück. Sie konnte deutlich spüren, wie sich die Panik an die Oberfläche drängen wollte, aber der Nebel in ihrem Kopf war noch zu dicht. Nur am Rande nahm sie wahr, dass die Kälte jeden Zentimeter ihres Körpers einnehmen konnte. Der Versuch zu sprechen scheiterte gründlich, ihre Lippen waren so spröde, dass sie beinahe aneinander klebten. Verzweifelt versuchte sie sich in Erinnerung zu rufen was passiert war, doch es war viel zu nebelig und verhangen in ihrem Kopf. Sie sah zwar Dinge, Orte, hörte Worte, aber sie konnte keine zeitliche Verbindung herstellen. Es war, als würde Zeit gar nicht existieren. Eine Frage drängte sich den Weg durch den dichten Nebel und sie hörte sie klar und deutlich in ihrem Kopf umher schwingen: Erinnerst du dich nicht? Die Stimme gehörte eindeutig zu einem Mann, aber es wollte ihr einfach kein Name einfallen. Genau genommen, konnte sie sich an gar keine Namen mehr erinnern. Sie wusste, dass sie einen Bruder hatte, aber wie er hieß, hatte sie vergessen; das glaubte sie zumindest. Erinnerst du dich nicht? – das war das letzte, an das sie sich erinnerte, bevor alles schwarz wurde und da nur dieser unerträgliche Kopfschmerz war. Aber an was sollte sie sich erinnern! Sie versuchte so gut es ging, die undurchdringliche Schwärze zu durchbrechen.
     Endlich wurde ihr Name aufgerufen. Sie saßen nun bestimmt schon zwei Stunden in der prallen Sonne, ihre Sitznachbarn und ehemaligen Kommilitonen rutschten unruhig hin und her, die schwarzen Roben machten unangenehme Geräusche auf den Plastikstühlen. Es waren knapp 37° und fast alle hatten ihre Kappen bereits abgenommen und badeten nun im Schweiß. Es war kaum zum Aushalten. Olivia fuhr sich mit der roten Schärpe über die Stirn und blies sich selbst einigermaßen kühle Luft ins Gesicht. Ihr erster Gedanke als der Direktor ihren Namen ausrief war, dass sie mit Sicherheit einen riesigen, feuchten Fleck auf dem Stuhl hinterlassen würde, was dann super peinlich wäre. Was wenn ihr Sitznachbar, Gregory Suaves, der sie immer wegen ihrer Fettpölsterchen gehänselt hatte, anfangen würde zu lachen. Sie wusste wie so etwas lief, wenn einer erst lachte, waren es alle. Es war ja nicht so, dass sie dick war – sie hatte nur halt hier und da ein paar Frustgummibärchen zu viel am Körper, aber wenn man jemanden nicht leiden konnte, würde man wohl so oder so einen Grund finden um die Person zu hänseln. Daran hatte sie sich gewöhnt und sie wusste, dass solche Leute normalerweise nur versuchten, etwas zu kompensieren – eine ureigene Autoritätsfigur zum Beispiel, die ihnen das Leben genauso schwer machte, wie sie es anderen machten. Aber sie schweifte ab, das eigentlich wichtige war, dass sie jetzt aufstand und so unauffällig wie möglich über den zurückbleibenden Sitz wischte. Sie stützte sich an der Rückenlehne ab und glitt dann mit ihrem Ärmel über den grauen Sitz, bevor sie sich aufrichtete und sich an den übrig bleibenden Studenten vorbeischob. Unruhig zupfte sie an ihrer Schärpe herum. Sie fühlte deutlich, dass alle sie anstarrten, was wiederum dafür sorgte, dass ihr das Blut in die Wangen schoss. Ein Händchen für gesellschaftliche Anlässe hatte ihr leider schon immer gefehlt – vielleicht war das ja der Grund, warum sie sich mehr für die Psyche entschieden hatte. Während sie die schmalen Stufen zu der provisorisch im Stadium errichteten Bühne empor kletterte, stellte der Direktor sie als jüngste Absolventin des Jahrgangs vor. Im Gegensatz zu den meisten anderen war sie erst 21, was sie ihrer alten High School zu verdanken hatte. Ihre ersten beiden Jahre hatte sie sich die Stundenpläne für die letzten beiden Jahre so freigeschaufelt, dass ihre Zeit während ihres Junior- und Seniorjahres hauptsächlich mit Collegeklassen gefüllt war. Sie hatte es geschafft, die ersten vier Semester ihres Psychologieabschlusses bereits in der Schule zu absolvieren und stieg dann gleich in das fünfte Semester ein. Im Prinzip war sie immer ganz gut mit allen klar gekommen, sie machte niemandem Ärger und ließ alle in Ruhe – das war die beste Weise, in einer Wettbewerbsarena wie der Stanford University zu überleben. Die Tage wenn die Reportkarten ausgeteilt wurden, erinnerten sie immer an die Hungerspiele, denn man brauchte im Prinzip nur darauf zu warten, aufgespießt zu werden. Naja, wie dem auch sei, jetzt stand sie dem Direktor gegenüber, der sie anstrahlte und irgendetwas freundliches vor sich hin murmelte, was allerdings völlig in dem Rauschen in ihren Ohren unterging. Sie nahm das Diplom entgegen und wagte es, ihren Blick für eine Sekunde von dem Boden zu nehmen und die Zuschauer anzusehen. In den vorderen zwei Blocks sah sie nur Schwarz und Rot, dahinter saßen die Eltern. In der ersten Reihe saßen Mitglieder der Fakultät und am rechten Rand der Bühne war ein spezieller Block für ehemalige Ehrenmitglieder und Scouts, die jeder Zeit bei solchen Veranstaltungen willkommen waren. Diesen schien es nicht anders zu gehen, als den Studenten. Allerdings gab es in dieser Sektion alles – von jung bis alt, dick bis dünn. Alle schauten gelangweilt in dem riesigen Stadion umher, fächelten sich Luft mit ihrem Programmheft zu, oder starrten ungeduldig auf ihre nervös scharrenden Füße. Ein Mann stach ihr ganz besonders ins Auge. Er schaute nicht in der Luft umher, las nicht die Beschriftungen der Anzeigetafel zum tausendsten Mal und döste auch nicht vor sich hin. Er starrte sie direkt an. Ja, sie erinnerte sich gut an diese graublauen Augen, die praktisch durch die flimmernde Hitze hindurch zu stechen schienen. Als sie sich allerdings an das Rest des Gesichts erinnern versuchte, zog dichter Nebel über ihre Verstand. Nur eins wusste sie: Der Mann kam ihr bekannt vor.

Sie fand sich zitternd im Hier und Jetzt wieder. Wo auch immer sie war, es war eisig kalt. Sie glaubte zu zittern, aber sie konnte sich nicht sicher sein, denn sie spürte ihre Muskeln nicht; zumindest nicht wirklich. Etwas klatschte gegen ihre Wange, aber nachdem der erste Schmerz verschwunden war, war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Nein, da war es wieder! Diesmal war es ziemlich heftig und ein scharfes Brennen blieb auf ihrer Haut zurück.  
     "Bist du also endlich wach, meine Hübsche." Ihr Herz überschlug sich und schlug dann mit doppelter Geschwindigkeit weiter. Es war eindeutig, dass es ein Mann war der sprach. Sie wollte etwas erwidern, aber alles was aus ihrer Kehle kam war ein leises wimmern.
     „Shhhh.“, kam es von dem Unbekannten. Wieder berührte er ihre Wange, diesmal blieb seine Hand aber darauf liegen. Olivia begann sich zu winden, doch weder ihre Arme noch ihre Beine wollten sich bewegen; nur ihre Hüfte rutschte auf dem kalten Untergrund hin und her. Es schoss ihr scharf in den Kopf, dass sie nackt war. Obwohl sie nicht wusste, wo sie war, oder wer sonst noch hier war, konnte sie nicht verhindern, dass sie sich schämte. Und sie verfluchte sich selbst dafür, denn ihre Hemmungen sollten gerade wirklich keine Priorität  haben. Sie räusperte sich, verschluckte sich dabei und kam wegen ihrer trockenen Kehle furchtbar ins Husten. Ihr ganzer  Körper verkrampfte sich.
     „Was ist dein Name?“, hörte sie unter ihrem eigenen Husten und war verwirrt. Es drängte sich in ihr Unterbewusstsein, dass er diese Frage nicht stelle sollte, aber ihr wollte einfach nicht einfallen, warum. Zitternd spürte sie, wie die Hand an ihrer Wange hinunter zu ihrem Kinn fuhr und dann verschwand.
     „Dein Name, Kleines.“, ertönte  wieder seine Stimme; diesmal eindringlicher. Auch wenn sie es gewollt hätte, sie hätte noch immer nicht sprechen können. Außerdem war sie sich nicht einmal wirklich sicher, was ihr Name war; noch immer war alles wirr und unklar in ihrem Kopf. Sie hörte etwas Rascheln und spürte einen Windhauch auf ihrem Bauch – automatisch zuckte sie zusammen; sie wirkte überempfindlich, all ihre Nervenenden waren aufs äußerste gespannt. Sie schrie, zumindest in ihrem Kopf – in der Realität drang nur ein erschrockenes Krächzen aus ihrer Kehle. Eiseskälte prasselte auf sie herab. Trotz des plötzlichen Schmerzes, öffnete sie gierig den Mund. Das Wasser traf sie so hart, dass ihre spröden Lippen aufplatzen und die rosige Haut einriss, aber das war ihr egal. Das kalte Wasser schoss ihre Kehle hinab und sie konnte endlich ein kleines bisschen der Schmerzen hinunter spülen. Ihr Körper wand sich, wollte den kalten Wassermassen ausweichen, aber sie konnte nirgendwo hin. Diesmal schrie sie wirklich: „Stop! Bitte! Stop!“ Sie war sich nicht einmal sicher, ob er sie verstehen konnte, denn jedes Mal wenn sie den Mund öffnete, prasselte Wasser hinein und sie musste husten. Anscheinend hatte er aber doch Teile ihres Gurgelns verstanden, denn der Druck verschwand urplötzlich. Jetzt war sie sich mehr als sicher, dass sie zitterte – sie konnte das Klimpern ihrer Knochen förmlich hören. Was auch immer auf ihren Augen lag, sie vermutete es war eine Augenbinde, fühlte sich nun Tonnen schwerer an und ihre Augen brannten von der Kälte.
     „Du weißt, was ich wissen will.“ Seine Stimme war mindestens genauso kalt, wie das Wasser. Sie war mehr als überrascht, dass er so leise sprach; über das Klappern ihrer Zähne hinweg musste sie sich stark konzentrieren, um ihn verstehen zu können. Seine Stimme war tief, nicht so tief wie man es zwar erwarten würde, aber ein tiefer Bass schwang unter seinen Worten mit. Er wollte ihren Namen wissen. Soweit sie es sich noch zusammenreimen konnte, war das höchst ungewöhnlich für einen…Entführer. Sie erschauderte. In diesem Moment wurde es ihr erst so richtig klar, was eigentlich passierte. Adrenalin schoss ihr in die Brust und ihr Atem beschleunigte sich. Ihre Brust zog sich zusammen, als hätte jemand unzählige Eisenketten um sie gelegt. Sie wimmerte und ihr Instinkt befahl ihr, sich zusammen zu rollen, aber die Fesseln machten es ihr unmöglich. Dies machte sie wiederum ihrer Nacktheit bewusst und sie fing an, hemmungslos unter der Augenbinde zu weinen. Es kümmerte sie nicht dass er wahrscheinlich immer noch da war, wo auch immer da war, sie konnte sich nicht zurückhalten. Sie begann zu hyperventilieren und zu kämpfen; sie trat und schlug, warf ihren Kopf hin und her und schrie. Leider tat sich ganz genau gar nichts und nach einer Weile fingen ihre Gelenke an zu Schmerzen und das Pochen in ihrem Kopf wurde wieder stärker.
      „Geht es dir jetzt besser?“, wollte er eiskalt wissen und der Sarkasmus in seiner Stimme ließ sie erneut erschauern und ein neuer Heulkrampf schüttelte sie. Sie kreischte und versuchte ihn zu beißen, als er seine Hand wieder auf ihre Wange legte.
      „Warum machst du denn sowas, hm?“, seufzte er. „Das kostet uns beide Kraft die wir später brauchen werden.“ Sie wimmerte. Anspielung auf spätere Ereignisse um sich an Angst des Opfers zu winden – klare Merkmale eines… sie ließ den Satz unbeendet und konzentrierte sich auf ihren eigenen Herzschlag; versuchte ihn zu beruhigen. Er hatte ja Recht, sie musste konzentriert bleiben…irgendwie.
      „W-Was wollen Sie?“, brachte sie krächzend hervor. Er lachte leise.
     „Warum so förmlich, meine Schöne? Ich denke, das können wir uns sparen.“ Er strich über ihren entblößten Bauch und sie versuchte, ihm ihre Hüfte zu entziehen, doch genauso schnell wie die flüchtige Berührung gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Seine Stimme wurde wieder genauso kalt und emotionslos wie zuvor: „Ich will deinen Namen.“ Es wurmte sie, dass sie ihn nicht sehen konnte, denn andererseits hätte sie viel besser aus seinem Gesicht lesen können – auf der anderen Seite war sie froh, dass er ihre Augen nicht sehen konnte. Warum wollte er ihren Namen wissen? Sie verstand nicht, das passte einfach nicht…Entführer fragten nicht nach den Namen ihres Opfers, denn entweder war das Verbrechen schon Monate, manchmal Jahre vorher geplant worden, was bedeutete, dass der Entführer alles, einfach alles über sein Opfer wusste und manchmal waren es Leidenschaftsverbrechen, Taten die durch etwas spezielles spontan ausgelöst wurde und in solchen Fällen kümmerten sich die Täter nicht um die Identitäten ihrer Opfer, es ging allein um den Akt, was auch immer das sein mochte.  Sie wusste nicht, welche Variante ihr unheimlicher war, aber der erste Schritt war ganz genau, herauszufinden, um welche Art der Entführung es sich hier handelte. Es schockte sie selbst, wie neutral sie über sich selbst als  Opfer denken konnte. Wenn sie ihm einen falschen Namen nennen würde, würde sie herausfinden, ob es sich hier um ein spontanes oder geplantes Verbrechen handelte. Sie versuchte angestrengt, so schnell wie möglich zu denken. Es musste echt klingen; sie durfte nicht zu selbstsicher klingen, aber auch nicht zu unsicher. Zum Glück konnte er ihre Augen nicht sehen, was es um einiges leichter machen würde, zu lügen.
     „Jennifer.“, wimmerte sie leise. Ein guter neutraler Name, nicht zu abwegig, aber auch nicht so kurz dass es flüchtig erscheinen würde. Stille. Sie schrie, als an Stelle einer Antwort, wieder das Wasser auf sie nieder prasselte. Diesmal war es überhaupt nicht wohltuend als das Wasser ihren Hals hinabrann, im Gegenteil, es tat weh und ließ sie noch erbärmlicher frieren. Um nicht noch mehr schlucken zu müssen, blieb sie einfach still und wimmerte vor sich hin. Mittlerweile hatte sich eine beachtliche Pfütze unter ihr gebildet, sie rutschte hin und her und die Kälte biss sich in ihre Haut. Sie wollte nur noch weg! Weg von der Kälte, weg von der Nässe, weg von Ihm! Es fühlte sich an wie Stunden, bis der verdammte Wasserschwall endlich aufhörte. Sie heulte hemmungslos, all ihre Glieder waren taub. Wieder legte der Mann seine Hand auf ihre Wange und fuhr zu ihrem Kinn hinab. Sie hatte nicht einmal die Kraft, sich zu wehren. Er packte ihr Kinn und wäre ihr Kiefer nicht ohnehin schon taub, hätte ihr seine Grobheit garantiert weh getan.
      „Ich bin ein sehr geduldiger Mann, weißt du?“, hörte sie seine Stimme, doch diesmal konnte sie deutlich hören, dass er wütend war. „Was ich aber absolut nicht leiden kann ist, wenn man mich anlügt! Verstanden?“ Erwartete er jetzt eine Antwort? Nein, sie durfte nicht auf ihn eingehen. Sein Finger tippte der Länge nach auf ihrem Kieferknochen umher, im Sekundentakt. Eins…zwei…drei…vier…fünf…“Ich warte.“, meinte er schlicht. Sie zitterte wie Espenlaub. Er seufzte.
      „Na schön, du hast es ja nicht anders gewollt.“ Und dann fing es wieder von vorne an. Wieder schüttete es literweise eiskaltes Wasser auf sie hinab und die Pfütze unter ihr wurde immer größer.
     „Bitte! Hör auf!“, heulte sie und jammerte hemmungslos vor sich hin. Sie wollte nur, dass es aufhörte. Doch er hörte nicht auf, diesmal nicht. Erst als sie glaubte jeden Moment ohnmächtig zu werden und ihr das Wasser schon in den Bauchnabel lief, hörte es auf.
     „Dein Name.“ Seine Stimme war kälter als das Wasser und sie wollte nur noch aus ihrer eigenen Haut heraus.
      „Olivia.“, schluchzte sie.
      „Sehr gut.“ Er tätschelte ihre Wange und ihr wurde noch kälter als sie ohnehin schon war. Er wusste ihren Namen, er hatte das alles hier geplant. Sie schluckte. Das sprach für einen klaren Sadisten, aber sie zwang sich, nicht darüber nachzudenken.
      „Wenn du ihn sowieso wusstest, warum fragst du dann?“ Sprechen war schwer, denn ihre Zähne klapperten wie wild, aber das lenkte sie von ihren eigenen, erschreckenden Gedanken ab. Er lachte kalt.
     „Aber aber.“, säuselte er und Olivia spürte, wie sich ihr Magen umdrehte. „Wir wärmen uns doch gerade erst auf.“ Seine Hand fuhr wieder zu ihrer Wange hinauf und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Ein erneuter Heulkrampf schüttelte sie. Er wischte ihr die Tränen von der Wange.
      „Sh. Du brauchst deine Energie noch, Kleines. Ganz ruhig, ich tu dir ja nichts. Alles was ich wissen will ist, wie mein Name ist.“ Die Frage überrumpelte sie so sehr, dass sie sogar das weinen vergaß.
     „Was?“, rutschte es ihr heraus. Er lachte nur.
     „Komm schon, ich weiß dass du ihn kennst. Du musst nur dein Oberstübchen anschmeißen.“ Er tippte ihr auf die Stirn und dann hörte sie wieder Kleidung rascheln. Sie konnte es zwar nicht mit Gewissheit sagen, aber es hörte sich an, als würde er aufstehen. Ja, denn als er das nächste Mal sprach, schien seine Stimme um einiges weiter weg zu sein: „Lass mich wissen, wenn du dich erinnerst. Enttäusch mich nicht.“ Schritte. Stille.
     Sie lag allein in der eisigen Dunkelheit und schluchzte leise vor sich hin. Der Typ war völlig durchgeknallt! Woher sollte sie denn seinen Namen wissen!? Das Wasser in dem sie lag schien jede Sekunde kälter zu werden und sie schnatterte mittlerweile wie eine Ente am Nordpol. Sie versuchte so gut es ging, ihren Kopf zurückzulegen und sich selbst auf andere Gedanken zu bringen, aber der Schmerz war zu groß. Sie konnte an nichts anderes denken, als endlich aus diesem Wasser rauszukommen. Es war wichtig, dass sie wieder Leben in ihre Glieder brachte. Sie trat um sich, tat sich dabei andauernd weh, wenn sie gegen die merkwürdigen Wände trat, das Wasser spritzte um sie. Sie kreischte und warf sich in die Fesseln. Erst als sie völlig außer Atem war und sich ihre Beine einigermaßen warm anfühlten, ließ sie sich wieder zurücksinken. Sie spürte eine neue Panikwelle in sich aufkeimen und zwang sich, sie herunter zu schlucken. Wenn sie das hier überstehen wollte, musste sie sich jetzt fassen! Sie wusste gar nicht mehr, wie oft die unzähligen Professoren in der Uni gesagt hatten: Panik bringt die Opfer am schnellsten um. Sie musste gefasst bleiben und jedes kleine Detail das sie kannte zusammen puzzeln. Offenbar hatte er sie beobachtet, es schüttelte sie bei dem Gedanken, denn er hatte ihren Namen gewusst. Das sprach ganz klar für einen Sadisten; dass er sie so ausgeliefert leiden ließ ebenso. Vermutlich war er sogar immer noch im Raum und weidete sich an dem  Bild, das sie ihm bot. Es wehte kein Wind, sie war also in einem Raum. Er würde sich Zeit lassen. Übelkeit kam wieder in ihr hoch und sie schluckte sie nur mühsam hinunter. Sie zwang sich, tief durchzuatmen – Panik half jetzt nichts.  
     Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren; das einzig präsente war der stetige Schmerz und die Kälte. Ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an und ihr Magen fing bereits an zu krampfen, so hungrig war sie. Es waren keine Tränen mehr übrig, die sie weinen könnte. Eine seltsame Leere hatte sich in ihr ausgebreitet, die Hand in Hand mit der Taubheit ihres Körpers ging. Sie dachte an ihre Familie, die sie nun vermutlich nie wieder sehen würde. Sie sah ihre Mutter, in schwarz, wie sie auf ihrem Sarg lag und haltlos weinte. Sie sah die vor Schreck geweiteten Augen ihrer kleinen Schwester und den leeren Gesichtsausdruck ihres Bruders. Würden sie überhaupt jemals erfahren, was ihr passiert war?
     Irgendwie schaffte sie es wohl, weg zu dösen, denn als sie das nächste Mal die Augen öffnete, war die Dunkelheit verschwunden und sie fand sich wieder auf der Tribüne in Stanford wieder.
     Diese Augen, irgendwo her kannte sie diese Augen. Obwohl der Mann sehr weit weg saß, richtete sie den Blick schnell auf den Boden. Sie konnte Menschen einfach nicht in die Augen sehen. Es ging nicht! Der Direktor räusperte sich und sie erinnerte sich wieder, wo sie war. Schnell schüttelte sie seine Hand noch einmal, ließ sich von all ihren alten Dozenten auf die Schulter klopfen und eilte dann so schnell wie möglich die Stufen auf der anderen Seite der provisorischen Bühne hinunter. Sie musste an dem Block vorbei, in dem er saß und obwohl sie den Blick nicht hob, konnte sie deutlich seinen Blick auf ihr spüren. Sie kannte dieses Gesicht, aber es wollte ihr einfach nicht einfallen woher.
     Unruhig regte sie sich in den Fesseln, sie befand sich zwischen Schlaf und Wachsein, ihre Gedanken sprangen ohne Zusammenhang hin und her und nichts schien wirklich Fuß fassen zu können. Ein neues Bild schob sich vor ihr inneres Auge.
     Genervt fächelte sie sich Luft mit ihrem Portemonnaie zu. Sie stand nun bestimmt schon eine geschlagene Stunde in der Schlange im Supermarkt, dabei wollte sie doch nur ein Paket Nudeln. Die Lady vor ihr scannte jedes einzelne Item, wackelte dann den ganzen Weg runter zu den Plastiktüten und wiederholte dann das Ganze. Olivia schaute schon immer nach möglichen anderen Kassen, aber die Schlangen waren einfach zu lang. Trotzdem war sie kurz davor, die Nudeln einfach ins nächste Regal zu pfeffern und mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Ihre Mutter würde sie zum Abendessen in ihrer kleinen Studentenwohnung besuchen kommen. Normalerweise bestellte sie immer, zum Kochen hatte sie keine Zeit, aber heute wollte sie wenig ein wenig Eindruck schinden – Nudeln mit Tomatensauce würden da allerdings ausreichen müssen. Wie dem auch sei, nach weiteren zehn Minuten des Löcher in die Luft starrens, bequemte sich die alte Frau endlich, ihr motzendes Selbst davon zu schieben. Nervös schaute sie auf die Uhr. Sie hatte nur noch eine Stunde. Fluchend scannte sie die Nudeln, bezahlte und lief dann schnellen Schrittes zur Ausgangstür. Während sie versuchte, die Geldbörse zurück in ihre Jackentasche zu schieben, quetschte sie sich durch die bereits schließende Tür und rannte prompt in einen älteren Herrn hinein. Sie strauchelte und fiel vorn über auf ihre Knie und Hände. Das Nudelpaket riss auf und die Nudeln waren über den ganzen Parkplatz verstreut. Der Mann stammelte tausende Entschuldigungen, aber die hörte sie kaum. Es war ihr sehr wohl bewusst, dass jeder sie anstarrte und das brachte das Blut in ihren Ohren zum Rauschen. Sie sagte ihm, er solle sich nicht darum kümmern und ließ ihn einfach so stehen. Sie hatte sowieso nur noch drei Minuten um zu der nächsten Busstation zu kommen. Ihre Mutter würde einfach mit Chinesisch vom Lieferanten leben müssen. Ja, dank des Studiums, waren der junge Asiate und sie beinahe schon beim Du. Während sie den schmalen Weg hinunter lief, fiel ihr der blaue Audi auf, der gegenüber der Eingangstür stand. Der Mann am Steuer machte keine Anstalten aus dem Wagen zu steigen und schaute sie einfach nur an. Gruselig, dachte Olivia nur und rannte dann weiter. Den Bus verpasste sie natürlich, schrieb ihrer Mutter, doch erst in zwei Stunden zu kommen und wartete bibbernd vor Kälte auf den nächsten Bus. Als sie endlich am Campuswohnheim ankam, war sie völlig durchgefroren und ihre Laune hatte den absoluten Nullpunkt erreicht. Mit zitternden Fingern öffnete sie die Tür zum Treppenhaus und schleppte sich selbst die Stufen hinauf. Vor ihrer Wohnungstür stutzte sie. Da lag ein Paket Nudeln. Fast genau das gleiche, wie sie keine Stunde zuvor versucht hatte, im Supermarkt zu kaufen. Panisch sah sie sich um, doch es war absolut keine Menschenseele zu sehen. Sie rührte die Nudeln nicht an und ging nach drinnen, schloss die Tür doppelt ab und hoffte einfach, dass der Hausmeister sich schon darum kümmern würde.
     Sie wachte hustend auf weil sie ungewollt den Kopf gedreht hatte und ihr Wasser in den Mund gelaufen war. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn; sie war sich sicher, dass sie eine Erkältung, wenn nicht sogar ein Fiber bekommen würde, wenn sie noch länger in dieser Kälte liegen blieb. Die Ereignisse aus dem Supermarkt vor rund acht Monaten standen ihr immer noch glasklar vor Augen. Der Mann in dem Auto…das war der gleiche Mann von ihrer Abschlusszeremonie. Adrenalin schoss ihr in die Venen. Sie hoffte wirklich, dass ihr Verstand ihr wirklich nicht nur einen Streich spielte, denn nun hatte sie endlich eine Verbindung. Sie fühlte sich sogar etwas lebendiger. Denk nach, denk nach, denk nach! Da musste noch mehr sein! Es schüttelte sie kalt als sie darüber nachdachte, dass sie ihrem Entführer eiskalt ins Gesicht gesehen hatte. Sie dachte so angestrengt wie möglich nach, und plötzlich tauchte dieser blaue Audi mit dem Mann am Steuer in allen möglichen Kulissen auf: vor dem Friseur Salon, dem Parkeingang, ihrer alten Schule, dem Haus ihrer Eltern. Wenn sie genau darüber nachdachte, war er irgendwie schon immer da  gewesen. Sie hatte sich sogar so daran gewöhnt, dass sie die Tatsache dass er wirklich da war, einfach ausgeblendet hatte. Es kroch ihr kalt die Wirbelsäule hoch wenn sie daran dachte, dass einige dieser Erinnerungen bestimmt schon drei Jahre her waren. Aber nichts von dem verriet ihr irgendetwas über den Namen dieses kranken Wichsers. Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß dabei mit dem Hinterkopf grob gegen die Wand hinter ihr. Sie fluchte laut. Wenn das hier funktionieren sollte, musste sie unbedingt diese bescheuerte Augenbinde loswerden. Sie lehnte ihren Kopf soweit es ging nach links, bis sie ihren eigenen Arm berührte. Es zog tierisch im Nacken, aber so konnte sie ihren Kopf hin und her rubbeln, bis sich die Binde tatsächlich ein Stück nach oben bewegte. Sie befürchtete schon, einen Krampf zu bekommen, als die Binde endlich mit einem leisen Platschen neben ihr ins Wasser fiel. Sie kniff die Augen zusammen, denn der plötzliche Lichteinfall tat tierisch weh. Langsam öffnete sie und überrascht musste sie feststellen, dass sie in einer Badewanne lag. Direkt über ihrem Kopf war eine silberne Duschbrause, ihr Körper lag dicht an dicht mit dem weißen Keramikgestell und um sie herum war ein weißer Vorhang. Fast hätte sie gelacht, so banal war es. Die ganze Zeit hatte sie geglaubt, sie wäre in irgendeiner mittelalterlichen Folterkammer, dabei war sie in Wirklichkeit ausgerechnet in einer Badewanne. Schmale aber stramme Stricke waren sowohl um ihre Fußgelenke als auch ihre Handgelenke gebunden und liefen dann aus der Wanne hinaus. Der Stöpsel war außer Reichweite, es gab also keine Möglichkeit für Olivia, das Wasser einfach auslaufen zu lassen. Noch immer zitterte sie krankhaft und langsam spürte sie, wie ihr Inneres ernsthaft anfing zu schmerzen. Wenn sie hier nicht bald rauskam, würde sie wirklich ernsthaft krank werden. Sie schloss wieder die Augen und dachte nach. Sie durchsuchte alles was sie an Erinnerungen zusammenraffen konnte, nach dem Gesicht des Mannes, das sie über die letzten Jahre verfolgt hatte.
     Sie erinnerte sich an diesen Tag, weil es der Tag gewesen war, an dem ihre Freundin ihren ersten Autounfall gehabt hatte. Aber im Hintergrund war noch etwas anderes. Etwas war an dem Tag in der Schule passiert. Sie versuchte, sich den Englischunterricht in Erinnerung zu rufen. Sie wusste noch genau, auf welchem Platz sie gesessen hatte. Sie sah ihre alte Lehrerin vor sich, wie sie der Klasse mitteilte, dass Helena im Krankenhaus war, aber da war mehr. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich durch das Gedankenchaos gewühlt hatte, aber dann erinnerte sie sich. Verschiedene Studenten aus Stanford waren zu Besuch gekommen um etwas über ihren Studiengang zu erzählen. Es war auch einer für Psychologie dabei, aber das war eine Frau gewesen, da war sie sich ganz sicher. Also ging sie so gut es eben möglich war, die anderen Studenten in ihrem Kopf durch. Humanmedizin, Literatur, Arithmetik, Physiologie, Jura…Jura…sie sah den jungen Mann klar und deutlich vor ihr: das dunkle Haar, die graublauen Augen, die schmale Nase, die hohen Wangenknochen, die schmalen Lippen. Das war er. Sie erinnerte sich genau, wie er sie gemustert hatte, aber alles danach war verschwommen. Vermutlich hatte sie den Rest der Stunde ihren Tisch angestarrt. Sie brauchte ja auch nicht wissen was danach passiert war, sondern davor. Ihr Kopf fühlte sich bereits an als stünde er kurz vor dem explodieren, aber sie versuchte mit aller Macht zu dem Punkt zurückzuspielen, an dem ihre Lehrerin ihn vorgestellt hatte. „Und nun heißt doch bitte unseren letzten Präsentanten willkommen. Mr. Christopher Parker studiert Jura im ersten Semester und…“
     Sie schlug die Augen auf. Ein Name, sie hatte einen Namen.
Christopher Parker

 
Kapitel 2
 
     Christopher Parker. Ein ehemaliger Jurastudent, zumindest vermutete sie das, denn der Tag an dem sie ihn das erste Mal getroffen hatte, war nun schon fast vier Jahre her. Eine lange Zeit, und es erschloss sich ihr gar nicht, warum er ihr seit vier Jahren auf der Spur gewesen sein sollte. Vor allem: warum ausgerechnet ihr?  Wie schon gesagt, sie machte nie jemandem Ärger und sprach Leute schon gar nicht von sich aus an; außer es musste unbedingt sein.
     Er hatte gesagt, sie solle ihn wissen lassen, wenn sie seinen Namen herausgefunden hatte. Aber war das wirklich so eine gute Idee? Sie wollte ihn wirklich nicht mehr auf sich aufmerksam machen, als unbedingt notwendig. Auf der anderen Seite tat ihr jeder Zentimeter ihres Körpers weh, sie war von oben bis unten durchgefroren und hatte schon Magenkrämpfe, weil sie so hungrig war. Wie lange sie wohl schon in dieser Wanne lag? Olivia hatte keine Ahnung; jedes Zeitgefühl hatte sich einfach verflüchtigt. Sie setzte an, nach ihm zu rufen, doch ihre Kehle war staubtrocken. Sie räusperte sich und versuchte es erneut.
     „Hey! Hallo! Ich weiß deinen Namen!“ Jedes Wort brannte ihr im Hals. Sie wartete. Zwar wusste sie nicht, wie lange sie jetzt schon auf ihn gewartet hatte, aber auf jeden Fall war keine Spur von ihm zu sehen oder zu hören. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was wenn er gar nicht da war? Sollte sie versuchen, um Hilfe zu rufen? Unsinn! erinnerte sie sich selbst. Jemand der so professionell war, würde garantiert nicht den Fehler machen, sie in Hörweite Dritter zurückzulassen. Sie atmete tief durch, aber es blieb weiterhin keine Spur von ihm.
      „Hey!“, rief sie erneut, aber es kam keine Antwort. Erneut traten ihr Tränen in die Augen. Sie wusste einfach, dass er da irgendwo war; er wollte sie nur noch weiter unnötig quälen. Alles was sie wollte, war aus diesem Wasser rauszukommen.
      „Mr. Parker!“, schrie sie diesmal aus voller Kraft. Schritte. Ihr Puls beschleunigte sich und ihr Magen fühlte sich an, als ob sie im Schleudergang einer Waschmaschine feststecken würde. Sie wartete; versuchte so still wie möglich in dem eisigen Wasser zu liegen. Ihre Zähne hatten wieder angefangen zu klappern. Warum tauchte er denn nicht auf? Aus lauter Verzweiflung fing sie wieder an Rotz und Wasser zu heulen. Warum musste das ausgerechnet ihr passieren? Sie trank nie, sie nahm keine Drogen, sie vögelte keine wildfremden Männer – warum!? In der hintersten Ecke ihres Verstandes rief sie sich in Erinnerung, wie er sich über sie lustig gemacht hatte, als sie ihn gesiezt hatte. Es kroch ihr unangenehm die Wirbelsäule hinauf als sie an sein kaltes Lachen dachte. Sie wollte gar nicht, dass er wieder hier rein kam, aber der Drang aus dieser Wanne rauszukommen war noch viel größer als die Angst.
     „Christopher!“, krächzte sie und brach augenblicklich in wehleidiges Winseln aus. Nie hätte sie gedacht, dass es so demütigend sein könnte, jemanden bei seinem Vornamen zu nennen. Es hörte sich fast an, als würde sie ihn einladen, sie zu… Ihre Schultern taten weh, ihre Muskeln waren steif und völlig überstrapaziert. Als sie den Türknauf hörte, zuckte sie erschrocken zusammen und das Wasser schwappte ihr bis zum Kinn hinauf. Sie wollte sich einfach übergeben; vielleicht würde es ihr danach ja besser gehen. Aber das hätte sie ihren kostbaren Fokus gekostet, und den brauchte sie jetzt. Sie hörte seine Schritte auf dem Fliesenboden des Badezimmers und hielt den Atem an; sie wollte kein Geräusch verpassen. Der zugezogene Duschvorhang raschelte und wurde kurze Zeit später zur Seite gezogen. Geräuschvoll atmete sie aus, als sie sein Gesicht sah. Es war genau, wie sie es in ihrer Erinnerung hatte; das Haar schien noch dunkler und die Wangen noch markanter. Er schien nicht einmal überrascht zu sein, dass sie die Augenbinde nicht mehr auf hatte – im Gegenteil, es schien ihn sogar zu amüsieren, denn seine Mundwinkel zuckten kurz, als sein Blick auf das schwarze Stück Stoff in der Wanne fiel. So ein widerliches Drecksschwein. Sie wollte ihm die Augen auskratzen, die Nase brechen, die Kniescheiben umdrehen…sie war selbst von ihren gewalttätigen Gedanken überrascht. Als er sich ihrem Gesicht zuwandte, konnte sie es nicht verhindern, dass sie auf ihre Füße starrte.
     „Sieh‘ mich an.“, forderte er. Sadist. Alles um sie herum war verschwommen; sie entschied sich, auf seine Brust zu starren. Er trug ein schwarzes T-Shirt, es roch nach frischer Wäsche; der Geruch wehte zu ihr herüber als er in die Knie ging und sich auf den Wannenrand lehnte. Sie wollte zurückweichen, doch die Seile ließen ihr keinen Bewegungsfreiraum.
      „Du weißt  also wer ich bin, hm?“, wollte er grinsend wissen und entblößte dabei zwei Reihen gerader, weißer Zähne. Optisch war er überhaupt nicht der Typ, der 21-jährige Frauen entführte. Wäre er nicht so ein widerliches Arschloch, würde die Durchschnittsfrau ihn wohl als attraktiv bezeichnen. Das einzige Motiv, das Olivia dazu einfiel war Narzissmus; der Drang der ganzen Welt genau das auf die Nase zu binden: dass er niemals verdächtigt werden würde, dass er ein Engel war. Aber ein Narzisst hätte sich nicht diese ganze Mühe mit den Jahren des Stalkings gemacht, er würde sie nicht als würdig genug betrachten. Warum passte dieser Mann in kein Profil? Sein Seufzen riss sie aus ihren Gedanken.
     „Was würde ich gerade darum geben, zu wissen, was in deinem hübschen Köpfchen vorgeht.“
     „Ich hab dir deinen Namen gesagt und jetzt“ sie stockte. Was wollte sie eigentlich sagen? Und jetzt lass mich gehen? Das klang sogar in ihrem eigenen Kopf bescheuert.
     „Und jetzt was?“, höhnte er und lehnte sich noch weiter in die Wanne hinein. Sein Gesicht schwebte nun wenige Handbreiten über Ihrem.  Sie versuchte, so selbstsicher wie möglich zu klingen als sie sagte: „Ich hab wirklich keine Lust mehr auf dieses Spielchen. Was willst du?“ Sie wusste, dass sie sich damit gewaltig aus dem Fenster lehnte und es klang auch nicht so selbstsicher wie sie es sich gern gewünscht hätte. Noch immer grinste er sie so unverschämt an. Sie wollte ihm das Grinsen aus dem Gesicht kratzen.
     „Es geht hier nicht darum was ich will Süße, es geht einzig und allein darum, was du willst.“ Aus großen Augen starrte sie ihn an. Was sollte das denn jetzt heißen!? War er so etwas wie ein Racheengel? Jemand, der dachte, er würde seinem Opfer durch seine Taten helfen? Aber als sie ganz ganz kurz in seine Augen blickte, sah sie überhaupt kein Mitleid oder irgendetwas anderes was darauf hindeuten würde. Außerdem waren Racheengel in den wenigsten Fällen Sadisten; eher das Gegenteil.
     „Na du willst doch bestimmt aus dieser Wanne raus, oder nicht?“ Ihr verwirrter Gesichtsausdruck amüsierte ihn ganz offensichtlich. Sie nickte nur; sie hätte vermutlich keinen Ton rausgebracht ohne wieder in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht fror wieder zu dieser eiskalten Maske und er bewegte sich hinunter zu ihren Füßen. Sie wollte nach ihm treten, aber ihr fehlte die Kraft dazu. Als er die Fesseln gelöst hatte, fielen ihre Füße einfach wieder zurück in das eiskalte Wasser. Er kam wieder zu dem Kopfteil der Wanne und fingerte an irgendwas außerhalb ihres Sichtfeldes herum. Der Druck auf ihre Schultern gab nach und mit einem Quietschen rutschten ihre Arme nach unten.
     Bevor sie auch nur daran denken konnte sich zu bewegen, hatte er bereits seine Hand auf ihrem Hals und presste sie tiefer in die Wanne. Sie röchelte panisch und packte sein Handgelenk, doch er bewegte sich kein Stück, als sie versuchte seinen Arm wegzureißen. Würde er sie jetzt…
     „Mach keinen Mist, Kleines. Wir wissen beide, dass das keinen Sinn hätte. Und jetzt steh auf.“ kam seine kalte Anordnung. Gierig schnappte sie nach Luft als er seinen Griff lockerte. Sich zu bewegen klang wirklich verlockend, aber mittlerweile war sie so durchgefroren und ausgelaugt, dass sie keinen einzigen ihrer Muskeln spürte. Sie wimmerte, als er ihren Oberarm packte und daran zog. Es kribbelte schmerzhaft. Hätte er sie nicht festgehalten, hätte sie vermutlich nicht allein stehen können. Sie begann, ihr Bein anzuheben und endlich aus dieser verteufelten Wanne zu steigen, aber er hielt sie zurück.
     „Nichts da. Du stinkst.“ Die Worte trafen sie härter, als sie es vermutlich hätten tun sollen. Er nickte in Richtung des Wassers das, wie sie jetzt feststellte, einen leicht gelblichen Schimmer hatte. Angewidert verzog sie das Gesicht. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich selbst erleichtert hatte. Blut schoss ihr in die Wangen und sie wollte unsichtbar werden; einfach nur unsichtbar werden. Er beugte sich hinter sie und drehte an dem Wasserhahn herum. Sie fürchtete, er würde sie wieder vereißen wollen und wollte ihn schon anflehen es nicht zu tun, aber das Wasser das kurze Zeit später auf sie nieder prasselte weder kalt noch warm war. Er drehte sie so, dass sie wieder auf seine Brust schauen musste.
     „Sieh‘ mich an.“, forderte er wieder. Noch immer hielt er sie fest gepackt. Sie wollte ihm nicht in die Augen sehen müssen, also tat sie es auch nicht. Sie wimmerte als er ihr Kinn so fest packte, dass sie glaubte ihr Kieferknochen wäre gebrochen. Er zwang sie, ihn anzublicken. Sie war dankbar dass sie wegen der vielen Tränen ohnehin kaum etwas erkennen konnte.
     „Willst du, dass ich das Wasser wärmer drehe?“, fragte er. Sie nickte so gut sie konnte. „Dann wirst du dich schon ein bisschen besser benehmen müssen.“, meinte er kühl und  griff hinter sich um eine Shampoo Flasche zu greifen.  Warm oder nicht, es war immer noch besser als das Eiswasser, in dem sie immer noch stand.
     „Stell deinen rechten Fuß ein wenig weiter nach rechts.“, befahl er und sie war so eingeschüchtert, dass sie tat was er sagte. Sie fühlte, wie sie auf den Stöpsel trat.
     „Zieh ihn raus.“ Das Gurgeln des Abflussrohrs erfüllte den Raum und es war fast, als würde es sie persönlich ein wenig erleichtern. Immerhin würde sie nicht zurück in das Wasser müssen. Ob ihr die Alternativ allerdings besser gefallen würde, wusste sie nicht; wollte sie auch nicht wissen. Diesmal ließ er sie los und sie konnte alleine stehen. Sie wollte nach der Shampoo Flasche greifen, doch er fing ihre Hand ab.
      „Hände hinter deinen Rücken. Sofort! Mach kein Theater.“ Wenn das war was sie tun musste, um endlich hier raus zu kommen, war es ihr das wert. Sie nahm ihre Arme nach hinten. Er positionierte sie so, dass sie direkt unter dem Wasser stand und die Augen schließen musste. Stumm weinte sie vor sich hin und blendete einfach alles um sich herum aus. Sie rechnete jede Sekunde damit, eine Klinge zu spüren, oder das Bewusstsein zu verlieren. Sie zitterte am ganzen Körper; konnte kaum das Gleichgewicht halten. Sie glaubte zu spüren, wie er Shampoo auf ihrem Kopf verteilte, aber sie konnte sich auch täuschen. Ihr wurde ein wenig wärmer und sie fühlte sich eingelullt in eine warme Dampfwolke. Nur am Rande realisierte sie den Seifengeschmack der auf ihre Lippen trat oder den Geruch nach Äpfeln der ihr in die Nase stieg; sie wollte das alles gar nicht mitkriegen, denn das bedeutete, dass sie noch immer da war, dass sie noch nicht aus diesem Alptraum aufgewacht war. Sie öffnete erst die Augen, als er das Wasser abdrehte. Stumm starrte sie auf sein Hemd, das er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hätte, aber trotzdem Wasserflecken hatte.
      „Komm her meine Hübsche.“ Seine Stimme klang jetzt viel ruhiger als noch Minuten zuvor. Er schob einen Arm hinter ihren Rücken und stützte sie, während er ihr aus der Wanne half.
      „Nicht bewegen.“, raunte er und platzierte sie auf einer weichen Matte. Sie zitterte am ganzen Körper und wäre sofort in die Knie gegangen, hätte er sie nicht gehalten. Ein flauschiges Handtuch legte sich um sie und er begann, sie trocken zu rubbeln. Sie wollte das nicht. So schnell wie es ihr möglich war, legte sie die Hände auf seine Schultern und versuchte ihn mit aller Kraft wegzuschieben, doch er bewegte sich kein Stück.
     „Na na na, schön artig  bleiben.“ Er packte ihre Hände mit einer Hand und schob sie weg von ihm. Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so schwach gefühlt. Ihr Kopf hämmerte, ihre Augenlider waren schwer und ihr Puls hatte nicht mehr die Kraft, weiter anzusteigen. Als er vor ihr in die Hocke ging um ihre Beine abzutrocknen, kam ihr als erstes in den Sinn, ihm ins Gesicht zu treten. Doch seine Hand lag auf ihren Knien, bevor sie wirklich darüber nachdenken konnte.
      „Benimm dich.“ Sie hatte nicht einmal die Kraft zu wiedersprechen. Als er das Handtuch wegnahm, wollte sie danach greifen, aber sie war nicht schnell genug. Er bürstete sogar ihr Haar zurück. Die ganze Zeit starrte sie einfach gerade aus und zählte wieder und wieder bis hundert. Er stand hinter ihr und legte seine Hände auf ihre Schultern. Er drückte sie in Richtung der geöffneten Tür. Erst jetzt nahm sie ihre Umgebung richtig wahr. Das Badezimmer war komplett weiß, nur die Regale über den zwei Waschbecken waren hellblau.
      Sie fand sich in einer modernen Küche wieder, die von Braun- und Chromtönen dominiert wurde. Sie konnte nicht verhindern, wie angewurzelt stehen zu bleiben. Es war ganz und gar nicht, wie sie es sich vorgestellt hatte. Alles war sauber und in penibler Ordnung, die Möbel sahen aus wie aus dem Katalog, der braune Teppich in dem kleinen Wohnzimmer am Ende der Küche lag ganz genau parallel zu den Wänden, die beiden Sessel standen genau im gleichen Winkel und in dem glasklaren Fenster dahinter konnte sie die Skyline von LA erkennen. Was zur Hölle…? Um sich herum drehte sich alles; sie verstand die Welt nicht mehr. Warum würde jemand seines Standes eine Frau entführen? Das alles machte vorne und hinten  keinen Sinn. Er war kein Narzisst,  hatte sicherlich keine Probleme anderweitig mit Frauen in Kontakt zu kommen und sah sich nicht am Ende der sozialen Nahrungskette. Wer war dieser Mann?
      „Gefällt es dir?“ sie zuckte zusammen, als seine Stimme so dicht an ihrem Ohr ertönte. Es gab keinen weg für sie, diesen Mann einzuschätzen; er war für sie unberechenbar. Wie ironisch, kam es ihr in den Sinn. Ausgerechnet sie, eine Psychologin, geriet an den Einen Killer, der in kein vorhandenes Profil passte. Er dirigierte sie zu den drei blauen Hochstühlen und rückte einen für sie ab. Noch immer am ganzen Leib zitternd, kletterte sie hinauf und starrte auf die cremefarbene Arbeitsplatte vor sich. Sie erwartete dass er jetzt weggehen würde, aber stattdessen beugte er sich noch weiter vor und vergrub seine Nase in ihrem nassen Haar. Tränen brannten ihr in den Augen und sie musste den Reflex mühsam unterdrücken, nach ihm zu schlagen.
     „Besser.“, stellte er zufrieden fest und trat dann endlich  ein paar Schritte von ihr weg. Automatisch verschränkte sie die Arme so vor der Brust, dass ihre Brüste bedeckt waren und überschlug die Beine. Er lachte während er auf die andere Seite der Kücheninsel  ging. Er lachte sie aus. Er lehnte sich vor und stützte die Unterarme auf der Insel ab, grinste sie höhnend an.
     „Du bist doch bestimmt hungrig, oder nicht?“ Die Magenschmerzen hatte sie schon fast vergessen, aber jetzt wo er es ansprach, spürte sie wieder ganz deutlich das Rumoren ihres Bauchs.
     „Wie lange bin ich schon hier?“, fragte sie leise. Er lachte und warf einen Blick über seine Schulter auf die Mikrowellenuhr. „28 Stunden Kleines.“ Er sagte das, als wäre es sein ganz eigener Triumph. Sie hatte seit über einem Tag nichts mehr gegessen, kein Wunder das sie sich fühlte wie nach 40 Tagen in der Wüste. Sie nickte schwach und krallte sich in ihren Arm. Irgendeine Melodie vor sich hin summend drehte er ihr den Rücken zu und ging hinüber zu dem riesigen silbernen Kühlschrank. Ihr Blick fiel in die Richtung aus der sie gekommen waren. Gleich neben der geöffneten Badezimmertür war eine andere Tür, dem Türspion nach zu urteilen war das die Eingangstür.
     Es war eine Blitzentscheidung. Sie hätte es eigentlich besser wissen sollen, denn natürlich wäre er nicht so dumm gewesen, die Tür einfach unabgeschlossen zu lassen, aber es waren ihre Überlebensinstinkte, die sie von dem Hocker aufspringen und so schnell ihre tauben Beine sie trugen, zu dieser Tür rennen ließen. Sie rüttelte an dem Knauf, der sich natürlich kein Stück bewegte. Gerade als sie begonnen hatte ihre Fäuste gegen die Tür zu hämmern und um Hilfe zu rufen, legte sich eine große Hand von hinten auf ihren Mund, die andere umschloss ihre Taille und sie wurde von der Tür weggezerrt. Sie schlug, trat und biss nach ihm, doch es machte ihm entweder nichts aus, oder sie traf ihn nicht einmal. Je weiter sie von der Tür weggeschleift wurde, desto verzweifelter wurde sie. Am Ende brach sie einfach in seinen Armen zusammen und begann haltlos zu schluchzen. Beide gingen zu Boden, sie lag halb auf seinem Schoß. Gerade noch dachte sie daran, sich so zu drehen, dass ihre Brüste seinem Blick nicht schutzlos ausgeliefert waren. Mit ihren Tränen durchnässte sie den Stoff seiner Hose völlig, aber ihn schien das nicht zu kümmern.
     „Sh.“ Er strich ihr über den Kopf und als sie sich losreißen wollte, packte er sie fest im Nacken. Er zwang sie, den Kopf zu heben und sah ihr in die Augen, als er sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja da.“ Sie wollte schreien, doch es fehlte ihr die Kraft. Er stand auf und zog sie ebenfalls auf die Beine. Wieder setzte er sie auf den Barhocker, diesmal ging er allerdings kurz um die Ecke und kam mit etwas wieder, was sie als weiße Stricke erkannte.
     „Das war sehr sehr dumm von dir.“, meinte er nur und  bevor sie sich dagegen wehren konnte, hatte er ihren linken Fuß schon an das linke Stuhlbein gebunden. Der Winkel in den ihr Knie dadurch gedreht wurde tat weh und sie jaulte auf, als er das andere Bein grob in die gleiche Position beförderte. Sie weigerte sich, als er ihre Arme auseinander lösen wollte. Er tat etwas, mit dem sie in der Tat nicht gerechnet hatte: er gab ihr einen schmerzhaften Klaps auf die Innenseite ihres Oberschenkels. Sie kreischte erschrocken auf und er nutzte die Chance um nach ihren Armen zu greifen. Er zerrte sie hinter die Stuhllehne und band sie zusammen. Ihre Schultern taten furchtbar weh in der Position und sie musste sich nach vorne lehnen. Ihr Gesicht schwebte nur wenige Zentimeter über der Arbeitsplatte. Sie wurde demütigend entblößt in dieser Position. Dicke Tränen rollten ihr die Wangen hinab. Er ging wieder um die Kücheninsel herum und weidete sich für ein paar Sekunden an dem Anblick den sie ihm bot. Wieder ging er zu dem Kühlschrank hinüber und sie konnte ihn darin herumwühlen hören. Als er wieder vor sie trat, sagte er: „Ich weiß es ist ein wenig Klischee, aber ich kann uns Nudeln machen.“ Er klang genau wie ihr Vater, wenn ihre Mutter ihm die Kochpflicht aufgetreten hatte und alles was er machen konnte Hot Dogs war. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken an ihre Familie.
     „Ich nehme das mal als ein Ja.“, meinte er zufrieden und wandte sich dem Herd zu, der genau hinter ihm war. Eine Weile lang war es einfach still, während der Herd leise brummte. Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr mittlerweile etwas angetrocknetes Haar vor ihr Gesicht fiel. Weinend hing sie in den Seilen. Nach einer Weile  beruhigte sie sich wieder ein bisschen und versuchte, unbemerkt den Blick ein wenig umher schweifen zu lassen. Sie blieb an etwas hängen, was ganz klar ein Messerständer war, aber all die Messer fehlten. Sie hatte gar nicht bemerkt dass er sie beobachtet hatte und zuckte ertappt zusammen, als er sagte: „Nur damit du nicht auf dumme Gedanken kommst.“ Mühsam schluckte sie die Übelkeit hinunter. Dieses Drecksschwein hatte also wirklich vor, sie länger hier zu behalten.
     „Mieser Bastard.“ Brachte sie hervor.
     „Ich an deiner Stelle wäre ein bisschen freundlicher zu mir.“ war alles was er sagte, bevor er sich wieder dem Herd zuwandte. Ihr Bauch tat nun wirklich enorm weh und beinahe fühlte sie so etwas wie Vorfreude bei dem Gedanken, endlich Essen zu bekommen.
     „Ich würde ja gerne wissen, was du gerade denkst, Schönheit.“, murmelte er nach einer Weile und sie spürte seinen Blick auf ihr.
     „Mir ist kalt.“, sagte sie. Noch immer zitterte sie leicht und ihre Zehen waren auch immer noch taub.
     „Hm.“, machte er. „Wärst du vorhin nicht so ungezogen gewesen, würde ich dir vielleicht sogar eine Decke geben.“
     „Bitte.“, schluchzte sie; es kümmerte sie nicht einmal mehr, wie erniedrigend und demütigend die Situation war, sie wollte nur endlich wieder warm werden.
    „Sieh‘ mir in die Augen und sag‘  das nochmal.“ Sie biss sich auf die Lippe. Sie hasste es, Menschen in die Augen sehen zu müssen, es fiel ihr unglaublich schwer. Sie wusste ja nicht mal warum, es war einfach schon immer so gewesen. Sie zwang sich selbst, den Blick zu heben und ihn diese stählernen Augen zu sehen und ihre Bitte zu wiederholen. Gleich nachdem sie das Wort ausgesprochen hatte, senkte sie den Blick wieder auf sein Kinn.
     „Bitte was?“, höhnte er. Ihre Augen brannten.
     „Bitte gib mir eine Decke.“, krächzte sie.
    „Was hast du gesagt? Ich kann dich nicht hören.“, flötete er. Sie hob wieder den Blick und sagte noch einmal, diesmal mit lauterer Stimme: „Bitte gib mir eine Decke!“ Gleichzeitig rannen ihr die Tränen aus den Augen. Ohne ein Wort zu sagen verließ er wieder den Raum und kurze Zeit später wurde ihr etwas Flauschiges um die Schultern gelegt. Sie mochte gar nicht, wie nah er ihr kam, aber er wickelte sie tatsächlich so ein, dass am Ende nur noch ihr Kopf heraus guckte. Als er fertig war, gab er ihr einen Kuss auf die Wange. „War doch gar nicht so schwer, oder?“ Wieder fühlte sie diesen unerbittlichen Drang, sich hier und jetzt zu übergeben. Sie konnte sich nicht einmal über die Wange wischen. In dem Moment piepte der Herd und er ging, um die Nudeln abzugießen. Ihr Magen knurrte hörbar. Misstrauisch beobachtete sie, wie er einen Teller und eine Gabel holte, sich Nudeln und Sauße auftat und sich neben sie setze. Fast schon gierig schielte sie hinüber auf seinen Teller, während er sich genüsslich  seufzend eine Nudel in den Mund schob. Dieser Mistkerl! Er aß fast den ganzen Teller leer, während sie nur dasaß und stumm vor sich hin weinte. Immerhin war sie jetzt nicht mehr ganz so kalt. Ihr Magen war drauf und dran, sie in den Wahnsinn zu treiben; ihre Kopfschmerzen wurden auch nicht besser. Sie war nur noch ein jammerndes Häufchen Elend und als er fragte: „Möchtest du nichts?“, wäre sie ihm am liebsten an den Hals gesprungen.
     „Doch.“, wimmerte sie.
     „Dann bitte mich darum.“
     „Bitte, bitte, bitte, bitte, gib mir was zu essen.“, wimmerte sie und hustete, von einem plötzlichen Kratzen im Hals geschüttelt.
     „Nicht so, meine Süße. Bitte mich richtig.“ Sie konnte nicht verhindern, dass sie den Kopf etwas hob und in seine Richtung drehte. War das hier wieder so ein kranker sieh-mir-in-die-Augen-Scheiß? Sie zwang sich, ihn anzublicken und wiederholte was sie gesagt hatte. Er schüttelte den Kopf und nun wurde sie vor allem wütend. Sie zerrte an den Fesseln.
     „Was willst du eigentlich von mir!?“, schrie sie ihn an und wand sich wie eine Furie auf dem Stuhl. Er griff nach der Lehne, um zu verhindern dass sie kippte.
     „Bevor du dich nicht beruhigst, rede ich nicht mit dir. Es ist deine Zeit.“, meinte er kühl und schaute sie stumm an. Sie zeterte noch eine Weile weiter, bis ihr Gehirn sie förmlich anschrie damit aufzuhören. Erst nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, sagte er: „Ich will, dass du mich richtig bittest. So, wie eine Frau wie du einen Mann wie mich zu bitten hat.“
Was sollte das denn heißen!? In Gedanken feuerte sie brennende Pfeile auf ihn ab.
     „Ich weiß nicht, was du von mir willst!“, fauchte sie.
     „Kleine Wildkatze.“, lachte er und strich ihr Haar hinter ihr Ohr, sodass er nun ihr Gesicht sehen konnte. „Du brauchst gar nicht so naiv zu tun. Es liegt in deiner Natur, ich weiß es.“ Wovon redete er da überhaupt!?
     „Warum lässt du mich nicht einfach essen?“, jammerte sie.
     „Das werde ich. Gleich nachdem du mir einen geblasen hast.“
    „Was!?“, Ihr Blick schoss hoch in sein Gesicht. Das konnte unmöglich sein Ernst sein! Kranker Widerling! Perverser Wichser…
    „Lieber verhungere ich!“, schrie sie ihn an und spuckte ihm ins Gesicht.
 
 

Kommentar(e)

Hoffentlich geht's weiter ;)

dass diese Geschichte bisher nicht fortgesetzt wurde! Ein super Start, der Lust auf mehr macht. Toll ist die Protagonistin beschrieben, ihre Gedanken und Gefühle. Du hast einen sehr bildhaften Schreibstil, der die Geschichte wie einen Film in meinen Kopf projiziert. Es wäre schön, wenn es irgendwann weiter geht!

viele Grüße, Black Cat

Nur zufällig drüber gestolpert, aber ich kann mich da meinen Vorrednern nur anschliessenSo ein guter Einstieg hat eine Fortsetzung mehr als verdient.