Einen Schritt voraus - volenti non fit iniuria (Prolog)

 
Mit ruhigen kurzen Schritten begab sich Chefinspektor Stobaek zum Einsatzort. Nur das Absperrband hielt ihn schließlich noch davon entfernt. Er stand nun in vorderster Reihe der Schaulustigen, die sich wie immer zahlreich eingefunden hatten. Niemand schien Notiz von ihm zu nehmen. Nur vom Gaffer rechts neben ihm wurde er bei seiner Besichtigung der Örtlichkeit minutenlang unbemerkt aber intensiv betrachtet.
 
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“Das sollte also von nun an sein Gegner sein”, fuhr es dem Beobachter durch den Kopf. “Dieser unscheinbare, eher kleine Ermittler mit leicht gerunzelter Stirn, graumeliertem kurzen Haar und nüchternem Blick?” In diesem Moment hob Stobaek das Band, um darunter hinweg tauchend in den Kreis der Beamten vorzudringen. Dabei lösten sich seine Augen kurz von der zugedeckten Leiche und begegneten dem Blick des neben ihm Stehenden. Für Sekunden verharrten beide so, ohne sich voneinander zu lösen. Wie wenn man durch alles hindurch in die Ferne schaut, nichts anderes um sich herum wahrnehmend. Dann wandten sich beide gleichzeitig voneinander ab, drehten sich den Rücken zu und entfernten sich in entgegengesetzter Richtung.

 
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“Guten Morgen. Was habt ihr?” Der Inspektor kam ohne lange Einleitung gleich zur Sache.
“Tag, Chef. Männliche Leiche, 30 bis 40 Jahre. Die Gerichtsmedizin ist noch bei ihm.”
“Wer hat ihn gefunden? Die da?” Dabei deutete er mit einem flüchtig angedeuteten Nicken in Richtung einer abseits sitzenden jungen Frau, der eine Beamtin in Uniform soeben einen Becher Kaffee reichte.
“Kann ich auch einen bekommen? Mit Milch, ohne Zucker - wenn es geht.” Bei diesen Worten lächelte er die Kollegin freundlich an, denn ihm gefiel, was er da sah. Dunkle, grüne Augen strahlten ihm ebenso entgegen, wie ein nicht übertrieben freundliches Lächeln. Er mochte es, wenn Menschen schon früh am Morgen offensichtlich guter Dinge waren. Das war selten in seinem Job. Kein Wunder, wenn man den Tag in der Regel mit einer Leiche beginnt.
“Warum nur geschehen die meisten Morde immer nachts?”, fragte sich der Inspektor heute nicht zum ersten Mal.
“Bitte, Chefinspektor Stobaek.” Die Beamtin stand wieder vor ihm, den Kaffee in der Hand. Jetzt erkannte er sie. Es war Mercedes Gorbic, eine jener wenigen talentierten Polizeischülerinnen, die ihm während seiner wöchentlichen Vorträge an der kriminologischen Fakultät nicht nur wegen ihres wachen Verstandes im Gedächtnis haften geblieben war.
Er nahm neben der Zeugin platz, lehnte sich nach hinten und streckte die Beine von sich.
“Wie geht es Ihnen?”, fragte er sie, als ein Blitzlichtgewitter auf sie nieder ging. Sein Blick verfinsterte sich sofort, die Mundwinkel verzogen sich angewidert. Noch ehe er etwas sagen konnte, hatte Mercedes den aufdringlichen Pressefuzzi fest im Griff und führte ihn unnachgiebig hinter die Absperrung. Als sie zurückkam, hielt sie Stobaek eine Kamera-Speicherkarte entgegen. “Nur damit sie beruhigt sind, Inspektor.”