Die Jagd, der Jäger

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Sie trafen sich am Sonntagmorgen, wie die Kirchgänger, in der abgelegenen Kiesgrube. Das Verhältnis Männer zu Frauen war in etwa ausgewogen, ebenso jenes zwischen Jägern und Wild. Ihre Autos hatten sie in einem Halbkreis am Rande der Kiesgrube geparkt, die Grills und ein paar Sonnenschirme waren bereits aufgestellt.
Doch zuerst würde es die Jagd geben, erst dann das gesellige Beisammensein.
Das Wild zog sich jetzt gemeinschaftlich aus – das Reglement gestattet weder Kleidung noch Schuhe – und die Jäger bereiteten sich nun ebenfalls vor, jeder auf seine oder ihre Weise.
„Du bist ein Neuer, eh?“
Ein älterer Jäger hatte ihn angesprochen, ein etwas untersetzter Mann, vielleicht Anfang Fünfzig, mit Stirnglatze und einem grauen Bärtchen auf der Oberlippe.
Der Neue nickte schweigend.
Joviales Schulterklopfen.
„Wird schon werden. Schau dir alles erst einmal an, bevor du selbst aktiv wirst… So habe ich das bei meinem ersten Mal vor Jahren jedenfalls gemacht.“
Die Jäger und das Wild formierten sich nun. Der mit der Stirnglatze stellte sich auf einen kleinen Kieshügel und hielt eine kurze Ansprache. Regeln gab es eigentlich keine, außer dass ernsthafte Verletzungen jeder Art und auf beiden Seiten möglichst zu vermeiden wären. Dem Wild wurde ein Vorsprung von fünf Minuten zugestanden, dann erst würden die Jäger folgen.
Der Neue blickte die beiden Reihen entlang, hier die Nackten, bereits unruhig auf den bloßen Füßen hin und her tretend, dort die Jäger, zumeist in Stiefeln und Military – Hosen. Die meisten von ihnen hatten Handschellen oder Stricke am Gürtel befestigt, eine drahtige, kurzhaarige Frau hatte einen Cattle prod in der Hand, einer hielt einen Paintball – Markierer in Form einer Pump gun in der Faust, und einer der Männer trug sogar ein Netz bei sich, ähnlich dem eines römischen Retiarius.
Den Jägern stand das Fieber bereits deutlich ins Gesicht geschrieben, sie scharrten sozusagen mit den Hufen, dass die Jagd endlich beginnen möge.

Der mit der Stirnglatze gab nun das erste Signal, und die Gejagten eilten in verschiedene Richtungen davon. Der Neue schaute den Flüchtenden nach. Die meisten von ihnen verschwanden zwischen den jungen Fichten, welche in einer großen Schonung angepflanzt waren, um die bereits ausgebeuteten Flächen der Kiesgrube wieder zu renaturieren.
Das wird die Jagd vermutlich verlängern. Aber eine reelle Chance, sich dem Zugriff der Jäger zu entziehen, haben die Gejagten deshalb noch lange nicht, dachte der Neue. Doch das war wohl auch von keiner Seite gewünscht…
Schließlich gab der Kahle das zweite Signal, und nun brachen auch die Jäger auf, mit ruhigen, schon fast gemächlichen Bewegungen. Sie wussten, dass ihnen das Wild nicht entkommen konnte. Der Neue blieb zunächst stehen und sah ihnen nach. Es schien üblich zu sein, alleine zu jagen, er konnte unter den Jägern keine Gruppierung erkennen, obwohl gerade zwischen den Bäumen eine Art Treibjagd sicherlich eine gute Strategie gewesen wäre.
Linker Hand gab es mit einem Mal Bewegung. Ein nackter Mann brach aus der Schonung und rannte über die gekieste Fläche, dicht gefolgt von der drahtigen Frau mit dem Cattle prod. Obwohl der Mann so schnell lief, wie es seine bloßen Füße zuließen, hatte ihn die Frau schon nach wenigen Augenblicken eingeholt und stieß ihn den Elektoschocker in den Rücken. Der Mann stolperte und schlug der Länge nach hin. Sie stürzte sich auf ihn und vergewaltigte ihn mit einem Strap on.
Der Neue setzte sich in Bewegung. Es wurde Zeit, dass er sich an der Jagd beteiligte.

Der Jäger bewegte sich lautlos durch das Dickicht. Weiter vorne sah er den Rücken eines anderen, der sich an ein Wild heranpirschte.
Wie langsam sie sind, dachte der Jäger und ging zu dem Mann hin. Er fühlte, wie die Nackenwirbel des Anderen unter seinem Griff zerbröselten wie dürres Holz. Ohne einen Laut setzte der Mann sich hin, sein Kopf kippte haltlos nach vorne.
Langsam, unbeholfen, und doch so rührend leidenschaftlich.
Der Jäger fühlte eine leise Traurigkeit in sich.
Das Wild sah ihn mit schreckensgeweiteten Augen an. Wie in Zeitlupe öffnete sie ihre Lippen zu einem Schrei, dann lief die Erkenntnis der Totenstille wie ein Schatten über ihr Gesicht. Ihr Mund schloss sich wieder, ohne dass sie auch nur einen Ton heraus gebracht hätte.
Der Jäger packte sie am Arm, verhältnismäßig sanft.
„Nur damit dir die Situation klar ist: Du bist ein Trostpreis, keinesfalls aber der Hauptgewinn.“
Sie war immer noch ganz starr, der Jäger drehte ihr Handgelenk und leckte über die Innenseite ihres Unterarmes. Immerhin konnte er die reine, unverfälschte Angst schmecken.
Jetzt kippte sie tatsächlich um, mit verdrehten Augen ging sie zu Boden. Mit einem Seufzen hob der Jäger sie hoch. Erstaunlich weich und warm lag sie jetzt in seinen Armen. Er trug sie aus der Schonung heraus und sah sich um.
Irgendwer wird hier wohl aufräumen müssen, dachte er. Was werden sie dieses Mal daraus machen?

Kommentar(e)

Die Geschichte hat ein vielversprechendes Eröffnungsbild und endet mit einem Mord. Und dazwischen ist nichts. Das ist wie ein Tatort, der nach 10 Minuten endet. Keine Entwicklung aus der Handlung, keine Vorgeschichte, keine Ermittlungen, keine Reue. Es bleibt bei Gewalt, die aus dem Ruder läuft. Es gäbe vieles noch zu erzählen was spannend wäre. Wird es ein Krimi, eine Geschichte über zerfressende Reue, über Sühne ...? Es bleibt ausbaubedürftig und -fähig.

Antwort auf von Artaxerxes I

Ich mag japanische Tuschezeichnungen. Mit wenigen Pinselstrichen stellen sie die Welt dar. Der Berg Fuji beispielsweise wird auf einen stumpfen, höchstens leicht gebogenen Winkel reduziert, und doch weiß jeder japanische Betrachter, was gemeint ist. Ich finde die minimalistische Darstellung faszinierend und auch bei Kurzgeschichten äußerst reizvoll. Natürlich hat dieses Konzept auch seine Grenzen, und ich bin mir bewusst, dass ich mit solchen Geschichten nicht alle Leser erreiche.
Bei der 'Jagd' beispielsweise bin ich mir nicht sicher, wieviele Leser auf Anhieb erkannt haben, dass das Monstrum alle Teilnehmer des Rapeplays umgebracht hat. Aber die für das Verständnis der Geschichte notwendigen Informationen stecken drin. Verschlüsselt zwar, aber sie sind da. Für mich ist es ein Spiel, bei dem ich auf die Mitarbeit des Lesers angewiesen bin.  Natürlich ist nicht jeder Leser bereit dazu, und das ist auch in Ordnung so. Dann passt es eben nicht, das ist auch nicht weiter schlimm. Ich mag auch chinesische Tuschezeichnungen, opulent und detailliert. Aber das ist dann eben etwas anderes. 

Aber das es Tote bei dir Gibt finde ich ehrlich gesagt etwas Abstrakt, vorallem weil es kein Unfall war sondern eher glatter Mord. Sowas brauchen wir nun wirklich hier nicht. Das hat nichts mehr mit BDSM zu tun.

Antwort auf von Kell

...führe ich nun schon seit 20 Jahren. BDSM ist eine gelebte Praxis, welche guten und wichtigen Regeln unterworfen ist und auch sein muss. Sadomasochistische Phantasien hingegen müssen das meiner Meinung nach nicht sein.
http://gerwalt.beepworld.de/bdsmundschreiben.htm
Ich tue nur bedingt das, was ich schreibe und ich scheibe nur bedingt das, was ich tue.
 
sanfter Gruß
Gerwalt

Ach, gibt es hier Themenvorgaben? Da habe ich doch glatt etwas übersehen, entschuldige.