Alice (Teil 3)

"Klappentext"

Thomas steckt mitten im Studium, als er über einen guten Freunde die junge Alice kennenlernt, die seine Ansichten von Liebe, Sex und Vertrauen auf den Kopf stellt.

 

Drei Monate später

 

   Als Thomas von einem langen Tag in der Bibliothek nach Hause zurückkehrte, wunderte er sich nicht von Alice empfangen zu werden. Eigentlich hatten sie am Morgen abgesprochen einen gemütlichen Abend miteinander verbringen und gemeinsam etwas kochen zu wollen. Doch sie war nirgends zu finden. Mit verwirrtem Blick holte er sein Handy aus seiner Jackentasche hervor, während er in die Küche ging, um den Kühlschrank zu überprüfen. Vielleicht war ihr eingefallen, dass ihnen noch Zutaten fehlten und sie war nur schnell in die Kaufhalle gelaufen.

   Niemand nahm ab.

   Er hob eine fragende Augenbraue und tippte eine kurze Nachrichte an sie, ehe er das Handy beiseitelegte, um sich etwas Gemütlicheres anzuziehen. Seit ihrem Gespräch vor einigen Monaten, hatte sich die Beziehung der beiden verändert. Der Anteil an Spielen hatte deutlich zugenommen, gleichzeitig hatte er das Gefühl sich mit ihr noch verbundener zu fühlen als zuvor. Es war als ob das Vertrauen ineinander mit jedem Mal weiter anstieg und als ob er sich besser in sie hineinfühlen konnte und sie in ihn. Er lächelte glücklich bei dem Gedanken und spürte ein leises Kribbeln im Bauch.

   Dann war da Nichts.

   Keine Antwort von Alice. Auch dann nicht als es bereits spät abends zu werden schien. Seine Verwunderung sie nicht in der Wohnung vorgefunden zu haben, wich immer mehr einem Gefühl von Sorge. Sie würde nicht einfach vergessen, dass sie den Abend zusammen verbringen wollten. Und sie würde definitiv nicht einfach nicht nach Hause kommen, ohne bescheid gesagt zu haben. Nervös tigerte er in der Wohnung auf und ab, schaute immer wieder auf sein Handy und kämpfte gegen die Unruhe an, die sich in seinem Inneren immer weiter auszubreiten schien. Ob ihr etwas passiert war?

   Als sein Handy nach einer Zeit klingelt, die ihm beinahe unendlich erschienen war, riss er es in Windeseile von dem kleinen Wohnzimmertisch, nur um auf dem Display wider Erwarten Joshuas Namen zu lesen. Mit einem frustrierten Seufzen nahm er ab.

   „Hey. Ist grad schlecht. Ich warte auf Alice.“, erklärte er also, noch ehe Joshua zu Wort gekommen war. Dann hörte er, wie sein Freund sich am anderen Ende der Leitung etwas räusperte und die Hand über das Mikrofon zu halten schien, um seine Worte zu verdecken. Er konnte sie nicht genau ausmachen, aber ihrem Ton entnahm er, dass er sich ärgern musste.

   „Josh?“

   „Äh ja. Alice ist hier. Kannst du sie abholen?“ Obwohl Joshuas Worte ihn eigentlich hätten beruhigen sollen, spürte er, wie sich ein riesiger Kloß in seinem Hals auszubreiten schien.

   „Wieso ist Alice bei dir?“, fragte er mit zusammengeschobenen Augenbrauen, die sein Unverständnis bezeugten.

   „Komm einfach her und hol sie.“, beharrte er und legte ohne ein weiteres Wort auf.

 

   Wenige Minuten später öffnete Joshua die Tür, nur um in das Gesicht seines besorgten Freundes zu sehen, der offensichtlich das Schlimmste zu vermuten schien. Immerhin war sein kryptischer Anruf mehr als verdächtig gewesen. Darüber war auch er sich im Klaren gewesen. Aber angesichts der besonderen Situation, hatte er wohl keine Zeit an lange Erklärungen verschwenden wollen.

   „Ist sie okay?“ Thomas sah Joshua hilfesuchend in die Augen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was ihn womöglich erwartete. Sein Freund deutete in Richtung Wohnzimmer, ohne ihm eine klare Antwort zu geben, was ihn wiederum noch misstrauischer werden ließ. Irgendetwas musste vorgefallen sein. Mit wenigen großen Schritten stand er im Türrahmen des Wohnzimmers und schaute sich nach seiner Freundin um. Die wiederum saß in eine dicke Decke gewickelt und zusammengekauert in einem Sessel. Ihre Augen wirkten blutunterlaufen vom Weinen, die Haut kreidebleich. Ein paar feine Strähnen ihres Haares klebten in ihrem Gesicht, während sie den Rest scheinbar notdürftig zusammengebunden hatte. In ihren Händen hielt sie eine Tasse Tee, aus der noch immer heißer Dampf hervorstieg. Als sie Thomas in der Tür stehen sah, wich ihr leerer Blick purem Entsetzen. Sie biss sich auf die Lippen und wieder schossen ihr die Tränen in die Augen, die scheinbar vor wenigen Minuten erst aufgehört hatten. Thomas lief eilig zu dem Sessel und kniete sich vor ihr hin.

   „Was ist los?“, seine Stimme war unglaublich einfühlsam. Vorsichtig versuchte er eine Hand auf ihren linken Arm zu legen, der ebenfalls, wie der Rest ihres Körpers, tief unter der Decke vergraben zu sein schien. Um seiner Berührung auszuweichen, zog sie sich weiter in den Sessel zurück.

   „Es tut mir leid.“, wimmerte sie gebrochen, ohne ihm dabei in die Augen zu sehen.

   Seine Stirn legte sich fragend in Falten und er schüttelte den Kopf. „Was tut dir leid?“ Und dann war da dieses Gefühl, das ihr Schweigen auslöste. Dieses Gefühl, das ihn glauben ließ jemand würde seinen Hals zuschnüren, ihm in den Magen schlagen und gleichzeitig eine Hand um sein Herz legen und es fest zusammenpressen.

   „Alice?“

   Joshua trat mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihn und sah das zitternde Mädchen, mit vorwurfsvollem Ausdruck in den Augen an. „Das hast du dir selber zuzuschreiben, Alice.“, fauchte er. Thomas hob seine Hand, um ihm zu deuten sie nicht unter Druck zu setzen, auch wenn er die Antwort längst zu kennen glaubte.

   „Er hat einfach nicht aufgehört.“, wisperte sie mit bebender Stimme.

   Vorsichtig beugte sich Thomas ein Stück weit vor, um nach dem Ansatz der Decke zu greifen. Ihren Widerstand hatte sie scheinbar abgelegt, so dass er den Stoff behutsam von ihren Schultern zog, um ihre Arme freizulegen. Die tiefen Wunden der Fesseln, die ihre Haut gereizt und rote Spuren darauf hinterlassen hatte, waren noch immer deutlich zu sehen. Als er realisierte, dass das nicht alles sein würde was passiert war, schluckte er schwer. Mit einer Hand verdeckte er seinen Mund und kämpfte gegen das Brennen in seinen Augen an. Er wusste nicht, ob sein Herz so schnell schlug, weil er wütend auf sie war, Angst um sie hatte oder am liebsten zu Markus gefahren und ihn eigenhändig umgebracht hätte. Wer sonst, hätte ihr so etwas angetan? Er war schon immer dafür verschrien gewesen, Safewords nicht zu respektieren. Darum hatte er sie gewarnt, darauf bestanden, dass sie sich von ihm fernhielt. Sein Atem ging schwer. Das Ticken des Weckers auf der Kommode ließe die Stille im Raum unendlich laut werden. Für einige Minuten geschah nichts. Alice wimmerte leise vor sich hin. Thomas und Joshua schwiegen.

   Schließlich stand Thomas auf.

   „Wir fahren.“, erklärte er und sah Alice erwartungsvoll an. Sie hob verblüfft den Kopf an, um ihm in die Augen zu sehen. Er jedoch wich ihrem Blick aus.

   Was danach geschah, nahm Thomas nur noch wie in Trance war. Er verabschiedete sich von Joshua und dankte ihm dafür ihn angerufen zu haben. Im Auto schnallte er Alice an, als er bemerkte, dass sie ihre schmerzenden Arme kaum bewegen konnte und fuhr schließlich los.

   Zu Hause angekommen half er ihr, sich etwas Frisches zum Schlafen anzuziehen, wo er auch den Rest des „Werkes“ sah, das Markus an ihr hinterlassen hatte. Ihr Rücken war feuerrot, so dass man hätte meinen können das pochende Blut in ihren Adern beobachten zu können, wenn man nur genau genug hinsah. Die Peitsche hatte tiefe Bisse in ihrer Haut hinterlassen, die so schnell nicht abheilen würden.

   Sie hatte nichts mehr sagen wollen und sich nur wortlos auf ihrer Seite des Bettes zusammengekrümmt, um zitternd und weinend, fest in die Decke gehüllt in der Dunkelheit zurückzubleiben.

   Den Rest der Nacht saß er schweigend im Wohnzimmer. Er wog ab, was er tun sollte. Etwas in ihm wollte schreien und er stelle sich vor, wie er bereits sein halbes Mobiliar auseinandernahm, um irgendwo seiner Wut ein Ventil zu verschaffen. Gleichzeitig ging er durch mit welcher Peitsche er Markus den gleichen Schmerz zufügen könnte, den Alice erlebt haben musste. Seinen eigenen Schmerz blendete er über Stunden hinweg aus. Das kochende Gefühl in seinem Nacken wich erst in den frühen Morgenstunden der Trauer, die ihn begreifen ließ, dass es nur eines gab, das er tun konnte.

   Als der Zeiger der Uhr endlich auf Neun stand verließ er für einige Minuten die Wohnung, um aus der Apotheke eine Wundsalbe zu holen. Zwar hatte er noch einen kleinen Rest in seiner Hausapotheke jedoch bezweifelt er, dass das für sie ausreichend sein würde. Er legte das kleine Päckchen auf den Küchentisch, bereitete sich einen Kaffee zu und wartete. Der Sekundenzeiger schlug unerträglich langsam, so dass die Zeit bis Alice aufwachte kaum vorüberzugehen schien.

   Schließlich bewegte sich der Griff der Küchentür nach unten und sie betrat mit gesenktem Blick den Raum. Thomas beobachtete sie und versuchte herauszufinden, wie es ihr ging. Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und schwieg. Sobald sie die Salbe sah, griff sie zaghaft danach und drehte die Verpackung langsam zwischen ihren Händen.

   „Thomas ich…“, begann sie mit geschwächter Stimme, ehe sie von ihm unterbrochen wurde.

   „Ich will es nicht hören.“, beendete er vorzeitig ihre Entschuldigung, ohne dass sie auch nur halbwegs hatte ausformulieren können.

   „Ich wollte nicht…“

   „Lügen?“, zischte er, noch immer darum bemüht seine Enttäuschung und seinen Ärger über ihr Verhalten im Zaum zu halten.

   Alice biss sich fest auf die Lippen und schwieg.

   Er schüttelte nur den Kopf, während er sie missbilligend ansah.

   „Ich hab‘ mit Joshua telefoniert.“, fuhr Thomas schließlich fort. „Ich schlafe den Rest der Woche bei ihm. Wenn ich am Sonntag zurückkomme will ich weder deine Sachen noch dich in meiner Wohnung vorfinden. Leg die Schlüssel einfach hier auf den Tisch.“ Seine Stimme wirkte leer, so als würde er versuchen sein Herz nicht an seinen Worten Anteil haben zu lassen.

   „Thomas bitte…“, begann sie mit zittriger Stimme zu bitten und wurde von einem Schlag auf den Tisch von Thomas, der sie heftig zusammenzucken ließ, unterbrochen.

   „Nein!“, donnerte er diesmal. „Alice, ich habe nie schlecht von dir gedacht.“ Er schüttelte den Kopf. „Nie habe ich dich dafür verurteilt, dass du mehr brauchst. Im Gegenteil: Ich wollte das hier beenden, ehe wir uns gegenseitig weh tun. Und du hast mich angebettelt! Du hast gesagt, dass du mich willst und dass ich dir reiche.“ Er schluckt schwer während er sich in seinem Stuhl zu ihr vorbeugte. Doch so sehr er sich bemühte, schaffte er sich nicht mehr ganz seine Tränen zurückzuhalten. „Und ich hab‘ dir vertraut.“ Ein verletztes Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, ließ ihn seinen rechten Mundwinkel kaum merklich anheben. „Den Fehler mache ich nicht wieder.“

   Daraufhin stand er auf und verließ den Raum. Als er mit seiner Tasche, die er notdürftig zusammengepackt hatte, über der Schulter die Haustür öffnete, die sich neben der Küchentür befand, hörte er sie leise schluchzen. Dann ging er und ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen.

 

 

Kurzes Dankeschön 

Vielen Dank an alle, die meine Geschichte bis hierher gelesen haben. Ich hoffe ihr konntet, den einen oder anderen interessanten, schönen oder vielleicht auch traurigen Moment darin miterleben. Mit hat es viel Spaß gemacht daran zu tüfteln und ich hoffe hier noch viele tolle Geschichten zu lesen und auch meinen Schreibstil zu entwickeln. =) 
Eure Flüsterin 

 

Kommentar(e)

die Geschichte finde ich sehr schön erzählt. Für ein Erstlingswerk wirklich gut. Die großen Zeitsprünge zwischen den einzelnen Teilen haben mich etwas verwirrt. Aber das liegt wohl an mir, ich wurde da ein wenig aus dem Lesefluss heraus gerissen. Ich mag natürlich lieber wenn es ein happy end gibt, aber das Ende ist konsequent. Die Erotik fand ich auch gut beschrieben, wenn vielleicht auch ein wenig zu kurz für die drei Teile. 

Aber insgesamt eine schöne Geschichte und für den Anfang wirklich sehr gut.

LG Ornella

Antwort auf von O_devot

Liebe Ornella, 

vielen Dank für deine lieben Worte. Ich wusste zugegebenermaßen selber nicht, ob ich die Geschichte in drei Teile unterteilen oder als einen langen Teil zusammenlassen soll. Vielleicht wäre es für den Lesefluss tatsächlich einfacher gewesen, sie zusammen zu lassen? 

LG Flüsterin

liebe Flüsterin! mit deiner story ist dir ein guter einstand hier gelungen. ich freue mich drauf bald mehr von dir zu lesen. bisous

Juliet

Antwort auf von julie01

Danke =) Es freut mich sehr, dass es dir gefallen hat. Es ist etwas Längeres in Planung, aber ich will erstmal ein paar Kapitel vorschreiben, ehe ich mit der Veröffentlichung anfange. 

GLG Flüsterin 

Liebe Flüsterin,

für mich sind alle Teile sehr gut geschrieben. Die Zeitsprünge mögen gewöhnungsbedürftig sein, aber in meinen Augen gut gelöst. Auch wenn ich natürlich etwas neugierig bin, was in diesen Zeiträume passiert sein mag. Dennoch excellent gelungen und ich hoffe, bald wieder etwas von dir lesen zu dürfen :)

LG Zeto

Die Zeitsprünge werden mich bestimmt für immer verfolgen :D 
Es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. ☺ Sicher ließen sich die Zeiträume, die übersprungen wurden, in einem längeren Zusammenhang vertiefen. Vielleicht ein Projekt für die Zukunft oder Anregung für eine neue Geschichte.

LG Flüsterin