Alice (Teil 1)

"Klappentext"

Thomas steckt mitten im Studium, als er über einen guten Freunde die junge Alice kennenlernt, die seine Ansichten von Liebe, Sex und Vertrauen auf den Kopf stellt.

 

   Während Joshua sich zu einigen seiner Gäste gesellte, nahm Thomas mit einem Bier in der Hand auf dem Sofa Platz, das etwas abseits des Getümmels stand. Der Bass der Musik in dem halbdunklen Wohnzimmer dröhnte unaufhörlich in seinen Ohren, während der Boden zu beben schien. Es grenzte an ein Wunder, dass die Nachbarn sich nicht bereits lauthals beschwert oder wegen der nächtlichen Störung sogar nach Verstärkung gerufen hatten. Doch so wie er seinen Freund einschätzte, hatte dieser wahrscheinlich in weiser Voraussicht die Bewohner aller anliegenden Wohnungen ebenfalls auf seinen Geburtstags-Umtrunk eingeladen. Er schmunzelte bei dieser Schlussfolgerung und beurteilte sie mit einem kurzen, unauffälligen Nicken für richtig, ehe er einen Schluck von seinem Bier trank. Als er gerade beschloss wieder aufzustehen spürte er, wie sich jemand neben ihn fallen ließ und gespielt erschöpft seufzte.

   „Ziemlich viele Leute hier, was?“ Die heitere Stimme des jungen Mädchens zog seinen Blick zu ihr und ließ ihn innehalten.

   „Allerdings.“, stimmte er knapp zu und betrachtete sie einen kurzen Moment. Sie war ihm vorhin bereits aufgefallen. Er schätzte sie auf Anfang zwanzig. Ihre zierliche, kleine Figur, hätte ihr beinahe etwas Kindliches verliehen, wenn da nicht ihre auffälligen, weiblichen Rundungen gewesen wären. Die leicht gelockten, dunkelbraunen Haare umrahmten sanft ihr Gesicht, während der freche Blick in ihren grau-blauen Augen ein wenig geheimnisvoll wirkte. Bis eben noch war sie das Leben der Party gewesen und von einer Gruppe zur nächsten gestürzt, hatte Umarmungen und Lachen mit Freunden geteilt, von denen sie einige wohl lange nicht mehr gesehen hatte. Zweimal glaubte Thomas sie mit jemandem verschwinden zu sehen. Aber womöglich hatte er sich getäuscht. Immerhin würde niemand einfach die privaten Räumlichkeiten nutzen, um sich durch die Ansammlung potenzieller Junggesellen auf der Feier zu testen. So etwas passierte doch nur in amerikanischen Teenie-Komödien. Er belächelte den Gedanken, ehe er ihr die Hand hinhielt.

   „Ich bin übrigens Thomas.“, stellte er sich höflich vor und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Sie erwiderte das Lächeln mit einem schelmischen Grinsen, während sie sanft seine Hand schüttelte.

   „Alice.“, entgegnete sie. „Du bist mit Joshua befreundet, oder? Ich hab‘ dich noch nie gesehen.“ Ihre Stimme krächzte über die schallende Musik hinweg. Doch man merkte ihr an, dass die Heiserkeit ihr nichts von der Freude des Abends nehmen konnte. Thomas rückte ein Stück näher an sie heran, um das Gespräch für beide zu erleichtern. Auf ihre Frage hin nickte er knapp und suchte den Raum nach seinem Freund ab, der allerdings für einen Moment herausgetreten zu sein schien.

   „Ja, wir studieren zusammen Eventmanagement.“, erklärte er, während er sich ihr wieder zuwandte.  „Woher kennt ihr euch?“

   Ehe sie antwortete, blitzte ein gefährliches Funkeln in ihren Augen auf. „Gleicher Freundeskreis.“ In ihrer Stimme schwang wieder etwas Geheimnisvolles mit. Während die beiden sich für einige Sekunden schweigend in die Augen sahen, pochte der Bass weiter durch die Wände des Hauses und ließ die Stille zwischen ihnen zu einem Gefühl kribbelnder Anspannung heranwachsen. Thomas schaute eilig auf das Bier in seiner Hand und machte eine andeutende Kopfbewegung zur Bar.

   „Soll ich dir was…“ Noch ehe er den Satz beende hatte, hatte Alice sich mit dem linken Knie auf das Sofa gesetzt, ihre Hand an seinen Hinterkopf gelegt und ihn zu sich herangezogen, so dass die Lippen der beiden hart aufeinanderstießen. Thomas‘ Augen weiteten sich erschrocken als er die zugleich zärtlichen und doch fordernden Liebkosungen des Mädchens auf seinem Mund spürte. Als er gerade die Augen schließen wollte, um sich auf den unerwarteten Kuss einzulassen, vernahm er wie dieser durch ein plötzliches Zucken und das jammernde Aufstöhnen ihrerseits unterbrochen wurde.

   „Na du kleines Luder?“ Joshua stand hinter Alice neben dem Sofa und trank einen Schluck von seinem Bier, während er sie herausfordernd ansah. Seinen Mund umspielte ein böses Grinsen und in seinen Augen lag ein seltsam fremder Ausdruck, den Thomas so noch nicht von ihm kannte. „Du sollst doch keine Leute vernaschen, die du nicht kennst.“, ermahnte er sie, was Thomas erahnen ließ, dass sein Gastgeber keinesfalls scherzte.

   Alice rieb sich die rechte Pobacke und bedachte ihn mit einem zornigen, gleichzeitig jedoch rachsüchtigen Blick. „Wir haben uns nur etwas kennengelernt.“, verteidigte sie sich. „Dir ist klar, dass du das zurückbekommst, oder?“, fügte sie dann noch zischend hinzu, bevor sie ganz von Thomas abließ und sich wieder richtig hinsetzte. Joshua zeigte sich völlig unbeeindruckt und zwinkerte ihr auf die freche Drohung hin lediglich zu, ehe er ihr mit einer knappen Geste deutete ihn und Thomas allein zu lassen. Er wartete bis sie sich etwas von ihnen entfernt hatte, blickte ihr jedoch forschend hinterher. Es dauerte nicht lange bis sie sich wieder aufgeregt zu einer neuen Gruppe gesellt hatte, die sie sogleich beinahe liebevoll bei sich aufzunehmen schien. Dennoch blitzte sie unauffällig zu den beiden zurück. Thomas‘ und ihr Blick trafen aufeinander und er fragte sich warum Joshua die beiden so bestimmt unterbrochen hatte.

   „Verbrenn dich nicht an ihr.“, beantwortete er die stumme Frage, die Thomas sich in Gedanken bereits gestellt hatte.

   „Wieso verbrennen?“

   „Du bist ein guter Kerl.“ Joshua wandte sich ihm mit ernstem Blick zu. „Alice treibt gern Spielchen.“ Er musterte seinen Freund mit einem Lächeln, das auf Thomas für den Hauch einer Sekunde fast schon mitleidig wirkte. „Du bist der Beziehungstyp: Haus mit weißem Zaun, Ehefrauchen, Kinder und Hund. Alice will nur ihren Spaß.“

   „Vielleicht will ich auch nur Spaß.“

   Joshua hustete leicht, als er versuchte den Schluck Bier herunterzuschlucken, den er gerade zu trinken versucht hatte, als Thomas‘ Einwand ihn zum Lachen brachte. Sein rechter Mundwinkel hob sich zu einem Grinsen und das düstere Funkeln in seinen Augen deutete auf seltsame Weise an, dass hinter seiner Warnung mehr gesteckt hatte.

   „Dafür müsstest du aber eine strenge Hand haben.“

   Thomas hob fragend eine Augenbraue. „Eine strenge Hand?“

   Joshua hob die Schultern und blickte in die Menge von Gästen, die sich angeregt miteinander unterhielten und aneinander vorbei drängten, die Getränke hoch in die Luft haltend, um nichts zu verschütten. „Wenn du dich traust, geh zu ihr. Aber ich warne dich. Das Mädchen ist unermüdlich. Und zähmen kannst du sie auch nicht.“

   Dann herrschte zwischen den beiden Schweigen. Thomas dachte darüber nach, was seinen Freund und Alice wohl verband. Mit dem Blick in weiter Ferne trank er noch einen Schluck von seinem Bier. Schließlich wandte er sich wieder Joshua zu.

   „Woher kennt ihr euch? Und sag nicht ‚Gleicher Freundeskreis‘. Das ist schon ihre Antwort.“

   „Playparty.“, entgegnete er ihm trocken.

   „Du meinst Videospiele?“

   „Ich meine ich habe sie gefesselt, ihr kräftig den Arsch versohlt und sie durfte sich dann bei mir bedanken, dass ich so nett zu ihr war.“

   Thomas‘ Finger krampften sich bei diesen völlig unerwarteten Worten um den schmalen Flaschenhals seines Getränks. Er spürte wie die Farbe aus seinem Gesicht gewichen war. Plötzlich sah er sich um, um die Gäste auf der Party genauer zu betrachten.

   „Bin ich der einzige ‚Normalo‘ hier?“ Er hatte von Anfang an gespürt, dass eine gewisse Vorsicht ihm gegenüber bestanden hatte. Während nahezu jeder hier sich zu kennen schien, war er der Neue gewesen, den Joshua allen vorgestellt hatte.

   „Sicher, dass du ein ‚Normalo‘, wie du es nennst, bist?“

   Thomas schnaubte verächtlich, bevor er seine Flasche leerte. „Ich schlage ganz sicher keine Frauen.“

   „Ich auch nicht.“, protestierte Joshua mit gefasstem Ton.

   „Gerade noch hast du ges…“

   „Ich habe gesagt, dass ich Alice geschlagen habe. In einer Szene. Sie war die Sub. Ich habe niemals und würde niemals einfach so eine Frau schlagen.“

   Thomas schluckte schwer. Obwohl er sich noch nie mit diesem Thema befasst hatte glaubte er den kleinen aber feinen Unterschied zu verstehen, den sein Freund ihm zu erklären versuchte. Dennoch sträubte sich alles in ihm etwas Gutes darin zu sehen. Sein Blick wanderte zu dem herzhaft lachenden Mädchen mit den sanften Locken, die ihr hübsches Gesicht umspielten, während sie sich an eine Freundin kuschelte, die wiederum behutsam ihren Kopf streichelte.

   „Um deine Frage zu beantworten: Nicht alle hier sind aus der Szene. Wenn das so wäre hätte ich dich nicht eingeladen und das hier wäre eine sehr andere Party.“ Joshuas Worte holten Thomas zurück zu seinem Gesprächspartner.

   „Dann hätten hier alle wilden Sex?“, scherzte er von einem nervösen Lachen begleitet.

   Sein Gegenüber hob die Schultern. „Dann hätten einige sicher ein paar interessante Spiele vorbereitet. Also ganz entspannt: Hier sind auch andere ‚Vanillas‘. So nennt man die ‚Normalos‘ übrigens richtig.“, korrigierte er mit einem Augenzwinkern.

   Alice hatte sich in der Zwischenzeit von ihrer Gruppe gelöst und wieder zu ihnen beiden zurückbegeben. Mit vor der Brust verschränkten Armen und einem herausfordernden Grinsen, blieb sie vor Joshua stehen.

   „Genug gelästert?“, zischte sie in einem Ton, der nicht verriet ob sie es ernst meinte oder scherzte.

   Joshua griff mit seiner rechten Hand nach ihrer linken und zog sie behutsam näher, um sie zwischen sich und Thomas auf der Couch zu platzieren. Noch immer sah sie lediglich Joshua in die Augen. Thomas beobachtete die beiden aufmerksam.

   „Ich habe Thomas grad nur erzählt, dass du eine Wildkatze bist, die gern ein bisschen grober spielt.“ Behutsam strich er eine Strähne hinter ihr Ohr. Für den Hauch einer Sekunde blitzte sein Blick zu seinem Freund. Dann sah er wieder das Mädchen zwischen ihnen an und beugte sich zu ihrem Ohr. Sie hob interessiert wirkend ihre rechte Augenbraue und Thomas fragte sich, was sein Freund ihr wohl zuflüsterte. Schließlich schmunzelte sie etwas. Sie wendete sich zu Thomas und sah ihm forschend in die Augen.

   „Interessiert an einem kleinen Spiel?“

   Thomas‘ Atem stockte, als ihr Gesicht wieder so nahe an seinem war. „Was für ein Spiel?“, fragte er schließlich misstrauisch, auch wenn er bereits ahnte von welcher Art Spiel die beiden sprachen. Wieder rückte sie ein Stück näher an ihn heran. Vorsichtig lehnte sie sich mit dem Oberkörper gegen seinen Arm, während sie sich zu seinem Ohr vorbeugte. Als sie sprach strich ihr heißer Atem sachte gegen seine Wange und ließ ihn unmerklich erschaudern.

   „Joshua glaubt, dass du dich vielleicht mal ein bisschen ausprobieren möchtest.“ Ihre Fingerspitzen fanden den Weg auf seinen Oberarm, um verführerisch darüber zu streichen, während sie geduldig auf seine Antwort wartete.

 

Kommentar(e)

Interessanter Anfang, sehr schön geschrieben. Und du hast mich auf jeden Fall sehr neugierig auf die Fortsetzung gemacht. 

LG Ornella

Der Anfang der Geschichte ist sehr gut und macht gleich neugierig auf die Fortsetzung freue mich schon sehr darauf wie es weiter geht